DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Verbrüder-/Verschwesterung: Ein realistischer Ansatz gegen Übergriffe

Bild: shutterstock

Die Autorin setzte sich heute mit dem Umgang mit Täterschaft und Opfern in Fällen (sexueller) Übergriffe auseinander. Das Fazit sagt: VERBÜNDET EUCH!



Heute habe ich hier auf Watson darüber geschrieben, dass es zwar wichtig sei, sexuelle/physische Übergriffe zu verhindern, indem man potentielle Täterschaften erzieht/im Kern erstickt, dass ich aber trotzdem finde, dass wir als Menschen gewappnet sein müssen, weil es halt immer dieses eine A****loch geben wird, das macht, was es will, auch wenn wir noch so sehr am Thema und an den Skills zur Verhinderung von Übergriffen arbeiten.

Gerade auf hier auf Watson kamen Rückmeldungen, die von Zwiespalt sprechen, vor allem, wenn es um Zivilcourage geht. Und das finde ich sehr wichtig.

Wenn wir unseren Kindern und generell allen Menschen nämlich beibringen, sie müssten in jede Form der Übergriffs eingreifen, dann machen wir sie eventuell ihrerseits wieder zum Opfer. Ich finde das besonders wichtig, wenn es um die Erziehung unserer Buben geht. Zivilcourage ist grundsätzlich etwas Gutes, aber vor allem von Männern wird da oft eine Form der Chevalerie verlangt, die sie ihrerseits in Gefahr bringt. Und – ganz ehrlich – es ist genauso wichtig, Jungs zu schützen wie Mädchen, beide haben dasselbe Anrecht auf körperliche Integrität.

Nun steht also diese Frage im Raum: Wie vermitteln wir Zivilcourage, ohne unsere Kinder (Mädchen und Buben) in Gefahr zu bringen?

Und mir kommt da immer wieder der Gedanke der Verbrüder- und Verschwesterung.

Wir sollten unseren Kindern (und eigentlich auch allen anderen) beibringen, Allianzen zu gründen. Nicht einfach dreinzuschlagen, sondern mit der attackierten Person eine Allianz einzugehen. Natürlich ist ein 100kg schwerer Mann einer 60kg-Frau überlegen, aber wenn nochmal eine 60kg-Frau hinzukommt, ist das nochmal etwas völlig anderes. Und das nicht nur physisch, sondern auch dahingehend, dass jemand sagt: ICH SEHE DICH UND ICH SEHE, WAS DU (AN-) TUST!

Ich möchte deshalb eine kurze Episode erzählen. Am Jahresende 2020 ging ich allein über den Helvetiaplatz hier in Zürich und ein Mann hörte nicht auf, mich zu verfolgen. Ich achtete mich auf die gängigen Praktiken. Richtung wechseln, laut und (und ich glaube, das ist nicht unerheblich, wenn man allein auf jemanden trifft) in tiefer, nicht angsterfüllter, bestimmter Stimme NEIN sagen, den Mann siezen, damit eventuelle Beobachter merken, dass wir uns nicht kennen und es sich nicht einfach um einen Streit zwischen Liebenden handelt…

Trotzdem: Er hörte nicht auf, mir nachzulaufen.

Und da geschah etwas Grossartiges. Zwei Frauen, die sich, ihrer Distanz nach zu urteilen, nicht kannten, blieben im Dreieck zu mir stehen und riefen laut: ALLES GUET BI DI? CHUM DOCH CHLI ZU OIS. Das vertrieb den Mann (leider nur kurzfristig, aber das soll hier nicht Thema sein).

Allianzen bedeuten, dass nicht nur das direkte Opfer nicht allein ist, sondern auch, dass der Verteidiger/die Verteidigerin es nicht ist. Ihr seid eine Einheit.

Ich war immer der Typ, der einschritt. Zum Teil in wirklich fahrlässiger Weise (mir gegenüber). Einst ging ich zwischen einen Streit zwischen einem Mann und einer Frau an einer Tramhaltestelle und wurde postwendend von beiden beschimpft, das gehe mich doch nichts an.

Das frustriert und entmutigt, gerade, weil ein solcher Schritt eben gerade DAS fordert: Mut. Vor allem in der Schweiz, wo Privatsphäre hoch und heilig respektiert wird, hat man enorme Hemmungen, sich in fremde Konflikte zu mischen.

Ich glaube, es geht auch darum, wie man das macht. Einfach mal schnell hingehen und fragen: «Isch alles guet?» «Ghöred Ihr zäme?» Und im Extremfall: «Chum doch mal schnäll en Momänt zu mir…».

Einmal wurde ich im Bus relativ penetrant belästigt und ein Mann stellte sich neben mich, sah den «Aggressor» an und sagte: «Ich gseh dich imfall, gäll, und all di andere Lüt au.» Und dann schalteten sich auch andere ein. Es passierte das Gegenteil eines Teufelskreises.

Eine Allianz ist viel wichtiger als ein Schlag ins Gesicht, der eventuell für den/die Rettende/n im Spital endet.

Im Positiven gründen wir so viele Allianzen. Fan-Kultur und Parteien und Clubs und Sportvereine… Ihnen liegt ein gemeinsames Interesse zugrunde.

Der Allianz im Übergriffsfall eben auch: Das Interesse an einer friedlichen Gesellschaft.

Et voilà: Genau DAS ist Zivilcourage.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (39) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
Pony M. auf Facebook
Yonni Moreno Meyer online

Bild

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

15 Touristen aus der Hölle, die Respekt vor gar nichts haben

1 / 17
15 Touristen aus der Hölle, die Respekt vor gar nichts haben
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

11 Eltern-Typen, die auch du kennst

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Yonnihof

Weil da immer ein A*****loch sein wird …

Warum man sowohl potentielle Täter:innen als auch potentielle Opfer erziehen sollte.

Ich verstehe sie schon, die Reaktionen. Ein Opferschützer nimmt in einem Artikel der SonntagsZeitung (nur mit Abo lesbar) Stellung dazu, dass viele Frauen nachts Angst haben, allein unterwegs zu sein. Er tut dies nicht, indem er Tipps gibt, wie man übergriffiges Verhalten der Täterschaft systematisch minimieren kann, sondern vielmehr dahingehend, wie potentielle Opfer sich schützen können, u.a., man möge passende Schuhe tragen, weil rennen in High Heels kaum möglich sei.

Sowas ist frustrierend …

Artikel lesen
Link zum Artikel