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Hoch hinaus: Die Schweiz stellt mit «SwissCovid» ihre Innovationskraft unter Beweis. Nach den Wissenschaftlern, IT-Spezialisten, Juristen und Politikern sind die Bürger dran.
Hoch hinaus: Die Schweiz stellt mit «SwissCovid» ihre Innovationskraft unter Beweis. Nach den Wissenschaftlern, IT-Spezialisten, Juristen und Politikern sind die Bürger dran.
Bild: keystone

Die verrückte Geschichte, wie die Schweiz zur (vielleicht) weltbesten Corona-Warn-App kam

Die offizielle Lancierung von SwissCovid steht bevor. Wir blicken zurück auf die Meilensteine eines historisch einmaligen Software-Projekts.
20.06.2020, 13:59

Dieser Beitrag dreht sich um die turbulente Entstehungsgeschichte von SwissCovid, der Schweizer Corona-Warn-App, die nun endlich an den Start gehen kann.

Wir reisen zurück in die Zeit, als das Unheil in China seinen Lauf nahm und bei Epidemiologen die Erkenntnis reifte, dass unsere Smartphones helfen könnten, die potenziell verheerende Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Nur Monate später mutet es unglaublich an, wie ein bunt zusammengewürfeltes Team ein dermassen komplexes Projekt unter erschwerten Bedingungen realisiert hat: Der persönliche Austausch war massiv erschwert, viele Besprechungen konnten nur am Bildschirm abgehalten werden.

Hätte es schneller gehen können? Ja, sicher. Gar so schnell wie in Österreich? Dort nahm das Rote Kreuz schon Ende März die nationale «Stopp Corona»-App in Betrieb – dank einer Proximity-Technologie, die aus der Schweiz stammt.

Nun, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) waren die Verantwortlichen nicht interessiert und kooperierten lieber mit den Eidgenössisch-Technischen Hochschulen. Das sollte sich als Glücksfall herausstellen – einer von vielen.

Drohende Gefahr – und verpasste Chancen

  • 23. Januar 2020: China riegelt die Millionenstadt Wuhan komplett ab.
  • 9. Februar: Die Zahl der in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen registrierten Todesfälle übersteigt mit über 800 bereits die Gesamtzahl der Todesfälle der SARS-Pandemie 2002/2003.
  • 24. Februar: Das Bundesamt für Gesundheit unterschätzt die Gefahr, die der Schweiz durch Covid-19 im benachbarten Ausland droht. Die Situation in Italien sei zwar «etwas chaotisch», aber es handle sich um einen lokalen Ausbruch, behauptet der künftige «Mister Corona», Daniel Koch, in einer Taskforce-Sitzung. Interne Warnungen einer eigenen Expertin werden von den Chefs ignoriert.
  • 25. Februar: Die Schweiz verzeichnet den ersten bestätigten Covid-19-Fall.
  • 28. Februar: In der Schweiz gilt ab sofort die «besondere Lage» wegen der rasanten Verbreitung des neuen Coronavirus. Damit erhält der Bundesrat weitreichende Kompetenzen und kann Zwangsmassnahmen anordnen.
  • Ende Februar/Anfang März: Der Schweizer IT-Unternehmer und Gründer der Firma Uepaa, Mathias Haussmann, versucht wiederholt, das BAG und später Daniel Koch zu erreichen, um die Lancierung einer Proximity-Tracing-App vorzuschlagen. Ohne Erfolg.
Mädchen in Mumbai, Indien. Ab dem 28. Februar schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO in Berichten das Risiko auf globaler Ebene als «sehr hoch» ein.
Mädchen in Mumbai, Indien. Ab dem 28. Februar schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO in Berichten das Risiko auf globaler Ebene als «sehr hoch» ein.
Bild: EPA

Wer hat's erfunden?

