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Yonnihof

«Ich bin besser als du»

Bild: shutterstock

Die Theorie von Wert versus Fertigkeit.



Yonnihof Yonni Meyer

Ich habe da so eine Theorie. Sie schwebt schon ewig in meinem Kopf herum und macht dort oben wahnsinnig viel Sinn – aufgeschrieben habe ich sie jedoch noch nie. Ich werde das nun einmal versuchen.  

(Online-)Mobbing ist ein grosses Problem. Noch immer. Und es scheint keine einfache Lösung zu geben, wie man – für sich, also internal, denn MobberInnen wird es immer geben – damit umgehen kann. Da ich in meinem Beruf immer wieder davon betroffen bin, habe ich versucht, mir zurechtzulegen, was dieses Mobbing eigentlich ist. Ich habe im Laufe meines Lebens nämlich eins gelernt: Wenn man Dinge, die einem Angst machen, mal aufdröselt, verlieren sie oft an Bedrohlichkeit und das wiederum nimmt einem das Erstarren/Verstummen.  

Ich glaube, dass Angriffe unter die Gürtellinie – und damit meine ich die seelische, nicht die wahrhaftige – noch immer so «erfolgreich» sind, liegt am Verwechseln zweier Entitäten: Wert und Fertigkeit. Nochmal, diese Theorie besteht bisher erst in meinem Gehirn und ich werde versuchen, so gut wie möglich zu erklären, was ich damit meine.  

Wert haben wir alle denselben. Wir werden damit geboren. Man kann ihn auch Würde nennen und «die Würde des Menschen ist unantastbar».  

Nun glauben aber manche Menschen, man könne sich Wert erarbeiten. Er habe mit beruflichem Erfolg zu tun, mit dem Ankommen beim andern Geschlecht oder mit dem Körper, den wir uns – so wir denn wollen – antrainieren.  

Hier kommt jedoch die Knacknuss: Fertigkeit ist Fertigkeit und Wert ist Wert. Die Fertigkeiten, die wir uns bewusst aneignen können, ändern nichts an unserem Wert als Menschen. Nie.

Nun hat sich aber in unser Bewusstsein geschlichen, man könne sich via Fertigkeit mehr Wert verschaffen. Ich halte das für fundamental falsch und für eine Tendenz, die unserer Gesellschaft massiv schadet. Wenn man nämlich davon ausgeht, dass einige Menschen durch ihre Leistungen auf gewissen Gebieten wertvoller sind als andere, kreiert man damit Wettbewerb auf einer Ebene, die per definitionem mit Wettbewerb absolut nichts zu tun haben sollte – denn, nochmal: Wir haben alle denselben Wert, Wettbewerb ist daher müssig.  

Wenn wir also sagen, dass wir alle Individuen sind, und dass wir alle unterschiedliche Schneeflöckli im Wind darstellen, dann bezieht sich das nicht auf unseren Wert als Menschen, sondern auf unsere Fertigkeiten. Denn ja, manche Menschen können gewisse Dinge besser als andere. Manche sind ehrgeiziger, schneller, verbissener – aber auch das kann wieder auf unterschiedlichsten Ebenen geschehen. Wir sind allesamt einmalige Zämesetzli an Fertigkeiten, die wir mehr oder weniger gut drauf haben. Und so funktioniert dann auch die Gesellschaft, denn wenn alle gleich schlecht in Mathe wären wie ich, wären wir verdammt. Verdammt, sage ich Ihnen.

Wenn wir das nun alle verstünden und uns in Ruhe lassen würden, wäre das eigentlich eine wunderbare Sache und würde uns als Gesellschaft extrem vorantreiben. «Dein Tanzbereich, mein Tanzbereich», du ergänzt, was ich nicht so toll kann und es ist voll easy, dass du gewisse Dinge nicht so gut kannst wie ich. Kumbaya.  

Vorhang auf für: DAS EGO!  

Ja, das Ego, das in der trügerischen Überzeugung lebt, die Unterlegenheit anderer mache es zum Obermacker. Es kommt dahergestampft mit seinen Timberland-Schuhen und seinen gegelten Haaren, pickt sich einen spezifischen Fall raus, und findet lauthals: «Ich bin imfall besser als du». Dass es das nur in einer gewissen Fertigkeit ist und dass es seinem Gegenüber in anderen Belangen hinterherhinkt, ignoriert es gekonnt und schliesst von seiner punktuellen Überlegenheit nicht nur darauf, dass es ganz generell menschlich mehr Wert hat, sondern in der Konsequenz auch darauf, dass es – weil wertvoller – seinem Mitmenschen nun keinen Respekt mehr schuldet.

Mir persönlich hat das sehr geholfen. Nicht nur, wenn ich meine Schwachpunkte betreffend in destruktiver Weise angegriffen werde, sondern auch, wenn ich selber mal wieder in die Überlegenheits-Mackerin-Falle trete.  

Fazit:

1. Wert und Fertigkeit sind zwei unabhängige Entitäten.

2. Es hilft der Gesellschaft und deshalb letztendlich mir als Bestandteil dieser Gesellschaft, andere zu fördern, weil sie die Fertigkeiten mitbringen, die ich nicht habe. Diese Fertigkeiten können sie am besten ausbilden, wenn sie nicht in ihrem Wert angegriffen werden – ich sollte sie also in den Belangen, in denen ich ihnen überlegen bin, in Ruhe lassen, genauso wie ich mir das von ihnen wünsche. So funktioniert das Zusammenleben am besten.

3. Wer andere auf der Fertigkeitsebene degradiert und heruntermacht, weil er sie mit der Wertebene verwechselt, schadet letztendlich sich selbst.

4. MobberInnen wird es immer geben. Einsichten 1 bis 3 sind für mich eine konstruktive Grundlage, mit ihnen umzugehen – und mich selber zu hinterfragen, wenn ich andere angreife.

5. The End. Kumbaya und vill Liebi.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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