International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Protesters block an entrance to Ben Gurion Airport where Prime Minister Benjamin Netanyahu and his family are expected to fly with an Israeli delegation to the U.S. for a ceremony with the United Arab Emirates, in Tel Aviv, Sunday, Sept. 13, 2020. (AP Photo/Maya Alleruzzo)

Am Sonntagabend protestierten Israelis, ihr Ministerpräsident soll nach seinem Auslandbesuch nicht zurückkommen. Die Schweizerin Joëlle Weil schätzt die Lage zum 2. Lockdown vor Ort ein. Bild: AP

Interview

Schweizerin in Israel: «Die Stimmung vor dem zweiten Lockdown ist schlecht»

Israel verhängt den zweiten Lockdown. In der Bevölkerung löse das Frust und Ablehnung aus, sagt die Journalistin Joëlle Weil im watson-Interview. Sie erzählt, warum die Situation ausser Kontrolle geraten ist.

Vanessa Hann
Vanessa Hann



Ab Freitag gilt in ganz Israel wieder der «Lockdown»: Schulen, Restaurants, Läden werden geschlossen und die Menschen dürfen sich nicht weiter als 500 Meter von ihrem Zuhause entfernen. Das hat die Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Sonntagabend beschlossen.

Es ist der zweite Lockdown in Israel und er soll drei Wochen dauern. Seit Ende Mai steigen die Corona-Zahlen in Israel kontinuierlich an. Letzten Donnerstag verzeichnete das Land über 4000 Neuinfektionen. Das waren zehn Mal soviel wie in der bevölkerungsmässig fast gleich grossen Schweiz. Damit konnte die Regierung den erneuten landesweiten Stillstand nicht weiter hinauszögern.

Joëlle Weil, Journalistin, Tel Aviv, Israel

Joëlle Weil lebt seit sieben Jahren in Israel und kritisiert die vorschnellen Regierungsbeschlüsse in Sachen Corona. Bild: zvg

Joëlle Weil, in Israel kommt der zweite Lockdown. Wie ist die Stimmung in Tel Aviv?
Joëlle Weil:
Schlecht, wie in ganz Israel. Vielen Betrieben, die den ersten Lockdown knapp überlebt haben, droht jetzt der wirtschaftliche Genickbruch.

Warum wird der Lockdown gerade jetzt ausgerufen?
Am kommenden Freitagabend beginnt Rosh Hashana, das jüdische Neujahrsfest. Eine Woche später wird Jom Kippur gefeiert – ein Fastentag und der höchste Festtag im Judentum. Es bietet sich daher sehr an, den Lockdown jetzt zu verhängen. Immerhin gilt das familiäre Umfeld als Ansteckungsort Nummer 1.

«Netanjahus Aufforderung an die Bevölkerung, ruhig wieder rauszugehen und Kaffee oder Bier zu trinken, war der falsche Ansatz.»

Führt das zu Spannungen zwischen den Gläubigen und der Regierung?
Rosh Hashana ist nicht ausschliesslich für Gläubige, auch Nicht-Gläubige feiern an diesem Tag. Es ist zu vergleichen mit Weihnachten in der Schweiz, da machen Gläubige sowie Sekuläre mit. Jeder auf seine Art und Weise. Das ist für alle frustrierend, viele Israelis sind bedrückt, weil sie diese Tage nun bloss bei sich zuhause, anstatt mit der ganzen Familie feiern dürfen.

Warum ist die Corona-Situation in Israel überhaupt ausser Kontrolle geraten?
Die Regierung hat den letzten Lockdown viel zu schnell gelockert und Grossanlässe zu schnell wieder erlaubt. Die Entscheidungen wurden vorschnell und übermütig getroffen. Dann noch gleichzeitig an die Disziplin der Bevölkerung zu appellieren, konnte nicht funktionieren. Vor allem schaut es in Tel Aviv seit Wochen so aus, als hätte es Corona nie gegeben. Abgesehen von der Maskenpflicht in den Läden merkt man nichts.

