DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epaselect epa09186522 People help an injured Palestinian woman during a protest in Damascus gate supporting Palestinian families that face eviction from their homes at Sheikh Jarrah neighborhood, in Jerusalem, 08 May 2021. An Israeli court in East Jerusalem ordered the eviction of six Palestinian families from their homes in favor of Jewish families who claimed they used to live in the houses before fleeing in the 1948 war that led to the creation of Israel. The Palestinian residents filed an appeal and a final verdict is expected on 10 May.  EPA/ABIR SULTAN

Eine verletzte palästinensische Frau wird von Helfern in Sicherheit gebracht. Bild: keystone

Hunderte Verletzte bei Eskalation auf Tempelberg – Schweiz ruft zu Deeskalation auf



Die Lage in Jerusalems Altstadt hat sich am Wochenende gefährlich zugespitzt: Bei heftigen Zusammenstössen mit israelischen Sicherheitskräften wurden seit Freitagabend nach Angaben von Sanitätern etwa 300 Palästinenser verletzt. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen wiederholten sich auch in der Nacht zum Sonntag. Mehrere Menschen wurden festgenommen.

Schweiz besorgt über Eskalation

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat sich besorgt über die Gewalteskalation in Jerusalem gezeigt. Es rief die Konfliktparteien zur Beilegung der Spannung auf. «Die Gewalteskalation im Nahen Osten, namentlich die Zusammenstösse auf dem Tempelberg in Jerusalem, die in den vergangenen Tagen zu zahlreichen Verletzten führten, ist sehr beunruhigend», schrieb das EDA am Sonntag in einer Mitteilung. Das Aussendepartement rief alle Parteien auf, sich unverzüglich für eine Entspannung der Lage einzusetzen und auf Provokationen zu verzichten. Die Vertreibung von palästinensischen Familien aus Scheich Dscharrah und weiteren Vierteln in Ost-Jerusalem sei nicht konform mit dem humanitären Völkerrecht und heize die Spannungen zusätzlich an.

Die Palästinenser sehen Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines künftigen eigenen Staates. Ein israelischer Polizeisprecher sagte am Sonntag, es sei sowohl am Damaskustor – einem der Eingänge zur Altstadt – als auch im Bereich des Tempelbergs (Al-Haram al-Scharif/Das edle Heiligtum) zu Konfrontationen gekommen. Auf dem Tempelberg versammelten sich am Samstagabend mehr als 90'000 gläubige Muslime zum Feiertag Lailat al-Kadr (Nacht der Bestimmung). An dem Tag wurde nach der Überlieferung der Koran an den Propheten Mohammed übergeben.

Laut der Zeitung «Haaretz» war die Lage eskaliert, nachdem dort am Abend Zehntausende Muslime für das Samstagsgebet zum Ende des Fastenmonats Ramadan in der Al-Aksa-Moschee zusammengeströmt waren. Das sogenannte Nahost-Quartett aus USA, Russland, EU und Vereinten Nationen zeigte sich «tief besorgt» über die inzwischen «täglichen Auseinandersetzungen und Gewaltakte».

epa09186625 Israeli border police during a protest in support of Palestinian families that face eviction from their homes at Sheikh Jarrah neighborhood, near Damascus gate in the old city of Jerusalem, 08 May 2021. An Israeli court in East Jerusalem ordered the eviction of six Palestinian families from their homes in favor of Jewish families who claimed they used to live in the houses before fleeing in the 1948 war that led to the creation of Israel. The Palestinian residents filed an appeal and a final verdict is expected on 10 May.  EPA/ATEF SAFADI

Die israelische Grenzpolizei im Einsatz. Bild: keystone

Laut dem palästinensischen Rettungsdienst Roter Halbmond seien 64 Palästinenser – darunter mehrere Kinder – durch Polizeigewalt verletzt worden, hiess es bei «Haaretz». In Ost-Jerusalem kam es den Berichten zufolge zu ähnlichen Zusammenstössen, bei denen auch Barrikaden und Wachposten der Einsatzkräfte in Brand gesetzt wurden.

Bereits in der Nacht davor war die Lage rund um die Altstadt und das Viertel Scheich Dscharrah eskaliert, besonders brisant war die Situation auch hier am Tempelberg. Von mehr als 200 Verletzten war danach die Rede, die Polizei sprach von knapp 20 Sicherheitskräften, die im Einsatz verletzt worden seien.

Der Tempelberg mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee ist sowohl die drittheiligste Stätte im Islam als auch im Judentum von grösster Bedeutung, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen, von denen der letzte im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Die Klagemauer ist ein Überrest jenes zerstörten Tempels und die heiligste Stätte der Juden.

Die Lage im Westjordanland und im Ostteil Jerusalems ist seit Beginn des Fastenmonats Ramadan angespannt. Viele Palästinenser sind wütend, weil die israelische Polizei Bereiche der Altstadt abgesperrt hat, um Versammlungen zu verhindern. Ausserdem drohen einigen palästinensischen Familien Wohnungsräumungen durch israelische Behörden, was die Spannungen zusätzlich verschärft. Am Samstagabend wurde zudem erneut eine Rakete aus dem Gazastreifen über die Grenze nach Israel geschossen, woraufhin die israelische Luftwaffe nach eigenen Angaben einen militärischen Posten der islamistischen Hamas attackierte, die in dem abgeschotteten Küstengebiet herrscht.

«Wir sind alarmiert aufgrund der provokanten Stellungnahmen mancher politischer Gruppen, der Attacken mit Raketen und Brandballons aus dem Gazastreifen auf Israel wie auch aufgrund der Angriffe auf palästinensisches Ackerland im Westjordanland», hiess es in einer gemeinsamen Mitteilung der Gesandten des Nahost-Quartetts. Auch die Zwangsräumungen seien «sehr besorgniserregend». Die israelische Seite solle während des Ramadans besondere Zurückhaltung walten lassen und «alle Schritte vermeiden, die die Lage weiter eskalieren könnten».

Israel hatte während des Sechstagekrieges 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert und treibt dort seitdem Siedlungsprojekte voran. Die Palästinenser fordern die Gebiete hingegen für einen eigenen Staat – mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt. Die EU vertritt wie zahlreiche andere internationale Akteure die Auffassung, dass die israelischen Siedlungen nach dem Völkerrecht illegal sind und ein Hindernis für den Frieden darstellen. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Proteste nach US-Botschafts-Eröffnung in Jerusalem

1 / 16
Proteste nach US-Botschafts-Eröffnung in Jerusalem
quelle: ap/ap / sebastian scheiner
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

210508 Schwere Zusammenstösse in Jerusalem mit Dutzenden Verletzten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Nahost-Experte: «Eine dritte Intifada ist nicht auszuschliessen»

Die Situation zwischen Israelis und Palästinensern eskaliert erneut. Nahost-Experte Hans-Lukas Kieser sagt im Interview, wie Ministerpräsident Netanjahu von den jüngsten Ereignissen profitiert und was jetzt eine dritte Intifada verhindern kann.

Eine Verkettung von Ereignissen führte dazu, dass der Konflikt zwischen Israel und palästinensischen Gebieten wieder aufgeflammt ist. Können Sie einen Überblick geben, wie es dazu kam?Hans-Lukas Kieser: In den vergangenen Wochen hatte die israelische Polizei in der Altstadt von Jerusalem diverse Plätze abgesperrt, auf denen sich muslimische Anwohner während des Ramadans normalerweise treffen. Das führte dazu, dass die Muslime ihren Ramadan nicht so feiern konnten, wie sie es …

Artikel lesen
Link zum Artikel