Schweiz
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«Will meine Tochter vor Corona schützen» – diese Familien unterrichten nun zuhause

Jetzt sprechen Eltern, die wegen Corona auf Homeschooling umgestellt haben. Ein Experte erklärt, wer im Streit ums Kindswohl meist Recht bekommt.

pascal ritter / schweiz am wochenende



Die Kinder sind nicht Treiber der Pandemie, die Schulen müssen, so lange wie möglich, offen bleiben. Experten des Bundes wiederholen diese Sätze so oder ähnlich. Schulschliessungen sind die letzte Option, sagen Politiker aller Couleur. In Medienbeiträgen wurden Schulschliessungen in Deutschland als «Albtraum für Eltern» beschrieben.

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Katharina Huber (Name geändert) mit ihrer Tochter beim Unterricht im Wohnzimmer bild: privat

Gegen diesen scheinbaren Konsens regt sich nun Widerstand. Eltern, die der Meinung sind, ihre Kinder würden in der Schule zu wenig vor Covid-19 geschützt, gründeten den Verein «Bildung aber sicher». In einem offenen Brief an den Bundesrat schreiben sie, die aktuell vorhandenen Schutzmassnahmen reichten «in keiner Weise aus», um Schüler, Lehrer und Eltern vor der Ansteckung zu schützen.

Grosse Unterschiede in den Kantonen

Einige Eltern belassen es nicht beim Protest, sondern handeln. Sie nehmen ihre Kinder aus Kindergärten und Schulen und unterrichten sie zuhause. Gemäss einer Umfrage bei kantonalen Bildungsdirektionen ist das Interesse an «Homeschooling» im Coronajahr leicht gestiegen.

Im Streit ums Kindswohl bekommt der Staat meist Recht

Im Gespräch mit Eltern, die sich wegen Corona Sorgen um ihre Kinder machen, kommt immer wieder die Frage des Kindswohles auf. Die Eltern sehen das Kindswohl gefährdet, wenn sie ihr Kind trotz grassierender Corona-Epidemie in die Schule schicken. Reicht dieses Argument aus, um im Streitfall mit der Schulbehörde Recht zu bekommen? Johannes Reich, Rechtsprofessor an der Universität Zürich, hat Konflikte zwischen Eltern und Schulen in der Frage des Homeschoolings untersucht. Er sagt: «Sowohl die Eltern als auch die Schule haben für das physische und psychische Wohlergehen des Kindes zu sorgen.».

Wenn die Schulbehörde zum Schluss kommt, dass das gesundheitliche Wohlergehen auch bei Präsenzunterricht gewährt ist, die Eltern dies aber anders sehen, kann es dazu kommen, dass Aufsichtsbehörden oder Richter darüber entscheiden. Reich macht aufgrund der bisherigen Rechtsprechung den Eltern wenig Hoffnung. Gerichte hätten in der Vergangenheit meist die Sicht der Behörden gestützt. Allerdings sei es in bisherigen Streitfällen zum Thema Homeschooling nicht um die physische Gesundheit sondern eher um weltanschauliche Aspekte gegangen. Jeder Fall müsse darum einzeln beurteilt werden. «Generelle Aussagen seien schwierig», sagt Rechtsprofessor Reich.

Die Kantone behandeln Homeschooling unterschiedlich. Im Kanton Aargau reicht eine Meldung bei der Schulpflege, im Kanton St. Gallen braucht es eine Bewilligung durch den Bildungsrat. Zum Teil müssen Eltern lediglich ein gewisses Bildungsniveau nachweisen, zum Teil braucht es ein Lehrerpatent für den Unterricht zu Hause.

Entsprechend machen Eltern, die ihre Kinder wegen Corona aus der Schule nehmen, je nach Kanton unterschiedliche Erfahrungen. Zwei Familien erzählen ihre Geschichte. Es sind Familien ohne aussergewöhnlich grosse Corona-Risiken. Die Namen sind geändert.