People enjoy the beach front in Tel Aviv, Israel, Saturday, May 16, 2020. Israeli authorities have recently begun loosening the restrictions of the coronavirus lockdown, the easing brought people out of their homes to enjoy the outdoors. (AP Photo/Oded Balilty)

Mai 2020: Die Menschen in Tel Aviv geniessen die gelockerten Massnahmen der Regierung. Zu früh, wie sich nun zeigt. Bild: AP

Israel fährt nach Ampelsystem

Der israelische Corona-Beauftragte Roni Gamsu hat vergangenen Monat das «Ampelsystem» eingeführt, um die Ausbreitung von Corona zu bekämpfen. Die Gebiete und Kommunen in Israel werden nach Farben eingeteilt und je nach Farbe gelten andere, strengere Massnahmen. So dürfen in roten Gegenden Versammlungen in Gebäuden nicht mehr als 10 Personen und in grünen Gebieten nicht mehr als 100 umfassen, wie das Magazin Israelnetz schreibt.

Israel hat fast gleich viele Einwohner wie die Schweiz. Was macht Ministerpräsident Benjamin Netanjahu anders als der Bundesrat?
Gute Frage, das würde die Bevölkerung in Israel auch gerne wissen. Leider gibt es darauf keine klare Antwort. Die einzige mögliche Erklärung wäre wohl der kulturelle Unterschied. Die euphorischen Lockerungen Netanjahus nach dem ersten Lockdown tragen zweifelsohne ihre Mitschuld. Seine Aufforderung an die Bevölkerung, ruhig wieder rauszugehen und «Kaffee oder Bier zu trinken», war der falsche Ansatz. Schade, denn zu Beginn hat Israel durch Entscheidungsfreude und -tempo gut vorgelegt.

«Die israelische Regierung hat sich das Vertrauen Vieler verspielt.»

Joëlle Weil, Journalistin aus Tel Aviv

Was genau meinen Sie mit «kulturellem Unterschied»?
Israelis lassen sich nicht gerne sagen, was sie zu tun haben. Jeder nimmt sich Freiheiten heraus und macht sich selbst zur Ausnahme. Aber bei acht Millionen Ausnahmen funktionieren dann die Massnahmen nicht mehr. Israel ist ein Kriegsland: Sie machen mit, wenn es sich um einen Notfall handelt. Aber dieser «Notfallmodus-Knopf» kann man nicht beliebig drücken. Die Regierung – die in sich sowieso gespalten ist – hat zu viele in der Bevölkerung enttäuscht, handelt wirtschaftlich zum Nachteil Vieler, kommuniziert uneinig und unklar und hat sich das Vertrauen Vieler verspielt.

Werden sich die Israelis überhaupt an den zweiten Lockdown halten?
In Tel Aviv haben einige Gastronomen bereits angekündigt: «Wir schliessen unsere Geschäfte nicht, dann erhalten wir halt Bussen.» Ob das tatsächlich so sein wird, werden wir ja sehr bald sehen können. Trotz schlechter Stimmung denke ich dennoch, dass sich die meisten daran halten werden.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Hobby-Taucher finden grossen Goldschatz in Israel

