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Yonnihof

DU OPFER!

Bild: shutterstock

«Opferismus» und Selbstverantwortung.



Yonnihof Yonni Meyer

Es geht eine kleine Epidemie um. Ich nenne sie liebevoll «Opferismus».  

«Opferismus» steht für die Tendenz, für alles Schlechte, das einem passiert, andere/anderes verantwortlich zu machen.  

Kürzlich sass mit ein paar Freundinnen und einigen ferner Bekannten am Tisch und es ging um Dating. Eine der Beteiligten – 39, Single – meinte, Männer seien einfach alle mühsam. Sie habe das Singleleben so satt, aber keiner treffe ihre Standards. Sie ging soweit zu sagen, sie habe eine Beziehung mit einem «guten Mann» nach all den Jahren nun wirklich verdient, aber wenn's davon halt keine gäbe, die weder vergeben noch schwul seien, dann sei das also schon arg frustrierend.  

Holy Mother of Erwartungshaltung. Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, an diesen Aussagen ist so viel problematisch. Auf so vielen Ebenen.  

Am allerauffälligsten jedoch ist das, was man in der Psychologie als selbstwertdienliche Attribution bezeichnet: Die Tendenz, Misserfolge durch externe, Erfolge jedoch durch interne Begebenheiten zu begründen. Wenn uns also der Traummann nicht ins Wohnzimmer läuft, uns auf Händen trägt und 100% aller Kriterien erfüllt, die wir uns in knapp 40 Jahren zusammengestiefelt haben, dann sind «die Männer»/das Karma/die Gesellschaft und vielleicht sogar Johann Schneider-Ammann schuld. Bei dem weiss man ja nie.  

Et voilà: Opfer. Und bevor nun pauschalisiert wird: Aussagen wie oben kenne ich auch von Männern. 

Nun hat die Aussage der jungen Frau ja zwei Komponenten. Einzeln stören die mich nicht sonderlich. Die eine ist: «Ich habe hohe Standards, die keiner trifft.» Das ist an sich nichts Schlimmes. Jeder darf so hohe Ansprüche haben, wie er will. Die zweite ist: «Ich bin frustriert, dass es seit Jahren nicht klappt und erwarte, dass nun Mister Right daherkommt. Mit einem Mäschli um sein Geschlechtsteil.» Auch diese Resignation kann ich noch irgendwie nachvollziehen.  

Problematisch ist die Kombination dieser beiden Aussagen. Entweder man hat hohe Ansprüche und bleibt diesen treu – trägt dann aber auch die Konsequenzen, dass der/die Eine halt auf sich warten lässt, bzw. gar nie kommt und man mit sich eine ganze Weile allein auskommen (lernen) muss. Oder man sagt sich, dass einem eine Beziehung so wichtig ist, dass man sich halt da und dort auch auf Kompromisse einlässt, mit denen einem nicht 100% wohl ist (selbstverständlich muss man sich immer auf Kompromisse einlassen, wenn man eine Beziehung eingeht – es geht hier um das Ausmass ebendieser). Es ist unsere alleinige Entscheidung.  

Quintessenz des Geschilderten ist, und ich weiss, das ist eins meiner Lieblingsthemen, aber ich glaube, es ist auch eins der zentralsten Lebens- und Beziehungsthemen: Selbstverantwortung ist der Schlüssel.  

Du kannst den ganzen Tag auf dem Sofa rumgammeln, deine Haare für drei Wochen nicht waschen und wie Dracula zischen, solltest du mal mit Sonnenlicht in Berührung kommen – solange du dann nicht rumjammerst, dass die Liebe nicht in Form einer glitzernden Regenbogenbrieftaube in deine Wohnung flattert.  

Ja. Dating ist manchmal mühsam. Für uns alle. Und ja, manchmal passt's nicht. Oft sogar. Manchmal über Jahre. Für uns alle. Männlein, Weiblein, alle andern. Deswegen sind weder «alle Männer», noch «alle Frauen», noch «alle andern» Scheisse. Aber auch hier: Du darfst diese Einstellung selbstverständlich haben, aber dann nicht umenbrüelen, wenn sie dich in deinen Allerwertesten beisst, denn ich weiss nicht, wie lässig es jemand vom andern/gleichen Geschlecht findet, wenn man ihn/sie und alle seine/ihre Homies in einen Topf wirft.  

Dasselbe gilt auch für Beziehungen, in denen man sich nicht mehr wohl fühlt. Irgendwann muss der Moment kommen, wo man nicht mehr bei den Freundinnen über den Partner klagt, sondern sich sagt: «Ich verdiene Frieden» und sich – von sich aus – von Menschen lösen muss, die verhindern, dass man ihn findet. Das ist wahnsinnig schwierig. Aber niemand hat gesagt, die Liebe sei einfach, nicht?  

Diese ganze Thematik lässt sich auf fast alle Lebensbereiche anwenden. Klar, manchmal sind es tatsächlich äussere Einflüsse, die einen über eine Weile niederschmettern. Und dann darf man auch mal wütend sein. Ganz oft ist es dann aber wieder an uns, uns vom Boden aufzukratzen, unser Krönchen zu richten, und uns erhobenen Hauptes zurück ins Getümmel zu stürzen.  

Ja. Die Gesellschaft, die Medien, unsere Kindheit, unser Umfeld, unsere Partner ... Die haben alle Einfluss auf unser Leben. Wie wir mit diesen Einflüssen dealen, wie wir mit unseren Mitmenschen und der Welt umgehen, liegt vollumfänglich an uns. Unser eigenes Verhalten, unsere Werte und unsere Prinzipien sind das, worüber wir tatsächliche Kontrolle haben. Sie sind unsere Bringschuld an uns selbst.

Anstatt uns also zu sagen, «die Welt» sei ungerecht zu uns, könnten wir ja im Rahmen unserer Möglichkeiten selber so gerecht wie möglich zur Welt sein. Mehr können wir eh nicht tun.  

Ich persönlich finde es auf jeden Fall viel erträglicher, für mein Leben, meine Fehler und meine Misserfolge selber verantwortlich zu sein und so die Möglichkeit zu bekommen, an meinem Verhalten zu arbeiten und zukünftige Wiederholungen zu verhindern, als die Aussenwelt (inklusive Johann Schneider-Ammann) zum Bösewicht hochzustilisieren, mich ihr ohnmächtig zu ergeben und somit in einem Kreis aus «Opferismus» zu landen.  

Was sich im Kreis bewegt, wächst nämlich selten.

PS: Ich würde mich unheimlich freuen, wenn hier übers Thema «Selbstverantwortung» diskutiert würde und nicht über Genderthemen. Aus Themen, die uns alle gleichermassen angehen, keinen Geschlechterkrieg zu machen, ist vielleicht auch ein Teil unserer Selbstverantwortung, nicht?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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