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Yonnihof

The Unfuckables

Bild: shutterstock

Die Hölle, das sind die anderen.



Heute habe ich mal wieder ein neues Wort gelernt. «Incels». Gelesen habe ich es im Artikel von Jovin Barrer.  

Incel, das ist die Zusammensetzung aus «Involuntary» und «Celibates». Ungewollte Singles also. Nein, falsch: Unfreiwillig Sexlose. Und zwar männliche unfreiwillig Sexlose. Eine Subkultur hat sich gebildet, deren Grundcredo es ist, den Mangel an Sex in ihrem Leben zu monieren.  

Ich kenne mindestens 100 Menschen, die das von ihrem momentanen Zustand auch sagen würden. Auch ich sagte das während meiner Singlezeit von mir selbst. Underfucked, halt. Nur gibt es einen wichtigen Unterschied: Die Incels sind der Meinung, dass der Sex, den sie missen, ihnen eigentlich zustünde und dass der Mangel von ebendiesem nicht ihre eigene, sondern die Schuld der anderen sei. Die anderen, das sind «Chads» und «Stacies». Alphamännchen und Alphaweibchen. Der Incel will die Gunst, respektive in die Vulva von zweiter, wobei ihm erster im Wege steht. Und drum ist der Incel wütend. Auf Stacy und auf Chad und auf die Welt.

In Foren verleiht er dieser Wut Ausdruck, es ist die Rede von «staatsverordneten Liebhaberinnen» und man feiert den Anschlag in Toronto, der von einem Incel aus Rache an dieser ungerechten Welt verübt wurde.  

Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll mit meinen Gedanken.

Vielleicht am besten mit Selbstkritik. Auch ich hatte Momente, da ich den Mangel an Zuwendung in meinem Leben auf andere schob. Hauptsächlich meiner Figur wegen. Wenn mich einer nicht haben wollte, war er oberflächlich, waren alle Männer oberflächlich, war die Gesellschaft strukturell unfair. Und wissen Sie was: Vielleicht stimmt das sogar – zumindest teilweise. Aber jeder Mann und jede Frau darf sich ihren Bett- oder Lebenspartner nach exakt den Kriterien aussuchen, die er/sie will. Und das Gegenüber muss damit umgehen. Punkt.

Auch ich habe meinerseits immer wieder Männer abgelehnt, die mich super fanden, weil ich sie schlicht zu wenig attraktiv fand – und ja, manchmal durchaus ihres Körpers wegen, wobei ich natürlich heuchlerischerweise bei mir selbst sagte, das Gesamtpaket hätte nicht gestimmt. Weil ich ja nicht oberflächlich bin. Bla-di-bla.

Die Hölle, das sind halt immer die anderen, gäll.  

Wir lehnen also Menschen ab. Wegen innerer oder äusserer Werte, aber meist wegen einer Kombination von beidem. Kann das kränken? Logo. Aber so ist das Leben halt manchmal.  

Ich sehe das Hauptproblem in dieser ganzen Diskussion darin, dass Menschen (m. und w.) das Gefühl haben, a) das Leben/die anderen/die Gesellschaft seien ihnen irgendetwas schuldig und b) sie dem Leben/den anderen/der Gesellschaft nicht, respektive weniger als umgekehrt.

Beispiel dafür ist die Friendzone. Wenn ich über Dating schrieb, wurde in den Kommentaren oft der Vorwurf laut, Frauen würden nur Arschlöcher wollen und der Good Guy lande in der Friendzone. Ich weiss nicht, ob ich jemanden als Good Guy bezeichnen will, der denkt, er habe Anspruch auf Sex mit einer Frau, nur weil er nett zu ihr ist. Es braucht mehr als das. Genauso wenig wie eine Frau Anspruch auf eine Beziehung mit einem Mann hat, nur weil sie sich gut verstehen und es auf menschlicher Ebene geigt. Es braucht – auch hier – mehr als das.  

Seit wann haben wir eigentlich das Gefühl, menschliche Beziehungen seien zweidimensional? Nur schon die Vorstellung, Zwischenmenschliches würde rational ablaufen und man könne dabei logisch vorgehen, ist so illusorisch, dass sich Houdini himself in Ehrfurcht verneigen würde.  

