DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Marcel Salathe, Professor EPFL, spricht waehrend einer Medienkonferenz ueber die Lancierung der SwissCovid App und das Vollzugsmonitoring COVID-19, am Donnerstag, 25. Juni 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Zwei der Väter von SwissCovid: der Epidemiologe Marcel Salathé (EPFL) und der IT-Spezialist Mathias Wellig (Ubique). Für die App dürfte im Frühling die wichtigste Phase beginnen. Bild: keystone

Kommentar

Die kleine App bietet weiter eine grosse Chance – wir sollten sie nutzen

Die Schweiz kann stolz sein auf ihre Innovationskraft in Krisenzeiten. Jetzt müssen nur noch die Bürgerinnen und Bürger beweisen, dass sie (digital) lernfähig sind.



Die Proximity-Technologie kann die Welt nicht vor Covid-19 retten, aber sie kann dazu beitragen, dass wir die Situation unter Kontrolle behalten.

Bleibt zu hoffen, dass auch hierzulande noch rechtzeitig realisiert wird, welches Seuchenbekämpfungs-Potenzial unsere Smartphones bieten. Gerade bei der Proximity-Technologie würden wir sonst eine Riesenchance verpassen.

Diese Hoffnung formulierte ich im März 2020.

Heute ist sie aktueller denn je.

Wer geliefert hat, und wer nicht ...

Was ab April 2020 folgte, war eine historische Kooperation. Innert Monaten wurde eine Smartphone-Technologie entwickelt, die es so noch nicht gegeben hatte. Aus dem Boden gestampft, bringt es besser auf den Punkt.

Der Bundesrat und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bekundeten Mühe, mit dem Tempo mitzuhalten, das die unabhängigen Fachleute von DP-3T anschlugen. Und auch die Techgiganten Apple und Google waren extrem gefordert. In Windeseile ergänzten sie ihre Betriebssysteme iOS und Android um neue technische Schnittstellen fürs Proximity-Tracing, was nicht ohne Pannen über die Bühne ging.

Heraus kam SwissCovid – eine echte Schweizer Innovation. Ihr folgten weltweit viele weitere Corona-Warn-Apps.

Bis heute sind keine gravierenden Fehler bekannt, geschweige denn gab es alarmierenden Datenmissbrauch oder erwähnenswerte kriminelle Attacken. Das von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern angestrebte Konzept der Datensparsamkeit («Privacy by Design») hat sich bewährt.

Was aber das Wichtigste ist:

Die App tut, was sie tun soll. Sie schützt die Gesundheit und rettet Leben. Viele Leben.

Der Walliser Mathias Wellig, einer der SwissCovid-Väter, hält auf Anfrage von watson fest:

«Wir haben inzwischen fast 70'000 positiv getestete User, die sich in der App gemeldet haben und so andere Leute frühzeitig warnen konnten.»

SwissCovid-Entwicklerchef

Aus Schweizer Studien und jüngst auch aus einer britischen Studie wisse man inzwischen sehr gut, dass das System funktioniere, hält der ETH-Absolvent und Geschäftsführer der IT-Firma Ubique fest. Deshalb versuche man nun auf der Statistikseite in der App den Fokus auf den Fakt auszurichten, dass SwissCovid täglich ihren Dienst tue.

Der Epidemiologe Marcel Salathé, der ebenfalls zu den Vätern von SwissCovid gehört, geht davon aus, dass die App inzwischen tausende Schweizerinnen und Schweizer, wenn nicht zehntausende, vor einer Infektion bewahrt hat.

Noch besser sieht es in Grossbritannien aus. Dort haben Forscher kürzlich berechnet, dass die mit SwissCovid verwandte britische Kontaktverfolgungs-App möglicherweise rund 600'000 Fälle von Covid-19 verhindert hat.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Die Analyse eines Teams der Oxford-Universität ergab, dass jede infizierte Person, die die App verwendet hat, um andere (anonym) zu alarmieren, durchschnittlich 4,4 Benachrichtigungen verschickte. Ohne diese Intervention hätte es zwischen 200'000 und 900'000 weitere Fälle gegeben.

