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Katrin Tschannen (40) in bequemen Arbeitsschuhen im Lager in Bremgarten – Angestellte laufen hier bis zu 9 Kilometer pro Tag.
Katrin Tschannen (40) in bequemen Arbeitsschuhen im Lager in Bremgarten – Angestellte laufen hier bis zu 9 Kilometer pro Tag.

Migros-Online-Chefin Tschannen: «Plötzlich hatte ich nur noch Männer über mir»

Katrin Tschannen ist seit vergangenem März Chefin von Migros Online. Innert kurzer Zeit stellte sie Hunderte neue Leute ein, krempelte das Sortiment um und lancierte den neuen Onlineshop.
08.02.2021, 12:39
Gabriela Jordan und Chris Iseli / ch media

Das Verteilzentrum von Migros Online in Bremgarten AG erinnert an einen geschäftigen Bienenstock. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eilen von einem Regal zum nächsten, verschieben beladene Paletten, befüllen Kunststoffboxen mit Schokolade, Putzmittel oder Reis. Migros-Online-Chefin Katrin Tschannen führt uns gekonnt durch die engen Durchgänge bis zu einem Konferenzraum, in dem noch alte Leshop-Poster an den Wänden hängen.

Das Interview

Frau Tschannen, es musste 2020 werden, bis die Migros, grösste Schweizer Arbeitgeberin und riesige Marke, einen Onlineshop unter dem eigenen Namen lanciert. Wie zufrieden sind sie bislang mit Migros Online?
Katrin Tschannen:
Wir sind sehr zufrieden. Die Umwandlung von Leshop auf Migros Online im letzten November hat gut funktioniert und kommt bei den Kundinnen und Kunden super an. Derzeit gewinnen wir im Tessin viele dazu, weil die alte Leshop-App nicht auf Italienisch verfügbar war. Toll ist auch das Wachstum im Bereich Früchte und Gemüse, welche die Kunden klassischerweise selber im Regal auswählen. Das ist ein echter Vertrauensbeweis in unseren Lieferdienst.

Die Coronakrise spielt Ihnen natürlich in die Karten. Das Online-Bestellen von Lebensmitteln boomt. Um das neue Portal nicht zu überlasten, entschied sich die Migros ja sogar für einen Silent Launch und verzichtete auf Werbung.
Das ist definitiv ungewöhnlich. Als ich im März anfing, hatte ich noch Angst vor den hohen Wachstumszielen. Diese haben wir jetzt längst überholt. Unsere zwei Lager in Bremgarten AG und Ecublens VD platzen aus allen Nähten. Das neue in Pratteln BL verschafft uns nun etwas Luft. Das Team hat hier einen wahnsinnigen Effort geleistet und in wenigen Monaten ein neues Logistikzentrum aufgebaut. Aktuell geht es darum, möglichst viele zusätzliche Lieferkapazitäten zu schaffen. Jede neue Kapazität, die wir hinzufügen, ist sofort ausgebucht.

Was kann die neue App von Migros Online, was die von Leshop nicht konnte?
Die Leshop-App war viel zu kompliziert, die neue ist jetzt supereinfach. Man bekommt praktische Produktvorschläge und kann das Sortiment nach seinen Bedürfnissen wie Bio, Vegan oder Allergien filtern. Und alles ist sehr schnell – ich mache meine Bestellung jeweils in fünf Minuten. Die App respektive der Onlineshop wird sich aber noch massiv verändern. Migros Online ist erst ein Zwischenschritt.

Ein Zwischenschritt wovon?
Unser Ziel ist, den digitalen Supermarkt vorwärtszutreiben. Es geht nicht bloss ums Onlineshopping, sondern auch um digitale Lösungen beim Einkaufen im Laden – vom Anschauen der Rezepte, dem Erstellen der Einkaufsliste bis hin zum Bezahlen. Meine Vision ist, dass der ganze Weg von der Inspiration bis zur Lieferung über eine einzige App möglich ist. Das wird noch eine Weile dauern, in einigen Monaten werden aber bereits Migusto-Rezepte in Migros Online integriert. Weil all diese Projekte unter dem Dach von Migros Online sind, haben wir den IT-Bereich enorm ausgebaut.​

«Meine Wahrnehmung ist, dass sich Frauen häufiger hinterfragen als Männer. Sich einfach zu wagen, ist deshalb wahnsinnig wichtig.»

