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President Donald Trump addresses the nation from the White House on the ballistic missile strike that Iran launched against Iraqi air bases housing U.S. troops, Wednesday, Jan. 8, 2020, in Washington. (AP Photo/ Evan Vucci)
Donald Trump

Schlägt vorerst nicht zurück: Donald Trump. Bild: AP

Analyse

Donald Trump scheint die Botschaft aus dem Iran verstanden zu haben

Der Iran schreckte vor der ultimativen Eskalation zurück – die Botschaft scheint beim US-Präsidenten angekommen zu sein. Doch das Risiko bleibt gross.

Carsten Luther / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Donald Trump hat das Signal aus Teheran verstanden. Die wichtigste Botschaft des US-Präsidenten nach den iranischen Attacken im Irak war diese: «Die Vereinigten Staaten sind bereit, den Frieden anzunehmen mit allen, die danach streben.» Das nach all den Drohungen und Eskalationen der vergangenen Tage, die schon befürchten liessen, der nächste Schritt des US-Präsidenten könne der offene Krieg mit dem Iran sein – mit unkalkulierbaren Folgen für den Nahen Osten, ja die ganze Welt.

Trump erkannte in seiner Ansprache an, das Regime scheine sich zurückzunehmen, «was eine gute Sache für alle Beteiligten und eine sehr gute Sache für die Welt ist». Ja, er will das Land mit weiteren Sanktionen belegen, «bis der Iran sein Verhalten ändert». Und ja, er weist darauf hin, die amerikanischen Raketen seien gross, stark, präzise, tödlich und schnell – man bewerte weiterhin mögliche Reaktionen auf die Aggression des Irans, aber: «Die Tatsache, dass wir dieses grossartige Militär und die Ausrüstung haben, bedeutet allerdings nicht, dass wir es einsetzen müssen. Wir wollen es nicht einsetzen.»

Mehr als ein Dutzend Raketen hatte der Iran ins Ziel geschickt, zwei Standorte amerikanischer Truppen im Irak angegriffen. Schlimm genug, doch diese erste Rache der Revolutionsgarden für die Tötung des Generals Kassem Soleimani in Bagdad war im Grunde ein Zeichen der Entspannung im hochgefährlichen Konflikt mit den USA. Das iranische Regime spricht zwar von einem «Schlag ins Gesicht», von 80 getöteten «amerikanischen Terroristen», verteidigt den Angriff als «legitime Selbstverteidigung». Aber es war nicht der angedrohte «historische Albtraum», zumindest noch nicht. Vielleicht ist es das, was Trump in seiner ersten Twitter-Reaktion schreiben liess: «Alles ist gut!»

«Wir sind nicht auf eine Eskalation oder Krieg aus»

Natürlich ist nicht alles gut, auch wenn die iranischen Angaben zu den Opfern der Angriffe eine platte Propagandalüge für die eigene Bevölkerung sind. Das Regime hat seine militärischen Fähigkeiten demonstriert. Aber vorerst scheint die Lage besser zu sein als befürchtet. Aus dem Irak war zu hören, der Iran habe eine Warnung geschickt, bevor die Raketen ihren Weg nahmen. Womöglich gab es auch deshalb keine Toten, wenn auch die Überwachungsfähigkeiten der Amerikaner die grössere Rolle gespielt haben dürften.

US-Regierungskreise vermuteten jedoch sogar, der Iran könnte ganz bewusst US-Opfer vermieden haben. Vertreter des religiösen und politischen Oberhaupts des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, zitierte das Staatsfernsehen mit der Angabe, die Raketenangriffe seien das «schwächste» mehrerer Vergeltungsszenarien gewesen. Der iranische Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif schrieb auf Twitter, man habe verhältnismässige Massnahmen ergriffen – und abgeschlossen: «Wir sind nicht auf eine Eskalation oder Krieg aus, aber wir werden uns gegen jede Aggression verteidigen.»