  • Ende Februar/Anfang März: An Hochschulen in den Vereinigten Staaten und in Europa verfolgen schlaue Köpfe die Idee, die sich abzeichnende weltweite Pandemie mithilfe von Smartphone-Apps zu bekämpfen. Neben zentralisierten Ansätzen, wie etwa der Auswertung von GPS-Daten, rücken dezentrale Lösungen ins Zentrum des Interesses, weil damit der Datenschutz gewährleistet werden kann. Bezüglich Hardware erweist sich Bluetooth Low Energy (BLE) als aussichtsreichster Kandidat. Es ist «die am wenigsten schlechte Lösung», wie ein Experte meint.
  • 11. März: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt die Ausbreitung von Covid-19 zur globalen Pandemie.
  • Mitte März: Marcel Salathé wird vom deutschen Computerwissenschaftler Thomas Wiegand kontaktiert, einem alten Kollegen. Die beiden tauschen sich über mögliche technische Lösungen aus und aktivieren ihre Netzwerke. Daraus wird später PEPP-PT hervorgehen, eine Initiative von 130 Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern, die an einer Contact-Tracing-App arbeiten wollen, die mit den europäischen Datenschutzgesetzen vereinbar ist.
  • 16. März: Nun rechnet man beim Bund insgeheim mit dem Schlimmsten. An einer Taskforce-Sitzung wird gesagt, die Lage in der Schweiz sei sehr ernst – und könnte die katastrophale Lage in Italien übertreffen. Der Bundesrat ruft noch am gleichen Tag die ausserordentliche Lage aus und lässt Läden und Restaurants schliessen.
Der Bundesrat hat den nationalen Notstand erklärt. Ab Mitternacht sind öffentliche und private Veranstaltungen verboten. Alle Läden, Märkte, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe werden geschlossen.
Der Bundesrat hat den nationalen Notstand erklärt. Ab Mitternacht sind öffentliche und private Veranstaltungen verboten. Alle Läden, Märkte, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe werden geschlossen.
Bild: KEYSTONE
  • Uepaa-Chef Haussman lässt nicht locker. Die Schweizer App-Entwicklerfirma weist in ihrem Firmenblog auf die eigene, proprietäre Proximity-Technologie für Smartphones namens p2pkit.io hin. Diese würde sich für eine App zur Covid-19-Bekämpfung eignen.
  • 17. März: Uepaa kontaktiert die EPFL und biete Marcel Salathé und dessen Team Unterstützung an – erhält allerdings keine Rückmeldung, wie der Firmenchef sagt.
  • 18. März: Der «Tages-Anzeiger» greift das Thema auf und berichtet zum ersten Mal überhaupt über eine Tracing-App in der Schweiz und die p2pkit-Technologie. Hausmann formuliert, was sich später als Knackpunkt herausstellt: Die Anbieter der System-Software für Android-Smartphones und iPhones müssten an Bord geholt werden.
«Grandios wäre es, wenn Apple und Google in der Pandemiebekämpfung zusammenspannen würden.»
Mathias Haussmann, Uepaa
  • 20. März: Singapur lanciert die TraceTogether-App, die weltweit erste Bluetooth-basierte Proximity-Tracing-App, die mehr schlecht als recht funktioniert. Auf iPhones klappt der Datenaustausch nur, wenn der Bildschirm aktiviert ist, respektive sich die App im Vordergrund befindet.
  • Am gleichen Tag veröffentlicht die Non-Profit-Organisation Covid Watch ein White Paper zu Bluetooth-basierten Proximity-Tracing-Apps. Gemäss Wikipedia-Angaben die weltweit erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema.

«One Step Ahead» – in Lausanne

  • An den Eidgenössisch-Technischen Hochschulen Lausanne (EPFL) und Zürich (ETHZ) beginnen die Vorarbeiten für eine Proximity-Tracing-App, die auf den Distanzabschätzungen über Bluetooth Low Energy basiert. Daraus geht das Konsortium DP-3T hervor, das SwissCovid entwickelt.
  • 21. März: Der Schweizer Informatik-Professor Edouard Bugnion von der EPFL wendet sich per E-Mail an Apple, weil sich massive technische Schwierigkeiten abgezeichnet haben bei Bluetooth-basierten Tracing-Apps.
  • 23. März: In einer SRF-Sondersendung erklärt Salathé, dass es möglich wäre, über Peer-to-Peer-Technologie digitales Contact Tracing zu betreiben.
  • 24. März: Der Schweizer Epidemiologe Salathé und die Computerspieldesigerin Nicky Case werben für das digitale Contact Tracing nach dem Prinzip «One Step Ahead». Covid-19-Betroffene sollen gewarnt werden, bevor sich in der Ansteckungsphase Symptome zeigen.
screenshot: nicky case / dp-3t
  • 25. März: Das Schweizer Fernsehen berichtet in «10vor10» über Corona-Tracking-Apps in Asien und eine datenschutzfreundliche Bluetooth-Proximity-App fürs Smartphone, die von EPFL-Forschern in Lausanne entwickelt wird. Titel des TV-Beitrags: «Mit Apps gegen die Pandemie?»
«Das Ziel ist, eine solche App zu entwickeln. Und die Hoffnung ist, dass diese App noch für diese Pandemie benützt werden kann – potenziell.»
Jean-Pierre Hubaux, Professor für Datensicherheit, EPFL, am 25. März, in einem TV-Interview
quelle: srf.ch

