DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wenn du vermummt und in Kampfmontur das Kapitol stürmst und erwischt wirst, weil du dein Mami mitgenommen hast.
Wenn du vermummt und in Kampfmontur das Kapitol stürmst und erwischt wirst, weil du dein Mami mitgenommen hast.
screenshot: twitter/@garius

Wie die Kapitol-Stürmer im Netz gejagt und enttarnt werden

Dutzende Kapitol-Stürmer bekamen in den letzten Tagen Besuch vom FBI – und täglich werden weitere identifiziert und verhaftet. Massgeblich daran beteiligt ist ein IT-Sicherheitsexperte, der Jagd auf Extremisten im Internet macht.
16.01.2021, 17:16

Die Bilder des Kapitol-Sturms haben sich tief eingebrannt. Die Randalierer brachten teils Waffen, Sprengsätze und Kabelbinder mit, sie töteten einen Polizisten und drohten mit Morden und Geiselnahmen. Während manche Trumpisten planlos im Kapitol herumliefen und Selfies machten, waren andere bestens organisiert und hatten unheilvolle Absichten: Ein Reuters-Reporter berichtete, die besonders militanten Angreifer wollten Vizepräsident Mike Pence finden und exekutieren. Unbekannte sollen vor dem Kapitol einen Galgen errichtet haben.

Die Strafverfolgungsbehörden haben ihre Fährte rasch aufgenommen und zwei Tage später waren die auffälligsten Randalierer in Haft. Inzwischen sind laut FBI mehr als 200 Verdächtige identifiziert worden, mehr als 100 Personen sind im Zusammenhang mit den Ausschreitungen festgenommen worden.

Viele konnten spielend leicht verhaftet werden, weil sie dreist Interviews gaben und in den sozialen Medien mit ihren Taten prahlten. Das FBI soll Zehntausende Tipps inklusive Fotos und Videos erhalten haben, die zu ihrer Ergreifung führten. Einige sollen bereits im Flugzeug auf der Heimreise verhaftet worden sein, bei anderen stand das FBI kurz darauf vor der Tür.

Doch nicht alle Randalierer machen es der Polizei so einfach. Mitglieder gut organisierter, rechtsextremer Milizen, die am 6. Januar bewaffnet und in voller Kampfmontur den Machtwechsel im Weissen Haus verhindern wollten, hatten sich von Kopf bis Fuss vermummt. Hier kommt John Scott-Railton ins Spiel, ein kanadischer Informatiker, der am renommierten Citizen Lab der Universität von Toronto als IT-Sicherheitsforscher arbeitet.

Eigentlich analysiert er Malware- und Phishing-Angriffe auf Oppositionelle, Netzaktivisten oder kritische Journalisten in autokratischen Ländern. Nun hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die teils vollständig verhüllten Kapitol-Stürmer zu enttarnen. Auf seiner Liste stehen die besonders gewaltbereiten Anführer, die anscheinend vorhatten, Politiker als Geiseln zu nehmen oder gar hinzurichten.

Mit der Hilfe investigativer Journalisten des «New Yorker» und einer Gruppe gleichgesinnter Twitter-Nutzer untersucht er seit Tagen akribisch immer neue Fotos und Videos, die Hinweise auf die Identität der gefährlichen Extremisten geben. Können die Twitter-Detektive einen Terroristen enttarnen, geben sie seinen Namen dem FBI weiter.

Innerhalb kürzester Zeit meldeten Scott-Railton und seine Mitstreiter die ersten Erfolge.

Die beiden inzwischen verhafteten Männer trugen Kampfausrüstung und hatten spezielle Kabelbinder bei sich, die als Handschellen genutzt werden.
Die beiden inzwischen verhafteten Männer trugen Kampfausrüstung und hatten spezielle Kabelbinder bei sich, die als Handschellen genutzt werden.

