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Einzelkinder müssen nicht ständig kämpfen, sie sind sich der Aufmerksamkeit ihrer Eltern sicher. bild: shutterstock

Kommentar

Einzelkinder: Wir haben es besser

Neid, Rivalität, Eifersucht – Geschwister starten ihr Leben schon mit unguten Gefühlen. Wir Einzelkinder müssen nicht ständig kämpfen. Was bleibt uns nicht alles erspart!

Parvin Sadigh / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Als meine Tochter klein war, schauten wir gemeinsam auf alten DVDs die Waltons. «Gute Nacht, John Boy!» Eine harmlose Serie aus den Siebziger- und Achtzigerjahren über sieben Geschwister aus einer armen, aber glücklichen und grundguten US-amerikanischen Baptistenfamilie in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Ich habe die Serie schon als Kind geliebt. Und so liebten wir sie noch mal gemeinsam, mein Kind und ich.

Warum dieser Sog? Sehnen wir Einzelkinder uns insgeheim doch nach der Geborgenheit der Grossfamilie, die zumindest in der Fiktion alle auffängt, immer für alle da ist? Nach einer anderen Normalität, weil wir uns irgendwie immer anders und seltsam fühlen? Bestimmt. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass wir Einzelkinder nach wie vor die Minderheit sind, wir stellen wahrscheinlich deutlich weniger als 20 Prozent aller Kinder – und anders als vermutet, lässt sich auch nicht bestätigen, dass die Zahl der Einzelkinder steigt.

Auch die Vorurteile leben weiter. Ein Einzelkind gilt vielen immer noch als bedauernswert oder wenigstens als egoistisch. Erst ab zwei Kindern ist die Familie als glückliche Familie für einen Werbespot brauchbar. Ganz zu Unrecht. Meine Tochter und ich finden, wer Einzelkinder traurig findet, sollte doch bitte die Verzweiflung von Brüdern und Schwestern anschauen. Diese Walton-Idylle! Das ist vor allem Kitsch aus einer Zeit ohne Verhütungsmittel und mit übermächtigen Kirchen.

Warum brüllen sie nur so?

Zum Beweis, dass wir es viel besser haben, analysieren meine Tochter und ich seit Jahren diverse Geschwisterbeziehungen. Wir grübeln, warum Maria und Tim noch als Teenager bei jeder Gelegenheit ihr Lieblingswort brüllen: «Ungerecht!» Meine Tochter erzählt: «Der Bruder von Lorenz hat eine ganze Tüte Kekse allein aufgegessen, obwohl er schon pappsatt war. Lorenz durfte nicht einen einzigen nehmen.» Ich sage: «Ach, wie süss, Lorenz hat noch einen ganz kleinen Bruder?» Sie sagt: «Nein, er ist 21.» 

Ich erzähle ihr von der dreijährigen Sofie, die versucht, ihre kleine Schwester auf immerhin charmante Weise loszuwerden: Sie fordert jede Besucherin beim Abschied auf, sie doch einfach mitzunehmen: «Schenk ich dir!» Ganz anders als Lotte, die versucht hat, ihren Bruder mit einem Spucktuch zu ersticken. Sofie und Lotte leiden bestimmt unter dem sogenannten Entthronungstrauma, diagnostizieren wir aus der Entfernung. Damit verbunden sind lauter hässliche Gefühle: Neid, Eifersucht, Rivalität. 

Klar, eine starke Geschwisterliebe kann ohne Zweifel später trotzdem über viele Krisen hinweghelfen. Aber was wenn die Geschwister die grössten Krisen erst erzeugen? Denn wenn die Beziehung zu Schwester und Bruder von diesen schlimmen Sofie- und Lotte-Gefühlen geprägt ist, bleibt sie trotzdem die längste Bindung eines Lebens. Das Drama geht immer weiter. Das Entthronungstrauma von Sofie kann im schlimmsten Fall ewig weiterwirken. Jüngere Schwestern und Brüder sind auch nicht entspannter als die Erstgeborenen. Sie bekommen nämlich selten so viel Aufmerksamkeit – auch wenn die Eltern das behaupten.

