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Wer die Geschichte von «DAU» liest, wird staunen, dass Regisseur Ilya Khrzhanovskiy und seine beiden Schauspielerinnen Olga Shkabarnya (links, im Film Olga) und Natalia Berezhnaya (Natasha) an der Berlinale scheinbar unversehrt dastehen.
Wer die Geschichte von «DAU» liest, wird staunen, dass Regisseur Ilya Khrzhanovskiy und seine beiden Schauspielerinnen Olga Shkabarnya (links, im Film Olga) und Natalia Berezhnaya (Natasha) an der Berlinale scheinbar unversehrt dastehen.
Bild: EPA

Forschung, Folter, Neonazis, alles echt: Irrer Russe sorgt für Filmskandal an Berlinale

700 Stunden Film, 210'000 Statisten, die grösste Filmkulisse Europas und ein Kokain-Grossist, der alles finanziert. Die unglaubliche Geschichte von «DAU. Natasha».
27.02.2020, 18:4929.02.2020, 12:45

Es ist nicht so, dass die Welt zum ersten Mal von «DAU» hören würde. Bloss sieht sie es jetzt zum ersten Mal. «DAU» ist das gigantische Filmprojekt des 44-jährigen Russen Ilya Khrzhanovskiy, das 13 Filme und mehrere TV-Serien umfasst. An der Berlinale werden nun der zweistündige Spielfilm «DAU. Natasha» und der sechsstündige Dokumentarfilm «DAU. Degeneratsia» gezeigt. «Mit zitternden Knien», schreibt ein deutscher Journalist, habe er die Vorstellung von «DAU. Natasha» im internationalen Wettbewerb der Berlinale verlassen.

In Russland ist der Film verboten. Er gilt als Pornografie.

Die deutsche Schauspielerin Hanna Schygulla weigerte sich, als Synchronstimme zu arbeiten, nachdem sie gesehen hatte, wie «ihre» Rolle während eines Verhörs durch einen KGB-Folterer gezwungen wird, sich eine Flasche in die Vagina einzuführen. Der KGB-Mann war kein Schauspieler. Der war echt. Er hatte genau solche Dinge viele Jahre lang getan.

So beschreibt das Berlinale-Programm «DAU. Natasha»
«Natasha und Olga arbeiten in der Kantine eines geheimen sowjetischen Forschungsinstituts. Hier schlägt das Herz des DAU-Kosmos, alle kommen vorbei: die Angestellten des Instituts, Wissenschaftler*innen und ausländische Gäste wie Luc Bigé. Mit ihm beginnt Natasha eine Affäre, nachdem sie sich mit Olga über die Liebe unterhalten und in die Haare gekriegt hat. In der Badewanne und bei heiteren Trinkspielen sinniert sie über ihre Liebhaber und bezeichnet bei dieser Gelegenheit den Franzosen als ‹sanft›. Doch der Geheimdienst unter der Leitung von Vladimir Azhippo interveniert. Für Natasha (und uns) eine ‹unsanfte› Erfahrung.»

«DAU»-Trailer

Schon vor zwei Jahren wollte Khrzhanovskiy «DAU» in Berlin zeigen, nicht einfach so in einem Kino, sondern als Teil einer grössenwahnsinnigen Installation, ein Teil der Berliner Mauer sollte dafür rekonstruiert werden, der Film sollte in seiner historisch korrekten Umgebung zum Event werden. Prominente wie Lars Eidinger und Tom Tykwer unterstützten Khrzhanovskiy, aus Sicherheitsgründen konnte sein Plan jedoch nicht umgesetzt werden.

Nach Berlin geholt hat die beiden Filme Berlinale-Direktor Carlo Chatrian (der frühere künstlerische Direktor des Filmfestivals Locarno). Er hat sich von den 700 Stunden rund 40 angeschaut, zeigte sich in einem Interview mit «Deutschlandfunk Kultur» «unglaublich begeistert», nicht zuletzt, weil man sehe, dass der Regisseur «an die Grenzen gegangen ist. Er hatte unfassbar viel Geld zur Verfügung. Keiner weiss, woher das eigentlich kommt, und vielleicht wollen wir das gar nicht wissen.»

Carlo Chatrian mit Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek auf dem roten Teppich.
Carlo Chatrian mit Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek auf dem roten Teppich.
Bild: EPA
Khrzhanovskiy selbst hatte darüber schon längst Auskunft gegeben: Finanziert wurde «DAU» weitgehend vom russischen Putin-Protegé, Oligarchen und Kokain-Grossisten Sergei Adonjew, gegen den das FBI ermittelt.

«DAU» ist der Spitzname des sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Dawidowitsch Landau (1908–1968). Er war bekannt für seine wegweisende Forschung im Bereich der Quantenmechanik und dafür, dass er die befreite Liebe schon lange vor 1968 feierte. 1962 lag er nach einem Autounfall zwei Monate lang im Koma. Die Nobelpreis-Verleihung fand an seinem Krankenbett statt.