Die guten Hacker

  • 27. März: Unter dem Patronat des Bundes findet der 72-stündige Online-Hackathon #codevscovid19 statt. IT-Spezialisten entwickeln gemeinsam und in freiwilliger, unbezahlter Arbeit Open-Source-Software und digitale Lösungen im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie.
  • 31. März: Ubique präsentiert die «Next Step»-App, den Prototyp einer Bluetooth-basierten Tracing-App, mit dezentraler Datenspeicherung (auf dem Gerät). Die App wurde anlässlich des Hackathons entwickelt. In der Folge wird sich die Zürcher Softwarefirma den Technischen Hochschulen mit ihrer Initiative DP-3T anschliessen und erhält vom Bund den Zuschlag für die Entwicklung der SwissCovid-App. Die Kosten dafür betragen 1,8 Millionen Franken. Die Kosten umfassend die Anpassung der App an den Bundesstandard, die Weiterentwicklung sowie Wartung und den Support, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.
  • 31. März: Das Österreichische Rote Kreuz nimmt Kontakt mit Uepaa auf – 10 Tage später geht die österreichische «Stopp Corona»-App live, mit der Tracing-Technologie p2pkit (Uepaa) und als erste Corona-Warn-App in Westeuropa. Monate später geben die Verantwortlichen bekannt, dass sie auf den dezentralen Ansatz (DP-3T) wechseln und die Apple-Google-Schnittstelle implementieren.
  • 1. April: In Lausanne tritt DP-3T (Decentralised Privacy-Preserving Proximity Tracing) in Erscheinung. Die Gruppe veröffentlicht bei GitHub ihr erstes Dokument.
  • Am gleichen Tag wird die Gründung der paneuropäischen Initiative PEPP-PT kommuniziert. DP-3T gehört zu den Gründungsmitgliedern. Die Wissenschaftler und Industrievertreter aus mehreren europäischen Ländern wollen erreichen, dass nationale Tracing-Systeme grenzüberschreitend funktionieren. Weil der Projektleiter, der Deutsche Chris Boos, zentralisierte Tracing-Systeme zu bevorzugen scheint, kommt es zum Eklat. Salathé und viele andere Forscher treten aus und konzentrieren sich auf DP-3T.

Tanz mit Giganten

  • 3. April: Das DP-3T-Team veröffentlicht die erste Version des Protokolls für ein dezentralisiertes Proximity-Tracing-System, das der Datenminimierung verpflichtet ist. Das wissenschaftliche Konzept sieht vor, dass die sensitiven Daten auf den Mobilgeräten gespeichert werden.
  • 4./5. April: Apples Führungsgremium («Executive Team») führt vertrauliche «Schlüsseldiskussionen» mit DP-3T-Vertretern, in denen es um das Bluetooth-basierte Proximity-Tracing geht. Die Kontakte kommen über den EPFL-Vizepräsidenten Edouard Bugnion zustande, der 18 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hat, in Stanford studierte und zwei Start-ups mitgegründet hat.
Screenshot aus einer Videokonferenz mit DP-3T-Vertretern. Edouard Bugnion (Mitte) erzählte von den Herausforderungen im Umgang mit den mächtigen Techkonzernen.
Screenshot aus einer Videokonferenz mit DP-3T-Vertretern. Edouard Bugnion (Mitte) erzählte von den Herausforderungen im Umgang mit den mächtigen Techkonzernen.
bild: watson
  • 10. April: Apple und Google kündigen eine gemeinsame Initiative an, um die Lancierung von Bluetooth-basierten Proximity-Tracing-Apps mit technischen Schnittstellen auf Betriebssystem-Ebene (API) zu unterstützen. Die Techkonzerne nennen ihre neuartige Technik, die nur autorisierten Entwicklern von nationalen Corona-Warn-Apps zur Verfügung steht, «Exposure Notification». In der Folge arbeiten die Ingenieure eng mit DP-3T zusammen.