SwissCovid-App noch nicht installiert? Wir helfen dir

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

43
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
43Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bentruniger 15.09.2020 16:02
    Highlight Highlight Israelis, Kultur und Disziplin hin oder her. Ausschlaggebend scheint mir: eine rechtslastige Regierung, die die Nation auseinanderdividiert, seit vielen Jahren. Gleichzeitig Solidarität und Vernunft fordern scheint hier der reine Hohn....
  • Katzenseekatze 15.09.2020 14:43
    Highlight Highlight Jetzt wird überall noch mehr kaputt gemacht. Merken die Leute denn nicht dass es längst nicht mehr um Corona geht? Wacht auf bevor es zu spät ist.
    • Varanasi 15.09.2020 18:14
      Highlight Highlight Um was geht es denn? Magst du uns aufklären?
  • Sälüzäme 15.09.2020 12:58
    Highlight Highlight Unglaublich, warten bis die Zahlen steigen und vor den wichtigsten Feiertagen die Schotten dicht machen. War es nicht möglich schon früher Massnahmen zu ergreiffen?
    Gefühlt wurstelt jedes Land, Region oder Covidiot irgendetwas vor sich hin. Die einen zählen zuviele Tote und/oder Infizierte, die anderen zuwenige und einige gar keine.
    Viele der Massnahmen und Resultate sehen für mich so aus als wären sie ausgewürfelt worden wie beim Yhatzee/Yatzy/Jazzy (gibt alle Versionen).
    Jeder hat 3 Versuche!
    Ob das mit der Eindämmung unter diesen Umständen jemals was wird?
    Eher nicht!
  • Thomas G. 15.09.2020 10:54
    Highlight Highlight Wir sind in vier Wochen auch soweit.
    • Stinkstiefel 15.09.2020 11:24
      Highlight Highlight Wenn Leute wie du fleissig so weiter poltern, trotz veränderter Risikobewertung als im März immer noch die Katastrophe prophezeien, Druck ausüben und den BR letztlich zu irrationalem Handeln verleiten, dann befürchte ich es. Leider.
    • SeboZh 15.09.2020 11:34
      Highlight Highlight Also hast du das Gefühl der BR höre eher auf Kommentarschreiber als auf die 1000 Lobbyisten welche in der Politik aktiv sind? Keine Sorge, die Schweiz wird eher die Wirtschaft schützen als einzelne Leben. Es hiess ja bereits mehrfach es werde keinen nationalen Lockdown mehr geben in der Schweiz
    • Thomas G. 15.09.2020 13:42
      Highlight Highlight Umgekehrt wird ein Schuh draus! Wenn Leute wie Du weiterhin so tun als ob da nichts wäre dann kommt es zur Katastrophe.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hier Name einfügen 15.09.2020 10:41
    Highlight Highlight Der Lockdown wird mehr Schaden verursachen als eine allfällige zweite Welle.
    • Superreicher 15.09.2020 11:29
      Highlight Highlight Das kommt irgendwie darauf an, wie man "Schaden" definiert und wie man die verschiedenen Schäden gewichtet. Ansonsten ist die Aussage sinnlos.
    • Ihr Kommentar hat 20min Niveau 15.09.2020 12:24
      Highlight Highlight Wenn du damit dem Verlust von Geld gegen Menschen abwägst, dann ja.
    • Ihr Kommentar hat 20min Niveau 15.09.2020 12:37
      Highlight Highlight Habs echt langsam satt dass so viele Leute mit dem Finger dauernd nur aufs wirtschaftliche zeigen und dabei heulen. Sind wir Ameisen die nur zu schuften haben und's egal ist wenn ein Teil dabei drauf geht? Hauptsach die Brut & Königin ist versorgt?
      Wo sind die Milliarden und Abermilliarden Gewinne der letzten Jahre?
      Du hast gesehen was dieses Virus auslösen kann wenn man's nicht unter Kontrolle hat. Lombardei, Madrid, New York & Co. im April schon vergessen? Unglaublich
    Weitere Antworten anzeigen
  • Frag 15.09.2020 10:24
    Highlight Highlight Die Gesellschaft im 21.Jh. während Corona:
    - Die Regierung erlässt Hygienemassnahmen wie Maskenpflichten und Einschränkungen bei Massenveranstaltungen. Die Leute ignorieren die Massnahmen.
    - Die Fallzahlen steigen deshalb und es kommt zum Lockdown. Die Leute gehen auf die Barrikaden.

