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Die Scans von Hannahs Gehirn vor der Operation – der Tumor ist mit blossem Auge nicht zu erkennen. bild: zvg

Interview

Diagnose Gehirntumor – so fühlt es sich an, am offenen Gehirn operiert zu werden

Ein Albtraum vieler Menschen wurde für Hannah* wahr: Sie hatte bei vollem Bewusstsein eine Operation am offenen Gehirn. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Steven Meyer



*Hannah heisst eigentlich anders, sie möchte allerdings anonym bleiben, weil sie die Operation vor ihrem Arbeitgeber verheimlicht hat.

Operationen sind immer unangenehm. Und zwar egal an welchem Körperteil. Aber die unangenehmste Stelle ist wohl unbestritten: das Gehirn. Der Teil des zentralen Nervensystems in unserem Kopf macht uns nämlich zu dem, was wir nunmal sind. Wenn in der Nähe des Seh- oder Sprachzentrums operiert wird, müssen Patientinnen und Patienten dabei auch noch wach bleiben. Einer solche Wachoperation musste sich Hannah, 28, vor einiger Zeit unterziehen.

Als Hannah 19 Jahren alt war, rutschte sie in der Dusche aus und schlug sich den Kopf an der Duschkante an. Anschliessend sei von ihrem Arzt fälschlicherweise eine Gehirnblutung festgestellt worden, die epileptische Anfälle auslöse. Erst Jahre später wurde bei einem MRT festgestellt, dass das, was für eine Gehirnblutungen gehalten wurde, etwas anderes war: ein Gehirntumor. Zeit, diesen Schock zu verarbeiten hatte Hannah nicht, der Tumor sollte schnellstmöglich entfernt werden.

Wir haben sie gefragt, was ihr während dieser Operation durch den Kopf ging.

Hannah, wann hast du von deinem Tumor erfahren?
Hannah:
Ich war bei einem Neurologen, bei dem ich zur Kontrolle ein MRT gemacht habe. Im Anschlussgespräch riet er mir so schnell wie möglich zu einem Neurochirurgen ins Krankenhaus zu gehen. Er sagte, dass er auf den Bildern etwas ungewöhnliches gesehen hätte.

«Gehirntumor – schon das Wort klingt schrecklich.»

Wie war es, davon zu erfahren? Erinnerst du dich noch an den Moment?
Ich konnte es nicht realisieren, war komplett abwesend, und habe gar nicht richtig zugehört. Ich meine: Gehirntumor – schon alleine das Wort klingt schrecklich. Zuhause habe ich dann auch sofort angefangen zu weinen. An diesem Tag stand für mich aber fest, dass eine Operation für mich ausgeschlossen ist. Ich hatte zu grosse Angst und konnte es mir einfach nicht vorstellen.

Wie ging es dann weiter und wieso hast du dich für die Operation entscheiden?
Sobald ich mich beruhigt hatte, habe ich online recherchiert und viel über die OP-Methode gelesen. So fand ich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einer Operation am Gehirn zu sterben wohl ziemlich gering sein soll. Ausserdem stand in Aussicht, dass ich nach der OP keine Medikamente mehr nehmen muss, und dass ich die Epilepsie los bin. Das war, trotz Risiko, zu verlockend.

Wie hast du dich auf die OP vorbereitet?
Bevor es los ging, musste ich eine Woche in ein Monitoring-Programm. Das war furchtbar: Ich konnte mich kaum bewegen und durfte mein Bett nur für die Toilette verlassen. Ausserdem musste ich meine Medikamente absetzen und wurde den ganzen Tag mit Elektroden an meinem Kopf überwacht. In diesen sieben Tagen hatte ich gleich drei grössere epileptische Anfälle, und einige kleinere von denen ich nicht mal etwas mitbekommen habe. Das Ergebnis des Monitorings: Mein Tumor war operabel. Deshalb wurde ein Termin für die Operation ausgemacht – gleich eine Woche später.

«Funktioniert meine Narkose etwa nicht?»

Was wurde bei der OP genau gemacht?
Bei der Operation wurde eine kleine Platte aus meiner Schädeldecke entfernt. Anschliessend wurde der Tumor, der eventuell für die epileptischen Anfälle verantwortlich war und der sich in der Nähe meines Sprachzentrums befand, herausgeschnitten.

Wie hat sich das angefühlt?
Während meine Schädeldecke herausgeschnitten wurde, war ich noch in Narkose. Gleich danach wurde ich aber langsam aufgeweckt. Ich weiss noch genau, wie ich langsam Stimmen gehört habe und zu Bewusstsein kam. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Ich spürte ein Ziehen und ein leichtes Brennen – Fast wie beim Zahnarzt, nur eben an meinem Kopf. Ich wurde panisch. «Funktioniert meine Narkose etwa nicht?», dachte ich. «Das tut weh», stammelte ich leise. Dann wurde mir auch gleich schon etwas gespritzt und das Gefühl verschwand.