Beim Mann im Militärlook mit schwarzer Mütze (links) und speziellen Kabelbindern – die sonst von der Polizei eingesetzt werden – handelt es sich um Eric Gavelek Munchel. Der 30-Jährige war in Begleitung seiner Mutter aus Tennessee nach Washington gereist und auf Bildern maskiert und mit Handschellen zu sehen. Wie das Justizministerium mitteilte, wurde er vergangenen Sonntag in Nashville in Haft genommen.

Eric Gavelek Munchel, der Handschellen-Mann.
Eric Gavelek Munchel, der Handschellen-Mann.
Bild: keystone

Doch wie konnte der maskierte Mann so schnell identifiziert werden? Scott-Railton veröffentlichte auf Twitter Fotos des «Kabelbinder-Typs» und machte auf mehrere Details seiner Kampfmontur aufmerksam. Etwa militärische Abzeichen, die auf bestimmte rechtsextreme Milizen und den US-Bundesstaat hinweisen.

Kleidung, Abzeichen, Waffen etc. geben Kennern der rechtsextremen Szene erste Hinweise.
Kleidung, Abzeichen, Waffen etc. geben Kennern der rechtsextremen Szene erste Hinweise.

Rasch meldeten sich Hunderte Twitter-Nutzer mit weiteren Fotos und Videos, die wichtige Hinweise gaben. Anhand von Sprachaufnahmen bzw. des Akzents kann beispielsweise auf die Herkunft geschlossen werden.

Hier geschah aber noch etwas anderes entscheidendes: Die Flut an Fotos, die die Trump-Anhänger in den sozialen Medien veröffentlichten, ermöglichte es den Twitter-Detektiven, den unbekannten Handschellen-Mann zurück in sein Hotel in Washington zu verfolgen. Nebst IT-Experte Scott-Railton und diversen Journalisten halfen Tausende Freiwillige mit, vermummte Kapitol-Stürmer wie Eric Munchel zu identifizieren. Ausgerechnet seine auffällige Tarnmontur machte es ziemlich einfach, ihn trotz Vermummung auf diversen Fotos und Videos zu erkennen. Auf einem Video sieht man ihn schliesslich unverhüllt und mit einer Frau, die seine Mutter zu sein scheint, in der Hotel-Lobby des Grand Hyatt.

Der Handschellen-Mann gibt in Begleitung einer Frau in der Lobby seines Hotels ein <a target="_blank" rel="follow" href="https://www.youtube.com/watch?v=m8x3JfTkXIU">spontanes Video-Interview</a>.
Der Handschellen-Mann gibt in Begleitung einer Frau in der Lobby seines Hotels ein spontanes Video-Interview.

Im Video gibt er sich als Patriot aus, der besorgt sei, wohin die USA politisch, religiös und moralisch steuere. Das Video war ein entscheidender Hinweis, aber noch war der Name des Mannes unbekannt.

Ein weiterer Twitter-Nutzer schickte ein Bild, das mit grosser Wahrscheinlichkeit den gleichen Mann vor dem Kapitol zeigt. Er hat die Hand auf dem Rücken einer Frau in Schutzweste. Das Gesicht der Frau ist auf der Aufnahme eines Pressefotografen deutlich zu erkennen.

Nun fügte sich das Puzzle zusammen: Scott-Railton veröffentlichte auf Twitter das hochaufgelöste Pressefoto und das Video aus dem Hotel, in dem der Handschellen-Mann in Begleitung der gleichen Frau ein Interview gibt.

Die Abzeichen auf seiner Montur lassen auf Tennessee schliessen. Lokale Twitter-Nutzer meldeten potenzielle Namen bekannter Milizangehöriger aus dem US-Bundesstaat und trafen damit ins Schwarze. Eric Munchel posierte auf Facebook mit Waffen und den gleichen Miliz-Abzeichen wie beim Sturm auf das Kapitol. Ein Blick auf sein Profil verrät, dass er Trump verehrt. Scott-Railton meldete Munchel mit allen gesammelten Hinweisen dem FBI. Kurz darauf wurde er am letzten Wochenende verhaftet.

