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Refugees and migrants wearing masks to prevent the spread of the coronavirus, wait to get on a bus after their arrival at the port of Piraeus, near Athens on Monday, May 4, 2020. Greek authorities are moving 400 migrants, mostly families, to the mainland to help ease overcrowded conditions at the camp Moria in Lesbos island. (AP Photo/Petros Giannakouris)

Flüchtlinge und Migranten am Hafen von Piräus tragen Masken. Bild: AP

Mehr und längere Konflikte, ohnmächtige Länder: Es gibt so viele Flüchtlinge wie nie zuvor



Wie viele Flüchtlinge weltweit gibt es?

Die Zahl der Menschen auf der Flucht steigt weltweit immer weiter. Ende vergangenen Jahres war rund ein Prozent der Weltbevölkerung wegen Kriegen, Gewalt, Konflikten oder Angst vor Verfolgung aus ihrer Heimat vertrieben. Insgesamt waren 79.5 Millionen Menschen auf der Flucht, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Donnerstag in seinem Bericht zum Weltflüchtlingstag (20. Juni) mitteilte. Das waren fast so viele Menschen wie Deutschland Einwohner hat (83.2 Millionen). Die Coronakrise und damit verbundene Armut betroffener Bevölkerungen dürfte die Flucht Richtung Europa verstärken, sagte UNHCR-Chef Filippo Grandi in Genf.

Die Zahl war ein neuer Rekord in der fast 70-jährigen Geschichte des UNHCR. Sie hat sich zwischen 2010 mit gut 40 Millionen und 2019 fast verdoppelt. Der neue Anstieg ist mit fast neun Millionen oder gut zwölf Prozent rasant. Das liegt aber auch daran, dass das UNHCR Venezolaner im Ausland erstmals in einer neuen Kategorie zählte.

Was sind die Ursachen für Flucht?

Grandi sieht vor allem die Arbeitsplatzverluste durch die Corona-Krise als Treiber weiterer Flucht und Migration: «Ich habe keinen Zweifel, dass die wachsende Armut und der Mangel an Lösungen sowie die Fortsetzung von Konflikten zu mehr Bevölkerungsbewegungen führen wird, in den Regionen und darüber hinaus, nach Europa etwa.»

***EMBARGO UNTIL 18 JUNE 2020 AT 5:00 A.M. GMT*** Italian Filippo Grandi, UN High Commissioner for Refugees, informs to the media about UNHCRÕs Annual Global Trends Report on Forced Displacement, during press conference, at the European headquarters of the United Nations in Geneva, Switzerland, Tuesday, June 16, 2020. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

UNHCR-Chef Filippo Grandi. Bild: keystone

Schuld am Mangel von Lösungen seien auch Länder, die eigene Interessen in Konfliktgebieten verfolgten und Konfliktlösungen behinderten. Während in den 90er Jahren im Durchschnitt jedes Jahr 1.5 Millionen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehrten, waren es in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt weniger als 400'000 im Jahr.

«Das ist ein Anzeichen für die Hartnäckigkeit von Konflikten, für neue Konflikte, und die Lähmung der internationalen Gemeinschaft», sagte Grandi. Dazu zähle der Weltsicherheitsrat, der nicht in der Lage sei, Konflikte zu lösen und Bedingungen zu schaffen, damit Flüchtlinge heimkehren könnten. Das UNHCR könne sich nur um die humanitären Folgen von Konflikten kümmern und bei der Rückkehr von Flüchtlingen helfen, wenn die Bedingungen dafür geschaffen seien.

Spezialfall Venezuela

Das UNHCR hat erstmals Venezolaner, die vor der Misere im eigenen Land geflohen sind, in einer eigenen Kategorie gezählt. Die 3.6 Millionen Venezolaner, die seit 2015 überwiegend in Nachbarländer flüchteten, haben zwar grösstenteils keinen Flüchtlingsstatus beantragt. Sie brauchen aber nach UNHCR-Angaben trotzdem Schutz und dürften zum Beispiel nicht abgeschoben werden.

epa07777088 A general view of people at the refugee camp Rondon 3 in Boa Vista, Brazil, that United Nations High Commissioner for Refugees, Filippo Grandi, has visited to get a view of the situation of Venezuelan migrants in the area, 16 August 2019, issued 17 August 2019. The Office of the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) has carried out an active participation in the so-called 'Reception Operation' aimed for the 100,000 Venezuelan migrants, according to the Brazilian Government, that have fled their country due to the economical and social crisis.  EPA/Gildo Junior

Venezolanische Flüchtlinge in einem Camp in Boa Vista, Brasilien. Bild: EPA

Wo befinden sich die 79 Millionen Flüchtlinge?

Aber auch ohne die Venezolaner waren mehr Menschen auf der Flucht als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Flüchtlinge ausserhalb des eigenen Landes blieb mit 26 Millionen zwar praktisch konstant. Aber die Zahl der im eigenen Land Vertriebenen stieg von 41.3 Millionen Ende 2018 auf 45.7 Millionen. Auch die Zahl der Asylsuchenden stieg, von 3.5 auf 4.2 Millionen. Weil darunter auch Migranten sind, die letztlich nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, listet das UNHCR sie gesondert auf.

