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Yonnihof

Erkenntnisse einer Mittdreissigerin

«Im Walde, zwei Wege boten sich mir dar ...» Bild: shutterstock

Eine Auslegeordnung in sechs Punkten.



Yonnihof Yonni Meyer

Ja, da steht's Schwarz auf Weiss. Oder Weiss auf Bunt. Ich bin eine Mittdreissigerin. Wow.  

Geht’s Ihnen manchmal auch so, geschätzte LeserInnen? Dass sie mal wieder ausrechnen müssen, wie alt Sie eigentlich sind und dann betrachten Sie so Ihr Alter und erinnern sich, welche Vorstellung Sie als Kind oder Teenager von Leuten in Ihrem heutigen Alter hatten?  

Wenn man die Yonni-Teenagerin gefragt hätte, wie so eine 35-Jährige ausschaut, sie hätte wohl kaum Worte dafür gefunden, wie steinalt so jemand ist. So alt, dass bei der Geburt wohl noch Dinosaurier zum Fenster hinein geschaut hätten. Wenn nicht noch älter.  

Heute bin ich 35, fühle mich ab und zu wie 50 und benehme mich wie 13. Der Durchschnitt ist in meinen Augen noch immer okay. Trotzdem hat sich seit meiner Teenagerzeit und meinen roaring Twenties einiges verändert.  

So habe ich mich heute einmal hingesetzt und mir überlegt, was denn grundlegende Erkenntnisse sind, die sich mir in den vergangenen paar Jahren erschlossen haben. Zusammengetragen habe ich hier derer sechs – im Bewusstsein, dass es noch viel mehr davon gäbe. Diese sind selbstverständlich resultierend aus meiner eigenen Lebensgeschichte und man darf sie gerne ergänzen oder anders beleuchten (ich bitte sogar darum!).  

«Every man is your teacher»

Es gibt das Sprichwort «No man is your friend. No man is your enemy. Every man is your teacher.» Dt.: «Niemand ist dein Freund. Niemand ist dein Feind. Jedermann ist dein Lehrer.» Ein Sprichwort, das ich für tief wahr halte. Mein jüngeres Ich hätte nun eingewendet «Aber meine Freunde!! Die sind wichtig!!» und natürlich hätte ich damit Recht gehabt, aber dieses Sprichwort geht nicht um die Aussenwelt, sondern um die innere Balance und darum, wer in meinem Leben für meinen Frieden Verantwortung trägt. Und das ist niemand ausser ich. Eine solche Einstellung ermöglicht mir, auch aus gescheiterten, negativen Begegnungen etwas mitzunehmen – auch wenn es nur die Erkenntnis ist, dass ich eine solche Begegnung nicht mehr machen will und auf welche Alarmsignale ich achten muss, damit sie sich nicht wiederholen. «Every man is my teacher.»

Achte auf das, was du nicht willst

Hätte man mich mit 20 oder 25 gefragt, wohin ich reisen, was ich alles ausprobieren und mit wem ich zusammen sein will, ich hätte sehr klar und deutlich darauf antworten können. Heute nicht mehr. Heute würde ich darauf antworten: «Ich weiss nicht genau, was ich will, ich kann aber sehr deutlich sagen, was ich nicht will.» Ich sehe die Begegnungen, Erfahrungen und Beziehungen in meiner Vergangenheit heute als eine Art grossangelegtes Ausschlussverfahren auf dem Weg zu mehr Erfüllung. Nicht nur zeigen sie mir, wofür es sich lohnt, offen zu bleiben, sie helfen mir auch, in der Zukunft auf gewisse Dinge von Anfang an zu verzichten. Auch diese Einstellung verhilft einem dazu, Scheitern, Streit und Schwierigkeiten in weniger bitterer Erinnerung zu behalten und sie stattdessen als Wegweiser in eine konstruktivere Richtung zu verstehen – was jedoch nicht bedeutet, dass sie, gerade im Moment, einfach komplette Vollscheisse sein können.  

Zeit heilt tatsächlich alle Wunden

Was habe ich sie immer wieder verflucht. Die «Zeit heilt alle Wunden»-Menschen. Meine Freundinnen beim Liebeskummer und nach Trennungen, meine Eltern nach Job-Absagen, meine Professoren nach nichtbestandenen Prüfungen ... Verflucht habe ich sie, aber sie hatten Recht. Ich habe gelernt, dass Zeit tatsächlich alle Wunden heilt, nur hat das weder mit der Zeit noch mit den Wunden viel zu tun, sondern damit, dass wir lernen, mit den Wunden zu leben. Wir passen unser Verhalten neuen Realitäten an. Die Wunden werden zu Narben, die bleiben. Und so wird das Leben nach Verletzungen und Trauer und Verlust nicht wieder, wie es war, es wird anders. Und dieses «Andere» wird zu unserer neuen Realität und schliesslich zu unserer anderen, neuen Normalität. Wenn man sich das mal so richtig vor Augen führt, wird einem klar, was für unglaubliche Zaubermaschinen unsere Psychen doch sind.  

Heal the world. Not.

Es gibt Menschen, die nicht gerettet werden wollen. Auch wenn ich das Gefühl habe, ich wüsste haargenau, was ihnen gut täte und wie sie sich besser fühlen könnten: Sie wollen das nicht. Diese Tatsache zu akzeptieren ist oft viel schwieriger als der Rettungsversuch an sich.  

Man kann dich gleichzeitig lieben und dich gerade nicht mögen

Dies ist eine Erkenntnis, die so mancher meiner FreundInnen und auch mir selbst immer wieder zum Verhängnis wird: Man kann jemanden aus tiefstem Herzen lieben und ihn/sie grade im Moment so richtig abgrundtief Scheisse finden. Etwas, was meine bisherigen Beziehungen aller Art am instabilsten gemacht hat, waren meine konstanten Zweifel an deren Stabilität. Es ist dasselbe Prinzip wie bei der Schönheit: Was einem am unattraktivsten macht, ist der konstante Zweifel an der eigenen Attraktivität.    

Wähl’ den schwierigen Weg

Robert Frost schrieb einst: «Im Walde, zwei Wege boten sich mir dar, und ich nahm den, der weniger betreten war, und das veränderte mein Leben.» Ich für mich habe folgendes herausgefunden: Wenn man zwischen zwei Alternativen hin- und hergerissen ist, sollte man immer die mühsamere wählen – wenn sie trotz ihrer Mühsal noch gegen eine einfachere Alternative im Rennen ist, ist sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die richtige.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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