Was mir übrigens in dieser Incel-Rhetorik auch auffällt, sind die verwendeten Ausdrücke. Erstens schaffen die Incels nur schon mit ihrer Namensgebung eine Zweiklassenordnung: Alphas und Betas, wobei sie selbst die Betas sind. Die Opfer. Zweitens: Haben Sie bemerkt, dass es für attraktive Frauen und Männer sowie für unattraktive Männer Namen gibt – für unattraktive Frauen jedoch nicht? Um die geht’s schon gar nicht. Der Beta-Mann redet von sich selbst nur im Kontext der begehrenswerten Frau und des begehrenswerten Mannes, der ihm den Zugang zu ihr verwehrt – vom weiblichen Incel jedoch keine Spur. Genau das, was er den Chads und Stacies vorwirft, nämlich dass er, der Incel, ihretwegen keinen Platz in der sexuellen Hackordnung findet, macht er somit eigentlich auch selbst.

Die Stacies wollen ihren Sex nur von Chads und nicht von Incels = böse. Der Incel will seinen Sex nur von Stacies und nicht von weiblichen Incels = was nochmal genau? Ich gehe davon aus, dass die «staatsverordneten Freundinnen» in den Augen der Incels eher Stacies sein sollten denn Betaweibchen, nein?  

Es entsteht eine Mischung aus Anspruchs- und Opferhaltung mit Tunnelblick, die zwar meines Erachtens bei beiden Geschlechtern besteht, jedoch im Incel-Kontext durchaus gefährliche Züge annimmt (wichtig: diese Bedenken richten sich an die Incel-Bewegung und alle Incels sind sexlose Männer – das bedeutet aber nicht, dass alle sexlosen Männer Incels sind).  

Es stellt sich mir einmal mehr die Frage: Kann man an dieser Thematik rein strukturell etwas ändern? Gibt es Wege, dass Menschen aus Logikgründen aufhören, sich das auszusuchen, was ihnen gefällt? Gerade, wenn sie eine gewisse Auswahl haben?  

Ganz ehrlich, ich denke: Nein.  

Ich glaube, dass das Leben ein gewisses Ausmass an (subjektiver) Unfairness birgt. Es gibt Dinge, die für uns alle unerreichbar bleiben. Gewisse Liebesbeziehungen, Sex, Jobs, Lifestyle. Wir können Arbeit investieren, an unseren Fertigkeiten und an uns selbst arbeiten – das muss trotzdem nichts bedeuten, gerade im Kontext zwischenmenschlicher Beziehungen. Es lässt sich einfach in Gottes Namen nichts erzwingen, wenn’s ums Herz oder ums Bett geht. Nicht einmal mit «staatsverordneten LiebhaberInnen». Wenn eine Frau auf grosse Männer steht, soll sie das. Wenn ein Typ nur 90-60-90er-Modelle will, soll er das. Beide müssen dann aber ihrerseits die Konsequenzen tragen, wenn sie nicht oder lange nicht das bekommen, was sie sich wünschen und akzeptieren, dass ihr Beuteschema ihnen nicht automatisch zusteht. Dasselbe gilt für unerwiderte Liebe.  

Frustrierend? Logisch! Sollten wir uns deswegen die Köpfe einschlagen? Vielleicht eher nicht. Denn anders als bei gesellschaftlichen/strukturellen Ungerechtigkeiten, gegen die es sich durchaus aufzulehnen lohnt, ist die Wahl der Menschen, die wir an uns ran lassen, so subjektiv, wie etwas nur subjektiv sein kann. Und das ist richtig so.  

Nun: Gibt’s eine einfache Lösung für betroffene, abgelehnte Frauen und Männer? Nä-äh. Aber, wenn ich den Incels einen Tipp geben dürfte: Ich glaube, die Chancen auf Sex oder Liebe sind massiv höher bei Menschen, die einfach die coolste Socke sind, die sie sein können – und verstehen, dass jemand, der sie so nicht will, vielleicht auch nicht zu ihnen passt, auch wenn's kurz im Ego oder im Herzen weh tut – als bei solchen, die sich und ihre Lebensqualität von (Körper-) Kontakten mit dem anderen (oder gleichen) Geschlecht abhängig machen und jeglichen Respekt vor ihrem Gegenüber verlieren, sobald es ihnen in sexueller oder romantischer Weise nicht das gibt, was ihnen in ihren Augen zusteht.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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