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bild: shutterstock / bearbeitung: watson

Wie ein Betrunkener, der nicht nach Hause findet

Ich kann mich gut an den Mann erinnern, der mein Grossvater einmal gewesen ist. Bevor er an Alzheimer erkrankte.



Ob er schnell etwas ausspucken könne, fragt mich mein 83-jähriger Grossvater, während ich gerade am anderen Ende der Küche sitze und konzentriert an meinem Buch schreibe. Ich bin gerade in der Slowakei, in einer alten Doppelhaushälfte im Stadtteil Podunajské Biskupice, der aufgrund seiner leicht dezentralen Lage entfernt mit Wien Floridsdorf vergleichbar ist und passe auf meinen alzheimerkranken Dedko auf.

Angefangen hat es vor ungefähr acht Jahren. Damals war ich 18. Ich kann mich also noch gut an den Mann erinnern, der Dedko einmal gewesen ist. Früher, da war er ein zu gleichen Teilen kritischer wie lustiger Mann, der nie um einen Scherz verlegen war und seinen eigenen Traubensaft produzierte, den er uns Kindern stolz präsentierte. Ganz früher, es muss bis in die späten 1990er-Jahre hinein gewesen sein, war er ein schöner Mann im Anzug, der als Vermessungstechniker arbeitete und eine Abteilung leitete. Ich war sechs oder sieben, als ich ihn zum letzten Mal in seiner Bestform sah. Meine Grossmutter und ich holten ihn manchmal ab und fuhren zusammen zum See.

Ich habe viel Zeit in der Slowakei verbracht. Meist den ganzen Sommer, und jedes Weihnachten. Er war immer da, um mich bei Tisch vor allen anderen nach meinen Schulnoten zu fragen. Bildung, die schien sehr wichtig für ihn zu sein.

Als ob es gespürt hätte, dass ihn eine seltsame Krankheit einholen würde, hat er nach und nach seine alten Abschlusszeugnisse, Maturafotos und Universitätsunterlagen herausgekramt und mir gegeben. Der Erstgeborenen. Ich als Älteste und erstes seiner Enkelkinder sollte die Zeugnisse aufbewahren – für welchen Zweck auch immer. Wirklich etwas anfangen konnte ich mit ihnen nicht.

Ich stehe auf von meinem MacBook und gehe zum Waschbecken, wo mein Dedko in gekrümmter Haltung auf mich wartet. Keine Ahnung, was er schon wieder ausspucken möchte, das letzte Essen ist zwei Stunden her. Er kann sich nicht mehr orientieren und weiss deshalb nicht, dass sich der Mistkübel direkt vor ihm befindet. Ich hole ihn raus, halte ihn unter sein Kinn und merke:

Der Mann, den ich einmal kannte, der jetzt gerade in den vor seinen Oberkörper gehaltenen Mistkübel spuckt, er existiert nicht mehr.

Ich muss Dedko ansagen, was er tun soll, wenn ich ihn nicht mitten im Raum warten lassen möchte. «Komm, setz dich doch hier hin zu mir», sage ich ihm. Er gehorcht. Ich habe das Sagen. Ein falsches, unangenehmes Gefühl. Ich möchte ihm nicht befehlen können. Ganze drei Minuten, nachdem er sich hingesetzt hat, möchte er wieder aufstehen, und drückt den Tisch ein Stück weit von sich fort. Danach geht er ins Wohnzimmer, und setzt sich dort für fünf Minuten in den Sessel, wenn ich Glück habe, bevor er wieder umkehrt und seine Routine von vorne beginnt. Aufstehen. Hinsetzen. Aufstehen. Hinsetzen.

Den Fernseher aufdrehen kann er selbst nicht mehr. Abends, wenn wir alle zusammen dort sitzen, hat er keine Kritik am Programm. Früher, da ging ihm nichts über eine Partie übertragenes Tennis. Heute schläft er regelmässig dabei ein.

