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Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewaeltigung und internationale Zusammenarbeit, BAG/EDI, Mitte, spricht an der Seite von Michael Schoell, Vizedirektor Bundesamt fuer Justiz, EJPD, links, und Sang-Il Kim, Leiter Abteilung Digitale Transformation, BAG, rechts, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus (COVID-19), am Mittwoch, 5. August 2020 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Wer ist Patrick Mathys, wenn er nicht BAG-Angestellter ist? Bild: keystone

«Ich bin wie ein Blitzableiter» – so tickt der oberste Schweizer Epidemiologe

Man kennt ihn vor allem aus den Pressekonferenzen, mit Anzug und in staatsmännischer Mission. Doch wer ist Patrick Mathys, der oberste Schweizer Epidemiologe?

Nina Fargahi / ch media



Sars, Vogelgrippe, Schweinegrippe. Und jetzt Corona. Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), hat schon viel erlebt. Und trotzdem sagt er: «Bei der Covid-Pandemie sind Dinge passiert, die ich mir kaum hätte vorstellen können.» Zum Beispiel, dass Europa die Grenzen schliesst. Oder dass der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausruft.

Man kennt Mathys vor allem aus den Pressekonferenzen, mit Anzug und in staatsmännischer Mission. Doch wer ist der oberste Schweizer Epidemiologe nebst seiner Anstellung beim BAG? Der 51-Jährige beschreibt sich selbst als geselligen Menschen, der es vermisst, mit Freunden zu kochen und bis spätabends am Tisch zu sitzen.

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Im ganzen letzten Jahr habe er nur einmal ein befreundetes Paar zum Abendessen eingeladen. «Ein Highlight.» Mathys hat Umweltwissenschaften studiert und an der Universität Basel in Epidemiologie promoviert. Er habe sich schon immer für die Schnittstelle zwischen Menschen und Umwelt begeistert. «Es war pures Interesse, keine Karriere-Absichten.»

«Wenn du da bist, verheisst das nichts Gutes»

Mathys arbeitet seit 17 Jahren als Angestellter beim BAG. Wenn er auf das letzte Jahr zurückschaut, so komme es ihm vor, als sei die Zeit an ihm vorbeigerauscht. Mathys sagt:

«Manchmal wusste ich nicht, ob Montag war, oder Dienstag.»

Sieben Tage die Woche auf Achse. Viele Ereignisse könne er zeitlich nicht mehr zuordnen. Doch an den Beginn der Pandemie kann er sich gut erinnern, sogar mit Datum. Am 25. Dezember habe er erstmals aus wissenschaftlichen Quellen vernommen, dass in Wuhan eine atypische Lungenerkrankung aufgetaucht sei. «Sars», schoss es ihm durch den Kopf.

Anfang Januar 2020 wandte er sich an die Geschäftsleitung des BAG, wo man ihm beim Eintreffen sagte: «Wenn du da bist, verheisst das nichts Gutes.» In den darauffolgenden Wochen wurde immer klarer, dass es sich um ein ansteckendes Virus handle, doch die Dimensionen seien noch nicht absehbar gewesen. In einer Informationsnotiz an den Bundesrat, datiert vom 28. Januar 2020, steht: «Noch ist unklar, wie leicht die Übertragung stattfindet.»

Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Danach haben sich die Ereignisse überschlagen. Vor allem an bestimmte richtungsweisende Ereignisse kann sich Mathys noch erinnern, zum Beispiel an den ersten Todesfall hierzulande. Und die Erkenntnis: «Das Virus ist tödlich, und auch in der Schweiz stirbt man daran.» Dann, natürlich ebenfalls sehr präsent: Das vermeintliche Aufatmen nach der ersten Welle und der «fulminante» Beginn der zweiten Welle.

Im Jahr 2009 sagte Mathys in einem Interview über die Schweinegrippe: «Viel gächer hätte es nicht mehr kommen können.» Aber eben, was man sich nicht vorzustellen vermag, kann trotzdem eintreffen.

Überrascht hat ihn auch die Veränderung in der Gesellschaft, von der Angst hin zum Überdruss. Viele Leute haben die Nase derart voll, dass sie die Massnahmen des Bundes nicht mehr mittragen wollen. «Ich kann das verstehen. Ich möchte auch gerne wieder einmal in einem Restaurant essen oder in ein Kino sitzen.» Und im Fitnesscenter sei er auch schon seit Ewigkeiten nicht gewesen. Aber die Situation sei noch immer fragil mit über tausend Infektionen pro Tag und vielen Todesfällen.

«Der Druck ist von aussen oft nicht sichtbar»

Wie geht er eigentlich mit der ganzen Kritik am BAG um? Und wieso schafft es Neuseeland und die Schweiz nicht? «Die Wut, die auf uns einprasselt, ist jenseits von Gut und Böse.» Der Frust in Teilen der Bevölkerung sei gross, und natürlich bekomme er viel ab, weil er in der Öffentlichkeit stehe. Dabei fällt ihm auf, dass der Ton im Gegensatz zu den früheren Krisen und Seuchen rauer geworden sei.

«Die Wut, die auf uns einprasselt, ist jenseits von Gut und Böse.»

Er könne im Grossen und Ganzen gut damit umgehen. «Ich bin wie ein Blitzableiter», sagt er. Er habe im letzten Jahr allerdings mit Menschen aus verschiedenen Departementen gearbeitet, die nicht nur an ihre Grenzen gekommen seien, sondern sie auch überschritten hätten. Manche seien krank geworden, andere stiegen vorher aus. «Der Druck ist von aussen oft nicht sichtbar.»

Auf Neuseeland angesprochen, sagt Mathys: «Erstens ist Neuseeland eine Insel und daher abgegrenzt. Zweitens steht die Bevölkerung geschlossen hinter den Entscheiden der Premierministerin Jacinda Ardern.» Zudem werde die Pandemie dort viel weniger politisiert.

Aber dann gibt es doch auch berechtigte Kritik am BAG, wie zum Beispiel das ganze Maskendebakel, oder verzögerte Massentests. Und stimmt es eigentlich, dass das BAG bestimmte Daten noch immer per Fax übermittelt? Ja, ein Faxgerät werde von verschiedenen Arztpraxen nach wie vor benutzt, so Mathys. Damit sie ihre Daten übermitteln können, brauche es auch im BAG ein Faxgerät.

Aber der Chef-Epidemiologe betont: «Diese Pandemie ist ein Prozess.» Vieles könne man nicht von Anfang an wissen: «Wir lernen, machen Fehler, revidieren, adaptieren.» Gewisse Dinge seien sehr komplex und es gebe keine einfachen Antworten.

Auch wenn sich das breite Teile in der Bevölkerung wünschen. «Was passiert, wenn die verschiedenen Covid-Varianten zunehmen? Wenn die Fallzahlen wieder steigen?» Die Unwägbarkeiten einer Pandemie könne leider niemand vorhersehen.

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