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Kommentar

Rechtsextremes Game zeigt, was bei Steam falsch läuft

Tim Kröplin / watson.de



Langsam schrumpft die digitale Werbefläche für extreme Rechte. Facebook und Instagram schmissen etwa das in der Szene beliebte «Compact»-Magazin sowie den Chef der Identitären Bewegung, Martin Sellner, von ihren Plattformen, sperrten die Accounts. Seit Juli gelten auch YouTube und Twitter als sellnerfreie Zone. Dieser Ausschluss wird auch als «Deplatforming» bezeichnet. Die Verantwortlichen der Plattformen schrubben ihre Social-Media-Kanäle.

Rechtsextreme büssen dadurch stark an Einfluss ein, vor allem auf junge Menschen. Deshalb veröffentlichen die extremen Rechten nun ein eigenes Videospiel auf der Spiele-Plattform Steam, um wieder präsenter zu werden. Das Game für sich ist zwar problematisch, aber noch kein grosses neues Marketingtool der Rechtsextremen. Das kann es aber werden, sofern sich in der Videospielbranche nicht eine entscheidende Sache ändert.

Kleiner Hinweis: Um indirekte Werbung für das Spiel bestmöglich zu vermeiden, wird in diesem Text darauf verzichtet, den Namen des Spiels zu nennen.

Klare rechtsextreme Symbole

Das Jump 'n' Run in 2D-Pixelgrafik ist exakt das, was man sich unter einem rechtsextremen Videospiel vorstellt. Bekannte Gesichter der rechtsextremen Szene, etwa Sellner oder Alex Malenki, Vordenker der «Identitären Bewegung», sind die Protagonisten. Ihr Gegner ist ein globaler Konzern, der die Bürgerinnen und Bürger Europas zu hirnlosen «NPCs» machen will.

Was sind «NPCs»

«NPCs» oder «Non-Player-Character» sind Figuren, die sich nicht von menschlichen Spielern steuern lassen. Sie werden unter anderem von den Entwicklern in ein Game eingebaut, um es lebendiger wirken zu lassen oder eine Geschichte zu erzählen. Sie haben keinen freien Willen, sondern machen, was ihnen die Entwickler befehlen. Wenn sie sagen, «folgt dem Regime», wie es in dem Sellner-Game der Fall ist, dann tun sie das. Bei einem Spiel von Rechtsextremen, deren politisches Ziel ein autoritärer Staat ist, wirkt das ein wenig ironisch.

Bis hierhin könnte man noch ein relativ normales, wenn auch unspektakuläres Game erwarten, abgesehen von den Protagonisten, pardon, Freiheitskämpfern. Der rechtsextreme Anstrich kommt durch weitere Faktoren zustande. Da wären etwa die lieblos versteckten Feindbilder der Rechten wie ein Spielbösewicht, der dem ungarischen Milliardär George Soros sehr ähnlich sieht, oder auch die dystopische Welt voller Antifa-Stützpunkte. Dann wäre da noch die deutliche Homophobie, es gilt das «Globo Homo»-Regime zu bekämpfen.

Auch mit diffamierenden Bildern halten sich die Entwickler nicht zurück. Vor einer bei rechtsextremen beliebten Landmarke, dem Völkerschlachtdenkmal, steht eine antiziganistische Karikatur einer Roma-Frau.

Verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit

Ist das Game also das neue, grosse Ding der Rechtsextremen, das unzählige Jugendliche vom Weg abbringt? Wahrscheinlich nicht. Vielmehr ist es der verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit, der in den Weiten des Internets verhallen wird. Denn: Inhaltlich geht das Spiel nicht über die Kritzeleien aufmerksamkeitssüchtiger, dauerprovozierender Pubertierender hinaus. Kein doppelter Boden, keine verschachtelten Anspielungen, nur direkte Aggressionen. Wie von Rechtsextremen gewohnt.

Deshalb ist es nur bedingt überraschend, dass das Spiel von dem rechtsextremen Netzwerk «Ein Prozent» vertrieben wird. Immerhin findet es nicht mehr auf Facebook und Instagram statt, trotz einiger Klagen. Das Know-how lieferte hingegen der Verein «Kvltgang» (Kultgang). Laut eigenen Angaben handelt es sich dabei um eine Gruppe von Designern und Musikern, die «Inhalte für andere Aktivisten» erstellen wollen und «politische Bewegungen in ganz Europa» unterstützen.

Wir haben also ein Spiel, das halbversteckt antisemitisch, offen homophob und klar rechtsextrem ist. Hypetechnisch durch die Decke gehen werden die Verantwortlichen sehr wahrscheinlich nicht. Aber es könnte der Anfang für mehr sein.

Steam, so langsam wird es Zeit

Rechtsextreme Gruppen tummeln sich seit einiger Zeit auf der grössten Videospielplattform Steam, tragen Namen von Terroristen, feuern Parolen, posten fremdenfeindliche Memes. Neben der Funktion als Verkaufsplattform ist es auch ein soziales Netzwerk. Eines, auf dem sich Anhänger rechtsextremer Gruppen, beispielsweise der Identitären oder der NPD, frei bewegen können.

Videospiele werden oft für derlei Auswüchse verantwortlich gemacht, weil sie beispielsweise Gewalt fördern sollen. Völliger Quatsch. Studien widerlegten das unlängst – hier ein Beispiel der Oxford University. Nichtsdestotrotz hält sich die These hartnäckig. Das hängt auch damit zusammen, dass beispielsweise die Attentäter in Christchurch oder Hanau von einigen Steam-Nutzern glorifiziert wurden.

Doch das zeigt: Es sind nicht die Games, es ist die Plattform. Ein Spiel wie das hier beschriebene findet innerhalb der Szene Zuspruch, wird gekauft und verbreitet – wie in den 1990er- und 2000er-Jahren Rechtsrock-CDs auf Schulhöfen. Und das alles lässt Steam zunächst zu. Diese «Wir veröffentlichen erstmal alles»-Politik ist ein gravierendes Problem, das durch das Sellner-Game wieder präsent wird.

So langsam braucht es einen Wandel

Die Spieleplattform machte bereits einige Spiele verfügbar, die bestenfalls auf dem Scheiterhaufen schlechter Ideen hätten landen sollen. Etwa ein Vergewaltigungsspiel. Nachdem es Medienseiten sowie die Community scharf kritisierten, schmiss Steam es aus dem Sortiment. Bis dahin hatten es aber einige gespielt. Dabei hätte allein der sehr eindeutige Titel mit Sicherheit gereicht, um das Spiel abzulehnen.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass Steam mit Facebook, Twitter, Instagram sowie Youtube gleichzieht und ebenfalls grundsaniert. Ein Prüfgremium, das sich die Spiele genau anschaut, bevor sie auf die Seite kommen, sowie eine Taskforce, die sich den rechtsextremen Gruppen widmet, wird allmählich bitter nötig. Ein «Hoppla ist durchgerutscht», bloss weil es niemandem auffällt, wird auf Dauer zu wenig sein. Irgendwann sind die Kanäle verstopft.

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