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Was kann Sprache auslösen? Ein Sprachphilosoph erklärt den Zusammenhang zwischen verbaler und physischer Gewalt. Bild: shutterstock

Interview

«In komplexen Gesellschaften gibt es komplexere Formen sprachlicher Gewalt»

Gendersternchen, Mohrenkopf-Debatte und die «Grenze des Sagbaren»: Der Kampf um die Sprache tobt. Aber führt Sprache zu körperlicher Gewalt, wie nach der Attacke auf einen AfD-Politiker behauptet wird? 



Herr Posselt, in welchem Zusammenhang stehen Sprache und physische Gewalt?
Gerald Posselt: Sprache und körperliche Gewalt werden in der Regel streng voneinander unterschieden. Aber es gibt Fälle, in denen Sprache selbst gewaltsam sein kann.

Wann?
Zum Beispiel im Fall von hatespeech, Propaganda oder Drohungen. Das liegt daran, dass wir mit sprachlichen Äusserungen nicht nur Dinge in der Welt beschreiben, sondern auch Handlungen vollziehen und Tatsachen schaffen, etwa wenn wir ein Versprechen geben.

Der sogenannte performative Charakter der Sprache.
Genau. Sobald wir Aussagen tätigen, vollziehen wir immer auch Handlungen, und sei es die Handlung des Behauptens. Sprechen hat dann einen Handlungscharakter und als eine solche Handlung kann Sprechen gewaltsam und verletzend sein, aber natürlich auch tröstend, heilsam und ermutigend.

«Es gibt einen Spalt zwischen dem Sprechakt, der vollzogenen Handlung und der erzielten Wirkung, und genau hier wird es häufig kompliziert und unscharf.»

Gerhard Posselt

Gerald Posselt ist Senior-Lecturer am Institut für Philosophie der Universität Wien und Forschungsleiter des FWF-Projekts «Language and Violence». Bild: zvg

Sprache ist also nicht einfach laute Ausformulierung unserer Gedanken?
Nein, Sprache ist niemals einfach nur ein Mittel zum Austausch von Gedanken, sondern besitzt eine soziale und politische Dimension. Beleidigungen und Drohungen zum Beispiel können unter bestimmten Umständen eine strafbare Handlung darstellen. Sprechen ist mehr als einfach nur etwas zu sagen, man schafft mit jeder Äusserung auch ‹Fakten›. Was einmal gesagt ist, kann oft nicht wieder einfach aus der Welt geschafft werden.

«Sprache ist ein subtiles Mittel der Gewaltausübung.»

Wie weit ist es denn von «Nazis auf den Müll» einerseits, und von einer «Jagd auf Merkel» anderseits zu einem Mordversuch?
Es gibt keine direkte Linie zwischen Sagen und Handeln, was man auch schon daran sieht, dass eine Entschuldigung misslingen kann oder ein Befehl missachtet wird. Der kausale Zusammenhang zwischen Sprache und Wirkung hängt von vielen Faktoren ab.

Zum Beispiel?
Man muss die genauen Umstände kennen, die Machtpositionen der Beteiligten, ob eine Äusserung vor einer grösseren Öffentlichkeit getätigt wird, ob sie sich weitverbreiteter Stereotypen bedient usw. Wenn ein Offizier seinen Soldaten einen Schiessbefehl erteilt, dann wird das offensichtlich eine sehr viel unmittelbarere Wirkung haben, als wenn jemand «Nazis raus» ruft. Es gibt einen Spalt zwischen dem Sprechakt, der vollzogenen Handlung und der erzielten Wirkung, und genau hier wird es häufig kompliziert und unscharf.

«Ich würde nicht nur von einer Verrohung der politischen Rhetorik sprechen, sondern auch von einer Bürokratisierung oder Technokratisierung.»

Wie ist es zu erklären, dass physische Gewalt zwar in modernen westlichen Gesellschaften seit Jahrzehnten rückläufig ist, wir aber in der Politik eine Verrohung der Kommunikation erleben?
Körperliche Gewalt ist in unseren Gesellschaften zunehmend tabuisiert. Denken Sie etwa an den in den 1990er-Jahren eingeführten Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe. Sprache ist dagegen ein subtiles Mittel der Gewaltausübung. Ich würde daher nicht nur von einer Verrohung der politischen Rhetorik sprechen, sondern auch von einer Bürokratisierung oder Technokratisierung.

Was meinen Sie damit?
Wenn man von ‹Anlandeplattformen› statt von ‹Flüchtlingslagern› spricht, handelt es sich beispielsweise um eine technokratisierende Rhetorik. Sicher ist, dass sich in komplexen Gesellschaften eben auch komplexere, ausgefeiltere Formen von sprachlichen Aggressionen und Gewalt manifestieren, die vielleicht auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind.

