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Was Verschwörungserzähler meinen, wenn sie sagen: «Ich habe selbst recherchiert.» bild: via @parlertakes

Analyse

Trump ist weg und bei den QAnon-Verschwörern macht sich Panik breit

Joe Biden als neuer US-Präsident stürzt QAnon-Anhänger in eine Glaubenskrise. Bis zuletzt hatten sie gehofft, dass sich Trump an der Macht hält. Viele sind entmutigt, da der von «Q» prophezeite Umsturz ausblieb. Der gefährliche QAnon-Kult lebt trotzdem fort.



Fanatische QAnon-Anhänger glaubten bis zuletzt an den Coup. Verschwörungsideologen hatten ihnen eingetrichtert, Joe Bidens Amtseinführungsfeier sei eine ausgeklügelte Falle von Donald Trump, bei der die versammelten Demokraten zusammengetrieben und hingerichtet würden, während ihr Erlöser an der Macht bleibe, um den «Washingtoner Sumpf» trockenzulegen. Gemeint ist der sogenannte Staat im Staat – eine angebliche Verschwörung bestehend aus linksliberalen Politikern, (jüdischen) Geschäftsleuten und Prominenten, die heimlich das Weltgeschehen lenkten.

An diese wahnhafte, teils antisemitisch geprägte Verschwörungserzählung glauben weltweit Millionen Anhänger des QAnon-Kults. In den USA besteht die Verschwörungs-Bewegung primär aus Trump-Anhängern. Experten schätzen, dass in den Vereinigten Staaten gegen 20 Millionen Menschen empfänglich für QAnon-Ideen sind. Und manche von ihnen hatten sich minutiös auf den vermeintlichen Sturz der «geheimen, pädophilen Elite» vorbereitet.

«Einige QAnon-Anhänger haben sich wochenlang auf einen landesweiten Blackout während Joe Bidens Amtseinführung vorbereitet. Sie warnten Freunde und Verwandte per SMS und Facebook, sie sollen Funkgeräte kaufen und einen Lebensmittelvorrat anlegen. Sie glaubten, Trump würde das Kriegsrecht über das nationale Warnsystem verkünden, bevor es zu Massenverhaftungen kommt.»

nbcnews

Doch statt des herbeigesehnten Staatsstreichs mussten die QAnon-Anhänger vor einer Woche mit ansehen, wie Biden vereidigt wurde und sich Trump nach Florida absetzte.

«Gott hilf uns, wir sind mehr als bereit. Wenn nichts passiert, werde ich nichts mehr glauben», schrieb ein QAnon-Anhänger zu Beginn der Inaugurationsfeier in einer grossen US-amerikanischen QAnon-Chatgruppe. Auch in deutschen QAnon-Gruppen hofften die Anhänger bis zuletzt auf die Erfüllung des von Q prophezeiten Plans, sprich auf die Machtübernahme durch Trump.

QAnons glaubten bis zuletzt, dass Biden gar nicht Präsident wird

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Auszug aus einer deutschen QAnon-Gruppe. screenshots: via twitter/@felixhuesmann

Spätestens als Biden auf den Stufen des Kapitols ohne den kleinsten Zwischenfall vereidigt war, schlug die Stimmung in den Internet-Foren und Messenger-Gruppen der Verschwörungsideologen schlagartig um: «Das stellt die gesamte Bewegung infrage», schrieb ein QAnon-Anhänger in einer Chat-Gruppe der Messenger-App Telegram. Ein anderer antwortete: «Wir wurden alle nur benutzt.»

Manche fühlten sich verraten, einigen dämmerte, dass es nie «einen grossen Plan» gegen die angeblich «satanische Elite» gegeben hat. Wieder andere beteuerten trotz allem ihren Glauben an Q.

Die Administratoren des grössten QAnon-Forums in den USA sperrten daraufhin User, die Zweifel an Qs Prophezeiung äusserten.

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Die QAnon-Moderatoren tolerieren keine Zweifel an Q.

Während Trump (temporär) verstummt ist und statt Reden nur noch den Golfschläger schwingt, kommen bei manchen QAnon-Anhängern erstmals Zweifel auf: «Trump gehört auch zum Deep State», sei also Teil der Elite, liest man etwa in einer deutschen Telegram-Gruppe.

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Zweifel und Mitgliederschwund in einer QAnon-Gruppe auf Telegram. screenshot: twitter/@felixhuesmann

Bidens Amtsübernahme stürzt viele QAnons in eine Glaubenskrise. Andere Q-Gläubige passen die Verschwörungserzählung kurzerhand der neuen Realität an: Biden sei ein Teil von Qs Plan, bevor Trump als noch grösserer Erlöser wiederkehre.

