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Bild: patrick gasser
Einzige Schweizer

Schweizer Skilehrer in Australien: «Du siehst Dinge, das kannst du dir nicht vorstellen»

Patrick Gasser und Thomas Schnyder verbringen den Sommer in Australien – aber nicht am Strand. Ihr Arbeitsort ist das Skigebiet Mount Buller, rund fünf Autostunden von Melbourne entfernt. Die Sonnenuntergänge sind weltklasse, das Wetter meistens schwierig – und auch sonst läuft hier einiges anders als auf den Schweizer Pisten.
14.08.2019, 12:0115.08.2019, 10:38
Lea Senn
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Das Skigebiet Mount Buller ist mit 80 Kilometern Piste und 300 Skilehrern gar nicht mal so klein – doch Skifahren ist in Australien eine Randsportart.

Die beiden Schweizer Skilehrer Patrick Gasser und Thomas Schnyder haben hier eine verkehrte Welt angetroffen. Mit uns haben sie über ihre exotischen Erlebnisse in «Down Under» gesprochen.

Thomas Schnyder (links), mit Langlaufausrüstung, und Patrick Gasser, mit Alpinski und Regenmantel.
Thomas Schnyder (links), mit Langlaufausrüstung, und Patrick Gasser, mit Alpinski und Regenmantel.
Bild: patrick gasser

Bei euch im Skigebiet Mount Buller ist es gerade Freitagabend – verpasst ihr jetzt wegen diesem Interview den Après-Ski?
Thomas Schnyder:
Après-Ski ist hier nicht so gross wie in der Schweiz. Und sowieso, nach all dem Wind und Regen heute bin ich froh, wieder zu Hause zu sein.

Das klingt nicht gerade nach gutem Pistenwetter...
Thomas:
Ja, dabei sind die Temperaturen nicht mal das Problem, eher der Wind und das nasse Wetter. Aber das ist Normalzustand hier, die Sonne scheint kaum, manchmal siehst du sie zwei Wochen lang nicht. Aber wenn sie dann einmal scheint, ist es traumhaft.

Patrick Gasser: Vor allem die Sonnenuntergänge auf dem Gipfel, die sind einfach Weltklasse. Du siehst kilometerweit in dieses riesige Land hinaus, unglaublich. Aber sonst ist das Wetter schwierig, dann muss ich oft an die Leute in der Schweiz denken, die sich bei leichter Bewölkung in den Skiferien schon aufregen.

Sonnenuntergang auf dem Mount Buller.
Sonnenuntergang auf dem Mount Buller.
Bild: patrick gasser

Und wie in aller Welt seid ihr dann darauf gekommen, euren Sommer an einem Ort wie diesem zu verbringen?
Patrick:
Ich bin im Winter Skilehrer in Saas-Fee. Das Skigebiet bietet auch Gletscherpisten und es hätte bestimmt auch eine Möglichkeit gegeben, dort einen Job für den Sommer zu finden. Aber ich wollte mal einen Perspektivenwechsel. Ich dachte mir: «Australien wäre exotisch», dann habe ich gegooglet. So bin ich auf Mount Buller gestossen.

Thomas: Ich war auch schon länger Skilehrer in der Schweiz. Australien bot sich für mich an, weil ich halb Australier bin. Ich habe schon die letzte Sommersaison hier verbracht. Du siehst hier jeden Tag Spinner. Ich dachte, da passe ich wahrscheinlich ganz gut dazu.

Was für Spinner?
Thomas:
Hier siehst du Dinge, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Es gibt steile Pisten, auf denen Anfänger nichts verloren haben. Trotzdem kommen Touristen, die vorher noch nie auf Skiern standen, und «fahren» herunter. Alle 20 Sekunden kracht einer in einen Zaun oder fällt hin. Manche tragen sogar den Helm verkehrt rum, das ist einfach crazy hier.

Das klingt fast ein bisschen nach Schadenfreude.
Patrick:
Zugegebenermassen: Manchmal schon ein bisschen (lacht), aber das ist ja nur die eine Seite. Auf der anderen Seite sind die Leute auch sehr dankbar. Weil sie totale Anfänger sind, machen sie dank der Skischule schnell Fortschritte. Sie haben Spass und machen 1000 Selfies, auch wenn alles durchnässt und kalt ist.

Betreut ihr vor allem Anfänger?
Patrick:
Ja. Ich würde sagen, 60 Prozent unserer Gäste steigen am Morgen in Melbourne in einen Bus und stehen dann zitternd und durchnässt vom Regen vor uns. Doch viele von ihnen sehen zum ersten Mal Schnee und sind deshalb trotzdem motiviert, Skifahren zu lernen.

Manchmal haben wir auch Kinder von Privatschulen. Morgen beispielsweise haben wir eine Gruppe, die wir auf Riesenslaloms vorbereiten. Da glauben allerdings auch nur deren Eltern, dass die mal Olympioniken werden.

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Alle bisherigen Artikel aus der Serie findest du hier.

Wie sieht ein typischer Tag als Skilehrer aus?
Thomas:
Es ist ziemlich anders als in der Schweiz. Alle Skilehrer stellen sich am Sammelplatz in eine Reihe und der «Supervisor» teilt die Gäste auf die Skilehrer auf. Sie nennen dieses Prozedere «Line Up». Dann machst du dich mit deiner Gruppe auf den Weg. Nach einer oder zwei Stunden kehrst du zurück zum Sammelplatz und kriegst eine neue Gruppe. Du musst immer auf dein Handy schauen, ständig werden die Pläne geändert. Im Vergleich zur Schweizer Skischule sind sie hier, sagen wir mal, sehr flexibel.

