Schweiz
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Lotte Ingrisch. bild: getty

Der Tod muss warten – Lockdown stoppt Sterbetourismus in die Schweiz

Lotte Ingrisch, Schriftstellerin aus Österreich, wollte in die Schweiz fahren, um hier zu sterben. Just dann wurden die Grenzen geschlossen. Die Behörden erwägen nun, eine Ausnahme zu bewilligen. Eine blinde Seniorin aus Bayern erzählt eine ähnliche Geschichte.

andreas maurer / ch media



Lotte Ingrisch, Schriftstellerin aus Österreich, spricht mit energischer Stimme ins Telefon, als wolle sie sichergehen, dass keines ihrer Worte auf dem Weg in die Schweiz verloren geht. Sie sagt: «Ich bin jetzt 90 Jahre alt. Ich war mein Leben lang fleissig. Wenn Sie mich googeln, finden Sie eine lange Liste meiner Werke. Jetzt ist mein Leben aber leergebrannt. Ich möchte mich auslöschen, weil ich sinnlos geworden bin.»

Wer Lotte Ingrisch googelt, findet 40 Bücher, 40 Theaterstücke, 12 Hör- und 8 Fernsehspiele, die sie geschrieben hat. Zudem findet man einen Opernskandal, den sie 1980 in Wien mit einem angeblich gotteslästernden Stück über Jesu Hochzeit ausgelöst hat, und ausserdem ein Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, das ihr die österreichische Bundesregierung 2002 verliehen hat.

Ein Thema, das ihre Werkliste prägt, ist der Tod. Ihre Bücher tragen Titel wie «Die schöne Kunst des Sterbens», «Als ich merke, dass ich gestorben bin» oder «Reiseführer ins Jenseits». Schon vor sechs Jahren äusserte sie in der Zeitung «Der Standard» ihren Sterbewunsch: «Wenn in Österreich die Sterbehilfe legal wäre, hätte ich mich schon längst für die Müllabfuhr gemeldet. Ich bin 84 und habe mein Lied gesungen. Ende der Vorstellung.»

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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Lotte Ingrisch mit ihrem Mann Gottfried von Einem um 1980. Er war ein bekannter Komponist. bild: getty

Die Vorstellung ging hinter den Kulissen weiter und wurde zur Tragödie. Ingrisch versuchte sich mit Medikamenten und Alkohol umzubringen, wie sie am Telefon erzählt. «Offenbar habe ich die falsche Dosis erwischt.» Die Folgen waren verheerend: «Ich bin im Spital erwacht als Pflegefall.» Seither könne sie sich nicht mehr selber duschen, frisieren, kleiden oder an- und ausziehen.

Wissenschaftliche Bücher könne sie keine mehr lesen. Ihr Gehirn sei am Schrumpfen, meint sei. Für die Zeitungslektüre reiche ihre Denkleistung zwar noch aus. Aber: «Für jemanden, der sich praktisch von der Welt verabschiedet hat, sind die Ereignisse dieser Welt nicht mehr so interessant.»

In Österreich verboten, in der Schweiz erlaubt

Könnte sie die Energie, die in ihrer Stimme zu hören ist, nicht dafür nutzen, um neue Interessen, einen neuen Sinn, zu finden? Ingrisch widerspricht ebenso energisch: «Was für einen Sinn soll ich noch finden? Alles, was ich sagen wollte, ist gesagt.» Ihren Kampf habe sie geführt und verloren. Sie engagierte sich für die Einführung eines Sterberechts in Österreich. Erfolglos: Suizidhilfe bleibt in Österreich verboten.

Ingrisch hat deshalb alles in die Wege geleitet, um eine letzte Reise in die Schweiz anzutreten. Es ist das einzige Land weltweit, in dem Suizidhilfe für Ausländer legal ist. In einschlägiger Ratgeberliteratur ist von der «Swiss Option» die Rede.

Ingrisch hat sich bei der Freitodorganisation Eternal Spirit gemeldet, mit deren Hilfe sie sich in Liestal eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital infundieren will. Ihre Familie habe sie informiert. Ihr zehn Jahre jüngerer Bruder habe vollstes Verständnis. Ihr Mann, ein berühmter Komponist, starb schon 1996 mit 78.

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Lotte Ingrisch über das Jenseits.

Kurz bevor Ingrisch jedoch in die Schweiz reisen wollte, meldete sich ihr Stiefsohn bei ihr. Er ist ehemaliger Innenminister von Österreich und sagte: «Lotte, du hast Pech beim Sterben.» Der Notstand war ausgerufen worden, die Grenzen wurden geschlossen.

«Jetzt liege ich da und warte. Das Warten ist eine Qual», sagt Ingrisch. Sie hofft, dass sie von der Schweiz eine Ausnahmebewilligung erhält. «Ich wäre todglücklich, wenn ich einreisen dürfte», sagt sie.

Ist Suizidhilfe eine notwendige Behandlung?

