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Der Bund hat in der Coronakrise vieles richtig gemacht. Aber wie ist das bei der geplanten App?
Der Bund hat in der Coronakrise vieles richtig gemacht. Aber wie ist das bei der geplanten App?
Bild: TI-PRESS

Ärger um «verzögerte» Schweizer Corona-Warn-App – das steckt wirklich dahinter

Das digitale Contact Tracing gibt's frühestens im Juli für die ganze Bevölkerung. Die «massive Verzögerung» ist ein Kommunikations-Fail.
07.05.2020, 20:00

Der Aufschrei

Die Enttäuschung war gross nach dem Entscheid des Parlaments zu der für den 11. Mai erwarteten Corona-Warn-App. Und die Verwirrung noch grösser, wie Reaktionen in der watson-Kommentarspalte und bei Twitter zeigen.

Warum sind unsere National- und Ständeräte nur solche «Bremser»? Erfolgt die offizielle Lancierung tatsächlich erst im Juli? Was hat es mit der von Gesundheitsminister Alain Berset in der Debatte erwähnten «Testphase» auf sich?

Digitalaffine Politikerinnen und Politiker wie die Nationalrätin Judit Bellaiche zeigen sich im Nachgang konsterniert, ob der aus ihrer Sicht unbegründeten Kritik.

Sowohl Gegnerinnen als auch Befürworter der Corona-App hätten ihn mit Mails bestürmt, schildert Nationalrat Balthasar Glättli. Er sah sich darum zu «ein paar Klarstellungen» veranlasst, die er via Instagram-Video verbreitete.

Ihre Argumentation: Das Parlament habe nie gewollt, dass sich der Start des digitalen Contact Tracing verzögere, sondern nur vom Bundesrat verlangt, klare Rahmenbedingungen zu schaffen (siehe unten). Und zudem sei auch nicht das Parlament an der Verzögerung schuld.

Offenbar ein Kommunikationsproblem. Der Gesundheitsminister, respektive seine Fachleute beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), sollen dafür verantwortlich sein.

Demnach war gar nie geplant, die App am 11. Mai zu lancieren, wenn der «Lockdown» aufgehoben wird. Nur wollte das niemand der Bevölkerung beibringen. Zur Erinnerung: BAG-Generaldirektor Pascal Strupler hatte zuvor gesagt, dass die App bis am 11. Mai fertig gestellt werde.

Dem «Tages-Anzeiger» verriet nun Gregor Lüthy, Leiter der BAG-Kommunikationsabteilung, das man durch den Parlamentsentscheid «etwas mehr Zeit» erhalte. Zeit, die sowohl die App-Entwickler noch gut brauchen können, als auch die Verantwortlichen beim Bund und den Kantonen.

watson hat beim BAG nachgefragt.

Wann kommt die Corona-Warn-App?

Dazu schreibt uns Katrin Holenstein von der Kommunikationsabteilung des BAG:

«Nächste Woche wird die Pilotphase starten, dies mit einer Vorversion der App auf Basis einer spezifischen Verordnung mit einem begrenzten Nutzerkreis.»

Sie könne nichts zur Grösse der Testgruppe sagen, teilt die BAG-Sprecherin weiter mit.

«Begrenzter Nutzerkreis», das heisst, dass die App sicher nicht – wie etwa die SBB-Preview-App – bereits von allen bereitwilligen Smartphone-Usern installiert werden kann.

Wer darf die App testen?

Dazu kann die BAG-Sprecherin nichts sagen. Nur: «Wir werden mit dem Start der Testphase informieren.»

Auch dies deutet daraufhin, dass es sich am Anfang um einen sehr begrenzten Personenkreis handeln dürfte.

Generell gilt für das Testen von iPhone-Anwendungen: Apple lässt über seine «TestFlight» genannte Entwickler-Plattform maximal 10'000 externe Tester pro App zu.

Bei Android sind geschlossene Tests mit Gruppen bis zu 100 Usern möglich. Bei offenen Tests mit grösseren Gruppen muss die App im Google Play Store verfügbar sein. Das heisst laut Google allerdings auch, dass die App für alle auffindbar ist und auch in den Suchergebnissen auftaucht.

Zur Erinnerung: DP-3T hat schon App-Tests mit einer Gruppe von 100 Schweizer Soldaten durchgeführt.

watson hat auch bei DP-3T angefragt, wie die Testphase ablaufen soll. Eine Antwort steht aus.

Wie schlimm ist die Verzögerung?

Wie beurteilt das BAG die Befürchtung, dass sich die offizielle Lancierung der App massiv verzögere und frühestens im Juli (auf breiter Basis) verfügbar sei?

Das BAG versucht zu relativieren:

«Eine Testphase war immer geplant und ist fester Bestandteil des Projekts. Wir möchten sicherstellen, dass die App zuverlässig und stabil funktioniert.»

Nach derzeitigem Wissensstand ist festzuhalten: Gemäss dem aktuellen technischen Stand ist das digitale Contact Tracing keine «Wunderwaffe», die eine zweite Ansteckungswelle verhindern könnte. Die Bluetooth-basierte Proximity-Tracing-App ist noch nicht massentauglich, sie muss sich erst einmal in aussagekräftigen Praxistests bewähren.

Das DP-3T-Entwicklerteam muss ja auch noch die Apple-Google-Schnittstellen implementieren und testen.

Zudem dürften Bund und Kantone mit der Organisation und Infrastruktur noch nicht so weit sein, wie es für die offizielle App-Lancierung zwingend erforderlich ist.