Die US-Journalistin Christina Farr (CNBC) hat die spannenden Hintergründe recherchiert, wie es zu der historisch einzigartigen Kooperation kam zwischen den Silicon-Valley-Giganten und dem DP-3T-Team in der Schweiz. Und die NZZ hat die Schweizer «Erfolgsgeschichte» packend nacherzählt.

Die Oxford-Studie und ein offener Brief

  • 16. April: Die viel zitierte Oxford-Studie zum digitalen Contact Tracing wird veröffentlicht. Ausgehend von Modellberechungen prognostizieren britische Forscher, dass die Epidemie gestoppt werden könne, «wenn etwa 60 Prozent der Bevölkerung» eine App nutzen. Und selbst bei geringerer Beteiligung sei mit «einer Verringerung der Zahl der Coronavirus-Fälle und Toten» zu rechnen.
  • 19. April: 300 Wissenschaftler und IT-Experten von vier Kontinenten warnen in einem offenen Brief vor staatlicher Überwachung durch zentralisierte Tracing-Systeme. Dies richtet sich indirekt gegen die PEPP-PT-Iniative und stärkt die dezentrale «Schweizer Lösung» von DP-3T.
  • 21. April: Das Bundesamt für Gesundheit erklärt, dass es den dezentralen Ansatz von DP-3T unterstütze. BAG-Generaldirektor Pascal Strupler lässt sich zitieren, dass der dezentrale Ansatz «den schweizerischen Bedürfnissen nach maximalem Schutz der Privatsphäre» am besten entspreche. Der Bund kooperiere nun mit der EPFL und der ETHZ, um die Tracing-App bis am 11. Mai fertigzustellen. Dieser Zeitplan erweist sich in der Folge als übertrieben optimistisch und kann nicht eingehalten werden.
  • 30. April: Die EPFL führt einen 24-stündigen Feldtest mit 100 Soldaten der Schweizer Armee in der Kaserne Chamblon VD durch. Der für die App-Experimente verantwortliche EPFL-Wissenschaftler Mathias Payer vom DP-3T-Team sagt: «Wir haben verschiedene Parameter wie Signalstärke und Frequenz getestet, um sicherzustellen, dass das System gute Informationen liefert, ohne zu viele Fehlalarme und ohne dass der Telefonakku geleert wird.»
ÖV-Simulation an der EPFL: Armeeangehörige mit Schutzmaske und Smartphone in der Tasche. Über Bluetooth Low Energy (BLE) werden Distanzabschätzungen gemacht.
ÖV-Simulation an der EPFL: Armeeangehörige mit Schutzmaske und Smartphone in der Tasche. Über Bluetooth Low Energy (BLE) werden Distanzabschätzungen gemacht.
Bild: KEYSTONE

Das Veto des Parlaments

  • 4. Mai: Das Parlament trifft sich zur ausserordentlichen Session. Diese findet auf dem Messegelände der Bernexpo statt. Der Ständerat unterstützt einen parlamentarischen Vorstoss (Motion Glättli) und verlangt vom Bundesrat, den rechtlichen Rahmen für die App zu definieren.
  • 5. Mai: Nach dem Ständerat beschliesst auch der Nationaltrat, dass der Bundesrat ein dringliches Gesetz ausarbeiten muss, um die App in der Schweiz lancieren zu können. Der Entscheid der grossen Kammer fällt deutlich aus mit über 65 Prozent Ja-Stimmen für die Motion Glättli.

Damit ist klar, dass die offizielle Lancierung der Schweizer Corona-Warn-App frühestens ab Mitte Juni stattfinden kann, denn das Parlament muss in seiner Sommersession über den bundesrätlichen Gesetzesvorschlag befinden.

Politik in Pandemiezeiten: Eine Mitarbeiterin des Bundes desinfiziert ein Rednerpult.
Politik in Pandemiezeiten: Eine Mitarbeiterin des Bundes desinfiziert ein Rednerpult.
Bild: KEYSTONE
  • 13. Mai: Das BAG veröffentlicht ein 8-seitiges Dokument mit Fragen und Antworten zur Tracing-App. Es gilt noch sehr viele offene Punkte zu klären, wie sich zeigt.
  • 13. Mai: Der Bundesrat verabschiedet eine dringliche Verordnung für die Pilotphase mit begrenztem Nutzerkreis.

