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Jonas Deichmann 360 degree Triathlon

Unterwegs kurz vor Samara in Russland. Erst der Matsch, dann der Schnee und zum Schluss auch noch eisiger Gegenwind. bild: jonas Deichmann

Interview

Er reist trotz Corona um die Welt – und zwar schwimmend, Velo fahrend und als Forrest Gump

Schwimmend durch die Adria, mit dem Velo durch Sibirien und als Forrest Gump durch die USA – Jonas Deichmann absolviert gerade den längsten Triathlon der Welt und will so einmal um den Planeten – trotz Corona.



Jonas Deichmann ist gerade irgendwo im eisig kalten Sibirien unterwegs Richtung Wladiwostok. Mit dem Velo. Bei Minusgraden. Danach will er mit dem Schiff über den Pazifik und durch die USA joggen, weiter nach Lissabon und mit dem Velo zurück nach München. Dort startete er am 26. September kurz vor der zweiten Corona-Welle zu seinem «Triathlon 360 Degree» und radelte an die Adria, wo er in 54 Tagen rund 450 Kilometer der Küste entlang bis Dubrovnik schwamm. Ohne Unterstützung, versteht sich.

Was Deichmann selbst einigermassen schlicht «Triathlon 360 Degree» nennt, ist eine der wohl ungewöhnlichsten Weltumrundungen in den letzten Jahren – und dies zu einer der ungewöhnlichsten Zeiten, weil «Reisen» aktuell ja eigentlich gar nicht richtig geht. Wir haben mit dem im Schweizer Naturpark Thal wohnhaften Deutschen über seine Motivation und die (vielen Probleme) unterwegs gesprochen.

Die ursprünglich geplante Strecke von Deichmann:

Jonas Deichmann 360 degree Triathlon

Die Route im Osten musste Deichmann ab der Türkei anpassen und fährt jetzt durch Russland.

Jonas Deichmann, ich verfolge deinen Triathlon um die Welt seit Beginn. Aber als ich vor ein paar Tagen dieses Video im Schneesturm sah, dachte ich: Jetzt muss ich mal mit dem reden.
Jonas Deichmann:
(lacht) Ja, das war eine Extremsituation.

Was geht dir in so einer Situation durch den Kopf?
Ich bin mir der Lage bewusst. Das ist nicht ungefährlich. Zum einen, dass ich auskühle, zum anderen der Verkehr und dass ich nicht gesehen werde.

Gut, da sind wir uns ja einig. Ich würde in dieser Situation vorschlagen: Absteigen. Autostopp machen. Heim gehen. Drei Tage in die heisse Badewanne. So ungefähr.
Ich bin in so Situationen total rational und frage mich: Was macht Sinn? Durchfahren oder anhalten? Die Kleidung war durchnässt, weil ich zuvor im Matsch in eine Pfütze fiel. Also schaute ich auf die Karte und entdeckte das nächste Hotel in 30 Kilometern Entfernung. Das war meine Option. Ich konzentrierte mich voll auf diese Aufgabe und kam an.

Jonas Deichmann

Der 33-jährige Extremsportler ist seit vier Jahren wenn immer möglich irgendwo auf der Welt unterwegs (meist auf zwei Rädern). Der gebürtige Deutsche lebt zwischen seinen Reisen seit ein paar Jahren in der Schweiz im solothurnischen Naturpark Thal.

Deichmann hält aktuell sechs Extrem-Weltrekorde, beispielsweise radelte er in 72 Tagen vom Nordkap nach Kapstadt oder in 97 Tagen von Alaska nach Feuerland.

Im Rahmen seines aktuellen Projekts schwamm Deichmann innert 54 Tagen 450 Kilometer weit vor der Adriaküste – Rekord für die längste Schwimmstrecke ohne Begleitboot.

Hier geht es zu seiner Website. Den aktuellen Fortschritt seines Triathlons ums die Welt siehst du hier beim Tracking. Immer wieder Bilder von unterwegs gibt es auf Instagram, Videos von seiner Tour gibt es auf Youtube.

Wie bist du eigentlich in die Situation geraten?
Der Tag war schon brutal. Die ersten 50 Kilometer war ich auf einer unbefestigten Strasse unterwegs, die mit Schnee, Eis und Matsch überzogen war. Kaum war ich zurück auf der Teerstrasse, kam dieser Schneeblizzard.

