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epa08947723 An Indonesian healthcare worker injects a dose of the COVID-19 vaccine during a vaccination drive at a hospital in Medan, North Sumatra, Indonesia, 19 January 2021. Indonesia started the COVID-19 vaccination program for medical health workers and top government officials on 14 January, as a first step of the national vaccination drive.  EPA/DEDI SINUHAJI

Die Jungen zuerst: Eine Spitalmitarbeiterin wird in Medan, Indonesien, geimpft. Bild: keystone

Corona-Impfung zuerst für Junge – kann Indonesiens Weg funktionieren?

Wer bekommt zuerst den Schutz gegen Corona? Während die Schweiz und andere Länder zuerst die ältere Bevölkerung impfen, ist es in Indonesien genau umgekehrt. Das sei «nicht verrückt, nur anders», sagen Experten. Doch ein grosses Fragezeichen bleibt bei der Strategie.

Annika Leister / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Als Edith Kwoizalla am 26. Dezember in einem Pflegeheim in Sachsen-Anhalt die erste Corona-Impfung Deutschlands erhielt, war sie 101 Jahre alt. Margaret Keenan in Grossbritannien: 90 Jahre. Mauricette in Frankreich, die der Presse nur ihren Vornamen nannte: 78 Jahre alt. Araceli Hidalgo in Spanien: 96. Jos Hermans, dem die erste Impfung Belgiens gegeben wurde: 96 Jahre alt. Auch die erste Schweizerin war bei der Impfung 90 Jahre alt.

In Indonesien liess sich vor Kameras am 13. Januar die erste Impfung des Landes ausserhalb des Gesundheitsbereichs Präsident Joko Widodo setzen: 59 Jahre alt. Es folgten Führungskräfte aus Polizei, Militär und Medizin. Widodo schaffte es nur noch knapp in die von seiner Regierung priorisierte Impfgruppe – mit 60 wäre er schon zu alt gewesen. Denn im Gegensatz zu den europäischen Ländern impft Indonesien nicht zuerst die Älteren, sondern die 18- bis 59-Jährigen.

epa08938356 Health workers prepare for a COVID-19 vaccine drive at a vaccination center in Denpasar, Bali, Indonesia, 15 January 2021. Indonesia started the COVID-19 vaccination program for medical health workers and top government officials on 14 January, as a first step of the national vaccination drive.  EPA/MADE NAGI

Impfzentrum auf Bali. Bild: keystone

Auch Russland und China priorisieren Junge und Arbeiter 

Indonesien geht diesen Weg nicht alleine, auch China und Russland haben ihn bereits eingeschlagen. Sie folgen einer grundlegend anderen Impfstrategie: Sie schützen neben dem medizinischen Personal nicht die Altersgruppen zuerst, bei denen das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs besonders hoch ist. Sondern jene, die besonders viele Kontakte haben und so Gefahr laufen, das Virus besonders weit zu verbreiten. Wer die Generation der Superspreader daran hindert, Infektionen weiterzugeben, so die Logik, der erstickt die Ausbreitung und schützt indirekt auch die Alten. 

Video: Indonesiens Präsident wird geimpft

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Video: YouTube/CNA

Alle drei Länder begründen die Strategie offiziell auch damit, dass die ihnen zur Verfügung stehenden Impfstoffe nur für die jüngere Altersgruppe bis 60 getestet seien. Indonesien stellt keine eigenen Impfstoffe her, sondern bezieht Sinovac aus China. China produziert mehrere Impfstoffe, Russland hat mit Sputnik in Hochgeschwindigkeit ebenfalls einen eigenen entwickelt, gegen den die Bevölkerung allerdings einiges Misstrauen zu hegen scheint. Beim Umsetzen der Impfstrategie stellten sich zuallererst die Ärzte im Land quer und tauchten, obwohl als erste aufgefordert, häufig nicht zur Impfung auf. 

«Vakzine haben Personen wie mich noch nicht erreicht.»

Wladimir Putin auf die Frage, weshalb er sich noch kein Sputnik V geimpft hat

Putin über Sputnik V:

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Video: YouTube/NBC News

Für Sputniks Akzeptanz in der breiten Bevölkerung warb Wladimir Putin auf seiner jährlichen Pressekonferenz Mitte Dezember. Ob er selbst denn bereits geimpft sei? Nein, antwortete der 68-Jährige. Die Impfstoffe, die zurzeit an die Bevölkerung gingen, seien vorgesehen und vorgeschrieben für eine bestimmte Altersgruppe. Er sei eine «sehr rechtstreue Person», so Putin, und höre auf die Experten. «Vakzine haben Personen wie mich noch nicht erreicht.»