Wie weit ist die Koordination mit den Kantonen?

An der Medienkonferenz am 1. Mai sagte der Covid-19-Delegierte des BAG, Daniel Koch, es müsse noch definiert werden, wie die Proximity-Tracing-App in die Contact-Tracing-Strategie des Bundes integriert werde. Dies müsse man insbesondere mit den kantonsärztlichen Diensten anschauen.

Auf Nachfrage von watson, wie weit diese Abklärungen inzwischen fortgeschritten seien, heisst es nur:

«Zunächst wird die Testversion lanciert und die Erfahrungen evaluiert und eingearbeitet. Mit den Kantonsärzten sind wir in regelmässigem Kontakt.»

Wie und wann soll die Bevölkerung informiert werden?

Dazu die BAG-Sprecherin:

«Zunächst wird eine Pilotversion lanciert. Bereits in dieser Phase ist vorgesehen, vorab die interessierten Kreise zu informieren. Eine breite Bevölkerungsinformation wird im Blick auf die definitive App vorbereitet. Wir wollen die Bevölkerung breit und verständlich über Zweck und Nutzen der App informieren.»

Wann steht die App der Bevölkerung zur Verfügung?

Das ist offen.

«Die Beratung zur Gesetzesanpassung aufgrund der Annahme der Motion aus der SGK-S ist für die Sommersession geplant.»

Die Sommersession findet vom 2. bis 19. Juni statt. Die Genehmigung des vom Parlament geforderten dringlichen Bundesgesetzes dürfte blosse Formsache sein. Die wichtigsten Forderungen sind laut Bundesrat Berset bereits erfüllt:

  • Die App ist absolut freiwillig.
  • Es dürfen keine personenbezogenen Daten zentral gespeichert werden.
  • Niemand darf wegen des Verzichts auf die App diskriminiert werden, also etwa von einer Dienstleistung ausgeschlossen werden.

Kommentar des Digital-Redaktors

In einem Kommentar Anfang Woche forderte ich den Bundesrat auf, wichtige Entscheide zur App-Lancierung verständlich zu kommunizieren, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Das haben der Gesundheitsminister und die Verantwortlichen beim Bundesamt für Gesundheit verbockt.

Damit der Vertrauensvorschuss für die Corona-Warn-App nicht verspielt wird, ist nun Transparenz Pflicht. Dass vor der offiziellen Lancierung eine Testphase zwingend nötig ist, leuchtet selbst dem grössten technischen Laien ein. Dass wir dies nun indirekt erfahren mussten und der Bundesrat auch noch versuchte, dem Parlament den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist eine schwache Leistung.

Falls die Kurve mit den Covid-19-Ansteckungen in den nächsten Wochen steil ansteigt, sollte niemand der fehlenden Corona-Warn-App die Schuld geben. Das dürfte dann vielmehr an der starken Lockerung der Zwangsmassnahmen und unserem unvorsichtigen Verhalten liegen.

Zur Erinnerung: Es gibt noch kein Land weltweit mit einer gut funktionierende Corona-Warn-App. Die bisher lancierten Apps, mit Asien und Osteuropa als Pionierregionen, vermochten nicht überzeugen. Sei dies in Singapur und Australien, oder Norwegen und Nordmazedonien. Aus Island hiess es zunächst, die Bevölkerung habe die staatliche App (Rakning C-19) positiv aufgenommen. Zur Effizienz liegen mir keine Informationen vor. Man muss aber wissen, dass die isländische App hierzulande keine Chance hätte, es ist ein zentralisiertes Überwachungs-System und beinhaltet GPS-Ortung.

Bleibt noch Österreich, da hat das Österreichische Rote Kreuz relativ früh die «Stopp Corona»-App lanciert, die mittlerweile über 560'000 Downloads erreicht hat. Damit sie erfolgreich eingesetzt werden könne, müssen es mehr sein, sagten die Verantwortlichen an einer Zwischenbilanz.

Was sind die wichtigsten ungeklärten Fragen?

Es geht mir bei den folgenden Fragen in erster Linie um den zu erwartenden Testbetrieb für die Schweizer Corona-Warn-App, der laut BAG nächste Woche starten soll.

  • Wie wird das BAG während der Testphase über Erfolge und Misserfolge in Zusammenhang mit der App kommunizieren, um Gerüchten vorzubeugen?
  • Müssen die Test-User eine Geheimhalte-Vereinbarung (Non-disclosure Agreement) unterzeichnen?
  • Wird in der Testphase die ganze Funktionalität getestet, die es für das digitale Contact Tracing braucht?
  • Wann wird über die vom Staat zu organisierenden Abläufe informiert, die es für die Verifizierung von Covid-19-Fällen per App braucht und das Vorgehen danach?
  • Können sich App-User, die einen Kontakt-Warnhinweis erhalten, umgehend auf Covid-19 testen lassen?
  • Der Programmcode für die Apps ist ja als Open Source verfügbar. In dem Fall kann man doch die App theoretisch selbst kompilieren und ausprobieren?
  • Wie weit ist die Implementierung der Apple-Google-Schnittstellen fortgeschritten und welche Auswirkungen hat das auf die Funktionsweise der Schweizer App?

Und jetzt du!

Was sind deine brennendsten Fragen rund um die Schweizer Corona-Warn-App? Lass es uns via Kommentarfunktion wissen. Und der watson-Redaktor wird die wichtigsten Anliegen den Verantwortlichen beim Bund vorlegen.

Willst du die Corona-Warn-App ausprobieren?

Quellen

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

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