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Schauspieler Christian Baus als Tod während des Luzerner Freilichttheaters «ein Luzerner Jedermann».
Schauspieler Christian Baus als Tod während des Luzerner Freilichttheaters «ein Luzerner Jedermann».
Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Das Leben nach dem Tod bleibt eine Illusion – und das ist gut so

Alle Religionen versprechen uns ein Leben im Paradies oder die Wiedergeburt. Realistisch ist das Versprechen aber nicht.
09.09.2019, 08:46

Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Userinnen und User mich nicht sonderlich mögen. In Glaubensfragen sind wir sensibler und verletzlicher als in vielen anderen Lebensbereichen.

Meine skeptische Haltung ruft oft heftigen Widerspruch hervor, manchmal Wut. Oder sie weckt Zweifel, erzeugt gar Angst. Wut muss sich Luft verschaffen. Das bekomme ich in vielen Kommentaren zu spüren.

Statt inhaltliche Kritik zu üben, spielen verärgerte Kommentatorinnen und Kommentatoren gern auf den Mann. Manche schicken mir den Teufel hinterher oder wünschen mich ins Pfefferland. Dabei bringen sie gerne mein Alter ins Spiel, was dann bedeutet: Zisch endlich ab, am liebsten gleich in die ewigen Jagdgründe.

Ja, der Tod. Wir sollen uns mit ihm auseinandersetzen, raten uns Psychologen und Philosophen. Nur: Wir kriegen diesen Tod nicht in den Griff. Wir können ihn medizinisch kartographieren, Vernunft und Verstand machen uns klar, dass alles Leben endlich ist. Aber unser Unbewusstes blendet ihn hartnäckig aus, will nichts von ihm wissen. Der Selbsterhaltungstrieb scheint stärker.

Wissenschaftler und Buchautor Martin Meter führt neurologische Erkenntnisse an, um nachzuweisen, dass es kein Leben nach dem Tod geben kann.

Konkret: Wir wissen, dass wir sterben, aber wir können uns das Ableben nicht vorstellen und kein Gefühl dafür entwickeln. Das ist das Kapital der Religion.

In dieser vertrackten Situation kommt der Glaube ins Spiel. Der Tod ist nicht das Ende, sagen praktische alle Glaubensgemeinschaften. Nach dem Ableben winken Wiedergeburt oder Paradies.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod spendet Trost

Ein verlockendes Dogma. Es spendet Trost und Halt. Und gibt Hoffnung. Also runter auf die Knie? Beten und meditieren? Frei nach dem Motto: Nützt es nichts, so schadet es auch nicht.

Mit diesem Argument versuchen Fromme aus Freikirchen mich immer wieder zu ködern. Wage den Versuch, lass dich bekehren, nimm Jesus in dein Herz auf, raten sie mir. Sollten wir mit unseren Heilsvorstellungen recht haben – wovon sie felsenfest überzeugt sind –, wirst du am Jüngsten Tag gerettet und kommst ins Paradies.

Falls du aber stur und religionsskeptisch bleibst, ist eh alles aus. Sie bieten mir also eine Rückversicherung für den Fall der Fälle an.

Auch das Hilfskonstrukt einer Seele vermag nicht zu überzeugen.

Eigentlich eine praktische Prophylaxe. Nur: Den Glauben kann man nicht wie auf einem Basar aushandeln. Schliesslich geht es um eine geistige Haltung und intellektuelle Redlichkeit.

Die Erlösungskonzepte der Religionen sind für mich weder plausibel noch nachvollziehbar. Sie sind zu offensichtlich den Ängsten und Sehnsüchten von Menschen entsprungen. Auch das Hilfskonstrukt einer Seele oder des feinstofflichen Zweitkörpers mag nicht zu überzeugen.

Ebenso die Quellen nicht: Weder die Bibel, die Thora noch der Koran. Buddhismus und Hinduismus helfen auch nicht weiter. Und schon gar nicht die Theosophie, die Quelle der modernen Esoterik.

Geistige Freiheit ohne Grenzen

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod wäre für mich eine Lebenslüge. Es geht um die geistige Freiheit, eines der zentralen Güter. Diese darf nicht vor religiösen oder spirituellen Fragen halt machen.

Wir müssen Platz machen für neues Leben. Das ist der Zyklus der Natur.

Taktische Manöver, um dem Tod einen Schleier zu verpassen und ihm vermeintlich den Stachel zu nehmen, schränken die geistige Autonomie ein. Besser ist es, sich mit dem Unausweichlichen abzufinden. Meines Erachtens markiert er das unwiderrufliche Ende der eigenen Existenz.

Das macht Sinn: Wir müssen Platz machen für neues Leben. Das ist der Zyklus der Natur. Wir Menschen sind ein Teil von ihr und unterliegen ihren Gesetzen. So wie alle Tiere und Pflanzen.

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Privilegien kennt die Natur nicht. Diese konstruieren wir in unserer Selbstüberschätzung selbst.

Der Tod ist zweifellos eine narzisstische Kränkung. Doch der Natur sind unsere Ängste und Sehnsüchte egal. Vermutlich empfindet sie uns Menschen allmählich gar als lästige Kreaturen, die die Erde systematisch zerstören. Deshalb dürfte sie froh sein, wenn wir nach dem Ableben ein für allemal verschwinden. Und nicht wiederkommen.

Und sollte es ein Paradies geben, dürften dort bald ähnliche Probleme auftauchen.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
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