Man weiss grad nicht, was jetzt schlimmer ist: Schnee oder einfach nur Matsch?

Wie verliefen die folgenden Tage?
Am nächsten Tag erwischte ich eiskalten Nordwind, direkt von vorne. Die letzten Tage waren extrem hart. Aber jetzt habe ich den gefährlichen Teil Russlands hinter mir.

Naja, wenn ich auf deinem Livetracking schaue, bist du gerade an Samara vorbei, bald erreichst du Sibirien. Und da kommt der Frühling noch nicht gerade wie bei uns.
Mit gefährlich meine ich vor allem den Verkehr. Die Lastwagen nehmen da kaum Rücksicht und du musst immer schauen, dass du nicht überfahren wirst. In Sibirien wird nicht nur die Landschaft besser, sondern auch der Verkehr. Aber ja, es wird kalt bleiben.

Wie kalt ungefähr?
Nun, ich habe mich beim Training auf Minus 40 Grad eingestellt, das konnte ich in einer Kältekammer trainieren. Jetzt dürfte die Temperatur auf «nur» Minus 20 Grad sinken, weil ich später dran bin als erwartet. Das geht dann schon und ich kann's positiv sehen: 20 Grad wärmer als erwartet.

Auf den Grund deiner Verspätung kommen wir später zurück. Aber sei doch mal ehrlich: Bei Minus 20 Grad macht es doch schon am Morgen keinen Spass, sich überhaupt aufs Velo zu setzen und zu wissen: Die nächsten Tage ist das jetzt immer so und irgendwann nach knapp 8000 Kilometern komme ich dann in Wladiwostok an.
Wladiwostok ist das grosse Bild, das ich mir immer wieder vorstelle, wie ich dort ankomme. Und die ganze Zeit über ist's ja nicht so kalt. Der Frühling kommt dann auch in Sibirien, die Tage werden länger und es wird wärmer. Aber ja, aktuell gilt es, die Strecke in kleine Ziele aufzubrechen. Ich denke nur an das nächste Restaurant, den nächsten Laden.

Was ist denn so dein Tagesziel, hast du da einen genauen Plan?
Einen Plan zu machen wie «Heute lege ich 200 Kilometer zurück», ist völlig utopisch. Ich kann auf Strassenverhältnisse treffen, wo ich höchsten 15 km/h fahren kann. Meinen Plan richte ich nach Verpflegungsmöglichkeiten. Ich bin ja ohne Hilfe unterwegs und nehme darum auch nur wenig Essen mit. Ich schaue jeweils, wo es auf den nächsten 100 Kilometern Möglichkeiten zur Essensbeschaffung gibt, dann fahre ich da hin und nach der Mittagspause schaue ich, was dann noch drin liegt bis am Abend.​

Und dann suchst du dir ein Hotel?
Normalerweise schlafe ich im Zelt, welches ich immer dabei habe. Der Hauptgrund, warum ich auch mal in Hotels übernachte, ist, dass meine Sachen manchmal total durchnässt sind und sich sonst nicht trocknen lassen.

Kurz vor dem Ural-Gebirge: Kuschelige Minus 10 Grad zum Aufwachen.

Warum hast du eigentlich geplant, im Spätwinter durch Sibirien zu radeln?
Das war nicht so geplant. Ursprünglich wollte ich weiter südlich Richtung Pazifik. Also durch die Türkei, den Iran, Pakistan, Indien und China. Aber die Coronasituation hat alles total erschwert. So musste ich in der Türkei beispielsweise zwei Monate auf ein Visum für Russland warten.

Corona ist ein gutes Stichwort. Warum machst du so ein Projekt um die ganze Welt in einer Zeit, in der man eigentlich nicht reisen sollte oder kann?
Ich hatte das lange geplant, im Spätsommer 2020 musste ich irgendwann entscheiden, ob ich es durchziehe oder nicht. Die zweite Welle war damals noch nicht da und man wusste nicht genau, in welche Richtung sich alles entwickelt. Da habe ich den Entschluss gefasst.