Mein Kopf war festgeschnallt und befestigt, sodass ich mich nicht bewegen konnte. Ich wurde gefilmt und habe die Aufnahme meines Gesichts gleich vor mir auf einem Monitor gesehen. Ich schätze das war für den Chirurgen, der sich hinter mir an meinem Gehirn zu schaffen machte. Es war irritierend mich in diesem Zustand auf einem Bildschirm selbst sehen zu können.

Was ging während der Operation in dir vor?
«Okay, es passiert jetzt», dachte ich die ganze Zeit. «Das ist der Moment, vor dem du solche Angst hattest.» Ich war mir bewusst darüber, war aber dennoch ziemlich gefasst und hatte keine Angst. Eine Ärztin und eine Anästhesistin haben vorne bei mir gesessen und mich die ganze Zeit beruhigt. Sie waren freundlich und haben mich abgelenkt, indem sie mir Bilder von verschiedenen Objekten oder Lebewesen gezeigt und mir Fragen dazu gestellt haben. Das war notwendig, weil der Tumor gleich bei meinem Sprachzentrum war und sie kontrollieren mussten, ob etwas beschädigt wird.

«Ich war wie betrunken und habe irgendwas über Obamacare gelallt.»

Wie ist es ein Gespräch zu führen, während man am Gehirn operiert wird?
Ich habe mich ziemlich gut aufgehoben gefühlt. Als die Tests vorbei waren, wollten die beiden Frauen dann einen Smalltalk anfangen und haben mich nach meiner Arbeit gefragt. Da ich zu dieser Zeit einen furchtbaren Nebenjob in einem Callcenter hatte, sagte ich nur: «Ich möchte da gerade wirklich nicht darüber sprechen.» Die Ärztin und andere Personen im Raum, die ich nicht sehen konnte, lachten darüber. Das hat die Stimmung total aufgelockert. Danach fiel ihnen aber nichts mehr ein, worüber sie reden konnten, und es war für mehrere Minuten ruhig. Das war ein bisschen komisch.

Wie ging es danach weiter?
Ich wurde dann wieder in Narkose versetzt und bin später auf der Intensivstation aufgewacht. Meine Mutter war bei mir. Ich war komplett verwirrt und hatte Schmerzen. An meinem Kopf war ein riesiger, blutiger Verband. Ich war von der Narkose wie betrunken und habe – wieso auch immer – irgendwas über Obamacare gelallt.

Die darauffolgenden Tage musste ich mich oft übergeben. Einmal habe ich sogar einen Pfleger komplett vollgekotzt. An einem Tag hat eine der Pflegerinnen meine Mutter angemault, als sie für mich nach Schmerzmitteln gefragt hatte. «Hier gibt es Patienten denen es viel schlechter geht», meckerte die Pflegerin. Ich habe die Situation beobachtet, und dachte mir nur: «Stimmt, ich hatte wirklich nur einen Routine-Eingriff.» Das beruhigte mich und nahm mir die Angst vor möglichen Folgeschäden. Zwar hatte ich noch Schmerzen, aber die wurden von Tag zu Tag immer weniger. Nach vier Tagen wurde ich dann entlassen.

Wieso hast du deinem Arbeitgeber die Operation verschwiegen?
Ich habe meinem Arbeitgeber nichts von der Operation gesagt, weil ich den Job unbedingt haben wollte und Angst hatte, dass meine Epilepsie ein Grund sein könnte, nicht eingestellt zu werden. Menschen mit Epilepsie dürfen nicht in allen Berufsfeldern arbeiten. Ich darf auch nicht jeden Kinofilm sehen, oder Blutspenden.

Ist die Epilepsie denn nun nach der Operation weg?
Das wird sich erst in Zukunft herausstellen. Einen Anfall hatte ich zwar nicht mehr, die Tabletten muss ich aber noch einnehmen. Aufgrund der Epilepsie-Diagnose habe ich vieles in meinem Leben schweifen lassen und war unzufrieden. Die Operation war wie ein Lichtblick in einer hoffnungslosen Situation für mich. Der Eingriff gab mir neue Hoffnung und ein neues Lebensgefühl. Auch wenn es noch nicht sicher ist, ob ich die Epilepsie dadurch losgeworden bin, würde ich den Eingriff dennoch wieder machen lassen.

Bilder, die dein Gehirn übertölpeln:

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Video: srf/Roberto Krone

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