Trumps Image als Heilsbringer hat in der Verschwörungsszene dennoch gelitten. Die QAnon-Welt ist tief gespalten: Manche glauben weiter unerschütterlich an «den Plan», andere haben den Glauben an Trump verloren – nicht aber an die grosse Weltverschwörung.

Mit Ron Watkins scheint auch einer der prominentesten QAnon-Verschwörungsideologen resigniert zu haben. Er schrieb, dass es nun an der Zeit sei, den neuen Präsidenten zu akzeptieren und damit die US-Verfassung zu respektieren – selbst wenn man anderer Meinung sei.

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Ron Watkins war lange Administrator des berüchtigten 8chan bzw. 8kun-Forums, ein Sammelbecken für Rechtsextreme und Verschwörungserzähler.

Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland scheint bei den Q-Gläubigen die Desillusionierung einzusetzen. Trump sei erledigt, glauben viele.

Ein Mitschnitt aus der grössten deutschen QAnon-Gruppe

Bei anderen Trump-Anhängern, etwa den radikalen «Proud Boys», markierte laut «New York Times» bereits der Sturm auf das Kapitol den Wendepunkt. Seine ehemaligen Fans fühlen sich verraten und bezeichnen Trump in ihren Chat-Gruppen auf Telegram als «Totalausfall» und «ausserordentlich schwach», wie eine Auswertung der Nachrichtenverläufe zeigte.

Rechtsextreme rekrutieren enttäuschte QAnons

Viele QAnons sind schockiert, wütend und sie fühlen sich betrogen. Das nutzen Rechtsextreme aus. Sie rekrutieren in den QAnon-Gruppen enttäuschte und desillusionierte Anhänger der Verschwörungserzählung, berichtet der US-Sender NBC News. «Wir sehen eine Menge Neonazis, die desillusionierte Q-Leute ausnutzen», zitiert der TV-Sender einen auf Faktenchecks spezialisierten Forscher.

Seit dem Sturm auf das Kapitol nehmen Rechtsextreme auf Plattformen wie Telegram vermehrt Trump-Anhänger und QAnons ins Visier, die, wie sie hoffen, radikalisiert werden können, nachdem Facebook und Twitter QAnon verbannt haben. «Verstärkt ihren Hass» und «fokussiert euch darauf, sie wütend über den Ausgang der Wahlen und das neue Regime der Demokraten zu machen», heisst es etwa in einer rechtsextremen Telegram-Gruppe.

Der Verschwörungskult lebt

Trump ist vorerst weg, der QAnon-Kult lebt fort. Denn wer an Verschwörungserzählungen glaubt, hat sich aus der Welt der Fakten längst verabschiedet. Der harte Kern der Verschwörungsideologen gibt auch jetzt unermüdlich Durchhalteparolen aus. Einige behaupten beispielsweise, Bidens Inauguration sei für das Fernsehpublikum inszeniert gewesen und hätte gar nie stattgefunden. Die Botschaft bleibt stets die gleiche: Alles verlaufe nach Plan und man müsse nur weiter daran glauben.

Dahinter stecken handfeste Interessen: Für einige QAnon-Influencer ist der Kult um Q in den letzten Jahren zu einem Geschäftsmodell geworden: Früher über Facebook und zuletzt vermehrt über andere Plattformen vermarkten sie Merchandise-Artikel mit dem Buchstaben «Q» und diversen Insider-Sprüchen, mit denen sich die Anhänger zu erkennen geben. Die Geschäfte mit Q-Produkten dürften kurzfristig einen Knick erlitten haben, aber der Verschwörungskult wird nicht so rasch verschwinden.

Der deutsche Verschwörungsideologe Oliver Janich beispielsweise wiegelte seine 170'000 Follower auf Telegram während Bidens Inauguration regelrecht auf. «Hängt Biden», schrieb der QAnon-Propagandist.

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Verschwörungsideologe Oliver Janich wiegelte seine 170'000 Follower auf Telegram auf. Kurz darauf löschte er die letzte Nachricht wieder.

In den letzten Jahren haben sich Qs Ankündigungen wiederholt nicht erfüllt. Den Glauben seiner Anhänger konnte dies nicht erschüttern. Immer blieb die Hoffnung, dass am Ende doch Trump die angeblich von einer pädophilen Elite entführten Kinder befreit und es zu massenhaften Festnahmen kommt. Wer solche Dinge glaubt, kann die Realität komplett ausblenden. Auch jetzt glauben einige, Trump putsche sich mit Hilfe des Militärs zurück an die Macht.