Wie viele Angestellte haben Sie insgesamt?
Vor der Coronapandemie waren es rund 400. Inzwischen haben wir über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meisten in der Logistik und im IT-Bereich.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es eine solche App nicht schon gibt. Woran hapert es?
Es ist gar nicht so einfach. Ein Beispiel: Wenn im Rezept Reis steht, ist nicht klar, welchen Reis der Kunde automatisch auf seine Einkaufsliste setzen lassen will. Langkorn? Vollkorn? Bio? Und welche Marke? Mithilfe von Algorithmen ist es möglich, nach und nach auf die Vorlieben des Kunden einzugehen. Daran arbeiten wir momentan.

Katrin Tschannen während des Interviews mit CH Media.
Katrin Tschannen während des Interviews mit CH Media.

Was kochen Sie selbst gerne?
Ich habe siebenjährige Zwillinge zu Hause, deswegen kommen sehr häufig Gerichte wie Pizza und Hörnli mit Gehacktem auf den Tisch (lacht). Ich persönlich esse aber sehr gerne Thailändisch und Vietnamesisch.

Mütter oder Frauen im Allgemeinen sind in Führungspositionen noch immer eine Seltenheit. Lag Ihnen der Aufstieg in die Chefetage besonders am Herzen oder hat es sich einfach so ergeben?
Es lag mir sehr am Herzen. Vor einigen Jahren noch war das für mich kein Thema. Ich genoss eine gute Ausbildung an der ETH und hatte die gleichen Rechte und Chancen wie Männer. Irgendwann stellte ich aber fest, dass ich nur noch Männer über mir hatte. Da dachte ich, das kann nicht sein. Seither ist es mir ein grosses Anliegen, Teams auszugleichen. Auch in der gesamten Migros-Gruppe ist diesbezüglich ein extremer Wandel spürbar. Bis vor fünf Jahren war die Frauenförderung kein grosses Thema. Mit Ursula Nold hat die Migros jetzt sogar eine Präsidentin.

Nach dem ETH-Studium direkt zur Migros
Katrin Tschannen stieg nach dem Studium an der ETH (Betriebs- und Produktionswissenschaften) direkt beim Migros-Genossenschaftsbund ein. Unter anderem war sie sechs Jahre lang Bereichsleiterin bei Micasa. Bevor sie Chefin von Migros Online – ehemals Leshop – wurde, war sie in verschiedenen Positionen bei Digitec Galaxus tätig. Bei Migros Online führt sie inzwischen rund 700 Mitarbeiter. Durch den coronabedingten Onlineboom konnte der Shop um 40 Prozent wachsen und erzielte 2020 einen Umsatz von 226 Millionen Franken. Die 40-jährige Katrin Tschannen wohnt mit ihrem Mann und ihren 7-jährigen Zwillingen in Zürich.

Dann ist Ihnen die Entscheidung für den Job damals leichtgefallen?
Ganz und gar nicht. Mein Problem war, dass ich fast keine Vorbilder hatte – in meinem Umfeld gab es schlicht keine Chefinnen. Ich zweifelte, ob ich das kann und musste mich letztlich ziemlich überwinden. Dabei sagte ich mir aber: Wenn ich es nicht mache, wird die Situation ja auch nicht besser. Meine Wahrnehmung ist, dass sich Frauen häufiger hinterfragen als Männer. Sich einfach zu wagen, ist deshalb wahnsinnig wichtig. Ich habe das Glück, dass mich mein Mann zu Hause mit den Kindern unterstützt. Auch das müssen Frauen einfordern, falls dies nicht der Fall sein sollte.

Wie war der Start im vergangenen März für Sie? Zeitgleich mit dem Ausbruch der Pandemie?
Dass ich eine Frau bin, war überhaupt kein Thema. Wegen der Coronapandemie waren die ersten drei Monate unglaublich fordernd und spannend. Jeden Tag passierte etwas Unvorhergesehenes. Weil wir auf unseren Seiten plötzlich einen hundertfachen Traffic hatten, brachen diese zeitweise ein. Das waren definitiv stressige Momente. Alles in allem ist die Krise aber eine riesige Chance für uns. Denn der Onlinehandel mit Lebensmitteln ist in der Schweiz immer noch ein kleiner Teil des gesamten Food-Marktes. Vor Corona lagen wir bei 2 Prozent, jetzt sind es vielleicht 4 Prozent.

