DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
South Vietnamese, or ARVN, artillery and tanks are shown near the town of Dong Ha, South Vietnam, April 3, 1972. Dong Ha, just south of the DMZ buffer zone, was hit by heavy North Vietnamese artillery for several days. South Vietnamese troops pulled to the southern side of the Dong Ha River on blew up a bridge behind them, slowing the North's advance. (AP Photo/Jacques Tonnaire)

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1972, nahe der Stadt Dong Ha, in Südvietnam. Bild: AP

Das Bombengeschäft – wie die Schweiz vom Vietnamkrieg profitierte

Ein junger Historiker hat eine Studie zu fragwürdigen Lieferungen an die Amerikaner während des Vietnamkriegs veröffentlicht. Der Skandal blieb aus.



Was ist passiert?

Der «Tages-Anzeiger» hat am Montag über einen bislang unbekannten Aspekt des Vietnamkriegs berichtet, in dem die Schweiz eine äusserst unrühmliche Rolle spielte.

Schweizer Firmen verkauften während des Vietnamkriegs Hunderttausende Uhrenteile an die Amerikaner. Diese Teile – im Fachjargon Pinions and Gears genannt – wurden als Zünder für Artillerie- und Flugabwehr-Geschosse verwendet.

Die hiesige Uhrenindustrie habe mit solchen Exporten in die USA zwischen 1965 und 1973 gut 120 Millionen Franken eingenommen. Im Vietnamkrieg starben vorsichtigen Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Zivilisten und Soldaten.

Artillerie im Einsatz

abspielen

Video: YouTube/DOCUMENTARY TUBE

In Vietnam, wo Panzer wenig ausrichten konnten und die grossen Feldschlachten ausblieben, gehörte die Artillerie zu den wichtigsten Waffen der Amerikaner.

Je stärker der Vietnamkrieg eskalierte, desto besser lief das Schweizer Zündergeschäft. 1968 erreichen die Exporte ihren Höhepunkt. Es war das Jahr der Tet-Offensive und des My-Lai-Massakers und das Jahr, in dem die meisten Amerikaner starben.

Woher wissen wir das?

Der junge Historiker Christian Schaniel hat sich mit der Schweizer Beteiligung am Vietnamkrieg befasst. Seine Studie ist heute Montag auf Dodis.ch veröffentlicht worden, der Website für diplomatische Dokumente der Schweiz.

Eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» bei Vietnamkriegsforschern im angelsächsischen und deutschsprachigen Raum ergab, dass der Export von Schweizer Zündern bis dato unbekannt war.

Wie wurde das geheimgehalten?

1969 war der «Tages-Anzeiger» an der Geschichte dran, ein Student belieferte die Zeitung mit Informationen über die Zünderexporte einer Basler Uhrenfabrik. Da sei die Aufregung im Bundeshaus bereits gross gewesen: Der Tagi-Reporter Sepp Moser, heute ein bekannter Aviatikexperte, hatte zuvor aufgedeckt, dass im Vietnamkrieg Pilatus-Flugzeuge zum Einsatz kamen. Zudem war 1968 aufgeflogen, dass Oerlikon-Bührle die Verwaltung mit gefälschten Dokumenten genarrt und Kanonen in Kriegsländer exportiert hatte.

Beim «Tages-Anzeiger» recherchierte Peter Studer zur Zündergeschichte. Der junge Redaktor und spätere Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens beschäftigte sich schon länger mit dem Vietnamkrieg, wurde jedoch von einem hohen Beamten aus Bern ausgebremst.

Der Chefbeamte Raymond Probst habe Studer und dessen Chefredaktor im August 1969 besucht – und ihnen in einem dreistündigen Gespräch die Geschichte mit den Zündern ausgeredet. Dem gleichen Beamten gelang es später auch, den Bericht eines Genfer Journalisten zu stoppen.

«Der grosse Skandal, zu dem diese Affäre allen Anlass gegeben hätte, blieb aus.»

«Tages-Anzeiger», 2019

Warum muss uns das heute noch interessieren?

Am Fall der Vietnam-Zünder zeige sich ein bis heute chronisches Dilemma der Schweiz, schreibt Tagi-Redaktor Linus Schöfer, der für das Kultur-Ressort schreibt:

«Eine leistungsfähige, hoch spezialisierte Industrie fertigt Produkte, die zwar nicht in erster Linie für militärische Zwecke hergestellt werden, die aber eben auch bestens dafür eingesetzt werden können.»

Der Fachbegriff heisse «Dual Use».

«Auf der anderen Seite steht eine Verwaltung, deren moralischer Kompass flackert, deren juristische Orientierung zwischen ungenauen Paragraphen verlorengeht und in deren Nacken Unternehmer sitzen, die auf die volkswirtschaftliche Bedeutung ihrer Exporte und die Arbeitsplätze verweisen.»

Wie verhielt sich der Bundesrat?

Die Schweizer Landesregierung sei sich der Brisanz der Lieferungen dieser Teile bewusst gewesen, schreibt der Historiker. Der Bundesrat habe aus handels- und industriepolitischen Gründen versucht, das Ausmass, wie auch die hauptsächlich militärische Verwendung der Dual-Use-Produkte geheim zu halten.

Die Zulassung der Zünder-Exporte durch die Bundesverwaltung basierte offenbar in erster Linie auf einem wirtschaftlichen Worst-Case-Szenario. Laut Schaniels Studie wurde befürchtet, dass die Amerikaner die 1967 abgeschafften Uhreneinfuhrzölle wieder in Kraft setzen könnten. Dies hätte die Schweizer Unternehmen empfindlich getroffen.

Quellen

Studie von Christian Schaniel: «Explosive» Exporte in die USA. Schweizer Zahnräder und Getriebe als Zünderbestandteile im Vietnamkrieg 1965–1973. (via dodis.ch)

«The Vietnam War» (2017) – Netflix-Doku: Beim Streaming-Dienst gibts die wohl beste TV-Dokumentation zum Vietnamkrieg. Die Filmemacher Ken Burns und Lynn Novick präsentieren eine 18-stündige, packende Chronik aus der Sicht der Soldaten, Demonstranten, Politiker und Familien.

(dsc)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Der Vietnamkrieg – vor 40 Jahren fiel Saigon

1 / 62
Der Vietnamkrieg – vor 40 Jahren fiel Saigon
quelle: ap/ap
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Wo sind die Verschollenen von Sri Lankas Bürgerkrieg?

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Kanadas kultureller Genozid an seinen indigenen Kindern

In Kanada tauchen 215 Kinderleichen auf, eine dunkle Vergangenheit wird wieder Gegenwart: Zeit, sich dem kolonialen Schicksal von über 150'000 indigenen Schülerinnen und Schülern zu widmen.

Es klopft an der Tür. Es ist der Pfarrer, der örtliche Indian Agent oder ein Polizist. Sie sind gekommen, um die Kinder der Indigenen, der Inuit und der Métis zu holen. Der Bus zur Internatsschule fährt an diesem Morgen los. Fährt sie in ihr neues, fremdes Leben abseits ihrer Familien.

Im Norden der Provinz Alberta kämpft Vitaline Elsie Jenner darum, bei ihrer Mutter zu bleiben. Sie schreit und tobt, «Mama, verlass mich nicht!» Dann nimmt sie die Nonne mit.

Dort, wo sie nun hinkommt, darf sie …

Artikel lesen
Link zum Artikel