Fehlende Vakzin-Tests für Ältere angeblich ein Hauptgrund

Auch die Regierung in Indonesien argumentiert, beim chinesischen Impfstoff lägen Testergebnisse für die ältesten Bevölkerungsgruppen noch nicht vor. Sie führt aber auch andere Gründe ins Feld. Professor Amin Soebrandio, der das «Junge und Arbeitende zuerst»-Programm mitentwickelt hat, sagte BBC Indonesia: Langfristiges Ziel sei das Erreichen von Herdenimmunität – oder die Ausbreitung des Virus zumindest so signifikant zu senken, dass man «die Wirtschaft wieder ins Laufen bringen» könne.

Gesundheitsminister Budi Gunadi Sadikin betonte hingegen, dass es nicht um Wirtschaft gehe, sondern darum, jene «zu schützen und zuerst zu adressieren, die das Virus mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommen und verbreiten». Die arbeitenden Mitglieder eines Haushalts zu immunisieren bedeute, dass sie das Virus nicht in ihr Zuhause und zu ihren älteren Verwandten tragen könnten. 

Indonesiens Altersstruktur (2016)

Bild

Quelle: Wikipedia

Indonesien liegt mit rund 270 Millionen Einwohnern hinter China, Indien und den USA auf Platz vier der bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Ein grosser Teil der Menschen arbeitet im informellen Sektor, wo Homeoffice keine Option ist. Im Jahr 2019 waren rund 26 Prozent der Bevölkerung zwischen 0 und 14 Jahre alt, rund 68 Prozent zwischen 15 und 64 Jahren und 6 Prozent 65 Jahre und älter. Das Durchschnittsalter beträgt 29.7 Jahre. 

Stellt man in Indonesien Wirtschaft über Infektionsschutz? 

Widodos Regierung steht wegen Intransparenz und zu laschem Krisenmanagement zu Anfang der Corona-Krise in der Kritik. Öffentlich angezweifelt wird zum Beispiel der erste von der Regierung bestätigte Corona-Fall – Indonesiens Nachbarländer hatten zu diesem Zeitpunkt schon lange Fälle gemeldet und erste Massnahmen ergriffen.

Die neue Impfstrategie wird jetzt international diskutiert: Stellt man beim Impfen Wirtschaft über Infektionsschutz? Oder taugt Indonesiens Impfstrategie tatsächlich, um Leben zu retten? 

Mit Blick auf die Einwohner- und Kontaktzahlen des Landes mache auch Indonesiens Weg «eine Menge Sinn»

Daniel Larremore, Computerbiologe und Professor an der Universität of Colorado Boulder

Die Impfungen haben weltweit erst vor wenigen Wochen begonnen, die Pläne zur Priorisierung in den Ländern sind nur wenig älter. Die Faktoren, die Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg einer Impfstrategie haben, sind zahlreich, variieren von Staat zu Staat, ihre Berechnung ist hochkomplex. Und das Thema ist vermintes Gebiet: Jede Aussage, jede Prognose zur Strategie anderer Länder von offizieller Stelle ist auch Politik.

Das deutsche Robert Koch-Institut (RKI), bei dem die Ständige Impfkommission (Stiko) angegliedert ist, will Einschätzungen zur Impfstrategie, die Junge und Arbeitende priorisiert, auf Anfrage von t-online ebenso wenig geben wie das Paul-Ehrlich-Institut, das für Impfstoffe zuständige Bundesinstitut. Das RKI verweist auf die Impfempfehlung der Stiko für Deutschland, die als vorrangiges Impfziel die Verhinderung von Todesfällen definiert und die Hauptrisikogruppe über 80 Jahren am höchsten priorisiert.

Daniel Larremore ist Computerbiologe, Professor an der Universität of Colorado Boulder und forscht an der Harvard TH Chan School of Public Health. Sein Fachgebiet, das Berechnen komplizierter chemischer, biologischer und sozialer Prozesse, ist in der Corona-Krise ein gefragtes Feld. Mit einem internationalen Team, koordiniert massgeblich von seiner Studentin Kate Bubar, hat Larremore in den vergangenen Monaten mehrere Studien veröffentlicht, die international diskutiert wurden, auch in Deutschland, unter anderem von Charité-Virologe Christian Drosten .

Nach Schnelltests und Geruchstests hat sein Team sich in der jüngsten Studie, die an diesem Donnerstag im renommierten «Science»-Magazin publiziert wurde , dem Thema Impfstrategien gewidmet und Modellrechnungen zu unterschiedlichen Szenarien in verschiedenen Ländern angestellt.

Larremore: «Der Weg ist anders, aber nicht verrückt»

«Ich vergleiche es gerne mit einem Rennen», sagt Daniel Larremore in einem Videotelefonat mit t-online. Virus und Impfstoff hätten dasselbe Ziel, wenn auch gesteuert und beeinflusst von unterschiedlichen Faktoren: jede verfügbare Person zu erreichen. «Die Frage ist: Wer schafft es zuerst?»