In der Medienmitteilung steht:

«Die SwissCovid App kann mit den aktuellsten iOS- und Android-Versionen benutzt werden. Sie enthalten mit der gemeinsam von Google und Apple entwickelten Exposure Notification API neu eine Schnittstelle für die SwissCovid-App. Damit ist die Schweiz das erste Land weltweit, das die Schnittstelle von Google und Apple für das Proximity-Tracing nutzt.»
quelle: admin.ch

Gamechanger

  • 20. Mai: Apple veröffentlicht iOS 13.5. Das Update für das mobile Betriebssystem macht die Schnittstelle für Proximity-Tracing-Apps im Hintergrund verfügbar. Zugriff haben nur von Apple, respektive den nationalen Gesundheitsbehörden autorisierte Anwendungen. Für Android-Smartphones wird die Schnittstelle über ein Update der Google Play Services (Systemdienste) verfügbar gemacht.

Was die ungewöhnliche Kooperation der Rivalen Apple und Google bringt, lässt sich noch nicht abschätzen. Fakt ist, dass Bluetooth-basierte Proximity-Tracing-App ohne die Schnitttellen für Android-Geräte und iPhones nicht zufriedenstellend funktionieren. Fast alle nationalen App-Entwickler stellen in der Folge darauf um und verwenden die Schnittstellen für die Bluetooth-Distanzschätzungen. (Zuletzt räumt Grossbritannien öffentlich ein, dass ein Alleingang sinnlos ist und nur noch Frankreich setzt weiter auf eine zentralisierte App).

  • 20. Mai: Der Bundesrat veröffentlicht zuhanden des Parlaments seine Botschaft zu einer dringlichen Änderung des Epidemiengesetzes, die es für die geplante Tracing-App braucht. Stände- und Nationalrat können erst in der Sommersession im Juni über die Vorlage befinden.
  • Mit der bundesrätlichen Botschaft wird der offizielle Name für die Tracing-App verraten: «SwissCovid».
  • Wenn National- und Ständerat den bundesrätlichen Gesetzesentwurf genehmigen, werde die SwissCovid-App «vor Ende Juni in der ganzen Schweiz eingeführt», bestätigt der Sprecher der Landesregierung via Twitter.

Turbulente Testphase

  • 25. Mai: Zum offiziellen Start der Pilotphase für die Schweizer Corona-Warn-App «SwissCovid» gibt es positive Rückmeldungen und erzürnte Kommentare aus der Bevölkerung. Viele Interessierte können nicht verstehen, warum der Bund nicht mehr Leute mitmachen lässt.
  • 25./26. Mai: Tausende Schweizer Smartphone-User installieren die Testversion der App (iOS und Android) auf eigene Faust, nachdem entsprechende Einladungs-Links für die offizielle Testgruppe im Internet kursieren.
  • 28. Mai: Start des «Public Security Test» für die App und das gesamte Tracing-System, unter Leitung des Bundes. Fachleute und interessierte Personen suchen nach Schwachstellen. Es gilt volle Transparenz. Alle Meldungen werden vom Bund im Internet veröffentlicht.
Der Bund informiert auf einer Status-Webseite, wie die SwissCovid-App in der Pilotphase läuft.
Der Bund informiert auf einer Status-Webseite, wie die SwissCovid-App in der Pilotphase läuft.
screenshot: melani.admin.ch
  • 29. Mai: Lettland lanciert als weltweit erstes Land offiziell eine Corona-Warn-App, die die Schnittstellen von Apple und Google implementiert hat. Die «Apturi Covid»-App basiert auf dem von DP-3T erarbeiteten Protokoll.
  • 2. Juni: Frankreich veröffentlicht seine Corona-Warn-App für iPhones und Android-Smartphones. «StopCovid» basiert auf einem zentralisierten Tracing-System und kann darum nicht auf die Schnittstellen von Apple und Google zugreifen. Dies dürfte die Interoperabilität, also das grenzüberschreitende Zusammenspiel mit anderen nationalen Apps, massiv erschweren, oder gar verunmöglichen. Die App droht wegen mangelndem Interesse zum Flop zu werden.