Und es kommt noch besser ...

Die britischen Daten zeigten, dass selbst eine bescheidene Nutzung solcher Apps erhebliche positive Auswirkungen haben könne, hält MIT Technology Review fest.

«Für jede einprozentige Zunahme der Nutzer schätzen wir, dass die Anzahl der Fälle zwischen 0,8 und 2,3 Prozent sinken wird.»

Oxford-Forscher

Für die Schweiz ergibt sich folgende Zwischenbilanz:

✅ Die Technischen Hochschulen Lausanne (EPFL) und Zürich (ETHZ) haben geliefert, im Verbund mit Spezialisten weltweit. Nämlich: die Grundlagen für eine neuartige Technologie zur Seuchenbekämpfung mit dem Smartphone.

✅ Schweizer IT-Fachleute haben geliefert. Nämlich: die digitale Umsetzung. Eine funktionstüchtige und sichere App, die mitterweile auch auf alten iPhones läuft. Dies wurde in enger Zusammenarbeit mit Apple und Google erreicht.

✅ Die eidgenössische Politik hat geliefert. Bundesrat Alain Berset hat das Projekt vorangetrieben und das Parlament hat SwissCovid dank geändertem Epidemiengesetz auf ein solides, demokratisch legitimiertes Fundament gestellt. Was noch fehlt, ist die Interoperabilität, also das grenzüberschreitende Funktionieren in den Schweizer Nachbarländern. Hier scheint es vor allem am Willen der EU zu mangeln.

✅ Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und weitere Bundesstellen haben geliefert. Nämlich: eine relativ gut funktionierende Infrastruktur für SwissCovid. Wir erinnern uns an die sich häufenden Fails Pannen und Versagen vom Sommer 2020. Seither wurden die Prozesse angepasst und optimiert – allen voran das Ausstellen der Covidcodes.

Wohlgemerkt: Diese überwiegend positive Beurteilung des Digital-Redaktors bezieht sich ausschliesslich auf die SwissCovid-App.

Und die Kantone?

😏 Hier fällt die SwissCovid-Bilanz durchzogen aus. Nach schwachem Start zogen zumindest einige Verantwortliche die richtigen Lehren und besserten nach. Doch es mangelt weiterhin an Transparenz, so dass die Öffentlichkeit nicht erfährt, wie es wirklich ums Contact Tracing steht.

Und die Bevölkerung?

😏 SwissCovid hat keine 1,8 Millionen User. Offensichtlich nutzen viele Leute die App nicht, obwohl sie ein einfaches und kostengünstiges Hilfsmittel ist. Ein Hilfsmittel, das dazu beitragen kann, dass keine härteren Massnahmen nötig sind. Das gilt speziell für die (hoffentlich bald kommende) Lage, in der es gelungen ist, die Infektionszahlen massiv zu senken.

Und was jetzt?

Jetzt liegt der Ball wieder bei uns – und beim Bund.

Es gebe leider Leute, die von einer negativen Erfahrung mit der App gehört hätten (z.B. zu spät erhaltene CovidCodes) und daraus den falschen Schluss ziehen würden, dass das System nicht funktioniere, bedauert der App-Entwicklerchef.

«Das wäre in etwa so, wie wenn man im Zug jemanden mit Maske unter der Nase sieht und deshalb die Schutzmassnahme Maskenpflicht grundsätzlich als ‹Flop› bezeichnen würde und selbst aufhört, Masken zu tragen.»

Mathias Wellig

Tatsächlich haben wir es einmal mehr in der Hand, den weiteren Verlauf der Corona-Krise zu beeinflussen. In positiver oder auch in negativer Hinsicht. So wie letzten Sommer.

