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China hat ein Geburtenproblem – 11 Dinge, die du dazu wissen musst

11.05.2021, 09:01

China kämpft mit einem massiven Geburtenrückgang und einer rapide alternden Bevölkerung.

Um was geht's?

Um die Bevölkerung Chinas. Diese ist in den vergangenen zehn Jahren nach amtlichen Angaben nur noch um jährlich 0.53 Prozent auf 1.41178 Milliarden Menschen gewachsen und droht jetzt zu schrumpfen. Dass sie 2020 bereits geschrumpft sei, wies Ning Jizhe, der Direktor des Statistikamtes, entschieden zurück. Doch Experten erwarten den Rückgang bereits in diesem oder im nächsten Jahr.

Die Ein-Kind-Familie bleibt das vorherrschende Modell in China – trotz der Aufhebung der Ein-Kind-Politik.
Die Ein-Kind-Familie bleibt das vorherrschende Modell in China – trotz der Aufhebung der Ein-Kind-Politik.
Bild: keystone

Und die Altersstruktur?

Wie die jüngste Volkszählung ergab, schreitet die Überalterung des Milliardenvolkes unaufhaltsam voran: Die Zahl der Chinesen über 60 Jahre sei seit 2010 um 5.44 Prozent auf 264 Millionen gestiegen, berichtete Pekings Statistikamt am Dienstag. Nach den Erhebungen ist heute knapp jeder fünfte Chinese (18.7 Prozent) schon über 60 Jahre alt, während die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter weiter zurückgeht.

Woher stammen die Daten?

Die Angaben stammen aus der ersten Volkszählung seit zehn Jahren, die im November und Dezember 2020 vorgenommen wurde. Rund sieben Millionen Volkszähler waren von Tür zu Tür gegangen oder hatten Interviews am Telefon oder online vorgenommen. Es war die siebte Volkszählung seit 1953.

Was steckt hinter der Überalterung?

Als Grund wird der massive Geburtenrückgang genannt, der in Staatsmedien als «alarmierend» beschrieben wird. Im Vergleich zu 2019 wurden im vergangenen Jahr sogar 15 Prozent weniger Neugeborene amtlich gemeldet, wie im Februar schon das Ministerium für öffentliche Sicherheit in Peking berichtet hatte. Die Zahl ist dessen Erhebungen nach 2020 von 11.79 auf 10.04 Millionen gefallen.

Woher kommt die sinkende Geburtenrate?

«In städtischen Gebieten dämpfen die hohen Kosten für Wohnraum, Gesundheit und Ausbildung die Begeisterung junger Paare, Kinder zu bekommen», stellte das Wirtschaftsmagazin «Caixin» fest. Auch geht die Zahl der Eheschliessungen zurück. Die Scheidungsrate in China ist viel höher als etwa in Japan oder Südkorea. Viele Paare warten auch mit der Heirat und gründen erst später Familien.

Aber die Ein-Kind-Politik ist mittlerweile abgeschafft, oder?

Ja, die seit 1979 geltenden Ein-Kind-Politik wurde Ende 2015 abgeschafft. Sie führt 2016 zu einem leichten Anstieg der Geburten. Seither ist die Zahl jedes Jahr gefallen. Chinas jahrzehntelange Familienplanung hat das Fruchtbarkeitskonzept der Chinesen verändert. Die Menschen hätten sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben, ist häufig zu hören.

Stimmen die Zahlen überhaupt?

Nun, unabhängige Experten haben ernste Zweifel, ob die amtlichen Volkszählungsdaten überhaupt die Realität widerspiegeln. So ist der Familienplanungsexperte Yi Fuxian von der Universität von Wisconsin anhand seiner Berechnungen überzeugt, dass Chinas Bevölkerung längst schrumpft. «Ich denke, es begann 2018», sagte der Professor der Deutschen Presse-Agentur. Aus seiner Sicht wurde China als bevölkerungsreichstes Land auch längst von Indien abgelöst, das 1.366 Milliarden Menschen zählt.

«Die wahre Bevölkerungszahl hat 2020 höchstwahrscheinlich die 1.28 Milliarden nicht überschritten – weit weniger als die offiziell genannten 1.4 Milliarden», sagte Yi Fuxian. Die Statistik sei stark nach oben manipuliert worden. «Das Problem ist sehr ernst», sagte der Experte. «Es bedeutet, dass Chinas Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung und Verteidigung auf falschen Bevölkerungsdaten basiert.»

Was spricht für eine manipulierte Zahl?

Yi Fuxian zählt mehrere Widersprüche auf: So seien im Jahr 2000 beispielsweise 17.8 Millionen Geburten gezählt worden, doch habe es 14 Jahre später nur 13.7 Millionen 14-Jährige gegeben. Aus seiner Erfahrung wird die Zahl der Geburten in der Statistik ständig zu hoch angegeben. «Früher war es um 20 bis 30 Prozent, aber heute um 40 bis 50 Prozent.»

Warum in China mehr Menschen gemeldet sind als wirklich existieren

Verzerrungen kann es auch geben, wenn die Volkszählung mit früheren Statistiken und dem Wohnortmeldesystem (Hukou) abgeglichen werden. So sind in China mehr Menschen gemeldet als wirklich existieren. Experten beklagen korrupte Geschäfte, indem Hukou-Anmeldungen mehrfach an eine Person vergeben werden. Ein Grund: Mancherorts ist der Kauf einer Wohnung auf eine Anmeldung limitiert. Verschuldete Kommunen melden wohl auch gerne inflationierte Bevölkerungszahlen an höhere Stellen, um mehr Finanzausgleich für Bildung, Gesundheit, Armutsbekämpfung oder Infrastruktur zu bekommen.

Was sind die Folgen?

Experten warnen, dass der Rückgang der Bevölkerung und die «beispiellose» Überalterung den Konsum auf dem Milliardenmarkt und das Wachstum bremsen wird. Auch der boomende Aussenhandel werde leiden. Sorgen macht ferner die Immobilienblase.

Und konkret?

Die neuen Zahlen werden auf jeden Fall die Debatte über eine unpopuläre Anhebung des Rentenalters anfachen. China hat weltweit eine der niedrigsten Altersgrenzen: Frauen können je nach Beruf mit 50 oder 55 Jahren in Rente gehen – Männer mit 60. Die Regelung stammt noch aus den Anfängen der Volksrepublik, als die Lebenserwartung niedrig war. Immer wieder heisst es: «China wird grau, bevor es reich wird.» (sda/dpa/mlu)

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quelle: keystone / ng han guan
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