Gemäss der Covid-19-Verordnung kann in die Schweiz einreisen, wer sich in einer «Situation der äussersten Notwendigkeit» befindet. Dazu zählt eine «notwendige medizinische Behandlung». Die Behörden erwägen derzeit, ob Suizidhilfe dazu zählt. Das Staatssekretariat für Migration hat Ingrischs Antrag nicht abgelehnt, sondern sie gebeten, ein ausführliches Arztzeugnis und eine Bestätigung der Sterbeklinik einzureichen. Einen Virustest brauche sie hingegen nicht, heisst es im Schreiben der Schweizer Behörden.

Die Auswirkungen der Coronakrise sind paradox: Bei vielen Menschen, die leben wollen, wirken sie lebensverkürzend. Bei einigen Menschen aber, die sterben wollen, wirken sie lebensverlängernd.

Die Dimension zeigt ein Blick in die Statistik. Dignitas ist die grösste Freitodorganisation der Schweiz, die Ausländer aufnimmt. Im vergangenen Jahr starben 256 Menschen mit Dignitas, 97 Prozent waren Ausländer. Eternal Spirit führte 83 Freitodbegleitungen im Jahr 2019 durch, 80 Prozent waren Ausländer. Mit dem Lockdown wurde dieser Sterbetourismus unterbrochen.

Auch eine blinde Frau aus Bayern bittet um Einlass

In Deutschland zum Beispiel wartet Ilse Auerbeck, eine 68-Jährige aus Nordbayern, auf ihre letzte Einreise in die Schweiz. Sie ist seit der Geburt blind, weil sie keine Netzhaut hat. Aber sie habe nie gross mit ihrem Schicksal gehadert, erzählt sie am Telefon. Sie spricht von den glücklichen Zeiten: Wie sie als Studentin nach Kuba und Nicaragua reiste. Oder wie sie später mit ihrem Mann, dem Glücksfall ihres Lebens, wie sie sagt, auf dem Tandem durch Kroatien radelte. Sie habe sich mit ihm so gut verstanden, dass sie ein annähernd normales Leben habe führen können. Die glücklichen Zeiten endeten mit seinem Tod, Leukämie, vor zwei Jahren. Seither sei ihre Lebensqualität nicht mehr dieselbe. Die Ausflüge, die sie so liebte, seien kaum mehr möglich. Bevor sie zum Pflegefall werde, wolle sie deshalb ihr Leben selbstbestimmt beenden.

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Ilse Auerbeck möchte ihr Leben beenden.

In Deutschland wäre das eigentlich auch möglich. Das Bundesverfassungsgericht hob im Februar das Verbot von geschäftsmässiger Suizidhilfe auf. Die neuen Abläufe seien aber noch nicht etabliert, meint Auerbeck, und sie habe ihre Abklärungen jetzt in der Schweiz begonnen, also möchte sie diese auch hier beenden.

Die wenigen Freunde, mit denen sie darüber gesprochen habe, könnten ihren Sterbewunsch nicht verstehen. Sie habe ja gar keine tödliche Krankheit und es sei doch noch viel zu früh, würden sie sagen. «Ich sage: Leute, ihr könnt mir diesen Entscheid nicht abnehmen. Ihr könnt meine Situation nicht ändern. Und ihr könnt euch meine Situation nicht vorstellen.»

Lotte Ingrisch formuliert es grundsätzlich: «Das Sterberecht gehört zum persönlichen Grundrecht.» Die Österreicherin und die Deutsche fordern die Schweiz dazu auf, ihre Grenze dafür wieder zu öffnen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Vecchia 11.05.2020 08:54
    Highlight Highlight "Lotte Ingrisch formuliert es grundsätzlich: «Das Sterberecht gehört zum persönlichen Grundrecht."

    Das Sterberecht hat jeder, der nicht medizinisch zwangsbehandelt wird. Selbst ausserhalb der Schweiz.
    Wenn man will, kann man aufhören zu essen. Ist nicht so einfach, aber möglich.
    Das angenehme Sterben mit Hilfe von Dignitas ist kein Grundrecht.
  • lilie 10.05.2020 22:08
    Highlight Highlight Ich gehe einig mit Frau Ingrisch, die sich für das Recht aufs Sterben beruft. Gerade ihr Beispiel ist sehr eindrücklich: Sie hat sich gründlichst mit dem Thema auseinandergesetzt und ist nun zum Schluss gekommen, dass es nichts mehr gibt in ihrem Leben, was sie noch tun möchte.

    Dass sie selber versuchte, sich das Leben zu nehmen und dabei noch Schaden anrichtete, beweist nur, dass es aktive Sterbehilfe braucht.