Es gilt, an ein Statement des Politologen Michael Hermann vom Juli 2020 zu erinnern: Wenn SwissCovid von vielen genutzt würde, wäre die App ein gutes Instrument, damit weniger Massnahmen ergriffen werden müssten, die die Wirtschaft bremsen könnten. Das heisst:

Alle Lockerungs-Turbos und Massnahmen-Skeptiker sollten sich mit voller Kraft für die App einsetzen.

Grundsätzlich ist es einfach: Wer die App auf dem eigenen Smartphone aktiviert hat und auch andere ermuntert, trägt dazu bei, weitere Covid-19-Wellen und damit verbundene harte Massnahmen zu vermeiden.

Ein Ausbau könnte helfen

Gefordert ist auch der Bund, respektive das Bundesamt für Gesundheit. Die Verantwortlichen sollten den Mut aufbringen, die App weiter zu verbessern. Ich denke da inbesondere an die Möglichkeit, Superspreader zu bekämpfen.

Die Macher der SwissCovid-App hatten ja auf eigene Initiative hin im letzten November das Konzept für eine neue App («NotifyMe») vorgestellt. Eine solche App würde ermöglichen, grosse Corona-Cluster schnell und effizient zu bekämpfen.

Konkret geht es darum, alle Teilnehmer/Besucher grösserer Treffen, bzw. Veranstaltungen, rasch warnen zu können, dass sich am Event eine hochansteckende Person aufhielt. Daraufhin könnten die nötigen Vorsichtsmassnahmen getroffen werden, um eine starke Ausbreitung einzudämmen.

Das BAG tut gut daran, die Attraktivität der App zu steigern und damit ihre Wirkung weiter zu erhöhen. Dazu gehört auch, sie ganz gezielt in eine «Exit-Strategie» einzubinden.

Bild

Keine 1,8 Millione aktive User hat SwissCovid zurzeit. Das BAG hat mal 3 Millionen als Ziel genannt. bild: watson

SwissCovid-Fail?

Wurdest du positiv getestet und hast nicht rechtzeitig einen Covidcode bekommen? Arbeitest du beim Bund, im Gesundheitswesen oder in einem Contact-Tracing-Team und möchtest von Missständen erzählen? Schreib Digitalredaktor Daniel Schurter per E-Mail oder über die sichere Schweizer Messenger-App Threema. Threema ID: ACYMFHZX. Alle Hinweise werden vertraulich behandelt.

Quellen

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

Koronavilkku statt SwissCovid: Was die Finnen richtig machen in der Corona-Krise

Link zum Artikel

Diese neue Schweizer App hilft gegen Superspreader – nun ist der Bund gefordert

Link zum Artikel

App-Entwicklerchef: «In den meisten Fällen ist es unnötig, SwissCovid zu deaktivieren»

Link zum Artikel

SwissCovid wird schneller: Labors, Infoline und Apotheken stellen neu Covid-Codes aus

Link zum Artikel

Warum versagen die Kantone bei der SwissCovid-App? Es gibt einen bösen Verdacht

Link zum Artikel

Kanton Zürich lässt erkrankten Mann tagelang auf Covidcode warten – Nachfragen hilft nicht

Link zum Artikel

Dieses «Live-Protokoll» einer Lehrerin zeigt, wo beim Contact-Tracing der Wurm drin steckt

Link zum Artikel

Kanton Aargau macht sonntags Corona-Pause – und stellt keine Covidcodes aus

Link zum Artikel

SwissCovid warnt vor «möglichen Begegnungen» – das steckt dahinter

Link zum Artikel

Covid-App-Frust und ein wenig Hoffnung: So lief die Corona-Konferenz in Bern

Link zum Artikel

SwissCovid-User warnen zu spät oder überhaupt nicht – das sind die Gründe

Link zum Artikel

Dilettantisch von A bis Z: Wie sich die Gegner der SwissCovid-App lächerlich machten

Link zum Artikel

Diese praktischen Tipps zur SwissCovid-App sollten iPhone- und Android-User kennen

