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A north-west bound four-engine plane flies past the half moon,  leaving its contrails in the clear skies over Frankfurt, Germany, Monday morning, Sept. 30, 2002, as clear early autumn weather prevails over most parts of Germany with the moon easily visible almost all day. (AP Photo/Frank Rumpenhorst)

Verschwörungstheoretiker können die Ästhetik dieses Bildes nicht geniessen. Bild: Keystone

Sektenblog

Jetzt mal gaaaanz tief durchatmen: Warum die Chemtrail-Theorien ein einziger Humbug sind



Kinder schauen oft fasziniert den Flugzeugen nach, die lange, dicke Kondensstreifen an den Himmel malen. Was für sie ein magisches Schauspiel ist, lässt viele Verschwörungstheoretiker erschaudern.  

«Gift», sagen diese, «tödliches Gift», das die fliegenden Zeitbomben ausstossen. Sie haben für die weissen Streifen am Himmel einen eigenen Ausdruck kreiert: «Chemtrails» nennen sie diese. Chemische Spuren. Denn Verschwörungstheoretiker glauben und behaupten steif und fest, dass die Flugzeuge gefährliche Chemikalien ausstossen.  

Die Bevölkerung dezimieren?

Die Bösewichte hinter den Chemtrails sind in ihren Augen Regierungen – offizielle wie geheime. Diese wollen angeblich die Menschheit kontrollieren – oder dezimieren –, Einfluss auf das Wetter nehmen und die Nahrungsmittel vergiften.

Halt die üblichen Horrorszenarien, über die sich die Verschwörungstheoretiker enervieren. Oder ergötzen, weil sie bei ihnen ein metaphysisches Gruseln auslösen.

Studie als Gegenbeweis

Die amerikanische Wissenschafterin Christine Shearer von der University of California in Irvine wollte genau wissen, was es mit den Kondensstreifen auf sich hat. Sie legte Dutzenden Atmosphären-Forschern Daten und Fotos vor und bat Chemiker um Analysen entsprechender Proben.

Shearer befragte die Forscher auch zur Plausibilität der Theorien der Verschwörungstheoretiker. Diese erklären nämlich, die Kondensstreifen seien so lang am Himmel sichtbar, weil sie eben die gefährlichen Chemikalien enthielten. Ausserdem seien sie deswegen viel dicker als früher, als die Flugzeuge nur die üblichen Abgase ausgestossen hätten.  

Weiter erklären die Verschwörungstheoretiker, dass in Wasser- und Schneeproben vermehrt Strontium, Barium und Aluminium nachweisbar seien, die auf die Chemtrails zurückzuführen seien. Also giftige Substanzen, mit denen die Bevölkerung systematisch vergiftet werde.

Grössere Motoren, mehr Dampf

Die Forscher, die ihre Resultate im Fachmagazin «Environmental Research Letters» publizierten, kamen laut Spiegel Online zu eindeutigen Resultaten. Sie bestätigen zwar, dass die Kondensstreifen länger am Himmel zu sehen sind als früher, doch dies hätte Gründe, die sich wissenschaftlich überprüfen lassen.

Verschwörungstheoretiker müssen nicht dumm sei. Sie legen nur einen Teil ihres Bewusstseins auf Eis, wenn es um Fragen nach politischer Macht und Manipulation geht.

Konkret: Die Flugzeuge würden heute in höheren Sphären fliegen als früher, was sich auf die Haltbarkeit der Kondensstreifen auswirke. Ausserdem seien die Flugzeuge mit grösseren Motoren bestückt und würden mehr Wasserdampf ausstossen, erklären die Wissenschafter.

Die Verschwörungstheoretiker berufen sich bei ihren vermeintlichen Beweisen gern auf ein Foto, das Kondensstreifen von zwei Flugzeugen mit unterschiedlich dicken Spuren am Himmel zeigt. Ihr Argument: Das Flugzeug mit den dicken Streifen stosse die giftigen Substanzen aus, dasjenige mit den dünnen Streifen führe kein Gift mit sich.

epa04713451 Vapour trails stand out clearly against a cloudless skies  above Oder-Spree County near Sieversdorf, northern  Germany, 20 April 2015. They are caused when hot aircraft engine exhaust that contains water vapour hits cold air.  EPA/PATRICK PLEUL

Unterschiedlich dicke Kondensstreifen: Die Flugzeuge fliegen in unterschiedlicher Höhe. Bild: Keystone

Auch diesen «Beweis» entkräften die Wissenschafter. Ihre Antwort: Die beiden Flugzeuge würden in unterschiedlichen Höhen fliegen.

Auch das Argument der erhöhten Werte bei den Wasserproben lassen die Forscher nicht gelten. Sie stammten nachweisbar von den Sedimentablagerungen, die natürlicherweise reich an Spurenmetallen seien.

Gründe, warum sie falsch liegen

Es gibt aber ganz simple Argumente, weshalb die Erklärungen der Verschwörungstheoretiker Hirngespinste sind. Nur zwei davon:  

  1. In den Regierungen – offizielle oder angeblich geheime – sitzen Menschen mit einem gewissen Machtdrang. Würden sie ihr Volk vergiften oder nur schon dezimieren, würden sie ihre Machtfülle eigenhändig einschränken. Das macht keinen Sinn.
  2. Wie soll das Anreichern der Tanks von unzähligen Flugzeugen mit gefährlichen Giften geschehen? Das ist schon rein logistisch nicht möglich. Die giftigen Substanzen müssten tonnenweise beschafft werden. Ausserdem müssten sie in einem aufwändigen Verfahren dem Kerosin beigemischt werden.

Tausende Täter müssten lebenslang schweigen

In diese Arbeit wären unzählige Personen in vielen Raffinerien oder Flughäfen involviert. Von diesen unzähligen «Geheimnisträgern» müssten alle Teil der Verschwörung und sehr diszipliniert verschwiegen sein. Sie dürften auch keine Skrupel haben, bei der Vergiftung der Menschheit mitzutun. Ein Ding der Unmöglichkeit.  

Verschwörungstheoretiker müssen nicht dumm sei. Sie legen nur einen Teil ihres Bewusstseins auf Eis, wenn es um Fragen nach politischer Macht und Manipulation geht. Deshalb schauen sie, wenn sie die Kondensstreifen beobachten, in den Mond.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

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