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Daniel Larremore. Bild: University of Colorado Boulder

Der deutsche wie der indonesische Weg seien unter bestimmten Umständen sinnvoll, um Todesfälle erfolgreich zu verhindern, sagt Larremore. Mit Blick auf die Einwohner- und Kontaktzahlen des Landes mache auch Indonesiens Weg «eine Menge Sinn» – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt und gehalten würden. «Er ist anders, aber er ist nicht verrückt.»

In der überwiegenden Zahl der Länder, die Larremore und sein Team untersucht haben, sei über die meisten Szenarien hinweg der beste Ansatz gewesen, «jene direkt zu schützen, die am verletzlichsten sind» – also die Älteren. Das gelte zum Beispiel für Deutschland, Grossbritannien und die USA. Gründe dafür: Der Anteil der älteren Bevölkerung sei in diesen Ländern relativ gross, die Kontaktanzahl zwischen den einzelnen Altersgruppen niedrig. 

«Deutschland ist hier zum Beispiel sehr wohl sortiert», sagt Larremore und lacht. «Die Menschen eines bestimmten Alters hängen mit Menschen ab, die maximal fünf Jahre älter oder jünger sind als sie selbst – oder mit ihren Kindern.» Wer hier die Alten gut und schnell durchimpfe, könne diese Gruppe rasch und gut schützen.

Erfolg nur unter zahlreichen Voraussetzungen

Etwas anders sehen die Ergebnisse für Indonesien aus: Das Inselarchipel sei eines der wenigen Länder, in denen die Junge-zuerst-Strategie Aussichten darauf habe, mehr Tote auch bei den Alten zu verhindern. «Wenn sie das Virus unterdrücken können, den R-Wert unter 1.1 halten, den Impfstoff schnell verbreiten und genug Impfstoff für 25 Prozent der Bevölkerung oder mehr haben, dann ist die Strategie, Menschen zwischen 20 und 50 zuerst zu impfen, sehr konkurrenzfähig und in einigen Fällen sogar leicht aussichtsreicher, als die Älteren zuerst zu impfen», sagt Larremore mit Blick auf die Berechnungen für seine Studie.

Das liege unter anderem an dem niedrigen Durchschnittsalter der Bevölkerung und an der sehr viel höheren Anzahl von Kontakten zwischen unterschiedlichen Altersgruppen in Indonesien.

Neben der Verfügbarkeit des Impfstoffs und der Schnelligkeit, mit der er in der breiten Bevölkerung verimpft wird, sei bei der Junge-zuerst-Strategie vor allem der Reproduktionsfaktor relevant. Er gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt und müsse für ein bestmögliches Ergebnis, also eine möglichst niedrige Sterberate, niedrig gehalten werden, während die Impfstrategie laufe. «Nur, wenn es gelingt, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, zum Beispiel durch Massnahmen wie eine Maskenpflicht oder Lockdowns, während man zugleich den Impfstoff rasch verbreitet, kann die Strategie aufgehen», so Larremore.   

Schon am R-Wert könnte Indonesien scheitern: Laut der Homepage «Epiforecasts», die von einem Team der London School of Hygiene and Tropical Medicine betrieben wird, verzeichnete Indonesien mit Stand 20. Januar einen R-Wert von 1.1 – und steht damit genau auf der kritischen Marke, ab der Larremore auch einem Land mit einer Alters- und Kontaktstruktur wie Indonesien empfiehlt, sofort zur gezielten und raschen Impfung der Alten zu wechseln.

An diesem Donnerstag meldete Indonesien ausserdem 346 Tote, ein neuer Negativrekord seit Pandemiebeginn. 27'203 Menschen sind bisher jüngsten Regierungsangaben zufolge nach einer Corona-Infektion gestorben. Rund 150'000 Infizierte sind derzeit in Behandlung oder stehen unter Quarantäne.

Bild

Quelle: Worldometer

Ob Impfstoffe Ansteckung verhindern, ist noch unklar

Und ein grosses «Wenn» könnte den Ansatz von Anfang an zu Misserfolg verdammen: Die zurzeit zugelassenen Covid-19 -Impfstoffe schützen nachweisbar davor, schwer zu erkranken – ob sie auch verhindern können, dass der Geimpfte das Virus trägt und weitergibt, ist aber noch unklar. Genau darauf aber setzt die Junge-zuerst-Strategie der indonesischen Regierung mit voller Kraft. Bricht dieses Herzstück weg, hat man Millionen von wertvollen Impfungen an Bevölkerungsgruppen vergeben, die zum grossen Teil ohnehin nicht schwer erkranken.

«Ich wäre überrascht, wenn die Impfstoffe keinen Ansteckungen blockenden Effekt hätten», sagt Daniel Larremore. «Aber es könnten zehn Prozent sein, es könnten 90 sein. Wir wissen es noch nicht.»

Verwendete Quellen:

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So wird in Luzern geimpft

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quelle: keystone / urs flueeler
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Nach diesem Video verstehst auch du, wie Covid-Impfungen funktionieren

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