DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Analyse

Ein Jahr Snowden: Die NSA ist schlimm. Aber wir sind schlimmer

Demo für Edward Snowden in Berlin. Bild: Reuters

Edward Snowden enthüllte vor einem Jahr die beispiellosen Überwachungsmethoden des US-Geheimdienstes NSA. Die grosse Empörung aber fand nicht statt – aus gutem Grund.



Sie rechneten mit einem älteren Bürokraten. Dann aber trat ihnen ein schmächtiger Kerl mit Brille entgegen, der erst 29 Jahre alt war und noch um einiges jünger aussah. So beschreibt der Journalist Glenn Greenwald in seinem neuen Buch den Moment, als er und die Filmemacherin Laura Poitras in einem Hongkonger Hotel erstmals mit Edward Snowden zusammentrafen. Es war der Beginn der wohl sensationellsten Enthüllungsgeschichte der letzten Jahre.

Anhand geheimer Dokumente konnte Snowden darlegen, wie die amerikanische National Security Agency (NSA) ein Spionagenetzwerk von ungeahntem Ausmass aufgezogen hat. Nahezu jede Art elektronischer Daten und Kommunikation wird intensiv überwacht. Die Enthüllungen übertrafen die schlimmsten Befürchtungen. Selbst das Handy der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel war vor den Schnüffeleien der NSA nicht sicher.

«Spionage gibt es, seit erstmals ein Mensch Feuer machen konnte und die Nachbarsippe herausfinden wollte, wie das geht.»

Vor einem Jahr liess der «Guardian» die Bombe platzen. Das Geschrei war gross – in den Medien und der digitalen Community. In der breiten Öffentlichkeit aber blieb die Empörung aus. Es gab Kundgebungen mit überschaubarer Beteiligung. Und manche User gehen sorgfältiger mit ihren Daten um. Doch insgesamt hat sich wenig geändert. Der «Spiegel», der die Dokumente ebenfalls auswerten konnte, bezeichnete das erste Snowden-Jahr als frustrierend: «Selten hatten Enthüllungen von derart globalem, historischem Ausmass so wenige konkrete Konsequenzen.»

Sind wir alle apathisch? Wollen wir die Bedrohung unserer Privatsphäre nicht wahrhaben? Oder sind wir einfach realistisch?

NSA-Hauptquartier in Fort Meade. Bild: AP

Die Schnüffeleien der NSA und ihrer Partnerdienste ist beängstigend. Aber Spionage gibt es, seit erstmals ein Mensch Feuer machen konnte und die Nachbarsippe herausfinden wollte, wie das geht. Gerade in der Politik wurde und wird spioniert, was das Zeug hält. «Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht», meinte Kanzlerin Merkel zum US-Lauschangriff auf ihr Handy – und ging als knallharte Realpolitikerin zur Tagesordnung über.

Kommt hinzu, dass kaum jemand die NSA-Aktivitäten direkt zu spüren bekommt. Konkrete «Opfer» sind bislang nicht bekannt. Als «Mord ohne Leiche» wurde die NSA-Affäre deshalb bezeichnet. Das mag überspitzt sein angesichts der belegten Firmen- und Industriespionage. Aber beim Schutz des Individuums machen die Onlinespione in Fort Meade ihre Sache vielleicht doch nicht so schlecht. Man muss nicht die DDR-Stasi als Gegenbeispiel anführen. Es genügt ein Blick auf andere Ländern und ihren Umgang mit den digitalen Medien.

Beispiel China: Die vom Westen umworbene Wirtschaftsmacht zensiert das Internet in einem Ausmass wie kaum ein anderer Staat. Zehntausende «Internetpolizisten» blockieren Websites und Suchbegriffe, etwa in Zusammenhang mit Tibet oder dem Tiananmen-Massaker. Und dabei bleibt es nicht: Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreisträger 2010, wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er die Charta 08, ein Manifest für Demokratie und Bürgerrechte, online veröffentlicht hatte. Netzspionage made in China kann definitiv die Gesundheit gefährden.