«DAU» wurde in Russland, Deutschland, Grossbritannien und Dänemark gedreht, vor allem aber in der ukrainischen Stadt Charkiw. Dort wurde das sogenannte «Institut für Physikalische Probleme der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften», wo Landau zwischen 1938 und 1968 arbeitete, originalgetreu nachgebaut. Es gilt mit 12'000 Quadratmetern als grösste Filmkulisse Europas. Gedreht wurde zwischen 2009 und 2012.

Rund 210'000 Statistinnen und Statisten waren beschäftigt. Grössere Rollen gab es für 300 bis 400 Leute.
Stalins Zeit, Terror und Ästhetik gefallen dem Regisseur Ilya Khrzhanovskiy ganz ausgezeichnet. Szene aus «DAU. Natasha».
Stalins Zeit, Terror und Ästhetik gefallen dem Regisseur Ilya Khrzhanovskiy ganz ausgezeichnet. Szene aus «DAU. Natasha».
Bild: via imdb/ Jorg Gruber phenomen ip

Die meisten davon Laien, die als Angehörige ihrer jeweiligen Berufsgruppe gecastet wurden: Journalisten betrieben eine Zeitung, Bäckerinnen backten Brot, Prostituierte gingen auf den Strich, Folterknechte folterten, echte Neonazis spielten echte Nazis, Forscher forschten. Mehrere Kulturschaffende und Wissenschaftler, darunter die Künstlerin Marina Abramović, der Musiker Brian Eno oder der Physiknobelpreisträger David Gross, nahmen ebenfalls daran Teil.

Der Journalist Michael Idov, der 2011 für das Magazin «GQ» vom Dreh berichtetes, beschreibt die Situation in Charkiw und die Begegnung mit Khrzhanovskiy so: Khrzhanovskiy war der Sohn eines bekannten russischen Animationsfilm-Regisseurs. Er war stolz darauf, mit 13 zum ersten Mal Sex gehabt zu haben. Später galt er als notorischer Pick-Up-Artist in Moskau. In Charkiw gebärdete er sich als König, war Genie, Guru, Tyrann, verlangte Unterwerfung und Anbetung. Und er war der absolute Kontrollfreak. «Hier zu arbeiten ist, wie der Typ zu sein, der getötet und gegessen werden will und dann den Irren findet, der ihn tötet und isst», sagte ein ausgestiegener «DAU»-Mitarbeiter zu Idov.

Martialisch und männlich. Szene aus «DAU. Natasha».
Martialisch und männlich. Szene aus «DAU. Natasha».
Bild: via imdb/ Olympia Orlova phenomen ip

Das «Institut» und seine Umgebung waren ganz der Stalinzeit nachgebaut. Idov musste sich für seinen Streifzug über das Gelände als Statist verkleiden, bis auf die Unterwäsche war das Kostüm bis in die letzten Textilfasern Kleidern aus den 50ern nachgebildet. Ebenso alle Lebensmittel, Details wie Seifen oder Streichhölzer und selbst Wasserrohre, damit abfliessendes Wasser auch genau so gurgeln würde wie damals.

Wer nicht redete, wie dies in den 50er-Jahren üblich gewesen war, wer etwa Worte wie «Google» benutzte, musste eine Geldstrafe bezahlen.

Ein Engagement bei «DAU» konnte Wochen, Monate oder gar Jahre dauern. Paare lernten sich am Set kennen, mehrere Kinder wurden geboren. Oft wurde tagelang nicht gedreht, man lebte einfach vor sich hin in der Simulation einer Zeit, die längst vorbei war. Alle, die am Projekt mitwirkten, mussten Schweigeerklärungen unterzeichnen.

Hier wird gekocht wie in den 50er-Jahren. Szene aus «DAU. Natasha».
Hier wird gekocht wie in den 50er-Jahren. Szene aus «DAU. Natasha».
Bild: via imdb/ phenomen ip

Der «taz» gelang es dennoch, mit einigen der Beteiligten zu reden. Khrzhanovskiys Arbeitsstil scheint ebenfalls aus einer alten Zeit zu sein. Oft traf er sich persönlich mit den Frauen am Set und führte Verhöre über ihr Sexualleben. Seine Castingleute soll er losgeschickt haben, um Menschen zu finden, die suizidgefährdet, psychisch krank oder traumatisiert waren. Er soll seine Untergebenen so lange gezielt destabilisiert haben, bis sie nicht mehr Nein sagten. Zu echtem Sex und echter Gewalt vor der Kamera.

Und was ist aus dem irgendwie total faszinierend und irgendwie total abstossend klingenden megalomanen Unternehmen eines Besessenen geworden? Etwa ein genialer Meilenstein der Filmgeschichte? Der «Voyeurismus im Namen der Kunst» sei «nicht so spannend», meint der SWR, «verdammt lau» der «Tagesspiegel», «frustrierend» die «Frankfurter Rundschau»: «Ein gewaltiger Filmberg hat, wenigstens für den Augenblick, nur eine Maus geboren.» Na dann.

Quellen für diesen Artikel: taz, GQ, rbb, The Insider, Tagesspiegel, SWR2, wikipedia, Frankfurter Rundschau, Deutschlandfunk Kultur.

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