    Verstehen die nicht, dass sie zumindest eine Teilschuld wegen ihrem Verhalten trifft, dass es zum Lockdown kommt.
    • Stinkstiefel 15.09.2020 11:15
      Highlight Highlight Hat ja fein geklappt, das mit der Maskenpflicht in Israel.
    • Hier Name einfügen 15.09.2020 11:16
      Highlight Highlight Vielleicht reagieren die Leute aber auch einfach besonnener als die Regierung, schätzen das Risiko realistischer ein und halten sich darum nicht an unsinnige Massnahmen.
    • SeboZh 15.09.2020 11:35
      Highlight Highlight @Stinkstiefel...wenn man Tv Bilder und hier die Fotos anschaut. Nicht wirklich, die Mehrheit verzichtet wohl darauf
    Weitere Antworten anzeigen
  • Körschgen 15.09.2020 10:23
    Highlight Highlight Der Lockdown war ja nun wirklich in keinem Land das grandiose Erfolgsrezept. Abgesehen von Ländern, die ihre Grenze komplett dich halten (Neuseeland) oder in Sachen Überwachung eher schmerzfrei sind (China) ist der Effekt wieder verpufft. Das ein zweites mal machen zu wollen ist eher ein Akt der Verzweifelung.
    • Skeptischer Optimist 15.09.2020 11:14
      Highlight Highlight Stimmt nicht, der Lockdown hat überall funktioniert, wo er genügend konsequent angewendet wurde.
    • Superreicher 15.09.2020 11:30
      Highlight Highlight Doch. Vorübergehend schon. Längerfristig ist diese Massnahme allerdings nicht durchführbar.
    • Thomas G. 15.09.2020 13:44
      Highlight Highlight Der Effekt ist verpufft weil man zu früh wieder aufgemacht hat und sich dann damit tröstete dass sie Zahlen ja noch gering seien. Der Lockdown wäre ein Erfolg geworden. Doch die Wirtschaft hat fahrlässig dagegen lobbyiert und will jetzt die Realität nicht wahrhaben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Kruk 15.09.2020 10:09
    Highlight Highlight "Israelis lassen sich nicht gerne sagen, was sie zu tun haben. Jeder nimmt sich Freiheiten heraus und macht sich selbst zur Ausnahme."
    Ist das wirklich ein kultureller Unterschied zur Schweiz?

    Kommt mir hier auch so vor.
    • murrayB 15.09.2020 10:20
      Highlight Highlight @Kruk: In demfall haben Sie noch nie mit Israelis zu tun gehabt...
    • Snooks 15.09.2020 10:33
      Highlight Highlight In der Schweiz wird viel behauptet und gelabert. Sich wirklich zu widersetzen getrauen sich (zum Glück) nur die wenigsten.
    • [Nickname] 15.09.2020 11:41
      Highlight Highlight Und trotzdem stimmen die dummen Schweizer für mehr Überwachung, grösseren Nachrichtendienst, mehr Abgabe von Kompetenzen an die EU, unfreiheitlichere Waffengesetze etc etc
  • Stinkstiefel 15.09.2020 09:29
    Highlight Highlight Schade, nur von den positiven Tests gesprochen. Wie sieht's mit der Veränderung von Hospitalisationen und Todesfällen aus? Das sollte doch eigentlich die Entscheidungsgrundlage für einen Lockdown sein.

    https://www.timesofisrael.com/virus-cases-are-snowballing-but-hospitalizations-arent-reassuring-some-doctors/#gs.fmsqbh
  • Snowy 15.09.2020 09:25
    Highlight Highlight Wir sind die Zahlen bezüglich Übersterblichkeit in Israel?
    • pop_eye 15.09.2020 09:55
      Highlight Highlight Snowy
      Scheint geheim zu sein. Ich hab ein wenig "rumgestöbert" und nichts gefunden.
    • GhostCasper 15.09.2020 10:05
      Highlight Highlight Darum geht's schon lange nicht mehr
    • Stinkstiefel 15.09.2020 10:27
      Highlight Highlight https://www.timesofisrael.com/virus-cases-are-snowballing-but-hospitalizations-arent-reassuring-some-doctors/#gs.fmsqbh
    Weitere Antworten anzeigen

Verschwörungs-Guru Hildmann wird auf Foto mit Maske erwischt und tickt danach völlig aus

In den sozialen Medien verbreitet sich ein Bild, das Attila Hildmann mit Schutzmaske beim Arztbesuch zeigt. Die Querdenker und Corona-Leugner sind irritiert und der genervte Verschwörungsideologe teilt nun verbal gegen seine eigenen Anhänger aus.

Attila Hildmann wurde einst als Vegan-Koch bekannt, war ein beliebtes Gesicht im Fernsehen und schrieb Koch-Bücher, die sich gut verkauften. Spätestens seit der Corona-Krise ist Hildmann jedoch endgültig abgedreht: Täglich verbreitet er Verschwörungserzählungen über die Bundesregierung und die Pandemie.

Trotz (oder gerade wegen) seiner antisemitischen und rechtsextremen Verbal-Eskapaden hat Hildmann sich eine treue Gefolgschaft aufgebaut, die ihm und seinem Telegram-Kanal folgt. Und genau dort …

Artikel lesen
Link zum Artikel