Beispiel Russland: Im Zuge der Ukraine-Krise hat Präsident Wladimir Putin die Repression im Internet verstärkt. Das Parlament beschloss eine Meldepflicht für die Betreiber von Blogs und anderen Websites mit mehr als 3000 Besuchern am Tag – für Kritiker eine Zensurmassnahme. «Das tatsächliche Ziel ist es, jede Art von Kritik an der Regierung zu verhindern», meinte Human Rights Watch. Wen wundert es da, dass Edward Snowden wenig glücklich ist über sein Zwangsasyl in Moskau.

«Wir nutzen das Internet, stellen unsere Daten zur Verfügung, obwohl wir durchaus wissen, dass dies negative Konsequenzen haben kann.»

Es wirkt scheinheilig, sich über die angebliche Verwerflichkeit der USA aufzuregen und derartige Zustände zu ignorieren. Und erst recht scheinheilig ist es, wenn sich Google, Facebook & Co. über die Machenschaften der NSA empören. Den Internet-Giganten geht es nicht ums Prinzip, sondern ums Geschäft. Denn während es in der Natur der Geheimdienste liegt, dass sie ihre Informationen filtern und alles Unbrauchbare aussortieren, streben die Konzerne das Gegenteil an: Sie saugen alle Daten ab, derer sie habhaft werden, um sie kommerziell zu verwerten.

Wenn Facebook den bislang «jungfräulichen» Messenger-Dienst WhatsApp für 16 Milliarden Dollar übernimmt, stecken keine karitativen Absichten dahinter. Das soziale Netzwerk will wachsen, User gewinnen und vor allem ihre Daten. Wo bleibt hier die Empörung?

Facebook: Soziales Netzwerk und Datenstaubsauger. Bild: AFP

Letztlich bleibt alles an uns hängen. Wir nutzen das Internet, stellen unsere Daten zur Verfügung, obwohl wir durchaus wissen, dass dies negative Konsequenzen haben kann. Jeder Kommentar, den wir posten, jedes Bild, das wir sharen, kann gegen uns verwendet werden – ohne dass die NSA etwas dazu beitragen müsste.

Die digitale Welt ist grossartig. Und furchterregend. Die NSA-Schnüffeleien sind eine logische Folge davon. Was Edward Snowdens Verdienste nicht schmälert, im Gegenteil: Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Whistleblower als Held in die Geschichte eingehen wird.

Über die fehlende Empörung braucht man sich trotzdem nicht zu empören. Die jüngere Generation wird in absehbarer Zukunft die nötigen Korrekturen vornehmen. Zum heutigen Zeitpunkt aber ist ein Internet unter Dominanz von NSA und USA vielleicht das kleinste Übel. 

Man kann das zynisch finden. Oder naiv. Oder einfach nur realistisch.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum dieser Bio-Bauer keine Angst vor der Trinkwasser-Initiative hat

Es brodelt in der Bio-Branche. Die Trinkwasser-Initiative spaltet die Gemüter. Der Berner Bio-Bauer ist enttäuscht über die Nein-Parole von Bio Suisse. Bei einem Rundgang über seinen Hof erzählt er von seiner Vision – und erklärt, warum er kein Nutella isst.

Durch die malerische Landschaft des Berner Seelands, vorbei an den typisch rund geschwungenen Dächern der Berner Bauernhäuser, durch die Gemeinde Grossaffoltern führt ein einsamer Weg auf den Hof von Markus Bucher. Er trägt den lieblichen Namen «Farnigasse». Und die Farnigasse gibt Buchers Reich seinen Namen. Das «Farngut» des Bio-Bauern ist umgeben von blühenden Apfelbäumen und frisch bepflanzten Knoblauch-Feldern. Es ist ruhig auf dem Hof. In der Ferne sind einige Feldarbeitende zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel