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WASHINGTON, DC - OCTOBER 26, 2013:  A protester marches with a piece of tape covering his mouth during the Stop Watching Us Rally protesting surveillance by the U.S. National Security Agency, on October 26, 2013, in front of the U.S. Capitol building in Washington, D.C.  The rally began at Union Station and included a march that ended in front of the U.S. Capitol building and speakers such as author Naomi Wolf and former senior National Security Agency senior executive Thomas Drake. (Photo by Allison Shelley/Getty Images)

Bild: Getty Images North America

Im Visier der NSA

Wer anonym im Internet surft, macht sich verdächtig

Weil der Student Sebastian Hahn bei einem Dienst zur anonymen Internetnutzung hilft, landete einer seiner Server im Raster des Geheimdienstes. Das schreckt ihn nicht ab. 

Ole Reissmann / Spiegel Online



Ein Artikel von

Spiegel Online

Sebastian Hahn ist ein gefragter Ansprechpartner. Neben der Bundeskanzlerin Angela Merkel ist er ein weiterer Deutscher, der ins Visier der NSA geraten und namentlich bekannt ist. Der 27-jährige Student betreibt einen Server, der bei der anonymen Internetnutzung hilft. Die Adresse seines Rechners taucht in NSA-Dokumenten auf, in Quellcode, der offenbar zur mächtigen Spionagesoftware XKeyscore gehört. 

Über sich will Hahn nicht sprechen, aber er beantwortet Fragen im Internet, in einem laufend aktualisierten Dokument. Der Einzelfall möge zwar gut für Schlagzeilen sein, schreibt der Informatik-Student der Universität Erlangen-Nürnberg. «Sich auf eine einzelne Person zu fokussieren geht am Problem vorbei», schreibt Hahn, die Überwachung beziehe sich schliesslich auf die gesamte Gesellschaft. «Jeder ist von Überwachung betroffen.» Der eigentlich Skandal sei die riesige Dimension und die fehlenden Schutzmassnahmen. 

Seit sechs Jahren engagiert sich Hahn beim Tor-Projekt. Mit Hilfe einer kostenlosen Software können Tor-Nutzer anonym im Internet surfen, ihre Verbindung wird dabei mehrfach verschlüsselt über Zwischenstationen umgeleitet, bevor sie über eine sogenannte Exit Node ins offene Internet gelangt. Niemand soll die Daten an ihren Ursprungsort zurückverfolgen können. 

Rückschlüsse auf einzelne Nutzer 

Aktivisten nutzen das Tor-Netzwerk, auch Diplomaten, Dissidenten und Journalisten flüchten hinter den digitalen Schleier, wenn sie ihre Kommunikation vor neugierigen Blicken verbergen müssen, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. In totalitären Regimes kann es dabei um Leben oder Tod gehen. Aus diesem Grund wird die Entwicklung des Tor-Projekts auch von der US-Regierung unterstützt. Ebenso nutzen Kriminelle den Dienst, so versteckte sich zum Beispiel ein berüchtigter Drogenmarkt im Tor-Netzwerk. 

Hahns Server werkelt in einem Rechenzentrum in Nürnberg. Er nimmt eine Sonderfunktion im weltweiten Tor-Netzwerk ein: Als eine von neun sogenannten Directory Authorities behält er die Übersicht über die Adressen der verfügbaren Server. Der Server von Hahn ist so etwas wie ein globales Adressbuch. Wer sich ins Tor-Netzwerk einwählen will, braucht diese Kontaktdaten. 

Ein lohnenswertes Ziel für den Geheimdienst, der dann weiss, von welcher IP-Adresse aus auf das Tor-Netzwerk zugegriffen wird. Worauf diese Nutzer über das Netzwerk zugreifen, ist schon schwerer festzustellen – genau das soll ja schliesslich verhindert werden. Wer allerdings einen grossen Teil der tausenden Exit Nodes überwacht, kann versuchen, Rückschlüsse auf einzelne Nutzer zu ziehen. 

«Wichtig für die Demokratie»

Seit den Snowden-Enthüllungen gilt es zumindest als denkbar, dass die NSA diese technischen Fähigkeiten aufgebaut haben könnte: Überwachung an vielen Netzknoten, genau im Blick, was ins Tor-Netzwerk reingeschickt wird und was wieder herauskommt. Ob die NSA das wirklich kann und wie zuverlässig so eine Identifizierung funktioniert, ist allerdings nicht bekannt. 

Gegen die Überwachung durch Geheimdienste sei Tor «die effektivste Technologie, die uns momentan zur Verfügung steht», schreibt Hahn. Das anonyme Surfen könnte allerdings seinen Preis haben: Wer völlig legal Tor nutzt, gerät schon deswegen in die Filter der NSA. 

Stefan Körner, gerade gewählter Chef der Piratenpartei, ruft trotzdem zur Tor-Nutzung auf: «Jetzt erst recht. Je mehr Leute Tor nutzen, desto mehr sinkt die Wahrscheinlichkeit, jemanden identifizieren zu können», sagt Körner. Mehrere Landesverbände seiner Partei beteiligen sich am Tor-Projekt und betreiben Exit Nodes. Allein über einen Server in Bayern werden täglich rund tausend Nutzer mit anonymen Netz versorgt. «Für mich ist anonyme Internetnutzung wichtig für die Demokratie», sagt Körner. 

Auch Hahn will nicht von seinem Engagement für Tor lassen, im Gegenteil. Er sieht sich in seiner Arbeit bestätigt: «Privatsphäre ist Grundrecht, kein verschrobenes Ziel sogenannter Extremisten», schreibt er. Und betont: Das Ziel der Überwachung sei offenbar einer seiner Server. Hinweise darauf, dass er persönlich im Visier des Geheimdienstes stehe, habe er nicht. 

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