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Interview

«Wir dürfen nicht glauben, dass uns das Virus keine Schwierigkeiten mehr machen wird»

Wir sind da fast durch: Das ist die momentane Pandemie-Gefühlslage der Schweiz. Auch der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen sieht das Land auf einem guten Weg - aber er betont, dass es wichtig ist, das Virus weiterhin im Auge und im Hinterkopf zu behalten.
25.06.2021, 06:4926.06.2021, 06:15
Dominic Wirth / ch media

Herr Steffen, Hand aufs Herz: Haben Sie in letzter Zeit auch Mal vergessen, die Maske aufzusetzen?
Thomas Steffen:
Ich bin kürzlich am Morgen ins Basler Gesundheitsdepartement gelaufen und habe mich gewundert, dass mich die Leute so seltsam anschauen. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich keine Maske trage. Ich war mit den Gedanken ganz woanders. Ich nahm das als Zeichen, dass langsam ein wenig Normalität einkehrt. Das ist gut! Die Maske habe ich natürlich sofort aufgesetzt (lacht).

Maske auf: der Stadtbasler Kantonsarzt Thomas Steffen.
Maske auf: der Stadtbasler Kantonsarzt Thomas Steffen.
Bild: keystone

Ihre Geschichte passt zum aktuellen Grundgefühl, das der Bundesrat mit seinen Lockerungen vom Mittwoch noch verstärkt hat. Geht das nicht alles ein wenig schnell?
Der Bundesrat geht weit, das stimmt, die Öffnungsschritte sind mutig. Aber ich finde, dass sie auch kontrolliert und überlegt sind. Man öffnet viel – aber man macht auch etwas, um das System zu schützen. Zum Beispiel mit der Zertifikats-Pflicht für Clubs oder Grossveranstaltungen. Der Bundesrat geht Richtung Normalisierung, aber er sendet auch das Signal aus, dass wir weiterhin vorsichtig sein müssen.

Insgesamt herrscht aber schon das Gefühl vor: Wir sind da fast durch. Sind wir das wirklich?
Das ist die entscheidende Frage. Momentan sind wir auf einem wirklich guten Weg. Wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passiert – etwa eine Mutation, die den Impfschutz umgeht – sind wir für die nächsten Monate aus dem Gröbsten draussen.

«Wir dürfen nicht glauben, dass uns das Virus keine Schwierigkeiten mehr machen wird»

Das dachten die Briten auch. Jetzt steigen die Fallzahlen wegen der Delta-Mutation wieder sehr schnell an – und dort wurde schneller geimpft als bei uns. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Man muss die Mutation ernst nehmen und gut beobachten, keine Frage. Aber man muss auch differenzieren. Die Briten haben eine andere Strategie gewählt als wir: Sie haben einen anderen Impfstoff und viele Leute erst einmal geimpft. Wir sind anders vorgegangen. Und wir wissen aus den Labortestungen, dass unsere mRNA-Impfstoffe auch gegen Delta gut schützen. Das Beispiel Grossbritannien ist aber dennoch wichtig.

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Weshalb?
Wir dürfen nicht glauben, dass uns das Virus keine Schwierigkeiten mehr machen wird. Das heikle an der aktuellen Situation ist, dass wir einige Grossbrände gelöscht haben. Das dürfte in den nächsten Monaten nicht mehr nötig sein. Aber wir werden auch künftig Glutherde haben. Und das bedeutet, dass es weiterhin eine Feuerwehr braucht. Es wäre ein Fehlschluss, zu glauben, dass wir sie abschaffen können.

Wer bildet diese Feuerwehr?
Die Behörden und ihren Massnahmen, aber auch die Bevölkerung mit ihrem Verhalten.

Im Volk war zuletzt eine gewisse Massnahmenmüdigkeit spürbar. Wie wollen sie erreichen, dass die Leute weiter mithelfen, das Virus im Griff zu behalten – und sich etwa testen lassen?
Bei der Epidemienbewältigung geht es viel um Kommunikation, um Bilder. Ein gutes Beispiel ist die Kinderlähmung. Die gesellschaftliche Erfahrung, welches Leid die Krankheit auslöst, hat dazu geführt, dass wir bei der Kinderlähmung bis heute eine der höchsten Impfraten überhaupt haben.

Kinderlähmung kann man nicht mit Covid-19 vergleichen.
Nein, natürlich nicht. Aber die Erfahrung der letzten Monate wirkt bei allen nach. Hier muss man anknüpfen. Wir können nun langsam wieder normal leben. Die gemeinsame Herausforderung ist es, dass das so bleibt. Alle müssen mithelfen. Das müssen wir als Gesellschaft verstehen.

Der Schlüssel dazu ist die Impfung. Doch die Kampagne verliert an Fahrt. Wie kann man das ändern?
Bisher mussten wir die Leute nicht gross ansprechen. Lange war der Impfstoff knapp, dann kamen all jene, die sich unbedingt impfen lassen wollten. Viele der Ungeimpften sind keine Impfgegner, aber sie hatten vielleicht keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Etwa, weil es ihnen zu kompliziert war. Für sie muss der Zugang zum Impfen niederschwelliger werden, etwa mit Walk-In-Angeboten. Das dürfte gerade die Jungen motivieren. Dazu braucht es eine gezielte Ansprache über Werbekampagnen, etwa von Teilen der Migrationsbevölkerung.

Welche Impfquote brauchen wir, damit wir wirklich Ruhe haben im Herbst und Winter?
Ich bin vorsichtig mit fixen Zahlen. Wenn wir bei den Erwachsenen über zwei Drittel erreichen, haben wir einen guten Ausgangswert, um in einer kontrollierten Normalität zu leben. Bei den Risikogruppen hoffe ich, dass die Quote bei über 80 Prozent bleibt. Das hält die Krankheitslast klein.

Mit welchen Szenarien planen Sie die nächsten Monate?
Ich glaube nicht, dass wir nochmals eine Welle wie im letzten Winter erleben werden, da müsste noch etwas passieren, von dem wir jetzt nichts wissen. Aber es wird immer wieder zu Ausbrüchen kommen, die es zu bekämpfen gilt, vielleicht auch nur regional. Das kann alle zwei Monate passieren – oder alle paar Tage. Da wage ich noch keine Prognose.

Die Kantone haben in den letzten Monaten viel Infrastruktur aufgebaut, fürs Impfen zuletzt, aber auch für das Contact Tracing und das Testen. Was braucht es davon künftig noch?
Die Frage treibt die Kantone derzeit um. Es ist wichtig, abzubauen, was nicht mehr notwendig ist. Aber wir müssen auch einsatzfähig bleiben. Ich habe ja schon gesagt, dass es weiterhin eine Feuerwehr braucht – eine verstärkte, wie ich finde.

«Die Prävention stirbt an ihrem Erfolg, und es ist für mich eine reale Gefahr, dass nun viel zu früh abgebaut wird.»

Was gehört da dazu?
Eine Impf-Infrastruktur, die wieder rasch viele Leute impfen kann, wenn eine Mutation etwa ein Update notwendig macht. Contract-Tracing-Teams, damit wir grosse Ausbrüche verhindern können. Und Test-Möglichkeiten, damit es zu keinem Blindflug kommt. In den Schulen beispielsweise müssen wir noch monatelang auf Massentests setzen.

Einzelne Kantone beginnen bereits, ihre Impfzentren wieder zu schliessen.
Das wird jetzt zum Thema. Der Trend geht in die Richtung, dass Grundversorger wie Hausärzte oder Apotheken eine wichtigere Rolle spielen. Das ist auch nachvollziehbar. Aber wir müssen schnell skalieren können. Und es ist sicher klug, das aufgebaute Knowhow zu erhalten.

Die Corona-Infrastruktur ist teuer. Mancher Politiker kann es bestimmt kaum erwarten, sie abzubauen. Macht das dem Kantonsarzt Sorgen?
Die Prävention stirbt an ihrem Erfolg, und es ist für mich eine reale Gefahr, dass nun viel zu früh abgebaut wird. Das wäre aus fachlicher Sicht nicht sehr schlau. Es könnte zu einer Situation führen, in der wir den Überblick verlieren – und danach einen höheren Preis zahlen, als es eigentlich nötig wäre, weil wir wieder härteren Massnahmen ergreifen müssen. Ein Stück weit ist uns das im letzten Herbst passiert, als wir zu lange brauchten, um die Situation zu erfassen. Deshalb ist mir das Bild mit der Feuerwehr so wichtig. Es geht jetzt darum, mit Augenmass vorzugehen – und darauf zu achten, dass wir einsatzfähig bleiben.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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