Auf Twitter ging die Spurensuche nach den militanten Rädelsführern zunächst weiter und gemeinsam mit Journalisten des «New Yorker» wurden weitere Extremisten enttarnt.

Scott-Railton indes ist die Sache inzwischen nicht mehr ganz geheuer. Er hat viele Tweets gelöscht und befürchtet, dass die Jagd auf die Kapitol-Stürmer aus dem Ruder laufen könnte. Er ruft die Twitter-Gemeinde daher wiederholt dazu auf, keine unbestätigten Namen zu veröffentlichen. Das könnte eine Hetzjagd auf Unschuldige in Gang setzen und katastrophale Folgen haben. «Der Kapitol-Mob war gewalttätig. Aber unbestätigte Namen twittern ist Online-Mobbing. Macht da nicht mit», schreibt er auf Twitter. Hinweise sollen vielmehr als private Nachricht an ihn, investigative Medien oder direkt an das FBI geschickt werden.

Es gebe viele berechtigte Einwände und Datenschutz-Bedenken gegen die gemeinsame Detektivarbeit auf Twitter, schrieb Scott-Railton am Freitag. Der IT-Profi bekommt nun Hilfe von Bellingcat, einer Website für investigativen Journalismus, die sich auf Faktenprüfung spezialisiert hat. Helfer können Fotos und Videos, die Hinweise auf die Täter geben, per Web-Formular hochladen. Die Hinweise werden auf diese Weise von Recherche-Profis geprüft.

Zahlreiche Fotos und Videos des Kapitol-Sturms stammen von der inzwischen gesperrten Social-Media-Plattform Parler, die vor allem bei Trump-Anhängern beliebt war. Amazon, Apple und Google haben dem rechten Twitter-Pendant nach der «Schande von Washington» den Stecker gezogen. Zuvor haben Internet-Aktivisten alle öffentlich verfügbaren Inhalte heruntergeladen. Die Sicherung von etwa 80 TB an Parler-Beiträgen, darunter mehr als 1 Million Videodateien, könnte dazu führen, dass weitere Personen angeklagt werden.

Es gibt geschätzte 15 Millionen gewaltbereite Trump-Anhänger in den USA. Auf einer FBI-Liste einheimischer Terroristen sind Hunderttausende Namen aufgelistet. Sie werden als grösste Gefahr für das Land bezeichnet. Laut «Washington Post» haben sich Dutzende von ihnen beim Sturm auf das Kapitol in Washington aufgehalten. Inzwischen wurden die Sicherheitsvorkehrungen für Joe Bidens Inauguration massiv erhöht. Rund 20'000 Soldaten sollen die Stadt am 20. Januar sichern.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Soldaten der Nationalgarde campen im Kapitol

1 / 17
Soldaten der Nationalgarde campen im Kapitol
quelle: keystone / jim lo scalzo
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Chaos in Washington

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Bekannte Corona-Leugner von Anonymous brutal vorgeführt

«Querdenker» planten eine «zensurfreie» Facebook- und YouTube-Alternative und spendeten Geld dafür. Doch bevor sich die Plattform richtig etablierte, wurde sie von Anonymous-Aktivisten gehackt. Die Spur zum Hauptdrahtzieher führt in die Schweiz.

Selbsternannte «Querdenker» haben ein Problem. Facebook und YouTube gehen seit der Corona-Pandemie konsequenter gegen Falschinformationen und Verschwörungserzählungen vor. Da liegt es auf der Hand, dass bekannte «Querdenken»-Vertretende von einer alternativen Plattform träumen, auf der ungestraft gelogen und gehetzt werden darf. Die neue Plattform «Ignorance – pulls the trigger» sollte daher eine «schweizerisch-europäische Facebook- & YouTube-Alternative» für …

Artikel lesen
Link zum Artikel