Teile der AfD führen den Angriff auf den Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz auf «linksextreme Hetze» zurück. Auch die Polizei geht bislang von einem «politisch motivierten» Angriff aus. Hat eine vergiftete Rhetorik diesen Angriff erst möglich gemacht?
Zuerst muss man festhalten, dass die Aufarbeitung dieser Tat im Moment von der Polizei ermittelt wird. Der mediale Diskurs um diesen Fall zeigt aber exemplarisch gewisse rhetorische Mechanismen und Strategien auf.

Welche Mechanismen?
Dass gerade jene, die in den letzten Jahren wesentlich dazu beigetragen haben, Feindbilder aufzubauen und die Gesellschaft zu polarisieren, nun schnell dabei sind, wenn es darum geht, sich selbst als Opfer zu stilisieren. Das entschuldigt den Angriff auf einen Bundestagsabgeordneten natürlich in keiner Weise.

Wie hat die AfD die rhetorische Polarisierung vorangetrieben?
Indem sie immer wieder bewusst Tabubrüche vollzieht und dann wieder zurückrudert, um sich selbst als Opfer medialer Kampagnen zu inszenieren. Mit diesem Spiel versuchen sie, die Grenzen auszuloten und den politischen Diskurs gezielt zu verschieben. Ein anderes Mittel ist das sogenannte dog whistling.

Dog whistling?
Aussagen, die für eine breite Masse unverfänglich klingen, die aber inhaltliche Botschaften enthalten, die für eine Zielgruppe klar erkennbar sind.

«Wenn Politiker sich antisemitisch, rassistisch oder den Nationalsozialismus verharmlosend äussern, dann gilt es, diese Dinge klar beim Namen zu nennen.»

Zurück zum Fall Magnitz: Müssen AfD-Vertreter damit rechnen, Ziel von Attacken zu werden aufgrund ihrer provokativen politischen Äusserungen?
Ich hoffe nicht! Eine demokratische Gesellschaft muss auch mit Provokationen produktiv umgehen können. Der Fall zeigt aber auch, wie eine solche Tat politisch instrumentalisiert werden kann und wie sich eine Empörungsspirale zu drehen beginnt. Unabhängig davon, wer hinter der Attacke auf Magnitz steckt: Etwas finde ich an dem Fall Magnitz sehr interessant ... 

Und was?
Die AfD räumt ja nun indirekt ein, dass sprachliche Äusserungen eben doch eine Wirkung haben können. Zuvor hiess es ja immer: «Man wird das ja wohl noch sagen dürfen.» Das gilt – zumindest in diesem Fall – plötzlich nicht mehr.

Die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann wurde nach einem «Nazis raus»-Tweet heftig angefeindet. Was ist da passiert?
Nun, Nazi-Vergleiche sind selten hilfreich, da sie die öffentliche Diskussion polarisieren und moralisieren. Aber wenn Politiker sich antisemitisch, rassistisch oder den Nationalsozialismus verharmlosend äussern, dann gilt es, diese Dinge klar beim Namen zu nennen.  

Leben wir, ganz allgemein formuliert, in einer sprachlich härteren, gewalttätigeren Zeit?
Ich wäre vorsichtig mit pauschalen Erklärungen, aber zweifellos erleben wir derzeit eine Verschärfung und Polarisierung des politischen Diskurses – nicht nur in Deutschland. Aus diskurstheoretischer Sicht arbeiten rechtspopulistische Parteien wie die AfD mit einem Freund-Feind-Schema, das keine Differenzierungen und Zwischentöne zulässt, und das ‹färbt› auf die anderen Parteien wiederum ab. Sprache ist aber nicht einfach ein Abbild der Wirklichkeit.

Sondern?
Sprache hat performativen Charakter und ist demzufolge ein Handeln, das auf die Welt, unser Denken und unsere Wahrnehmung einwirkt. Rechte politische Gruppierungen versuchen nun, bestimmte Begriffe aus einem bestimmten Bereich herauszunehmen und politisch umzudeuten. Und sie tun das derzeit sehr erfolgreich.

Wie begegnet man verbaler Gewalt im öffentlichen Diskurs?
Ich habe kein Patentrezept, aber ich glaube, es ist unter anderem Aufgabe der Medien und der Zivilgesellschaft, genau auf diese rhetorischen Strategien der Umdeutung aufmerksam zu machen. Der Begriff «Festung Europa» zum Beispiel ist ein Ausdruck, der ursprünglich von den Nazis geprägt wurde und im Zug der Flüchtlingskrise 2015 wieder Eingang in den politischen Diskurs gefunden hat. Inzwischen wird er sogar von liberalen Journalisten positiv verwendet. Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.