Die Entscheidung

  • 3. Juni: Der Ständerat genehmigt als erste Kammer des eidgenössischen Parlaments die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Schweizer Corona-Warn-App. Es ist ein explizites Diskriminierungsverbot vorgesehen.
  • 8. Juni: Nach dem Ständerat befasst sich auch die grosse Kammer des Parlaments, der Nationalrat, an seiner Sommersession mit den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Corona-App und genehmigt die vom Bundesrat erarbeitete Vorlage mit kleinen Verbesserungen.
  • 9. Juni: Die Testversion der SwissCovid-App ist auf 60'000 iPhones und Android-Geräten installiert, wie Vertreter des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) sagen. Unabhängige IT-Sicherheitsexperten testen die App und finden keine gravierenden Probleme oder Schwachstellen.
  • 13. Juni: Die Schweizer Corona-Warn-App gilt offiziell als sicher: Das bescheinigen zwei Cybersicherheits-Organe des Bundes, die die Entwicklung eng begleitet haben: das Computer Security Incident Response Team des Bundesamts für Informatik und Telekommunikation (BIT) und Govcert.ch (Swiss Government Computer Emergency Response Team). Auch der eidgenössische Datenschutzbeauftragte (EDÖB) gibt ein positives Urteil ab zu SwissCovid.
  • 15. Juni: Italien lanciert landesweit seine Corona-Warn-App «Immuni», die auf der Apple-Google-Schnittstelle basiert. Die App ist auch für Schweizer User verfügbar.
  • 16. Juni: Deutschland lanciert die «Corona-Warn-App». Sie erreicht innert Tagen fast 8 Millionen Downloads.
  • Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) einigen sich auf ein gemeinsames technisches Vorgehen, damit die nationalen Corona-Warn-Apps zukünftig grenzübergreifend funktionieren. Der Datenaustausch soll über einen europäischen Gateway-Dienst erfolgen. Das zentralisierte französische Tracing-System ist davon ausgeschlossen. Hingegen hat die Schweiz vor, sich daran zu beteiligen, damit SwissCovid in Zukunft auch im Ausland funktioniert.
«Uns sind die Aktivitäten der EU sehr bewusst, wir sind auf technischer Ebene in ständigem Austausch mit den EU-Kollegen. Konkret haben wir bereits intensiv mit Deutschland und Italien gesprochen.»
Gregor Lüthy, BAG, Kommunikationschef
  • 18. Juni: Österreichs Tracing-App «Stopp Corona» wird auf die Apple-Google-Schnittstelle umgestellt. Das Rote Kreuz kündigt das Update für nächste Woche an.
  • Am gleichen Tag macht die BBC publik, dass Grossbritannien seine zentralisierte Tracing-App stoppt und angeblich auf ein dezentrale System umsteigen will, um die Apple-Google-Schnittstellen verwenden zu können. Es ist unklar, ob und wann die neue App lanciert werden soll.
  • 19. Juni: In Bern finden die Schlussabstimmungen des eidgenössischen Parlaments zur Schweizer Corona-Warn-App statt. Ein historischer Tag. Nachdem Ständerat und Nationalrat der dringlichen Änderung des Epidemiengesetzes zugestimmt haben, kann SwissCovid offiziell starten.
  • In der «Tagesschau»-Hauptausgabe des Schweizer Fernsehens kommt am Abend der unabhängige IT-Experte Paul-Olivier Dehaye zu Wort, der auf mögliche Angriffsszenarien hinweist. Fazit: Ein Restrisiko bleibt, es wird von IT-Sicherheitsexperten das Bundes als gering eingeschätzt.
  • Wegen der tiefen Infektionszahlen beschliesst der Bundesrat, von der am 16. März ausgerufenen ausserordentlichen Lage gemäss Epidemiengesetz wieder in die besondere Lage zu wechseln. Dadurch liege die Hauptverantwortung für die Verhinderung und Bewältigung eines Wiederanstiegs der COVID-19-Fälle bei den Kantonen.

Das BAG schreibt:

«Eine zentrale Massnahme stellt das klassische Contact Tracing dar. Es wird von den kantonsärztlichen Diensten durchgeführt, teilweise unterstützt durch externe Partnerorganisationen. Es wird im Weiteren unterstützt durch die SwissCovid-App.»

SwissCovid ist nach heutigem Wissensstand die weltweit erste Corona-Warn-App, die mit einem gesetzlich festgeschriebenen Diskriminierungs-Verbot lanciert wird. Sie schützt die Privatsphäre der User dank Privacy by Design wirksam.