Welche Akzente setzten Sie in der Arbeitskultur? Konnten Sie dank der Krise starre Strukturen aufweichen?
Das war gar nicht notwendig. Leshop hatte immer noch einen Startup-Charakter. Alle Mitarbeiter sind per Du – das ist längst nicht überall in der Migros so. Ich war ausserdem erstaunt, wie offen die Leute gegenüber der Veränderung zu Migros Online waren, die für sie ja auch mit Unsicherheiten verbunden war. Denn viele arbeiteten schon jahrelang bei Leshop und identifizierten sich mit der Marke. Ihnen war aber auch klar, dass wir von der Marke Migros wahnsinnig profitieren können.

Leshop gehörte ja ebenfalls zur Migros-Gruppe. Was wurde für die Mitarbeitenden denn anders?
Leshop gehörte zwar zur Migros, war aber relativ selbständig, zum Beispiel was die Sortimentsgestaltung betrifft. Bei Leshop gab es deutlich mehr Markenartikel. Wir bauten also das Migros-Sortiment stark aus und tauschten 2000 Artikel aus. Jetzt haben wir ein Sortiment von einer mittelgrossen Migros-Filiale. Das sind 12'500 Produkte.

Welche Markenartikel haben sie gestrichen, welche behalten?
Behalten haben wir zum Beispiel Waschmittelsorten wie Persil. Auch Lindt-Schokolade und Emmi-Jogurts sind weiterhin im Sortiment. Gestrichen haben wir dafür etwa den Backwarenhersteller Pasqier und das Lebensmittelunternehmen Danone.

«Momentan planen wir ein neues Verteilzentrum in Regensdorf ZH. Mit diesem werden wir dreimal so viele Lieferkapazitäten wie heute haben.»

Gibt es Pläne, über Migros Online eines Tages weitere Artikel aus dem Migros-Imperium anzubieten? Turnschuhe von SportXX oder Gärtnerbedarf von Do it?
Momentan fokussieren wir uns auf die Digitalisierung des Supermarktes. Bei Non-Food-Artikeln setzt die Migros auf die Onlineshops ihrer Fachmärkte sowie Digitec Galaxus, die im zurückliegenden Jahr ja ebenfalls enorm gewachsen sind. Logistisch macht diese Trennung Sinn, denn Lebensmittel sind diesbezüglich viel anspruchsvoller. Wir arbeiten in unseren Lagern mit vier verschiedenen Kühlzonen: Tiefkühlprodukte (-20 Grad), Fleisch und Milchprodukte (+3), Früchte und Gemüse (+7) und Trockenprodukte (Zimmertemperatur).

Stichwort Transport und Nachhaltigkeit: Wie ökologisch ist der Lieferdienst?
Onlinebestellungen respektive Lieferungen sind nicht umweltbelastender, als wenn die Leute selbst in den Supermarkt gehen würden. Im Gegenteil, dank klugen Routenplaner-Softwares ist das Einkaufen über Migros Online sogar ökologischer.

Dafür braucht es mehr Verpackungsmaterial.
Gerade Eier und Joghurts brauchen zusätzliche Schutzverpackung, das stimmt. Über die ganze Ökobilanz gesehen, macht die Verpackung aber wenige Prozent aus. Die Herstellung des Produkts an sich sowie der Transport brauchen viel mehr Ressourcen. Daher ist es am wichtigsten, dass die Eier heil beim Kunden ankommen. Glücklicherweise haben wir relativ wenige Schäden. Das Verpackungsmaterial kann bei uns ausserdem zurückgegeben werden.

Die Migros lässt als einzige Detailhändlerin die letzte Meile, also das letzte Wegstück bis vor die Haustür des Kunden, von der Post erledigen. Warum baut die Migros keine eigene Logistik auf?
Das ist tatsächlich ein Thema. Wir sind sehr zufrieden mit der Kooperation mit der Post und können unser Angebot so der ganzen Schweiz zur Verfügung stellen. Je nach weiteren Lagerstandorten kann es aber sein, dass wir gewisse Haushalte selber beliefern werden. Momentan planen wir ein neues Verteilzentrum in Regensdorf ZH. Mit diesem werden wir dreimal so viele Lieferkapazitäten wie heute haben.

Wie kaufen sie eigentlich selber ein? Gehen Sie ab und zu noch in den Laden?
Relativ selten. Ich kaufe praktisch alles online ein und erledige alles was möglich ist über das Smartphone. Eine Ausnahme sind Kleider. Mit zwei kleinen Kindern und einem 90-Prozentjob müssen solche Alltagssachen einfach schnell gehen (lacht). Für sämtliche digitale Innovationen bin ich deshalb die ideale Zielperson.​

(bzbasel.ch)

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