Familie Huber denkt ans Auswandern

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Katharina Huber und ihr Mann René unterrichten ihre Kinder wegen Corona zu Hause. bild: privat

Als am Montag, 4. Januar, im Kanton Baselland die Schule begann, blieben die Kinder von Katharina und René Huber zu Hause. «Ich will nicht, dass meine Kinder krank werden», sagt Katharina, «und ich will nicht, dass ich oder mein Mann uns anstecken». Sie sagt, dass schwere Verläufe oder Spätfolgen einer Corona-Erkrankung in jedem Alter und auch ohne Vorerkrankungen auftreten können. «Wir haben eine Fürsorgepflicht für unsere Kinder», ergänzt Vater René. Er sagt:

«Der Staat macht es für uns sehr schwer, diese Pflicht zu erfüllen, wenn er uns praktisch dazu zwingt, unsere Kinder in der Schule dem Virus auszusetzen.»

Als die Ansteckungszahlen im Herbst Rekordhöhen erreichten, begannen die Hubers darüber nachzudenken, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. Eines geht in die Primarschule, das andere in den Kindergarten. Sie beantragten Homeschooling. Doch im Kanton Baselland ist dies nicht so einfach umzusetzen. Man gab ihnen zu verstehen, dass Heimunterricht erst ab dem nächsten Sommer möglich sei.

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Nach den Herbstferien gaben sie ihrem älteren Kind erstmals eine FFP-2-Maske mit. Es war das einzige, in der Klasse. Dann gelang es ihnen, einen zweiwöchigen Urlaub zu bekommen. Die zuständige Schulleitung bewilligte dies unbürokratisch. Die Eltern wälzen seither verschiedene Optionen: Das Ältere nach Deutschland zu Verwandten schicken, wo die Schule zur Zeit im Fernunterricht stattfindet? Oder den Kanton wechseln? Der Nachbarkanton Aargau ist offener, was Homeschooling anbelangt. Auch ein Umzug ins Ausland steht zur Debatte.

Nach den zweiwöchigen ausserordentlichen Ferien bewilligte die Schulleitung ihnen einen weiteren dreimonatigen Urlaub. Dieser sei vom Schulrat abgesegnet worden. Etwas Schriftliches haben sie aber noch nicht. Sie machen sich Sorgen. Was, wenn die Schule den mündlich bewilligten Urlaub widerruft? Was, wenn die Behörden die Justiz oder die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb einschalten?

René und Katharina unterrichten ihre Kinder nun zu Hause. Sie haben den Lehrplan studiert, Bücher gekauft und den Kindern Lern-Apps installiert. Gemäss den Eltern läuft es sehr gut. Das ältere Kind ziehe sich mit Aufgaben jeweils in sein «Homeoffice» unter das Kajütenbett zurück. Manchmal bringe es den gelernten Stoff gleich dem kleinen Geschwisterlein bei. Dieses wiederum sei begeistert vom Lern-App Anton.

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Die Tochter der Hubers aus dem Baselbiet lernt im «Homeoffice». bild: privat

Mutter Katharina hätte sich früher nie vorstellen können, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. «Ich dachte, dass sei nur etwas für Grossfamilien, die weit entfernt von der nächsten Schule auf Bauernhöfen leben», sagt sie.

Vater René ist von den Behörden enttäuscht. Er sagt:

«Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben von den Politikern meiner Heimat im Stich gelassen.»

Mittlerweile hat der Bundesrat die Kantone angewiesen, sich auf die Schliessung von Schulen vorzubereiten. Dass dies aber im Kanton Baselland passieren wird, glaubt René nicht. Er sucht nun auf Immobilienportalen nach Wohnungen im Aargau.

Trotz den bisher guten Erfahrungen mit dem Homeschooling schliessen die Hubers nicht aus, ihre Kinder künftig wieder zum regulären Unterricht zu schicken. Aber erst, wenn die Pandemie wieder unter Kontrolle sei.

Familie Meier hat früh reagiert

Veronika Meier lebt mit ihrem Mann, ihrer fünfjährigen Tochter und ihrem zweijährigen Sohn in einem Dorf im Kanton Bern. Während des Telefongesprächs mit dieser Zeitung wird sie von der Tochter unterbrochen, die ihre neuen Schulbücher zeigen will. «Kommst du mit deiner Aufgabe weiter?», fragt die Mutter, die nun auch Lehrerin ist. Sie hat ihre Tochter per letztem August wegen der Corona-Ansteckungsgefahr aus dem Kindergarten genommen. Auf Anfrage habe sie kein schlüssiges Schutzkonzept erhalten, begründet sie.

