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«Projekt Opus»: Wie die UN eine Geheimmission vor der Küste Libyens enttarnen

Benno Schwinghammer / dpa



Der verworrene Konflikt in Libyen ist längst zu einem Stellvertreterkrieg einer Reihe von einflussreichen Ländern geworden. Eine von UN-Experten enttarnte Geheimmission privater westlicher Einsatzkräfte – gelenkt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – verdeutlicht nun, wie das chaotische Land immer mehr zum Spielball im internationalen Machtkampf wird.

Es geht um dubiose Sicherheitsfirmen, die einen libyschen Warlord unterstützen, geschmuggelte Hubschrauber und geplante Überfälle auf Schiffe im Mittelmeer. Die Deutsche Presse-Agentur konnte den knapp 80 Seiten langen, vertraulichen Bericht einsehen.

Ende Juni 2019 stiegen demzufolge mindestens 20 Personen im jordanischen Amman in eine Frachtmaschine des Typs Turboprop. Sie kommen aus Australien, Frankreich, Malta, Südafrika, dem Vereinten Königreich und den USA. Offiziell sind sie im Auftrag der Wissenschaft unterwegs und sollen in Libyen «geophysikalische und hyperspektrale Untersuchungen» im Auftrag Jordaniens ausführen.

Doch der UN-Bericht nennt das eine «Vertuschungsgeschichte». Es handelt sich den Informationen zufolge um Mitglieder privater Militärfirmen, ihr Plan ist weit weniger friedlich.

epa08135164 Commander of the Libyan National Army (LNA) Khalifa Haftar looks on as he is welcomed by Greek Foreign Ministrer Dendias during their meeting in Athens, Greece, 17 January 2020. Gen. Haftar is visiting Athens where he is expected to meet with Greek Prime Minister Mitsotakis.  EPA/YANNIS KOLESIDIS

General Chalifa Haftar. Bild: EPA

Ihr Ziel ist Bengasi im Osten des Bürgerkriegslandes. Bengasi ist die Hochburg des mächtigen Generals Chalifa Haftar, der vor mehr als einem Jahr eine Offensive auf die Hauptstadt Tripolis im Westen gestartet hat und dort die international anerkannte Einheitsregierung des Landes stürzen will.

Zu seinen Verbündeten zählen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Russland, Frankreich und Ägypten. Immer wieder gab es Berichte über Lieferung von Waffen. Ein UN-Bericht kam jüngst zu dem Schluss, dass sich bis zu 1200 Paramilitärs einer russischen Sicherheitsfirma im Land befänden.

Doch der Marsch Haftars auf Tripolis blieb trotzdem stecken, was auch an der ausländischen Unterstützung für die Einheitsregierung lag: Regierungschef Fajis Al-Sarradsch hat Italien, Katar und die Türkei auf seiner Seite. Unverhohlene Waffenlieferungen aus Ankara trotz eines geltenden UN-Embargos für das ganze Land sind gut dokumentiert.

Hier kommen die eingeflogenen Einsatzkräfte ins Spiel, die von den Experten ausdrücklich nicht als «Söldner» bezeichnet werden. Sie sollen demnach den Waffennachschub aus der Türkei abfangen. «Das Gremium ist der Ansicht, dass ein Ziel von Projekt Opus darin bestand, (Haftar) mit der Fähigkeit auszustatten, den Seeweg für Waffen von der Türkei zur Einheitsregierung in Tripolis zu unterbrechen».

Eine «maritime Angriffsgruppe»

Das belege auch eine ausgewertete Unterhaltung Beteiligter: In ihr heisse es, die Aufgabe sei es, «feindliche Versorgungsschiffe zu betreten und zu durchsuchen». Auch von einer «maritimen Angriffsgruppe» sei die Rede gewesen.

epaselect epa07492516 Militants, reportedly from the Misrata militia, prepare their weapons and ammunition before heading to the frontline to join forces defending the capital, in Tripoli, Libya, 08 April 2019. Commander of the Libyan National Army (LNA) Khalifa Haftar on 04 April ordered Libyan forces loyal to him to take the capital Tripoli, held by a UN-backed unity government, sparking fears of further escalation in the country. The UN said thousands had fled the fighting in Tripoli, while ministry of health reported 25 people, including civilians, were killed in the fighting.  EPA/STRINGER

Milizionäre 2019 in Libyen. Bild: EPA/EPA

Die Planung der geheimen Operation wurde dabei nach Ansicht der Experten vor allem von Firmen mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeführt – namentlich hebt der Bericht «Lancaster6» und «Opus Capital Asset» hervor.

Von ihnen seien sechs Militärhelikopter – drei vom Typ «Super Puma» und drei Aérospatiale SA 341 – Mitte Juni 2019 in Südafrika beschafft, zunächst auf dem Landweg nach Botsuana gebracht und von dort nach Bengasi geflogen worden.

Zwei Boote für 5000 Euro am Tag

Zur gleichen Zeit, Tausende Kilometer entfernt: Am Südzipfel Europas in Malta, mietete «Opus Capital Asset» dem Bericht zufolge zwei Militärschlauchboote für einen Tagessatz von 5000 Euro für insgesamt 90 Tage. Wie die Helikopter sollten sie demnach mit Maschinengewehren bestückt werden. Am 27. Juni wurden die Boote nach Bengasi gebracht.

Alles war vorbereitet, als die Einsatzkräfte Ende Juni mit der Frachtmaschine in der libyschen Stadt landen. Im Süden Bengasis seien sie den Angaben zufolge in einer grosszügigen Wohnanlage untergekommen, beschützt von einer örtlichen Miliz.

Wieso der abrupte Abbruch?

Doch schon am 2. Juli – keine Woche nach ihrer Ankunft – brach ihr Anführer die Operation plötzlich ab. Noch am Abend bestieg die Gruppe die beiden Schlauchboote im Hafen von Bengasi, eines von ihnen mussten sie wegen eines Schadens zurücklassen. Nach einer 15-stündigen Fahrt bei Nacht über das Mittelmeer kam sie in Valetta auf Malta an.

Die Hintergründe bleiben auch für die Experten rätselhaft: «Das Gremium hat den Grund für die Evakuierung und das Zurücklassen von Vermögenswerten in Libyen noch nicht ermittelt.» Doch auf Malta habe schon ein Anwalt für die Gruppe bereitgestanden, und auch eine neue Vertuschungsgeschichte: Die Personen seien Ölarbeiter und hätten Libyen wegen Unruhen schnellstmöglich verlassen müssen.

Offen lässt der Bericht, wer letztlich verantwortlich für das «Projekt Opus» war. Die UN-Mission der Vereinigten Arabischen Emirate liess eine Mail mit Bitte um Stellungnahme zunächst unbeantwortet. Auch «Lancaster6» und «Opus Capital Asset limited» reagierten auf entsprechende Anfragen zunächst nicht.

Geplant und durchgeführt wurde die Operation laut Bericht in mindestens acht Ländern: Den Emiraten, Jordanien, Malta, Libyen, Angola, Botsuana, Südafrika und den USA. Dabei seien mindestens zehn Unternehmen aus drei Ländern – den Emiraten, den Britischen Jungferninseln und Malta – beteiligt gewesen. Eine weitere Firma in Südafrika soll unter anderem die Identität der Drahtzieher verschleiert haben. (sda/dpa)

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