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Gesundheitsminister Alain Berset (r.) verschaffte sich diese Woche ein Bild

Gesundheitsminister Alain Berset (r.) verschaffte sich diese Woche ein Bild über die Lage in einem Spital im Kanton Neuenburg. Bild: sda

Alain Bersets Wette gegen die Zeit

Die Intensivstationen sind am Anschlag. Schon früh warnten Experten. Der Bundesrat sah es anders. Eine Geschichte über das Dilemma, zu Coronazeiten Entscheide zu treffen.

Lucien Fluri / Schweiz am Wochenende



Der 28. Oktober war ein Wendepunkt in der Schweizer Coronapolitik. Sperrstunden, Maskenpflicht draussen, keine Gross­veranstaltungen mehr. Der Bundesrat zog die Schraube an.

An diesem Tag ging Gesundheitsminister Alain Berset eine Wette ein. Er begab sich auf ein Rennen gegen die Zeit. Die Experten der wissenschaftlichen Taskforce warnten eindringlich: Die Massnahmen reichen nicht, im November sind die Intensivstationen überlastet.

Doch das Horrorszenario schien Berset nicht zu erschrecken: Er gab sich gelassen, wusste offenbar mehr als die Experten. «Wenn wir im Bundesrat überzeugt wären, in zehn Tagen seien die Spitäler in der ganzen Schweiz überlastet, hätten wir strengere Massnahmen beschlossen», sagte er der NZZ. Woher hat er die Gewissheit, dass er die Warnungen der Experten vorläufig in den Wind schlagen kann?

Die «Schweiz am Wochenende» hat, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, vom Bundesamt für Gesundheit die Dokumente verlangt, auf die sich Berset bei seiner Einschätzung bezog. Nur ein Dokument legte das Amt vor, das konkret eine Voraussage zur Belegung der Intensivstationen macht. Eine Präsentation, die Thomas Van Boeckel am Tag vor dem Bundesratsentscheid im BAG machte. ETH-Professor Van Boeckel ist Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce und macht die Modellberechnungen zur Belastung der Spitäler. Van Boeckel selbst kann sich heute nur schwer vorstellen, dass seine Präsentation Grundlage für Bersets Aussagen sein kann, wie er im Gespräch sagt. Denn er warnte das Bundesamt für Gesundheit eindringlich vor der drohenden Überlastung.

Berset hatte laut den Dokumenten also keine Gewissheit, dass die Überlastung ausbleibt. Doch wie lässt sich der Entscheid erklären? Gehen wir auf die Spuren eines Rennens gegen die Zeit, das in diesen Tagen verloren scheint: Spitäler sind an ihren Grenzen. Das Personal: knapp und ausgelaugt. Doch es waren schwierige Entscheide zu treffen. Ein Dilemma zwischen Gesundheit und Wirtschaft.

Zeitweise schien es, als ob Berset die Wette gewinnen würde. Wochenlang blieben die Intensivstationen nicht überbelegt. Doch der Druck auf Berset muss gross gewesen sein, auch als nach dem 28. Oktober schweizweit noch Betten frei waren. Denn Berset legte sich mit den Kantonen an, die offiziell noch die Hoheit über die Coronamassnahmen hatten. Es gebe bei den Kantonen einen Koordinationsmangel, sagte er den Medien. Nicht akzeptabel sei, dass Wahleingriffe nicht aufgeschoben würden. «Wir können doch nicht die ganze Wirtschaft runterfahren, nur damit die Spitäler Wahleingriffe vornehmen können.»

Zugang zu Intensivstation beschränkt

Diese Wette kennt zwei Partner:

  1. Berset muss sich die Frage gefallen lassen, ob der Bundesrat zu spät gehandelt hat.
  2. Die Wissenschaft muss sich Fragen zu ihrer Glaubwürdigkeit gefallen lassen. Sie warnten, doch die Überlastung kam nicht.

ETH-Professor Van Boeckel nennt zwei Gründe dafür, dass die Warnungen – vorerst – nicht eintraten: Einerseits zeigten die beschlossenen Massnahmen eine gewisse Wirkung. Der zweite Grund aber ist beunruhigender: Van Boeckel hat diese ­Woche ein neues Arbeitspapier vorgelegt. Es enthält eine erstaunliche Beobachtung: Ab November kamen anteilsmässig weniger der Covid-Patienten, die im Spital waren, auf die Intensivstationen.

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Das ist aussergewöhnlich, weil der Anteil der im Spital verstorbenen Covid-Patienten nicht abgenommen hat; die Zahl schwerer Erkrankungen blieb also konstant. Nun könnte die verbesserte Medikation ein Grund für die geringere Zahl an Covid-Patienten auf den Intensivstationen sein. Am Wahrscheinlichsten ist aus Sicht des Wissenschafters aber: Die Spitäler nahmen bereits (unbewusst) eine Triage vor, wer noch auf die Intensivstation kommt. Es erhielten also nicht mehr alle Patienten die ganze Betreuung.

Hinzu kam: Operationen wurden nicht durchgeführt, um die Intensivstationen zu entlasten. Van Boeckel nimmt in seinem Papier erstmals eine gesamtschweizerische Schätzung vor: Mehr als 10550 Patienten mussten in der zweiten Welle bisher auf eine Operation verzichten; je nachdem mit Folgen für ihre Gesundheit.

Damit sind wir bei der Frage: Um welchen Einsatz geht es bei dieser Wette? Treffen die Annahmen der Wissenschafter zu, wurde mit der Gesundheit der Patienten gespielt. Aus Sicht des Bundesrates gibt es einen anderen Wetteinsatz: der Zustand der Wirtschaft. Der Bundesrat hatte auch diese Abwägung zu machen, wie der Antrag zeigt, den Berset Ende Oktober in den Bundesrat einbrachte. Er liegt dieser Zeitung vor. Es wurde damals im Bundesrat über happige wirtschaftliche Folgen möglicher Massnahmen diskutiert.

«Die Wissenschafter regieren nicht die Schweiz. Die politischen Entscheide werden von anderen gefällt», sagte schliesslich Berset. Der Satz mag auf den ersten Blick überheblich klingen, wurden doch wissenschaftliche Warnungen in den Wind geschlagen. Der Satz ist aber verständlich, wenn man einen anderen damaligen Satz des Gesundheitsministers liest: «Am Ende funktioniert jede Strategie nur dann, wenn sie von der Bevölkerung mitgetragen wird», sagte er. Tatsächlich schien das Mitmachen der Bevölkerung nicht gegeben: Kurz bevor der Bundesrat Grossveranstaltungen verbot, tat dies der Kanton Bern. Zeter und Mordio schrien Anhänger und Verantwortliche des Eishockeyclubs SCB deswegen.

Die Zeit aber, sie lief einfach weiter. Sagte Berset Ende Oktober: «Wir haben für die nächsten Schritte genügend Zeit.» So heisst es heute in Bundesbern: «Die Krise gibt den Takt vor.» Der Bundesrat scheint getrieben von den steigenden Fallzahlen; die Verschärfungsspirale dreht. Im Rennen gegen die Zeit scheint es derzeit keine Verschnaufpause mehr zu geben.

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