Geschwister sind biologisch gesehen einfach Rivalen. Ferkel werden deshalb praktischerweise mit speziellen Zähnen geboren, die nur dazu da sind, sich die beste Zitze zu erkämpfen. Kleine Menschengeschwister bewaffnen sich auch frühzeitig, halt auf ihre Weise.

Dieser Kampf, das Misstrauen und die Verletzungen drängen oft besonders heftig an die Oberfläche, wenn es ums Erben geht. Oder manchmal erst im hohen Alter. Ich erzähle meiner Tochter von Gertrud, einer 80-Jährigen, die mit 70 beschlossen hat, dass sie ihre Schwester nun endgültig nicht mehr ertragen kann und seither kein Wort mehr mit ihr spricht.

Die später geborenen Geschwister müssen ausserdem immer nehmen, was übrig bleibt, um von ihren Eltern gesehen zu werden. Ist die Erstgeborene klug und vernünftig, muss das jüngere Kind witzig und abenteuerlustig werden. Oder eben hilflos und manchmal auch drogensüchtig, wenn das mit dem Witzigsein nicht geklappt hat. Viele werden ihre Rolle jedenfalls nie wieder los.

Wer allein aufwächst, hat hingegen grosse Vorteile. Nämlich zum Beispiel: allein sein dürfen. Seltsamerweise werden Einzelkinder gerade dafür bemitleidet. Dabei ist sogar John Boy Walton genervt, weil er nie seine Ruhe hat. Einzelkinder sind auch den ganzen Tag in der Kita oder in der Schule. Sie verabreden sich mit denen, mit denen sie wirklich spielen wollen. Danach können sie jedoch ihre Tür zumachen. Als meine Tochter etwa sechs Jahre alt war, stiess sie das erste Mal diesen Seufzer aus und sagte: «Bin ich froh, dass ich keine Geschwister habe.»  Irgendein kleines Mädchen war zu Besuch gewesen, hatte ihr Puppenbett zerwühlt und verlangt, dass sie stundenlang mit ihr Pferdchen spielt. 

Was für ein Stress, ständig siegen zu wollen

Und die Eltern? Sie beteuern zwar, sie können ihre zwei, drei, vier Kinder gleichermassen und gleichzeitig lieben. Ich glaube ihnen aber nur halbherzig. Sie sind seltsamerweise immer so glücklich, wenn sie ihre Kinder mal loswerden. Kein Wunder. Geschwister leiden ja nicht nur still vor sich hin, sie brüllen und schubsen andauernd. Und so brüllen und meckern die Eltern immer mit. Wir Einzelkinder und Einzelkindeltern müssen nicht so laut schreien.

Denn Einzelkinder kämpfen nicht ständig um Aufmerksamkeit. Okay, es kann auch zu viel des Guten sein. Mindestens an Weihnachten, sagt meine Tochter, wurde die Aufmerksamkeit, die sie bekam, ein bisschen zu viel – wenn wir Eltern und sämtliche Grosseltern erwartungsvoll auf das einzige Kind starrten vor einem Riesenberg an Geschenken. Aber sie wuchs auf in dem sicheren Gefühl, dass man sie hört und ernst nimmt. Sie geht auch jetzt noch einfach davon aus.

Wir Einzelkinder müssen nicht ständig mit anderen konkurrieren. Wahrscheinlich ist es ein Zufall, aber weder meine Tochter noch ich haben ein Talent für Wettkampf-Sportarten – also um ehrlich zu sein, sind wir total unsportlich. Das sieht wie ein Nachteil aus, aber uns fehlt nichts. Im Gegenteil: Was für ein Stress, immer andere bekämpfen und besiegen zu müssen.

Nun sagt aber meine inzwischen erwachsene Tochter plötzlich, sie will selbst mal so circa fünf Kinder haben. «Huch, sag ich», und fühle mich verraten.« Ja», sagt sie, «aber es soll dann so werden wie bei den Waltons, nicht wie bei Sofie, Maria oder Lorenz.» Der Kitsch der grossen Familie ist einfach nicht totzukriegen. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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