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Das aktuellste von bisher vier Video-Tagebüchern der Reise. Video: YouTube/Jonas Deichmann

Die zweite Welle kam und die Grenzen gingen überall zu.
Genau. Da musste ich umplanen. Plan A war: Die erwähnte Südroute über den Iran. Aber da hätte ich so viele Visa gebraucht und mit der Corona-Situation war alles völlig offen, ob das geht. Da machte ich Plan B: durch Russland. So brauchte ich nur ein Visum bis an den Pazifik. Als dieses dann aber lange nicht erhältlich war, überlegte ich Plan C: Umdrehen, das Ganze in die andere Richtung machen und hoffen, dass die Situation sich bessert, bis ich von Westen her Russland erreiche.

Ich hätte noch einen Plan D: Aufgeben.
(lacht) Aufgeben ist keine Option. Es geht immer irgendwie weiter.

Du hattest Glück und Plan B ging dann doch auf. Wie hast du das Visum erhalten?
Das dauerte zwei Monate und ich erhielt die Einreisebewilligung nur, weil ich mit dem russischen Triathlonverband in Kontakt war und ein Sportvisum erhielt. In Russland gibt es eine Liste, die täglich verschickt wird und rund 100 Personen umfasst. Wer da nicht drauf ist, kommt nicht rein. Nachdem ich das Visum erhalten hatte, wurde ich an der Grenze erst trotzdem abgelehnt, weil ich nicht auf der Liste stand. Ich musste zurück, telefonierte nochmals, am nächsten Tag fuhr ich wieder zur Grenze: Jetzt stand mein Name als letzter auf der Liste. Der Weg zum Pazifik war frei.

Bis Wladiwostok klappt's jetzt wohl. Aber dann musst du über den Pazifik und willst durch die USA joggen. Wer weiss, ob die dich da reinlassen?
Über den Pazifik fährt immer ein Schiff, da habe ich keine Bedenken. Und ja, wenn ich nicht in die USA komme, dann halt nach Mexiko. Oder von Peru nach Brasilien oder auch durch Kanada. Das muss ich dann schauen, wenn ich dort bin.

Ein Film ist geplant

Deichmann plant, sein Abenteuer mit einem Film aufzuarbeiten. Das Geld für den Dok-Film sammelte er via Startnext.com. Über 25'000 Euro hat er dafür gesammelt. Geplant ist der Film für den Frühling 2022. Hier gibt es schon mal eine ähnliche Dok Deichmanns für die 23'000-Kilometer-Rekordfahrt auf der Panamerica.

Wieso willst du eigentlich durch die USA joggen?
Forrest Gump war mein Lieblingsfilm und ich sagte mir: So was will ich auch mal machen. Auf diese Laufstrecke freue ich mich am meisten.

Und wie kamst du auf die Idee mit den 450 Kilometern Schwimmen entlang von Kroatiens Küste?
Ich suchte für die Weltumrundung eine neue Herausforderung, etwas, das noch keiner vorher gemacht hat. Zudem wollte ich aus meiner Komfortzone, in welcher ich als Radfahrer bin. Ich bin weder Läufer noch Schwimmer. Dann hörte ich von dem Typen, der den längsten Triathlon rund um Grossbritannien absolvierte und wollte schauen, ob ich das um die Welt hinkriege.

Wie lief das ab mit der Schwimmstrecke?
Eigentlich wollte ich das im Sommer machen. Aber das wäre ohne Begleitboot zu gefährlich mit dem vielen Schiffsverkehr. Darum legte ich diesen Teil auf den Herbst. Ich band mir dann ein kleines Floss mit Kleidern, Schlafsack, Iso-Matte, Gopro und Handy um die Hüfte und schwamm los.
Abends legte ich mich an den Strand schlafen, alle zwei Tage suchte ich ein Dorf, um Essen zu kaufen und stieg dann wieder am gleichen Ort ins Wasser, um weiter zu schwimmen.

Du hast vorhin von deiner Vorfreude auf die Laufstrecke gesprochen. Was war bisher dein Highlight?
Persönlich war es der Moment, als ich nach 54 Tagen in Dubrovnik aus dem Wasser stieg und wusste, die Schwimmstrecke ist geschafft. Das war einfach unfassbar anstrengend. Man sieht praktisch nichts, schwimmt einfach. Als Abenteuer war's super, aber eine längere Schwimmstrecke muss ich jetzt nicht mehr zurücklegen.