Damit die nationale Warn-App in den benachbarten Staaten und im weiteren europäischen Ausland funktioniert, will der Bund versuchen, sich technisch an die EU-Lösung anzubinden. «Sofern wir dafür eine gemeinsame rechtliche Basis finden», betont der BAG-Kommunikationschef Gregor Lüthy.

Falls eine Lösung mit der EU nicht möglich sei, werde die Schweiz bilaterale Vereinbarungen und evtl. bilaterale technische Anbindungen mit den Ländern angehen.

Quellen

Alles über die Schweizer Corona-Warn-App

Alle Storys anzeigen
Was man über Corona-Warn-Apps wissen muss
Contact Tracing meint die persönliche Rückverfolgung von Infektionsketten. Ziel ist es, die (unbemerkte) Verbreitung von gefährlichen Infektionskrankheiten einzudämmen oder im besten Fall zu stoppen. Konkret sollen alle Leute gewarnt werden, die über eine gewisse Zeit in relativ engem körperlichen Kontakt standen mit einer infizierten Person und sich angesteckt haben könnten, ohne es zu wissen.

Zu Beginn der Corona-Krise in der Schweiz wurde Contact Tracing übers Telefon gemacht, das heisst, Infizierte (in Quarantäne) wurden zu ihrem Umfeld befragt, das sie vielleicht angesteckt hatten. Wegen der exponentiellen Zunahme der Covid-19-Infektionen war dieses System allerdings bald einmal überlastet, es wird aber in der Phase nach der Lockerung der staatlichen Zwangsmassnahmen («Lockdown»), wenn es wenige Covid-19-Fälle gibt, flächendeckend betrieben von den kantonsärztlichen Diensten.

Digitales Contact Tracing funktioniert per Smartphone-App. Die Mobilgeräte registrieren über ihre Bluetooth-Verbindung automatisch und anonym, wenn sie sich über eine gewisse Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander befunden haben. Dieses Verfahren wird auch als Proximity Tracing bezeichnet. Erst später, bzw. nur wenn eine Infektion durch einen medizinischen Test bestätigt worden ist, kann die erkrankte Person andere App-User, die sie vielleicht angesteckt hat, schnell und diskret warnen.

Singapur hat im März 2020 als einer der ersten Staaten eine auf der Messung von Bluetooth-Low-Energy-Signalen basierende App namens TraceTogether lanciert, wobei die Funktionalität eingeschränkt ist, weil der Datenaustausch zwischen iPhones und Android-Geräten nicht gut funktionierte. In Europa und weltweit werden nun Proximity-Tracing-Apps lanciert, die dieses Problem nicht haben, weil Apple und Google bei iOS und Android auf Betriebssystem-Ebene eine Schnittstelle zur Verfügung stellen.

Beim dezentralen Ansatz gilt der Grundsatz Privacy by Design: Die Datenverarbeitung (zur Berechnung des Infektionsrisikos) erfolgt auf den Mobilgeräten. Nur bei einer offiziell bestätigten Infektion und der Einwilligung des Users werden dessen anonymisierte Proximity-Daten (Schlüssel) an einen Server überragen, die es ermöglichen, Dritte zu warnen, und den Datenschutz zu gewährleisten.

Beim zentralen Ansatz werden die Proximity-Daten an einen staatlich kontrollierten Server übermittelt, wo das Infektionsrisiko berechnet wird. Diese System-Architektur ist von über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um den Globus als problematisch bezeichnet worden, weil der System-Betreiber nachträglich und heimlich Funktionen ändern («Function Creep») oder zusätzliche Funktionen einführen könnte («Mission Creep»).

Apple und Google unterstützen dezentrale Proximity-Tracing-Apps durch eine technische Kooperation. Sie stellen autorisierten App-Entwicklern eine Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung, die Corona-Warn-Apps zuverlässige Bluetooth-Distanzschätzungen und Datenaustausch zwischen Android- und iOS-Geräten ermöglicht. Zudem haben die US-Techkonzerne das Proximity Tracing direkt in die weltweit dominierenden mobilen Betriebssysteme integriert.

Freiwillige Nutzung ist laut Apple und Google Bedingung und wird auch von der Schweizer Corona-Warn-App «SwissCovid» umgesetzt. Das heisst, digitales Contact Tracing kann nicht vom Staat erzwungen werden, sondern erfolgt nur mit Zustimmung der User (Opt-in).
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