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Finnland

Finnlands Hauptstadt Helsinki: Hier leben also – schon wieder (!) – die glücklichsten Menschen der Welt. bild: Shutterstock

Interview

Darum sind Finnen so glücklich – und das kannst du von ihnen lernen

In Finnland leben die glücklichsten Menschen der Welt – sagt der jährliche World Happiness Report. Wir machten die Probe aufs Exempel und fragten in Helsinki nach: Warum ist das so und – vor allem – wie können wir (noch) glücklicher werden?



Finnland hat seinen Titel als glücklichstes Land der Welt verteidigt. Die Nordländer verweisen ausgewertete 156 Nationen auf die Plätze. Die Schweizer folgen auf Rang 6.

Je dunkler das Violett, desto glücklicher sind die Bewohner des Landes. Von den grau eingefärbten Nationen fehlen die Daten.

Da geht noch was für die Schweiz. Aber was tun? Wir haben bei der Journalistin Piia Elonen vom «Helsingin Sanomat» nachgefragt, der grössten Zeitung Finnlands.

Frau Elonen, wie glücklich sind Sie heute?
Piia Elonen:
(lacht). Ich bin sehr glücklich. Ich habe neun Stunden geschlafen und bin dann zu Fuss zur Arbeit gelaufen. Zudem traf ich mich heute Mittag mit guten Freunden zum Essen. Darauf freue ich mich jeweils sehr. Ich bin heute sogar extrem glücklich.

Sind Sie immer so gut drauf?
Nein, das kann ja niemand sein. Aber grundsätzlich bin ich positiv eingestellt. Und wenn es mal nicht so gut läuft, dann weiss ich: Schlechte Zeiten gehen vorbei.

Piia Elonen, «Helsingin Sanomat», Bild: HS / Anna Matilda Valli

Piia Elonen: In der Natur sein macht glücklich. bild: HS / Anna Matilda Valli

Zur Person

Piia Elonen arbeitet beim Helsingin Sanomat, der grössten, nationalen Zeitung Finnlands mit Sitz in Helsinki. Seit einigen Monaten ist die Mutter Klimawandel-Korrespondentin – ein Job, der beim Medienhaus neu geschaffen wurde.

Über das World Happiness Ranking berichtete man in Finnland natürlich auch. Hier gibt's den Artikel dazu vom
«Helsingin Sanomat»
(finnisch). Allerdings habe die Spitzenplatzierung im letzten Jahr deutlich höhere Wellen geschlagen.

Dass neun Stunden Schlaf glücklich machen, kann ich gut nachvollziehen. Was hat Ihr Arbeitsweg zu Fuss mit Glücklichsein zu tun?
Den Körper bewegen und draussen unterwegs sein, das gibt mir Energie. Ich fahre auch oft mit dem Velo zur Arbeit, das hat den gleichen Effekt.

Finnland

Natur pur und endlose Wälder mit unzähligen Seen: Finnland. bild: shutterstock

Ehrlich gesagt: Ich war auch schon in Finnland und wenn ich an Finnen denke, dann sehe ich nicht gerade endlos lächelnde Menschen vor mir. Sehen Sie den Finnen an, dass sie glücklich sind?
Nein, da geht es mir auch so. Wenn du in Finnland durch die Strassen läufst, strahlt dich nicht einfach jeder an. Wir dürfen aber «glücklich sein» auch nicht mit Lächeln gleichsetzen. Finnen sind eher «still glücklich». Glück ist etwas, das wir in uns herumtragen.

Wie kommt das?
Glück ist auch das Fehlen von Sorgen. Das Leben in Finnland ist gut. Wir haben eine funktionierende Demokratie, keinen Krieg, haben zu essen und zu trinken. Das hilft, um glücklich zu sein.

Das mit dem «Fehlen von Sorgen» sieht bei anderen Ländern weit oben im Ranking auch so aus. Was macht Finnland von den «Rahmenbedingungen» her besser?
Wir haben eine gute Work-Life-Balance. Wir arbeiten nicht endlos. Die tägliche Arbeitszeit beträgt in vielen Betrieben 7,5 bis 8 Stunden. So haben wir mehr Zeit für Hobbys und um Familie und Freunde zu treffen. Was bei den Jungen noch dazukommt: Wir haben sehr lange Sommerferien.

