DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Abschied von einer sterbewilligen Person.
Abschied von einer sterbewilligen Person.
Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Wieso erschiessen alte Menschen ihre Partner, wenn es doch sanfte Sterbemittel gibt?

Religiöse Kreise verteufeln nach wie vor Institutionen, die ein humanes Sterben ermöglichen.
07.10.2019, 09:21

Diese Woche ereignete sich einmal mehr ein Drama, das aufwühlte. Eine 82-jährige Frau schoss in Küsnacht ZH auf ihren 90-jährigen Ehemann und richtete anschliessend die Waffe gegen sich. Sie starb, er überlebte schwer verletzt.

Ende August ereignete sich im Zürcher Quartier Albisrieden eine ähnliche Tragödie. Ein Betagter erschoss seine Frau und anschliessend sich selber.

Ein dritter Fall: Im Januar 2018 schlich ein 83-jähriger Mann ins Spital von Affoltern am Albis und tötet seine kranke gleichaltrige Ehefrau mit einer Waffe. Danach beging er Suizid. Die beiden hatten geplant, gemeinsam in den Tod zu gehen, wie die Angehörigen berichteten.

ARTE-Bericht über Sterbehilfe.

Es ist offensichtlich, dass es sich bei den erweiterten Suiziden um Liebesdramen handelte. So, wie die Paare gemeinsam gelebt hatten, wollten sie gemeinsam sterben, weil einer der Partner krank war.

Es ist schwer vorstellbar, was Menschen dazu bringt, ihren geliebten Lebenspartner zu erschiessen und sich nachher selbst zu töten. Angst und Verzweiflung müssen grenzenlos sein, wenn alte Personen zu diesem finalen Mittel greifen.

Es stellt sich die Frage, ob es nicht andere Wege gäbe, den verzweifelten Menschen zu helfen oder sie zu erlösen. Es gibt eine sanfte Möglichkeit, doch scheinen speziell alte Menschen noch nicht mit ihr vertraut zu sein: Die Freitodbegleitung.

Film dokumentiert eine Sterbebegleitung.

Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass der begleitete Suizid früher sehr anrüchig war. Konservative Kreise und die Landeskirchen verteufelten Institutionen für humanes Sterben wie Exit und Dignitas erfolgreich.

In den letzten Jahren ist aber ein Gesinnungswandel zu beobachten, die Akzeptanz ist deutlich gestiegen. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die seriöse und verantwortungsbewusste Freitodbegleitung ein Segen sein kann.

Einzig die katholische Kirche und die Freikirchen stemmen sich nach wie vor mit aller Macht dagegen, dass kranke und verzweifelte alte Menschen frei über ihr Leben und somit auch ihren Tod entscheiden können.

Pentobarbital sorgt für ein schmerzloses und rasches Sterben.
Pentobarbital sorgt für ein schmerzloses und rasches Sterben.
Bild: KEYSTONE

Sie führen religiöse Dogmen an und berufen sich auf 2000 Jahre alte Denknormen aus der Bibel. Frei nach dem Motto: «Gott hat das Leben gegeben, Gott wird es nehmen.»

In der Bibel werden zwar mehrere konkrete Suizide beschrieben – vorwiegend im Alten Testament - doch werden die Selbsttötungen nicht bewertet. Es heisst also nicht, Suizid sei verboten oder eine schwere Sünde. Es gibt aber mehrere Stellen, die insinuieren, dass das Leben Gott gehört.

Obwohl die Bibel Menschen, die Suizid begehen, nicht explizit verurteilt, hat sich die katholische Kirche Jahrhunderte lang geweigert, Menschen auf dem Friedhof zu beerdigen.

Da kommen Fragen auf: Was hat Gott davon, wenn er Menschen, die das Leben in Würde gemeistert haben, sinnlos leiden sieht? Ergötzen wird er sich wohl kaum daran. Und was bringt es ihm, wenn ein greiser Mensch ein paar Monate länger lebt? Leidend!

Was bringt es dem todkranken Patienten? Mehr Wille? Mehr Lebenserfahrung? Ein erweitertes Bewusstsein? Vielleicht. Doch was nützt ihm dies, wenn er eh bald stirbt und die neuen Erkenntnisse nicht mehr anwenden kann?

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Einen würdevollen Tod ermöglichen

Am Lebensende verschieben sich Perspektiven und Lebenssinn radikal. Es geht nicht mehr darum, etwas zu leisten oder einen sinnvollen Beitrag zum Gemeinwohl beizusteuern.

Nein, es geht darum, den vielleicht schwersten Lebensabschnitt in Würde zu bewältigen. Es geht darum, dass auch alte Menschen die geistige Autonomie und die Freiheit der Selbstbestimmung behalten. Und es geht darum, dass sie sich allenfalls von den Ängsten befreien, dass Gott ihnen den Himmel verwehren und sie in die Hölle verbannen könnte.

Denn nur diese geistige Freiheit könnte in Zukunft alte Leute daran hindern, die Pistole in die Hand zu nehmen und den geliebten Lebenspartner zu erschiessen. Eine solche Unabhängigkeit kann sie befähigen, allenfalls die Hilfe von Organisationen in Anspruch zu nehmen, die einen würdigen Tod ermöglichen.

PS: Hugo Stamm ist Mitglied des Patronatskomitees von Exit, der Vereinigung für humanes Sterben.

    Sektenblog
    AbonnierenAbonnieren
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Sektenblog

«Vollgepumpt mit dem Grausen vor der ewigen Verdammnis»: Der lange Weg aus der Freikirche

Was immer man von Freikirchen halten mag: Es sind schillernde Glaubensgemeinschaften mit streng christlichen Heilsvorstellungen. Für die frommen und bekehrten Gläubigen ist ihre Glaubensgemeinschaft die einzig wahre christliche Heilslehre.

Schilderungen von manchen Aussteigern ergeben aber das Bild von einem Glaubensgefängnis. Sie bewerten Freikirchen als Sekten, die es mit ihren Missionierungskampagnen schaffen, sich in der Öffentlichkeit als lammfromme Christen darzustellen.

Ein solcher …

Artikel lesen
Link zum Artikel