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Wenn der Blick aufs Handy beunruhigende Fragen aufwirft ...
Wenn der Blick aufs Handy beunruhigende Fragen aufwirft ...
Bild: KEYSTONE

SwissCovid warnt vor «möglichen Begegnungen» – das steckt dahinter

Apple zeigt Betriebssystem-Mitteilungen an, die verwirren und für Beunruhigung sorgen. Betroffen sind SwissCovid und andere Corona-Warn-Apps.
25.08.2020, 11:10
«Bei einer möglichen Ansteckung werden Sie mit einer Mitteilung im Sperrbildschirm informiert.»
Hinweis in der SwissCovid-App

Stell dir vor, du greifst frühmorgens zum Handy, holst es aus dem Flugmodus und siehst das:

bild: watson

Akku voll geladen, schon wieder ein Update von Apple, *seufz*. Und ... WTF! Covid-19 im Anflug?

Der Schock

Dein Gerät hat diese Woche 10 mögliche Begegnungen identifiziert und diese Info mit SwissCovid geteilt.

Eine vergleichbare Benachrichtigung haben in den vergangenen Tagen gleich mehrere Freunde und Arbeitskollegen auf ihrem iPhone zu Gesicht bekommen. Und sich verständlicherweise erschreckt, oder zumindest gewundert.

Dies belegen auch Reaktionen bei Twitter ...

screenshot: twitter

Die gute Nachricht

Die Corona-Warn-App funktioniert – und man kann die Mitteilung auf dem Sperrbildschirm getrost ignorieren.

Mathias Wellig, Geschäftsführer der Softwarefirma Ubique und Entwicklerchef von SwissCovid, erklärt:

«Aktuell sollten Nutzer der SwissCovid-App diese Meldung vom iOS-System ignorieren und sich darauf verlassen, was in der App steht.»

Die verwirrenden System-Benachrichtigungen über «mögliche Begegnungen» basieren auf einer unglücklichen Formulierung, die Apple zu verantworten hat (dazu unten mehr).

SwissCovid-User sollten sich davon nicht beunruhigen lassen, sofern es in ihrer App so aussieht:

SwissCovid ist aktiv, warnt also nach intensiveren Begegnungen mit positiv Getesteten, es liegen derzeit aber keine Hinweise auf eine mögliche Ansteckung vor.
SwissCovid ist aktiv, warnt also nach intensiveren Begegnungen mit positiv Getesteten, es liegen derzeit aber keine Hinweise auf eine mögliche Ansteckung vor.
bild: watson

So erklärt es das Bundesamt für Gesundheit

Auf der BAG-Website ist das Problem schon vor geraumer Zeit adressiert worden. Im FAQ heisst es dazu:

«Wieso erhalte ich als ‹Wöchentliches Update› die Benachrichtigung, dass ich mögliche Begegnungen mit am neuen Coronavirus erkrankten Personen habe, aber die SwissCovid-App gibt keine Meldung über eine mögliche Ansteckung?»

Und dazu die Erklärung für iPhone-User:

«iOS informiert sie in der wöchentlichen Zusammenfassung, wie vielen infizierten Kontakten Sie begegnet sind. In der App werden Sie nur dann gewarnt, wenn auf Grund der Distanz und der Dauer das Risiko einer Ansteckung bestanden hat.»

Ein Arbeitskollege fragte sich daraufhin:

«Das heisst, 9 Infizierte sind mir begegnet, waren aber zu wenig nahe oder zu wenig lang?»

Gut zu wissen: Der betroffene Kollege macht Homeoffice, ist aber auch in der Redaktion am Arbeiten. Und ihm wollte verständlicherweise nicht in den Kopf, dass er im ÖV vom Aargau nach Zürich in der Nähe von gleich 9 (später) als infiziert gemeldeten SwissCovid-Usern gesessen haben soll.

Der SwissCovid-Entwicklerchef gibt auf mein Nachfragen hin «Entwarnung»: Konkret könne es schon reichen, wenn man einmal irgendwo am Bahnhof neben jemandem durchgelaufen sei, der dann später positiv getestet wurde.

In einer bislang nur auf Englisch verfügbaren Antwort erklärt das Bundesamt für Gesundheit in der FAQ , warum die System-Mitteilungen über «mögliche Begegnungen» sehr verwirrend seien («What are the weekly reminder messages from Android and iOS ?»).

Die Erklärung auf Deutsch folgt unten ...
Die Erklärung auf Deutsch folgt unten ...
screenshot: bag.admin.ch

Halten wir fest: SwissCovid funktioniert – und iPhone-User sollten sich von verwirrenden System-Mitteilungen nicht beunruhigen lassen, sondern die App konsultieren. Wenn da nichts angezeigt wird, und wenn man zudem keine Covid-19-Symptome verspürt, ist kein Handeln angezeigt.

Und die schlechte Nachricht?

Es ist kompliziert. Ziemlich kompliziert.

