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Puber Schriftzug in Wien, Bezirk Neubau

Dem vermeintlichen Puber wird heute der Prozess gemacht – dem Sprayer Tags einwandfrei zuzuordnen, dürfte für die Staatsanwaltschaft aber schwer werden.  Bild: watson/rar

Schweizer Sprayer in Österreich

Puber in Wien vor Gericht – doch wie viele Pubers gibt es wirklich?

Heute steht in Wien einer der bekanntesten Sprayer Zürichs – und seit letztem Jahr auch Wiens – vor Gericht. Doch viel wird die Staatsanwaltschaft Puber wohl nicht anlasten können. Wenig ist beweisbar. Nicht einmal, ob der Richtige auf der Anklagebank sitzt. 



Rafaela Roth, Wien

Heute muss sich der Zürcher Sprayer Renato S. alias Puber vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien im Falle von schwerer Sachbeschädigung mit einem Gesamtschaden von 50'000 Euro verantworten.

Der Angeklagte selbst bestreitet jegliche Schuld. Keinen der hundertfachen Schriftzüge, die in jedem Bezirk von Wien an Hauseingängen und Fassaden prangen, will er gesprayt haben.

Ist Puber tatsächlich Puber?

Vielleicht wird Pubers Verteidigungsstrategie am Ende sogar aufgehen. Szenekenner bezweifeln nämlich, ob da der tatsächliche Puber auf der Strafbank sitzt. «12-jährige Sprayer, die sich bei mir beklagten, von Puber verprügelt und beklaut worden zu sein, erkannten ihn in dem verhafteten Mann nicht wieder», sagte ein Szenekenner und Besitzer eines Sprayerladens gegenüber watson. Ein Foto, das Puber dem Magazin «Vice» Magazin exklusiv verkaufte, zeigte Renato S. bei seiner Verhaftung. «Doch der andere Puber sei blond gewesen, erklärten mir die Kinder», sagt der Szenekenner.

Für ihn deuten auch Unterschiede in der Schriftart sowie die unterschiedliche Gross- und Kleinschreibung des «e» darauf hin, dass in Wien mehrere Puber ihre Spuren hinterliessen  – oder waren es am Ende nur Nachahmungstäter? 

Klar ist, dass der 30-Jährige für mindestens einen seiner Tags gerade stehen muss: Am 30. August ertappte ihn ein Security auf frischer Tat beim versprayen eines Cafés. Renato S. zeigte damals seinen Ausweis her. Darauf schrieb er gemäss der österreichischen Tageszeitung «Die Presse» stolz: «Puber». 

Grafologisches Gutachten mit zweifelhaftem Wert

Alle anderen Schriftzüge – Tags und grössere Throw-ups – soll ihm ein grafologisches Gutachten nachweisen. Das dürfte sich aber als schwierig erweisen. «Viele Faktoren, die beim Schreiben auf Papier zählen, fallen beim Sprayen weg», sagt Pubers Verteidiger Phillip Bischof. Der Druck, der Winkel und der direkte Kontakt zwischen Schreiber und Untergrund seien massgeblich für den zweifelsfreien Nachweis eines Schriftzugs – alles Dinge, die beim Sprayen wegfallen würden. Pubers früherer Verteidiger Roland Friis schätzt sogar, dass ihm nur 10-13 der ingesamt 232 angeklagten Fakten tatsächlich nachgewiesen werden können. 

Die Staatsanwaltschaft fährt denn auch mit grossem Geschütz auf: 30 Privatbeteiligtenvertreter, darunter die Stadt Wien, und 40 Zeugen werden in den nächsten zwei Tagen vor das Gericht treten. Das Urteil wird am Donnerstag erwartet. Renato S. droht eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. 

Seit ungefähr eineinhalb Jahren sorgte der Zürcher Sprayer Renato S. in Wien für Unruhe bei den Hausverwaltern. Im März 2014 klickten schliesslich die Handschellen: Puber wurde in seiner Wohngemeinschaft im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus verhaftet, nachdem er über das Vordach fliehen wollte.

Der «Puber»-Tag ist in Wien omnipräsent. In jedem Bezirk der Stadt – an stattlichen Fassaden, in heruntergekommenen Hauseingängen, über Werken anderer Streetartisten – überall ist der Schriftzug von Puber zu lesen. Wie viele tatsächlich dem Schweizer Renato S. angelastet werden können, wird die grosse Frage dieses Prozesses in Wien sein.

Vor seinem Wien-Aufenthalt war der Zürcher auch in allen Schweizer Städten, vor allem aber in Zürich aktiv. 

Verpassen Sie nichts vom Puber-Prozess! Watson berichtet laufend für Sie aus Wien. 

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