Patrick Gasser an einem (seltenen) sonnigen Arbeitstag in Mt. Buller.
Patrick Gasser an einem (seltenen) sonnigen Arbeitstag in Mt. Buller.
bild: patrick gasser

Patrick: Insgesamt verbringt man viel weniger Zeit mit den einzelnen Gästen. Kaum kennt man die Namen, ist die Lektion vorbei. Es ist unpersönlicher als in der Schweiz. Und die Tage sind lang, an manchen arbeitest du bis zu zehn Stunden.

Dann habt ihr gar nicht mehr so viel Energie, um in der Freizeit noch etwas zu unternehmen?
Thomas:
Am Abend bist du oft müde. Aber am Donnerstag haben wir unseren freien Tag. Da gehen wir manchmal nach Mansfield, ein kleiner Ort in der Nähe vom Skigebiet. Dort ist es etwa 10 Grad wärmer und schöneres Wetter, du triffst auch Papageien und Koalas. Manchmal, wenn ich etwas Zeit für mich brauche, gehe ich auch Langlaufen in den Eukalyptus-Wäldern, ein sehr spezielles Erlebnis!

Eindrücke aus dem winterlichen Eukalyptus-Wald.
Eindrücke aus dem winterlichen Eukalyptus-Wald.
patrick gasser

Und nicht zu vergessen sind auch die legendären Österreicher-Abende. Nebst einigen weiteren Schweizern, Chinesen, Tschechen und Franzosen gibt's hier auch viele Skilehrer aus Österreich. Jeden Donnerstag feiern sie in «ihrer» Beiz in Dirndl und Lederhosen. Wir Schweizer dürfen – ausnahmsweise – auch dabei sein, aber wir müssen uns exakt an die Regeln halten: Wer Englisch spricht, zu spät erscheint oder während der Woche ein Kind in der Skischule «verloren» hat, bezahlt fünf Dollar Bussgeld. Am Ende der Saison werden wir mit dem Geld ein Festessen veranstalten.

Bei solchem Wetter kann es durchaus mal vorkommen, dass man ein Schulkind aus den Augen verliert.
Bei solchem Wetter kann es durchaus mal vorkommen, dass man ein Schulkind aus den Augen verliert.
patrick gasser

Patrick: Zeit für dich alleine hast du hier selten. Du wohnst zu viert in einem 3x4 Meter grossen Zimmer. Die Küche teilen wir mit 35 Personen. Alleine bist du nur gerade auf dem WC, da musst du schon der Typ dafür sein. Es ist ein bisschen wie in der Rekrutenschule. Aber nach diesen sechs Wochen kennen wir Spinner uns inzwischen gut und verbringen eine coole Zeit.

Das ist also sozusagen eine grosse WG für alle Skilehrer?
Patrick:
Genau. Diese Zimmer können wir Mitarbeiter hier verhältnismässig günstig mieten. Der Vermieter ist die Firma, der das ganze Skigebiet gehört. Alle Restaurants, Bahnanlagen und die Skischule gehören dazu. Das ist auch der Hauptgrund, warum Mount Buller so profitabel ist. Abgesehen davon gibt es nur ein weiteres Skigebiet in der Grossregion Melbourne.

Es ist schon eindrücklich, wie viel hier investiert wird. Ohne Kunstschnee wäre aber nichts möglich. Rund um die Uhr wird Schnee produziert. Schneekanonen können zwar oft nicht eingesetzt werden, weil es draussen zu warm ist. Doch sie haben hier eine Lösung: In einem gekühlten Container – der Snowfactory – wird Schnee am Laufmeter produziert und dann auf die Pisten gekippt.

So kurios sieht der Schnee aus der Snowfactory aus

Video: Extern / Rest/Patrick Gasser

Wie ist das Skigebiet im Vergleich zu Schweizer Skiorten?
Thomas:
Man kann das nicht mit unseren Skigebieten vergleichen. Es gibt hier auch keine richtigen Berge, Mount Buller ist eher ein Hügel, vielleicht etwa wie der Chasseral im Kanton Jura. Der höchste Punkt liegt auf 1800 Meter über Meer. Oben hat es flache, einfache Pisten. Links und rechts fallen die steilen Pisten ab. Präpariert wird längst nicht jeden Tag. Manchmal fallen auch Lifte aus. Aber die Leute hier stört das nicht, sie kennen es ja nicht anders.

Skifahrer auf der unpräparierten Piste.
Skifahrer auf der unpräparierten Piste.
patrick gasser

Dann freut ihr euch bestimmt wieder auf den Winter in der Schweiz.
Thomas: Als ich nach der letzten Saison wieder in der Schweiz Skifahren war, war das schon ein spezielles Gefühl. Der Sessellift war so schnell, ich kam mir vor wie auf einer Achterbahn. Aber jetzt geniesse ich dieses Exotische in Australien. Was ich hier vermisse, sind eher schwarze Ovo-Schoggi und Rivella.

Patrick: Klar, das Leben als Skilehrer in der Schweiz ist nur schon finanziell lukrativer – reich wirst du hier nicht, obwohl du sparsam lebst. Aber all diese Erlebnisse hier sind unbezahlbar. Vor einigen Tagen ist beispielsweise ein Wombat direkt vor uns über die Skipiste gelaufen. Wo hast du das schon? Aber klar, um hier als Skilehrer zu arbeiten, muss du diesen Sport lieben – und ein bisschen verrückt sein.

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