«Sprache dient immer auch dazu, Gewalt zu rechtfertigen oder zu verurteilen.»

Aber gerade der Begriff «Festung Europa» wurde und wird doch auch von den Linken gebraucht, um die Abschottung und die Einwanderungspolitik der Europäischen Union zu kritisieren.
Ja, richtig. In linken Kontexten geht man davon aus, dass die historische Herkunft des Begriffs klar ist. Das ist aber offensichtlich mittlerweile nicht mehr der Fall. Das ist ein sehr gutes Beispiel für die erfolgreiche Aneignung und Umdeutung eines ideologisch hochbelasteten Ausdrucks durch die Rechte.

Asian Dub Foundation sangen schon 2003 dagegen an: «Fortress Europe»

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Video: YouTube/doretu

Dass die Sprache ein Machtmittel darstellt, wissen nicht nur Rechte.
Nein, der Versuch zur Umdeutung der Sprache war lange Zeit eher eine Strategie der Linken und diskriminierter Minderheiten. Das sehen wir bei Begriffen wie ‹queer› oder der Verwendung des N-word im Rap. Beides sind Versuche, negativ besetzte Wörter affirmativ anzueignen. Sprache erlaubt immer Umdeutungen in beide Richtungen, und natürlich hat gerade die Sprache in der Politik sehr viel mit Deutungshoheit zu tun.

Der Kampf um die Bedeutungen von Worten ist also ein Kampf um das gesellschaftspolitische Pendel, das momentan eher nach rechts ausschlägt?
Ja, die Polarisierung und Zuspitzung der Rhetorik, die wir derzeit beobachten, konnten wir mit umgekehrten Vorzeichen auch in den 1960er- und 70er-Jahren beobachten. Solche Vergleiche sind natürlich immer mit Vorsicht zu geniessen, aber man kann sagen, dass es in Zeiten sozialer und ökonomischer Umbrüche, wie wir sie aktuell erleben, auch zu stärkeren Formen der Polarisierung kommt.

Wie der Duden aussähe, wenn er ehrlich wäre

Nochmals zur Ausgangsfrage: Der französische Soziologe Pierre Bourdieu schrieb, Sprache sei auch ein Herrschaftsmittel. Gewalt ist also schon in der Sprache angelegt?
Sprache dient immer auch dazu, Gewalt zu rechtfertigen oder zu verurteilen. Wer über sprachliche Deutungshoheit verfügt, kann nicht nur die öffentliche Meinung beeinflussen, er kann ganz handfest Einfluss nehmen, etwa indem etwas als Gewalt benannt wird oder nicht, indem Strafrechts-Paragraphen eingeführt oder abgeschafft werden. Auch bei politischen Diskussionen zeigt sich die Bedeutung der Sprache immer wieder, das sehen wir auch im privaten Gespräch.

Zum Beispiel?
Es macht einen Unterschied, ob Sie in einem Gespräch über den Palästina-Konflikt den Begriff ‹Befreiungskampf› oder den Begriff ‹Terrorismus› verwenden. Oder denken Sie etwa an die diplomatische Krise, die die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages vom 2. Juni 2016 ausgelöst hat.

Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir immer und immer wieder mit Äusserungen von hatespeech und verbaler Gewalt konfrontiert werden?
Was das beim Einzelnen bewirkt, kann ich Ihnen als Sprachphilosoph nicht beantworten, das müssen Psychologen erklären. Aber was wir sagen können, ist, dass jede Äusserung stark an den spezifischen Kontext und die jeweiligen Machtpositionen gebunden ist, sowie dass viele Äusserungen ihre Wirkung erst langsam und durch ständige Wiederholung entfalten.

«Wenn wir die verletzende Kraft sprachlicher Äusserungen verstehen wollen, müssen wir auch über die historischen Traumata und Verletzungen nachdenken.»

Haben Sie Beispiele?
Denken Sie etwa an systematisches Mobbing oder die #Metoo-Debatte. Deshalb gibt es auch eine Grauzone im Bereich des Sprachlichen, wobei es zwischen zwei zentralen Rechtsansprüchen abzuwägen gilt: dem Recht auf freie Meinungsäusserung einerseits und dem Recht auf Gleichbehandlung und Nicht-Diskriminierung andererseits. Strafbar ist jedenfalls das Wenigste, deshalb ist es auch nur in seltenen Fällen Aufgabe der Justiz, darüber zu urteilen.