Es war eine Botschaft der Mässigung vonseiten des Regimes, das mit der Vergeltung sein Gesicht wahrt, aber offenbar vor einer ultimativen Eskalation zurückschreckte. Und Trump hat begriffen, vielleicht, sicher ist das ja nie. Es wird ihm schwergefallen sein, er mag nicht schwach dastehen, schlägt am liebsten härter zurück als er getroffen wurde. Von seiner Drohung, als Reaktion auf eine Eskalation aus Teheran 52 Ziele im Iran anzugreifen, war allerdings an diesem Mittwoch nicht mehr die Rede.

Deutliche Worte fand Trump dennoch. Nie dürfe der Iran Atomwaffen besitzen, und die Zeiten, da sein zerstörerisches Verhalten toleriert wurde, seien vorbei – «unsere grossartigen amerikanischen Streitkräfte sind auf alles vorbereitet». Doch man muss nicht lange suchen, um das diplomatische Angebot aus der Ansprache herauszuhören. Der Präsident lud den Iran gleichsam zur Mitwirkung an einem neuen Abkommen ein, «das die Welt zu einem sichereren und friedlicheren Ort» machen würde und der Islamischen Republik erlaube, ihr enormes Potenzial zu nutzen: «Der Iran kann ein grossartiges Land sein.»

Das alte Atomabkommen, das den Terror aus Teheran mitfinanziert habe, sollten die verbliebenen Partner Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Russland und China endlich aufgeben. Die zivilisierte Welt müsse dem Regime mit einer klaren und gemeinsamen Botschaft gegenübertreten. Zugleich gebe es gemeinsame Interessen mit dem Iran, bei denen man zusammenarbeiten sollte, etwa im Kampf gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat».

«... wenn die Amerikaner erneut einen Fehler begehen»

Dennoch bleibt das Risiko gross. Der Konflikt ist zwar für einen Moment beruhigt, aber keineswegs gelöst. Chamenei hat deutlich gemacht, worum es dem Regime nun geht: Die USA müssten vollends aus der Region vertrieben werden. So mögen die Raketen in der Nacht die offizielle Reaktion aus Teheran auf den Tod Soleimanis gewesen sein, der Kampf gegen den grossen Feind wird weitergehen, womöglich nun wieder im Schatten, etwa stellvertretend geführt von schiitischen Milizen und ohne dass der Iran dafür die volle Verantwortung übernimmt.

Ebenso wenig ist auszuschliessen, dass die Islamische Republik darauf zielt, die Amerikaner in trügerischer Sicherheit zu wiegen, und die schwerwiegendere Antwort kommt erst noch. Anders als von der Regimespitze kamen von Milizen im Irak bereits Drohungen, dies sei nur die erste Phase der Rache gewesen. Ganz zu schweigen von den Versuchen des Irans, sich Atomwaffen zu verschaffen, die nachhaltig ausser Kontrolle zu geraten drohen.

Trump hat die Lage also erst einmal wieder im Griff. Doch wenn er nun voreilig glauben sollte, seine erratisch eskalierende Iran-Politik sei tatsächlich von Erfolg gekrönt, geht das ganz sicher an der Realität vorbei. Die Revolutionsgarden haben damit gedroht, 140 Ziele der USA und ihrer Verbündeten in der Region anzugreifen, «wenn die Amerikaner erneut einen Fehler begehen». Was leider unter diesem Präsidenten nicht so unwahrscheinlich ist. Soll ein Krieg vermieden werden, den ja beide Seiten nicht wollen können, gilt nach dieser Nacht in jedem Fall die Empfehlung: Ruhig bleiben jetzt!

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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71 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
MartinZH
08.01.2020 21:27registriert May 2019
Ich finde den Titel "Donald Trump scheint die Botschaft aus dem Iran verstanden zu haben", bzw. "Donald Trump hat verstanden – vorerst", nicht so passend zum Artikel.
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super_silv
08.01.2020 22:27registriert August 2014
Trump lenkt doch nur wieder von seinen etlichen Problemen ab.
Jetzt spricht niemand mehr vom Impeachment und seiner Unfähigkeit ein Land zu führen.
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Mari Huhn Ana
08.01.2020 21:57registriert June 2019
Wer glaubt die Sache sei damit unter den Teppich gekehrt, der wird sich noch wundern.
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