Verschwörungserzählungen sind flexibel, sie können beliebig weitergesponnen werden und nichts ist zu irrwitzig. Wie wäre es damit: Joe Biden ist in Wahrheit Donald Trump. Die beiden wurden einfach ausgetauscht und Qs Plan geht vollends auf.

Sie glauben an die Weltverschwörung und sie sind gefährlich

Anhänger der QAnon-Bewegung glauben, weltweit würden Kinder in Gefangenschaft gehalten, um aus ihrem Blut für eine satanistische Elite eine «Verjüngungsdroge» zu gewinnen. Politiker, Konzernchefs und Promis würden in unterirdischen Tunnelsystemen Kinder missbrauchen, sie essen und ihr Blut trinken. Das Kinderhilfswerk Unicef versorge sie dabei mit Kindern.

Q-Gläubiger erklärt die Verschwörungsideologie

Die Verschwörungsideologie spinnen sich die Q-Gläubigen aus angeblichen Insider-Informationen eines hochrangigen Mitarbeiters im Weissen Haus zusammen, dem viel zitierten Q. Real davon ist nichts.

Die Verschwörungserzählung mit rechtsextremem Hintergrund hat weltweit Millionen Anhänger und bekam insbesondere während der Corona-Pandemie auch in der Schweiz vermehrt Zulauf. QAnons glauben beispielsweise, Politiker und Milliardäre wie Microsoft-Gründer Bill Gates wollten die Bevölkerung dezimieren, etwa mit einer Covid-19-Impfung. Die Behauptungen sind völlig haltlos, dennoch erreichten sie über soziale Netzwerke und Messenger-Apps ein Millionenpublikum.

FBI warnte schon 2019 vor QAnon-Terror

Die QAnon-Bewegung zeigt schon länger extremistische Züge. In den USA kam das FBI 2019 zum Schluss, dass von der Gruppierung eine «potentielle Terrorismusgefahr im Inland» ausgeht. Am 6. Januar 2021 stürmte ein von Trump aufgewiegelter Mob das Kapitol in Washington, um den Machtwechsel zu verhindern. Darunter Mitglieder rechtsextremer Milizen und QAnons. Fünf Menschen kamen infolge der Ereignisse ums Leben, zahlreiche wurden verletzt.

Laut einer NBC-Reportage beobachtet Facebook die QAnon-Aktivitäten auf den eigenen Seiten seit Juni 2019. Facebook, Twitter und YouTube gehen inzwischen rigoros gegen die Verschwörungserzähler vor. Facebook sagt, man habe seit November 2020 60'000 QAnon-Seiten und- Gruppen gesperrt. Twitter löschte nach dem Sturm auf das Kapitol 70'000 QAnon-Profile.

Zumindest kurzfristig scheint der Bann zu wirken: Falsche Behauptungen über die angeblich gestohlene US-Wahl gingen massiv zurück, nachdem Twitter und andere soziale Netzwerke auch Trump verbannten. Zuflucht finden die Verschwörungserzähler auf anderen Plattformen wie Telegram, die nur zögerlich gegen Hassrede und Verschwörungserzählungen vorgehen.

Frust bei QAnon nach Trumps Abgang

Video: SRF

Als Reaktion auf den Kapitol-Sturm verbannten Google und Apple die primär von Trump-Anhängern genutzte Social-Media-App Parler aus ihren App-Stores, da die Betreiber Hassrede unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit toleriert hatten. Zuvor war auf Parler zum Sturm auf Joe Bidens Amtseinführung aufgerufen worden.

Dass die Tech-Giganten erst einschritten, als ihnen Trump nicht mehr gefährlich werden konnte, brachte ihnen reihum Kritik ein. Die Tech-Konzerne profitierten insbesondere von Trumps Steuersenkungsprogramm und hatten ihm jahrelang hofiert.

Der Parler-Bann von Google und Apple scheint derweil ins Leere zu laufen. Neonazis rekrutieren nun auf alternativen Plattformen wie Telegram «Parler-Flüchtlinge», darunter viele QAnons und Trump-Fans. Das Problem ist also nicht gelöst, sondern von einer Ecke des Internets in eine andere verlagert.

QAnon: Wie gefährlich kann eine Verschwörungstheorie werden?

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Video: YouTube/ZDFheute Nachrichten

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