Er liest nichts, er schaut nichts, er kann keine Dialoge mehr führen. Weil er eine Minute später bereits wieder vergessen hat, was ich ihm erzähle. Vor drei Jahren war das noch anders, da hielt sein Gedächtnis immerhin fünf Minuten länger aus. Damals fragte er mich manchmal, wer ich überhaupt sei. Er vergass, wer meine Mutter, seine Tochter war, und betrachtete mich hin und wieder als fremden Besuch aus Deutschland, der aus unerklärlichen Gründen auch slowakisch sprach.

Ich weiss nicht, warum er aufgehört hat zu fragen. Seine Stimme ist leise, ganz zittrig, wenn er spricht. Als ob er sich Jahr für Jahr immer weiter zurückentwickelt hätte und jetzt einen umgekehrten Stimmbruch erleidet. Alles ist verkehrt. Ich bin erwachsen und er ist ein Baby, ich muss ihn füttern und passe auf, bis meine Grossmutter von der Apotheke zurück ist.

Entweder spürt Dedko, dass ich Familie bin, oder er hat einfach aufgegeben. Vielleicht ist es ihm schon recht, dass überhaupt irgendjemand da ist, den er von früher kennt. Ich kann nicht in ihn hineinsehen. Überhaupt spüre ich recht wenig, und schäme mich dann später dafür.

Das ist nicht mein Grossvater, sage ich mir jedes Mal, wenn er an mir vorbeigeht:

Er hört sich nicht an wie er, er spricht nicht wie er, er kleidet sich nicht wie er und er fragt nicht dieselben unbequemen Dinge wie er.

Ich verliere langsam die Geduld. Keine zehn Minuten kann ich dem nachgehen, was nötig wäre, ohne von ihm unterbrochen zu werden. Dabei will er gar nichts. Er stammelt unzusammenhängende Sätze vor sich hin, und öffnet imaginäre Türen. Er steht auf, und setzt sich wieder, ja, manchmal wirkt er wie ein Betrunkener, der nicht nach Hause findet. Er öffnet Schubladen und versteckt Messer, er isst drei Kuchen gleichzeitig. Er trägt eine Windel und macht sich in die Hose.

«Aký je to život?», frage ich meine Babka, als sie wieder zurück ist. Was ist das für ein Leben. Ein ganzes Leben waren sie zusammen, und hier, am Ende des gemeinsamen Weges muss sie ihm den Arsch abwischen. Den Bart rasieren. Sie muss ihn füttern wie die Babys, die sie vor fünf Jahrzehnten gemeinsam grossgezogen haben, nur, dass sie jetzt selbst fast 80 ist. Anders als er ist sie fit. Sie hat noch gute zehn Jahre vor sich, ja, hoffentlich zwanzig, wenn alles so bleibt.

Die Arbeit mit einem kranken Greis macht sie früh müde. Sie muss sich jetzt auch nachmittags hinlegen. Für mich ist seine Krankheit mehr störend als kräftezehrend. Schliesslich bin ich nicht oft genug da, um eine Ahnung von täglicher Pflege zu haben. Die kurze Einführung die ich bekommen habe, ist grauenvoll.

Ich denke an all die Ehefrauen auf der Welt, die genau das tun müssen. Jeden Tag. Womit sie das verdient haben. Und auch die Ehemänner, die ihre Frauen pflegen, wenn auch statistisch betrachtet deutlich seltener. Ich frage mich, wie sie so viel Geduld und Liebe aufbringen können für einen geistlosen Körper, der bis auf seine biologischen Grundfunktionen alles verlernt hat, was ihn auszeichnete. Es wird keine letzten Worte mehr geben, keine Konversationen über alte Zeiten. Das Geschehene ist längst in ihnen ausgelöscht, es ist non-existent, es ist, als ob ein Geist durch die Räume fegen würde, der noch ein klitzekleines Stück lebendig ist.

Und dann doch wieder nicht.

Ich weiss inzwischen auch ohne seinen physischen Tod, was es bedeutet, jemanden verloren zu haben.

Diese Roboter-Robbe hilft Alzheimer-Patienten

Video: srf

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