Link zum Artikel

4 Infografiken zur SwissCovid-App, die die harte Realität zeigen

Link zum Artikel

Spitäler empfehlen Angestellten, SwissCovid zu deaktivieren – das steckt dahinter

Link zum Artikel

Das sind die grössten «Baustellen» bei der SwissCovid-App

Link zum Artikel

Was Schweizer und Ausländer unbedingt über die SwissCovid-App wissen sollten

Link zum Artikel

SwissCovid ist da – das sind die wichtigsten Fragen zum offiziellen Start der Tracing-App

Link zum Artikel

Die verrückte Geschichte, wie die Schweiz zur (vielleicht) weltbesten Corona-Warn-App kam

Link zum Artikel

Die SwissCovid-App kommt – und wir müssen dringend ein paar Unklarheiten beseitigen

Link zum Artikel

Die Schweiz und ihre Nachbarn im schonungslosen Tracing-App-Vergleich

Link zum Artikel

Nutzt du die SwissCovid-App? Dann musst du diese offizielle Warnung kennen

Link zum Artikel

Die grösste Bewährungsprobe für die Corona-Warn-Apps kommt erst noch

Link zum Artikel

Die verrückte Geschichte hinter der «SwissCovid»-App, die nun weltweit für Furore sorgt

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App im (schonungslosen) Vergleich mit den Nachbarn

Link zum Artikel

Apple und Google veröffentlichen Software für Corona-Warn-Apps – das musst du wissen

Link zum Artikel

Das müssen iPhone- und Android-User über die Corona-Technik (in ihrem Handy) wissen

Link zum Artikel

Offener Brief an den Bundesrat – die Corona-Warn-App soll möglichst breit getestet werden

Link zum Artikel

Ärger um «verzögerte» Schweizer Corona-Warn-App – das steckt wirklich dahinter

Link zum Artikel

Corona-Warn-App ist «demnächst» bereit, aber der Start könnte sich massiv verzögern

Link zum Artikel

Diese Fehler darf die Schweiz mit ihrer Corona-Warn-App keinesfalls machen

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App kommt – das sind die wichtigsten Fakten

Link zum Artikel

Schweizer fürchten Überwachung durch Contact-Tracing-App – und wollen sie trotzdem nutzen

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App kommt – das erwarten die Macher von Apple und Google

Link zum Artikel

Frankreich will, dass Apple zentralen iPhone-Schutz aufhebt – die Schweiz ist besser dran

Link zum Artikel

300 Wissenschaftler warnen vor «beispielloser Überwachung der Gesellschaft»

Link zum Artikel

Europa bietet sich eine einmalige Chance – wir sollten sie nicht verpassen!

Link zum Artikel

Eine Schweizer App gegen das Virus? «Wir müssen alle am selben Strick ziehen»

Link zum Artikel

Die Schweiz rüstet sich für den digitalen Kampf gegen das Coronavirus

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

World of Watson - Dinge, die du beim Sex und beim Impfen sagen kannst

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Threema ist das neue WhatsApp – und schlägt die Konkurrenz um Längen

Wer hätte gedacht, dass die weltbeste Messenger-App nicht aus dem Silicon Valley kommen würde, sondern vom Zürichsee. Eine persönliche Analyse.

Seit acht Jahren befasse ich mich mit dem sicheren Schweizer Messenger Threema. Den ersten Artikel dazu publizierte ich im Dezember 2012. Titel: «Die Schweizer Antwort auf WhatsApp». Die damalige erste App gab's nur fürs iPhone, und sie war zum Start gratis. Im Interview versprach der Entwickler, Manuel Kasper, die baldige Veröffentlichung einer von vielen Usern geforderten Android-Version. Und:

Er hielt Wort. Im Gegensatz zu WhatsApp.

Einige dürften sich erinnern, dass es ein gleiches …

Artikel lesen
Link zum Artikel