    In einem Punkt allerdings bin ich nicht mit ihr einig: Ihr Sterbewunsch hat in meinen Augen keine Priorität. Ich finde, dass sie warten soll, bis die Grenzen wieder geöffnet werden.
  • Bivio 10.05.2020 20:34
    Highlight Highlight Ich kann das Ansinnen der Damen nicht ganz nachvollziehen. Selbstverständlich haben sie das Recht auf einen begleiteten Suizid. Jedoch ist hat die Situation im Moment, dass die Grenzen dicht sind. Sterbehilfe ist auch in meinen Augen nicht ein medizinische Prozedere, welches besonders wichtig ist.
    Daneben finde ich es störend, dass die beiden Vorwürfe an die Schweiz richten. Die Schweiz hat zumindest ein relativ gutes Gesetz bezüglich Sterbehilfe. DE & AT haben gar nichts in die Richtung, das funktioniert.
  • Walser 10.05.2020 19:35
    Highlight Highlight «Das Sterberecht gehört zum persönlichen Grundrecht.»
    Wie wahr! Die Schweiz hat hier eine wichtige Vorreiterrolle.
  • Burrito of Happiness 10.05.2020 19:13
    Highlight Highlight Zwei spannende und tolle Persönlichkeiten! Ich hoffe sie finden ihren selbstbestimmten und würdevollen Tod, genau so wie sie es sich wünschen.
    Der Tod ist ein unvermeidbares Übel, doch ist es vermeidbar Würdelos zu sterben und Selbstbestimmung ist ein wichtiger Teil von Würde.

    Ich verstehe die Argumentation, dass sich zuerst um die gekümmert werden sollte, welche noch leben wollen. Doch die Aufgabe welche wir meiner erachtens in dieser Situation haben ist niemanden aufgrund eines anderen leiden zu lassen. Und das tuen wir, wenn wir ihnen den Suizid verwehren.
  • Joe Smith 10.05.2020 19:07
    Highlight Highlight Und wieder das unsägliche Wort «Sterbetourismus». Bitte hört endlich auf, die wohl existenziellste Entscheidung eines Menschen mit diesem Unwort zu verhöhnen!
  • Garp 10.05.2020 18:45
    Highlight Highlight Fordern müssen die zwei Frauen eigentlich in ihren Staaten, in denen sie leben. Da haben sie kein Sterberecht.
    • Varanasi 10.05.2020 19:40
      Highlight Highlight Ist in Deutschland seit Februar wieder erlaubt. Steht auch im Text.
    • Garp 10.05.2020 20:27
      Highlight Highlight Ja, das stimmt Varanasi. Es ist aber noch nicht geklärt, wie das ermöglicht werden soll.
    • homo sapiens melior 10.05.2020 20:37
      Highlight Highlight Und in Österreich hat sie gefordert. Leider ohne Erfolg. Steht auch im Text.
  • brudi 10.05.2020 18:32
    Highlight Highlight Hoffe für die zwei Damen, dass Sie sich ihren Wunsch zum Freitod erfüllen können.
    Kann doch nicht sein, dass Väterchen Staat uns vorschreibt wann wir zu sterben haben...
  • who cares? 10.05.2020 18:30
    Highlight Highlight Sorry, aber hier habe ich nicht so viel Verständnis. Leute die leben wollen haben meiner Meinung nach Priorität vor solchen, die sterben wollen. Ich nehme an, in 1 bis 2 Monaten wird ihre Einreise wieder möglich sein. Wir müssen uns ja alle auch gedulden.
  • Hayek1902 10.05.2020 18:19
    Highlight Highlight Irgendwie ironisch.
  • Maya Eldorado 10.05.2020 17:48
    Highlight Highlight Ich frage mich auch, wie viele alte bettlägerige Menschen in Altersheimen mit der Isolierung wegen Covid fertigwerden.
    Da gibt es sicher nicht wenige, denen Besuche von den Angehörigen viel wichtiger wären, als garantiert nicht an Covid zu sterben.
    • Garp 10.05.2020 18:12
      Highlight Highlight Die gibt es sicher und es gibt es die Andern, die auch Schutz verdient haben und auch im Altersheim noch gerne leben. Manche blühen im Altersheim noch einmal auf, weil sie entlastet sind und Gesellschaft haben.

      In vielen Altersheimen gibt es nun wenigstens Besucherboxen, wenn da auch der Körperkontakt fehlt, der auch für alte Menschen sehr wichtig ist.
      Wenigstens zum Spazieren sollten sie raus dürfen, wenn sie geistig noch fit genug sind, um die Regeln zu verstehen und körperlich noch in der Lage.
    • who cares? 10.05.2020 18:33
      Highlight Highlight Und dann kommen die Angehörigen und stecken bei ihrem Besuch auch die an, die eigentlich noch nicht gleich sterben wollen. Ich als Angehöriger würde sowieso nicht hin, schliesslich will ich nicht damit leben müssen, dass ich meine Grossmutter umgebracht habe.
    • lilie 10.05.2020 22:27
      Highlight Highlight @Maya: Bettlägerige Patienten sind meist nicht mehr im Altersheim, sondern werden in einem Pflegeheim untergebracht.

      Und falls zunehmend eine schwere Demenz besteht, sind die Besuche für den Bewohner immer unverständlicher oder beunruhigender und dienen mit der Zeit immer mehr nur noch den Angehörigen.

      (Zur Erklärung: Genau dieses Thema habe ich heute mit einer befreundeten Ärztin besprochen, die lange in einem Pflegeheim arbeitete; sie erklärte mir, dass sie diese Fälle als besonders von der Krise betroffen sähe).

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