Um zu verstehen, warum iPhones mit installierter Corona-Warn-App (es ist nicht nur SwissCovid betroffen) mit Mitteilungen über «mögliche Begegnungen» verwirren, muss man verstehen, wie die Warn-Apps genau funktionieren.

Zur Erinnerung: SwissCovid und andere Warn-Apps in Europa (mit Ausnahme von Frankreich, Bulgarien etc.) basieren auf Schnittstellen, die Apple und Google in ihre Betriebssysteme iOS (iPhone) und Android integriert haben.

Apple und Google stellen den autorisierten Entwicklern der Corona-Warn-Apps mit den neueren Versionen ihrer Betriebssysteme iOS (iPhone) und Android ein sogenanntes Application Programming Interface (API) zur Verfügung.

Das API für die Corona-Warn-Apps wird Exposure Notification Framework (Apple) respektive Exposure Notifications API (Google) genannt. Es ist die Schnittstelle, die Software- und Hardwarekomponenten auf Betriebssystem-Ebene verbindet und damit ermöglicht, dass neuere iPhones und Android-Smartphones über Bluetooth Low Energy sicher Daten austauschen können und die Apps funktionieren.

  • Smartphones mit aktiver Warn-App tauschen in gewissen zeitlichen Abständen automatisch Schlüssel aus, einen sogenannten Temporary Exposure Key (TEK). Dies sofern die Geräte in Bluetooth-Reichweite sind. Und die Schlüssel (Zahlenfolgen) werden täglich geändert.
  • Die App ist die Schnittstelle zwischen dem App-User, der API und dem Server, den der Bund betreibt, damit die Schlüssel (TEK) abgeglichen werden können.
  • Nach der Benachrichtigung über einen positiven Covid-19-Test erhält der betroffene App-User von der Gesundheitsbehörde einen 12-stelligen Einmalcode (Covidcode genannt) und gibt diesen in der App ein.
  • Die App übermittelt den Covidcode an den Server, der die Gültigkeit überprüft. Wenn der Code gültig ist, ruft die App von der API die Liste der kürzlich gespeicherten Schlüssel (TEKs) ab und lädt sie auf den Server hoch.
  • Jede App versucht regelmässig (zwei Mal pro Tag), eine Liste der gemeldeten Schlüssel (TEK) vom Server des Bundes herunterzuladen. Sofern solche Schlüssel vorliegen, werden sie der API zur Verfügung gestellt und die App holt sich eine Zusammenfassung der Expositionserkennung. Schliesslich stellt die App fest, ob sie (von der API) weitere Informationen zur Berechnung des Risikos benötigt, holt sie sich gegebenenfalls und berechnet das Infektionsrisiko. Wenn nötig wird daraufhin ein Warnhinweis angezeigt.

Mathis Wellig erklärt gegenüber watson, warum bei einzelnen SwissCovid-Usern 9 oder sogar noch mehr «mögliche Begegnungen» auf dem iPhone angezeigt werden.

«Bei der aktuellen Implementation werden alle TEKs der letzten 10 Tage zweimal pro Tag gecheckt. D. h. diese Zahl von ‹9› gehört also wahrscheinlich zu einem oder zwei TEKs, die einfach mehrmals in der jeweiligen Woche gecheckt wurden.»

Denn jedes Mal wenn ein positiver Schlüssel (TEK) über die API gecheckt werde, werde (vom iPhone-System) einmal hinaufgezählt. Hinzu komme, dass die Dauer und Distanz bei dieser «Zählung» nicht berücksichtigt würden.

Bleibt anzumerken, dass dieses Kommunikations-Problem nicht nur SwissCovid betrifft, sondern alle Corona-Warn-Apps, die auf den Apple-Google-Schnittstellen basieren.

So wunderte sich etwa ein deutscher User, warum ihm sein iPhone «0 mögliche Begegnungen» anzeigte. Und dies obwohl sich insgesamt 4 aktive Warn-Apps im Haus befänden.

screenshot: twitter

Einfache und beruhigende Antwort: Es wurde keine einzige Begegnung mit einer (später) als infiziert gemeldeten Person registriert. Dies wird von den Entwicklern der deutschen Corona-Warn-App bestätigt und in einer auch auf Deutsch vorliegenden Antwort im Online-FAQ ausführlich erklärt.

Und das Fazit?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), als Herausgeberin der App, muss die Kommunikation weiter verbessern*. Das Vertrauen der Bevölkerung sollte gefördert werden, indem offen und transparent über die komplexe Beziehung mit den US-Konzernen Apple und Google informiert wird.

*und Apple selbstverständlich auch.

Alle SwissCovid-User sollten sicherstellen, dass sie ihre Software auf dem neusten Stand halten. Und vor allem gilt es auch weiterhin alle offiziellen Vorsichtsmassnahmen zu berücksichtigen, vom Händewaschen übers Abstandhalten bis zum Tragen von Schutzmasken – sofern nötig.

Quellen

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

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