Schweiz
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«Unerhört» gibt den Corona-Skeptikern eine Stimme – und dürfte in der Blase ein Hit werden

Ex-SRF-Journalist Reto Brennwald zweifelt an der Verhältnismässigkeit der Coronamassnahmen.

pascal ritter / ch media



Auch auf dem Sechselaeutenplatz in Zuerich haben sich am Samstag, 9. Mai 2020 ueber hundert Menschen versammelt und gegen den Corona-Lockdown demonstriert, ein Demonstrant traegt einen selbstgemachten Abstandshalter und eine Schweizerfahne. Die Polizei rueckte mit mehreren Streifenwagen zum Einsatz aus. (KEYSTONE/Ennio Leanza).

Bild: KEYSTONE

Der St.Galler Infektiologe Pietro Vernazza sitzt vor einem Computerbildschirm und rechnet vor. «Alleine die Coronatests werden uns eine Milliarde Franken kosten», sagt er. Neben ihm steht Filmemacher Reto Brennwald und staunt: «Unglaublich, stell dir das vor!» Diese Szene ist aus dem neuen Film «Unerhört!», der am Freitag Premiere feierte, und sie erklärt die Motivation des ehemaligen SRF-Arena-Moderators und Dokumentarfilmers Reto Brennwald. Er wundert sich über die Dimensionen, welche die Bekämpfung der Coronaseuche angenommen hat, und fragt: Ist das noch verhältnismässig?

Der Film nimmt das Publikum zurück zum Moment, als in der Schweiz die ausserordentliche Lage ausgerufen wurde. Als Erstes sieht man Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, wie sie der Bevölkerung den Lockdown verkündet.

Die Opfer der Massnahmen im Zentrum des Filmes

Brennwald rückt dann die Opfer der Coronamassnahmen ins Zentrum. Der Hotelier Benjamin Styger muss sein Lebenswerk schliessen und seinen treuesten Mitarbeiter entlassen. Angehörige eines Coronapatienten dürfen diesen nicht im Spital besuchen. Ein Mann berichtet von einer Frau, die sich aus dem Fenster einer Gesundheitseinrichtung gestürzt habe, weil sie nicht abgeschnitten von ihren Angehörigen (einzige Ausnahme war der Lebenspartner) leben wollte.

Der grösste Teil des Filmes wird von Experten bestritten, welche von einer Überschätzung des Virus und einer Unterschätzung der Folgen der Coronamassnahmen warnen. Da ist etwa der Chemiker, Biophysiker und Nobelpreisträger Michael Levitt. Er berichtet, wie er früh schon ausgerechnet habe, dass die Prognosen zur Gefährlichkeit von Corona falsch seien, damit aber kein Gehör gefunden habe. Oder Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St.Gallen, sowie Immunologe Beda Stadler. Sie ziehen Vergleiche zur Grippe, an der ebenfalls viele Menschen stürben.

Pietro Vernazza: Chefarzt Infektiologie Kantonsspital St.Gallen

Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St.Gallen. Bild: Ralph Ribi

Der Schwyzer Mediziner Antoine Chaix staunt über ein Bild aus Italien, wo ein leeres Museum desinfiziert wurde. Er ärgert sich darüber, dass er nie eine Antwort auf seinen Brief an den Bundesrat erhalten habe, in dem er Fragen zur Verhältnismässigkeit der Massnahmen stellte. Auch der ehemalige Seuchenexperte des Bundes, Daniel Koch, kommt vor. Er sagt, dass die Massnahmen wohl weniger strikt gewesen wären, wenn nicht das Virus zuerst in China, einem totalitären Staat, ausgebrochen wäre. Ebenfalls zu Wort kommen Teilnehmer von Coronademos, die sich gegen die Einschränkungen wehren. Man sieht sie auf dem Sechseläutenplatz die Nationalhymne singen und die Verfassung schwenken.

Filmemacher Reto Brennwald kritisiert, dass in den Medien Experten, die für strengere Massnahmen plädierten, mehr zu Wort kämen als andere. Allerdings kamen seine Kronzeugen Stadler, Vernazza und Chaix ausführlich in den Medien zu Wort.

Sein Film ist mindestens so einseitig wie angeblich «die Medien». Er lässt fast ausschliesslich Experten zu Wort kommen, welche die Coronamassnahmen für übertrieben halten. Auch die Präsentation der Aussagen ist wenig neutral. So hört man etwa Beda Stadler oder Daniel Koch sagen, die Masken seien kein Allheilmittel. Das kann man als Argument für strengere Einschränkungen verstehen. Im Kontext des Films kommt aber vor allem die Kritik an der Maske an sich rüber.

Reto Brennwald, Fernsehjournalist und Filmemacher, rechts, spricht mit Daniel Koch, ehemaliger Leiter der Abteilung

Dokfilmer Brennwald im Gespräch mit dem Ex-«Mr.-Corona» Daniel Koch an einer Podiumsdiskussion nach der Premiere von «Unerhört». Bild: keystone

Brennwald zählt sich selber zu den «Massnahmenskeptikern». Er sei aber einer der Ersten gewesen, die im Frühling eine Maske in der Migros getragen hätten. Die Haltung von Brennwald im Gespräch unterscheidet sich stark von der Haltung, die in seinem Film her überkommt. Ohne kritische Einbettung bleiben vom Film vor allem Zweifel an jeglichen Massnahmen, die über Händewaschen und Abstandhalten hinausgehen.

Zudem hat er die Tonalität eines Raunens. Fehler des Bundesamtes für Gesundheit werden zu dramatischer Musik angeprangert. In einer Szene singt ein Musiker an einer Demonstration vor dem Bundeshaus etwas von «Diktatur», ohne dass dem widersprochen oder der Vorwurf begründet würde. Der Film dürfte auch darum zum Hit in der Blase der «Coronarebellen» werden.

Spricht man Brennwald direkt an, zieht er sich auf seine Rolle als Journalist zurück. Er stelle nur Fragen. Zu den aktuellen Einschränkungen etwa im Wallis hält er sich mit Kritik zurück. Er sagt zwar, die Maskenfrage sei noch nicht abschliessend geklärt. Er plädiere aber nicht für den Verzicht aufs Maskentragen.

Für das Podium nach der Filmpremiere am Freitag hat Brennwald auch Komiker Stefan Büsser eingeladen, der sich in der Vergangenheit für Coronamassnahmen ausgesprochen hat. Hier holte Brennwald eine Gelegenheit nach, die er im Film verpasste.

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