This April 19, 2020 photo shows a large refugee camp on the Syrian side of the border with Turkey, near the town of Atma, in Idlib province, Syria. The rapid spread of the coronavirus has raised fears about the world’s refugees and internally displaced people, many of whom live in poor or war-ravaged countries that are ill-equipped to test for the virus or contain a possible outbreak. (AP Photo/Ghaith Alsayed)

Ein Flüchtlingslager in der Türkei. Bild: AP

Dreiviertel der Flüchtlinge leben Ende 2019 in der Nähe ihrer Heimat. In Europa waren weniger als zehn Prozent derjenigen, die ins Ausland geflohen waren. Mit 1.1 Millionen Flüchtlingen war Deutschland nach der Türkei, Kolumbien, Pakistan und Uganda das fünftwichtigste Aufnahmeland. Hinzu kamen in Deutschland nach der UNHCR-Statistik gut 309'000 Asylsuchende, über deren Status noch nicht entschieden war.

Die Corona-Krise habe aber auch internationale Solidarität gezeigt, sagte Grandi. Aufnahmeländer hätten Flüchtlinge grösstenteils in ihre Gesundheitsversorgung einbezogen. Spendenaufrufe seien erfolgreich gewesen. Das UNHCR habe von Unternehmen und Einzelpersonen in diesem Jahr schon 15 Prozent mehr Geld und Sachspenden erhalten als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr, sagte Grandi. Die jüngste Spendenkampagne zum muslimischen Fastenmonat Ramadan habe acht Millionen Dollar zusammengebracht, 250 Prozent mehr als 2019. (sda/dpa)

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Borki 18.06.2020 09:14
    Highlight Highlight Arme Länder, die viele Flüchtlinge aufnehmen, sollten von uns reichen Ländern viel grosszügiger unterstützt werden.

    Eine Art Ablasshandel? Kann man meinetwegen so interpretieren. Aber solange es das Leben von tausenden Menschen erträglicher machen würde, wäre das in Ordnung.
  • Dr no 18.06.2020 08:30
    Highlight Highlight Solange das Bevölkerungswachstum weiter explodiert wird sich daran auch nichts ändern, bzw. die Zahlen werden weiter steigen.
  • BlauerPulli 18.06.2020 08:30
    Highlight Highlight So schlimm es auch klingen mag, Europa kann nicht alle retten. Wenn wir jeden ohne wenn und aber aufnehmen, dann sind wir in einem Jahrzent genauso kaputt wie die Länder von wo geflüchtet wird (siehe Frankreich mit ihren Bandenkriegen). Anstatt den Leuten Schutz zu gewähren, muss geschaut werden, dass die Leute in ihrem Heimatland akzeptable Lebensgrundlagen haben und keine Diktatoren gefördert werden für wirtschaftliche Interessen.
    • Martinus72 18.06.2020 14:33
      Highlight Highlight Solange etliche Staaten Waffen an Diktatoren liefern und sich dann über Flüchtlinge beklagen, wird sich gar nichts ändern.
    • Gunther 19.06.2020 14:40
      Highlight Highlight Gäbe es keine Kriege und auch nicht so viele korrupte Politiker / Diktatoren wären viele Probleme der Welt (vor allen in Afrika) gelöst. Leider ist es aber nicht so & die Probleme der Anderen können nicht allein in Europa gelöst werden. Ausser Europa & die USA würde denen nicht immer wieder finanziell usw. helfen. Oder was denkt ihr?
  • Antichrist 18.06.2020 08:06
    Highlight Highlight Man sollte endlich eine länderübergreifende Organisation ins Leben rufen, die Länder verurteilen und Masssnahmen aussprechen kann, wenn sie Krieg führen oder ihre Bevölkerung unterdrückt. Die Flüchtlinge auf der Welt umverteilen ist keine Lösung, es gibt zu viele davon.
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 18.06.2020 08:51
      Highlight Highlight Oder der Schweiz das heuchlerische Verhalten verbieten und sie dafür abstrafen, denn sie macht da ja mit. Sie verdient ja vorgängig auf mehreren Wegen massiv daran, die Ruag ist da nur der offensichtlichste davon. Und damit die Schweiz sagen kann, man habe damit nichts zu tun, will man diesen Teil der Ruag ja pseudoprivatisieren.

      Beispiel Eritrea: Dort sind massgeblich GB/FR/IT an der Situation schuld. Sowie die kanadische Goldcorp, die wiederum dem US-amerikanischen Newmont ,und die zu 20% Vanguard/Blackrock gehören, die dort Gold/Kuper/Zinn abbauen. Das Volk hat davon aber überhaupt nichts.
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 18.06.2020 08:59
      Highlight Highlight Zu deinem Vorschlag: Verurteilen können nur Gerichte. Organisationen können bestenfalls anklagen, wenn sie denn genügend Geld haben. Trump wird da bestimmt nichts beisteuern wollen.

      Wer keine Flüchtlinge will, soll aufhören, deren Heimat auszubeuten und selbst im ergaunerten Wohlstand zu versiffen. Du kannst da ein kleines Zeichen setzen, indem du der Konzernverantwortungsinitiative deine ausdrückliche JA-Stimme gibst. Es wird im Falle einer Annahme nichts verändern, aber die Medien werden in vielen Ländern berichten, dass die CH-Mehrheit mit dem ergaunerten Wohlstand nicht einverstanden ist.
    • Firefly 18.06.2020 09:12
      Highlight Highlight Wer ist man? und Wie organisiert man etwas bei dem nie meisten nicht mitmachen wollen?

      Man hat es ja mit der UNO und dem internationalen Strafgerichtshof versucht. Solange aber die Menschen Putins, Erdogans, Trumps, Assads, Xis und so weiter an die Macht wählen, die sich weigern internationales Recht in irgend einer Weise anzuerkennen, sehe ich schwarz.
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