«Der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ging eine radikalisierende, Minderheiten ausgrenzende und verrohende Sprache voraus.»

Sie sprechen auf die von Rechten unermüdlich attackierte politisch korrekte Sprache an. Der Sprachwissenschafter Anatol Stefanowitsch plädiert dafür, bei Ungewissheit über die Folgen eines ausgesprochenen Begriffs die «goldene Regel» anzuwenden. Wenn man sich in die betroffene Person hineinversetze, könne man nachvollziehen, warum ein Wort wie «Mohrenkopf» verletzend sein kann. Was halten Sie davon?
Ich halte das für einen guten Vorschlag, auch wenn er vermutlich noch zu kurz greift. Wenn wir die verletzende Kraft sprachlicher Äusserungen verstehen wollen, müssen wir auch über die historischen Traumata und Verletzungen nachdenken (wie Kolonialismus, Rassismus und Nationalsozialismus), die sich in unserer Sprache abgelagert haben, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind.

Wir sollten uns also – im Idealfall – der Sprache wie Geologen nähern und Schichten historischen Unrechts freilegen?
Ja, und das zeigt eben auch, dass es nicht allein auf die bewusste Intention beim Sprechen ankommt. Oft ist es gerade das historische Erbe sprachlicher Ausdrücke, aus dem sie ihre verletzende Kraft beziehen, wie etwa im Fall von rassistischen, antisemitischen oder sexistischen Ausdrücken.

Sie haben vorhin die 1960er- und 70er-Jahre in der Bundesrepublik erwähnt. Auch die 1930er-Jahre werden immer wieder als Vergleich herangezogen. Ist da etwas dran?
Wir sind weit entfernt von Zuständen wie in der Weimarer Republik, das gilt es klar festzuhalten. Aber aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive entdeckt man in der politischen Sprache der frühen 1930er-Jahre gewisse Parallelen zur Gegenwart. Der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten etwa ging eine radikalisierende, Minderheiten ausgrenzende und verrohende Sprache voraus. Einen ähnlichen Verlauf konnte man auch vor dem Völkermord in Ruanda 1994 beobachten.

Was für ein Verlauf?
Dem Völkermord selbst ging eine jahrelange Propaganda-Kampagne voraus. Ein wichtiger Aspekt dabei war die dehumanisierende Rhetorik, mit der der Feind, in diesem Fall die Tutsi, systematisch dehumanisiert und als minderwertig dargestellt wurde.

Der Untermensch.
Genau. Wem das Menschsein abgesprochen wird oder wer, wie im Nationalsozialismus, als ‹Untermensch› bezeichnet wird, der ist schnell weniger wert als ein Tier, das man straflos töten kann. Damit sinkt die Hemmung, Gewalt auszuüben. Auch die Geschichte des Kolonialismus ging mit einer entmenschlichenden Rhetorik einher.

Wenn man pauschal AfD-Mitglieder als Nazis bezeichnet läuft man doch auch Gefahr, eine Abwertung zu betreiben?
Ja, pauschale Zuschreibungen sind immer problematisch und gefährlich. Allerdings muss man die Dinge auch beim Namen nennen. Wenn sich Politiker, welcher politischen Gesinnung auch immer, beispielsweise antisemitischer oder rassistischer Stereotypen bedienen, dann muss man diese aufzeigen, analysieren und benennen, ohne vorschnelle Pauschalisierungen. Gerade dann, wenn solche Fälle nicht länger Einzelfälle sind, sondern systematisch auftreten oder einem bestimmten Muster folgen, wie etwa die «rechten Ausrutscher» österreichischer FPÖ-Politiker.

Sehen Sie angesichts der aktuellen Entwicklung Sprache in Gefahr?
Ich bin nicht so pessimistisch. Das Wissen um die Macht der Sprache und die Möglichkeiten politischer Propaganda ist grösser als noch vor 20 oder 30 Jahren. Ich glaube, man muss die Strategien aufzeigen, mit denen versucht wird, Diskurse zu lenken und zu bestimmen. Damit ist schon einiges gewonnen. Eine differenzierte Darstellung hilft ebenfalls, weil sie einer möglichen Instrumentalisierung vorbeugt. Ich habe da aber leicht reden.

Wie meinen Sie?
Als Philosoph, der an einer Universität forscht, kann ich mich auch mal wochenlang nur einem Thema widmen. Diese zeitliche und reflexive Distanz zu einem Thema ist Medienschaffenden und Politikern oft verwehrt.

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