Was für ein Moment: Das Meer nach 54 Tagen Schwimmstrecke verlassen.

Und was bleibt dir allgemein Positives von deiner bisherigen Reise?
Die Gastfreundschaft der Leute. Klar, in Corona-Zeiten ist der Kontakt schwieriger, man kommt viel weniger in Kontakt mit den Einheimischen. Aber jeder Laden, jede Tankstelle, überall sind die Leute neugierig und interessieren sich für mein Projekt.​

Und was war dein grösster Ärger auf der Tour?
Ohne Corona wäre ich schon in Wladiwostok. Ich wollte in zehn Monaten um die Welt, das wird kaum aufgehen. Die Bürokratie ist die grösste Herausforderung. Allerdings liegt sie ausserhalb meiner Kontrolle. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann.

Das sagst du so leicht. Aber Corona oder die Bürokratie kann dir deine Reise total verderben.
Man darf sich nicht nur beschweren. Abhaken und das Beste draus machen. Das ist ja nicht mein erstes grosses Projekt. Bisher waren immer drei Dinge entscheidend, dann wusste ich, dass es klappt: Habe ich genügend Essen/Trinken? Schlafe ich genügend? Bin ich täglich genügend lange im Sattel? Konnte ich diese Fragen mit Ja beantworten, wusste ich: Das klappt. Jetzt kommt diese Corona-Komponente dazu, dadurch wird alles schwieriger. Aber wie gesagt: Ich kann das nicht beeinflussen, darum konzentriere ich mich auf andere Dinge. Aktuell zum Beispiel auf den 180-Kilometer-Schnitt bis Wladiwostok.

Und wie bezahlt er das alles?

Jonas Deichmann lebt seit etwa vier Jahren als «Abenteurer» und ist viel in der Welt unterwegs, seinen Wohnsitz hat er in der Schweiz. Früher war er ein guter Sportler, als Student wollte er die Welt sehen. Da das Geld fehlte, kombinierte er Reisen mit Leistungssport. Heute lebt er von Auftritten als Referent, Partnern, Büchern und Filmen.

Worum geht's da?
Mein Visum für Russland ist nicht unbeschränkt. Ich muss also Wladiwostok bis zu einem Datum erreichen. Dafür habe ich einen 180-Kilometer-Schnitt ausgerechnet. Dann reicht's. Mit dem Schnee und den kurzen Tagen in Sibirien schaffe ich keine 180 Kilometer am Tag. Aber irgendwann kommt der Frühling, die Verhältnisse werden besser und ich hoffe auf 250 Kilometer am Tag, dann kann ich das wieder aufholen.

Positives Denken scheint eine Stärke von dir zu sein.
Das habe ich schon länger. Und ja: Für so ein Projekt wäre es ohne dies unmöglich.

Da würden sich wohl viele gerne eine Scheibe abschneiden. Was ist dein Geheimnis?
Ich würde es nicht Geheimnis nennen. Aber es gab diese eine Situation während meinem Studium, als mir klar wurde, dass es nicht nur immer einen Weg gibt, sondern dass man mit etwas Fantasie und Willen aus negativen Erlebnissen etwas Positives schaffen kann.​

Da könnte Jonas Deichmann wohl auch die eine oder andere Strasse nennen:

Erzähl.
Ich hatte mich für ein Auslandssemester in Singapur eingeschrieben. Als ich da ankam, gefiel es mir überhaupt nicht. Die Stadt, die hohen Kosten – alles. Am liebsten wäre ich grad wieder gegangen. Aber dann fand ich heraus, dass man den Grossteil der Vorlesungen online verfolgen konnte. Also zog ich nach Malaysia an den Strand. Ich lag in der Hängematte und habe gelernt. Es war harte Arbeit, aber ich sparte Geld und konnte in einer wunderbaren Umgebung dem Unterricht folgen. Zu den Pflichtterminen reiste ich nach Singapur. Ich fragte auch andere Studenten, ob sie sich mir anschliessen wollten. Aber die meinten alle, dass das doch unmöglich sei. Das motivierte natürlich noch mehr und am Ende war ich der beste der Austauschstudenten. Seither weiss ich: Es gibt immer einen Weg.

DANKE FÜR DIE ♥
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