Meier geht es in erster Linie um die Gesundheit ihres Kindes. «Ich möchte nicht, dass sich meine Tochter mit einer Krankheit ansteckt, bei der man noch nicht abschätzen kann, welche Folgen sie hat.» Sie will aber auch ihre Eltern schützen, die zur Tochter Kontakt haben, und der Risikogruppe angehören. Berichte über Patienten mit Spätfolgen (Long Covid) und über Kinder, die wegen einer Sars-CoV-2 Infektion ins Spital müssen, bestärken sie in ihrer Vorsicht. Zudem sei es wichtig, dass wo immer möglich, Ansteckungen verhindert werden.

Sie findet es unerträglich, wenn sie an Pressekonferenzen des Bundes hört, Kinder seien nicht Treiber der Pandemie. Sie sagt:

«Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass sich Kinder anstecken.»

Meier erinnert sich noch gut daran, wie sie vor einem Jahr in einem Newsletter der Weltgesundheitsorganisation zum ersten Mal vom neuen Virus hörte. Zu einem Zeitpunkt also, als in der Schweiz noch kaum jemand von Corona sprach. Sie arbeitet in einem Gesundheitsberuf und informierte sich breit im Internet. Während des Gesprächs zitiert sie etwa aus dem Pandemieplan Taiwans oder preist die Vorzüge des finnischen Schulsystems.

Bevor die Schulen und Kindergärten im Mai wieder öffneten, wandte sie sich an den Schulleiter. Der konnte ihr aber kein überzeugendes Schutzkonzept aufzeigen. Dies bestärkte Meier in ihrer Idee, in Zukunft auf Homeschooling zu setzen. Ihr Mann, der beruflich Risikoanalysen macht, war gleicher Meinung. Die Schulbehörde ermöglichte das Homeschooling unbürokratisch. Im kommenden Mai muss sie einen ersten Bericht über die Lernfortschritte der Tochter abgeben.

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Der neue Arbeitsplatz von Lisa Meier (5). Der Kindergarten findet zuhause statt. bild: privat

Und was ist mit den Gspänli?

Meier bereut den Entscheid nicht. Sie könne viel besser auf die Bedürfnisse ihrer Tochter eingehen als ein Lehrer, der eine ganze Klasse unterrichtet. So interessiere sich die Tochter etwa brennend für Buchstaben, obwohl Schreiben in ihrer Stufe eigentlich noch nicht vorgesehen ist.

Und was ist mit den Gspänlis? Vermisst die Tochter ihre Kindergartenkameradinnen nicht? «Die sind ja noch da», antwortet Meier. «Meine Tochter trifft sie in der Nachbarschaft.» Die 5-Jährige trägt seit dem Frühling beim Einkaufen oder im Bus eine Maske und finde diese super. «Dass Kinder keine Masken tragen können, stimmt nicht», sagt sie.

Meier beschreibt sich als Person, die gerne plant. «Ich wollte nicht abwarten und hoffen, dass alles gut wird, also bin ich selbst aktiv geworden», sagt sie. Sie nehme für sich aber nicht in Anspruch, dass sie es besser mache als andere: «Es gibt keine pfannenfertigen Lösungen». Nicht jede Familie könne so einfach umstellen.

Und sie sagt:

«Ich habe meine Eigenverantwortung wahrgenommen und mein Kind aus dem Kindergarten genommen.»

Sie hofft nun darauf, dass die Behörden anderen eigenverantwortlichen Eltern keine Steine in den Weg legen.

Obwohl Meier schon vor der Pandemie über Homeschooling nachgedacht hat, will sie ihre Tochter in Zukunft in die Schule schicken. Allerdings noch nicht in diesem Sommer. «Ich glaube nicht, dass die Schweiz die Pandemie bis dann in den Griff bekommt», sagt sie. Eine Rückkehr ihres Kindes ins Klassenzimmer kommt für sie unter den aktuellen Gegebenheiten frühestens im Sommer 2022 in Frage.

Ihr Vertrauen in die Politik hat gelitten. Wählte sie früher Personen aus fast allen Parteien, will sie künftig nicht mehr an Wahlen teilnehmen.

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