Okay, Nordlichter in Finnland mal so zu erleben, würde mich auch glücklich machen. Bild: shutterstock

Was können die Finnen speziell gut, das zum Glück beiträgt?
Ich will hier nicht sagen, dass das in anderen Ländern nicht so ist, aber Finnen vertrauen grundsätzlich anderen Leuten.
Und wir werden dafür nicht enttäuscht – oder nur sehr selten. Ich kann im Zug oder Restaurant meine Tasche kurz unbeaufsichtigt liegen lassen und sie wird nicht gestohlen. Das geht dann auch in das Vertrauen gegenüber dem Staat über.

Wie meinen Sie das?
Wir vertrauen unseren Politikern, unserer Polizei oder wissen, wenn es uns schlecht geht, dass es dafür in Spitälern oder anderen Institutionen professionelle Hilfe gibt. Das macht das Leben sorgenfreier. Und diese Mentalität des Vertrauens, das nicht missbraucht wird, wirkt sich positiv auf die Grundstimmung aus.

Das hört sich alles gut an. Aber seien wir mal ehrlich: Man kann doch nicht wirklich glücklich sein, wenn man einen Winter lang im Dunkeln sitzt.
(lacht). Ja, die kurzen Wintertage sind deprimierend und sehr hart. Ich allerdings liebe Langlaufen und freue mich deshalb auch auf den Winter. Viele andere freuen sich, dass der Frühling kommt und vor allem der Sommer. Man kann das auch positiv sehen: Die Vorfreude auf längere Tage ist im Allgemeinen gross.

Leider ist auch die Selbstmordrate hoch in Finnland. Wie passt das zusammen?
Das ist in der Tat so. Allerdings ging diese in den letzten Jahren zurück. Suizid begehen in Finnland oft junge Männer, denen eine Perspektive fehlt. Wir arbeiten aber daran, dies zu verbessern.

Finnland

In Finnland scheinen selbst Rentiere glücklich zu sein. bild: shutterstock

Als wir den Bericht des World Happiness Rankings publiziert hatten, schrieb ein User als Kommentar: «Die Finnen sind auch dauernd besoffen.»
Da muss ich entschieden antworten: Alkohol macht traurig, nicht glücklich. Kurzfristig hilft es vielleicht, aber sonst bringt er nur mehr Sorgen. Übrigens ist das Vorurteil der trinkfreudigen Finnen falsch. Wir bewegen uns da im europäischen Mittelfeld.

Dann will ich zum Abschluss natürlich noch wissen: Haben Sie einen Tipp, wie wir glücklicher werden können?
Die Sache mit der liegengelassenen Tasche ist so ein Punkt. Ich lasse meine Sachen unbeaufsichtigt liegen und bin bereit, mit ihrem allfälligen Verlust dafür zu bezahlen. Bisher kam noch nie etwas weg. Und auch wenn dem so wäre: Das Wissen, dass ich das machen kann und mich nicht ständig sorgen muss, gibt mir ein so gutes Gefühl, dass es mir einen Verlust durchaus auch mal wert wäre.

Wir wollen nicht gierig sein – aber verraten Sie uns noch einen zweiten Tipp?
Im Alltag kann man sich mit vielen kleinen Dingen glücklich machen. Wie erwähnt, ist das Leben in Finnland meist «nice and easy». Ich schaffe mir dann kleine Challenges. Wenn ich zum Beispiel auch bei nicht optimalen Bedingungen mit dem Velo zur Arbeit fahre, komme ich im Büro an und fühle mich als kleine Heldin. Oder ich fahre mit meinem Kind nicht mit dem Auto zum Babyschwimmen, sondern gehe zu Fuss oder mit dem Velo. Wenn ich das schaffe, gibt es mir auch ein gutes Gefühl. So eine Challenge kann auch ein tägliches eiskaltes Bad sein. Ich kenne einige Leute, die das machen. Ich allerdings nicht. (lacht)

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Unserem Corsin wär's in Finnland wohl zu kalt.

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