Schweiz
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epa08904525 Skier with protective masks gear up to ski at the Flims Laax Falera ski area, in Falera, Switzerland, 26 November 2020. The Buendner ski areas remain open despite the coronavirus, but with reduced transport capacity.  EPA/GIAN EHRENZELLER

Trotz Corona herrscht in Laax emsiger Betrieb. Bild: keystone

Wie die Bergler Corona trotzen: «Ich muss mich ja nicht in den Shuttlebus quetschen»

In der Bündner Ferienregion Flims-Laax-Falera ist trotz Corona viel los. Die meisten Einheimischen nehmen es stoisch – aber nicht alle.

pascal ritter, chmedia



Ein Prachtstag im Skigebiet Flims-Laax-Falera. Vor den Skiliften reihen sich die Schneesportler genau so brav in die Reihe, wie die Geländewagen mit Schwyzer, Zuger und Zürcher Nummernschild in der Hauptstrasse.

Graubünden liess die Bahnen laufen, trotz täglich über 4000 Corona-Ansteckungen in der Schweiz und Appellen aus den Spitälern im Unterland. Die Gäste freut es, sie verbringen ein paar unbeschwerte Tage im Schnee. Kapazitätsbeschränkungen an den Liften und Aufpasser an der Talstation nehmen ihnen die Furcht vor dem Virus. Zudem konnte man lange nicht in die Beizen und musste sich draussen verpflegen.

Die Sicht der Unterländer, wurde schon beschrieben. Doch wie geht es dem Berglern? Dem Personal, das unten im Tal arbeitet, während alle auf der Piste sind und den Einheimischen, die in den Feriendestinationen zuhause sind. Eine Coiffeuse, ein Ladenbesitzer, eine Volgverkäuferin, ein Bäckerbote und eine pensionierte Wirtin erzählen.

Die Coiffeuse von der Talstation

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Ein Schild wirbt unten an der Crap-Sogn-Gion-Bahn in Laax um Kunden: «Verwöhnpflege für Ihre Hände» gibt es beim Coiffeur Gauch. Tracey Verboom fegt im Laden gerade die Haare der letzten Kundin weg. Die meisten wollen nicht die Hände, sondern die Haare schön. «Es läuft sehr gut», sagt die 30-Jährige durch die Maske, auf der ein breites Lachen aufgezeichnet ist. «Wir haben voll».

Verboom hat zwei Jobs. Sie arbeitet auch noch als Flight Attendant. In der Luft gibt es im Moment weniger zu tun als auch schon. Umso froher ist sie über den Job in den Bergen. Sie fühlt sich sicher vor dem Virus dank der Maske und weil der Salon an der Talstation genügend Platz zum Abstandhalten bietet.

Dass die Bahnen ihre Kapazität beschränkt haben, findet sie gut. Weniger toll findet sie, dass jeder Kanton macht, was er will. Das sorge für Verunsicherung.

Der Ski-Vermieter

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Im Schaufenster von «Meini - Sport und Mode» tragen Schaufensterpuppen silberne und goldene Daunenjacken, Helme und Skibrillen. Sie sind die einzigen, die trotz fehlender Maske von den Sicherheitsleuten unbehelligt bleiben.

Drinnen hält sich der Ansturm in Grenzen. Die Kundenlimite (40 Personen im Unter-, 20 im Obergeschoss) wird locker eingehalten.

Frage an den Inhaber Wolfgang Gruber: Wie läuft es? «Miserabel», sagt er und lacht. Er zückt sein Smartphone. Die App des Skigebietes zeigt, wie viele Leute im Moment unterwegs sind. Es sind 6533 Personen. «An solchen Tagen sind es normalerweise 18'000», sagt er. Entsprechend weniger Skis und Snowboards vermietet er. Er spürt, dass Deutsche und Engländer wegbleiben. Wer mit dem Flugzeug anreist, der bringt keine eigenen Skis mit, sondern leiht sie vor Ort. Doch dieses Geschäft fällt nun weg.

Dafür laufen die Masken gut. Immerhin. Wolfang Gruber führt das Sportgeschäft zusammen mit seiner Frau. Seit September arbeiten auch Tochter Riccarda und ihr Mann Michael Habegger im Betrieb. Riccarda Habegger fungiert als Hygienebeauftragte. Die diplomierte Rettungssanitäterin erklärt im Kundenmagazin, wie das Sportgeschäft mit dem Virus umgeht:

«Jeder Kunde erhält von uns auf Wunsch eine chirurgische Einwegmaske. Unsere Mitarbeiter haben jeweils zwei Masken, die wiederverwendbar sind.»

Sie sei sich zudem bewusst, dass die Situation jederzeit ändern könne, und es Anpassungen brauche.

Der besorgte Bäckerbote

Beim Rundgang in Flims, Laax und Falera fällt auf: Wer die Lage kritisch sieht, will nicht mit dem Gesicht in die Zeitung. Wer öffentlich sagt, es wäre ihm lieber, wenn weniger Touristen kämen, droht als Nestbeschmutzer zu gelten. Schliesslich bringen die Touristen das Geld ins Dorf. Da ist zum Beispiel der Mann, der frische Nussgipfel aus der Backstube in die Filialen liefert. Seit zwei Jahrzehnten wohnt er im Ort. Er sagt:

«Die Touristen halten schön Abstand, wenn sie auf den Bus warten. Sind sie einmal drin, vergessen sie alle guten Vorsätze und reihen sich dicht an dicht. Und wenn sie erst ein paar Glühweine getrunken haben, ist es sowieso vorbei.»

Der Bäckerbote macht sich Sorgen. Bei den vielen Touristen aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland, sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die neue Virusmutation im Dorf verbreite. Er zuckt mit den Schultern und fährt mit dem Transporter mit dem Logo der Bäckerei davon.

Die Volg-Verkäuferin

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Für Volgverkäuferin Judith Schnider war es ein verrücktes Jahr. Sie erinnert sich noch gut, wie im Frühjahr das WC-Papier in ihrem Laden zur Neige ging.

Schnider ist eine von Tausenden Verkäuferinnen, welche die Verunsicherung der Kundschaft voll abbekommen hat. Und dies, als es noch kein Plexiglas und keine Masken gab. Stellvertretend für alle Verkäuferinnen, lud Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sie am 1. August aufs Rütli ein. Schnider ist also quasi eine amtlich bestätigte Corona-Heldin. Die zweite Welle nimmt sie mit grosser Gelassenheit und sagt:

«Die Kundinnen und Kunden haben sich an die Situation gewöhnt, halten Abstand und verzichten auf Hamsterkäufe.»

Die Feier auf dem Rütli hat Schnider sehr genossen. Verkäuferin sei kein angesehener Beruf, umso mehr habe sie es gefreut, einmal Wertschätzung zu erfahren. Und das erst noch von der Bundespräsidentin.

Und wie denkt sie heute über die Regierung, wo doch die Schweiz im internationalen Vergleich sehr viele Tote zu beklagen hat? «Ich möchte nicht an der Stelle der Politiker sein und entscheiden müssen», sagt Schnider. Kritisieren sei einfach und oftmals würden die Kritiker selber nichts zur Verbesserung der Lage beitragen.

Die Kombination aus neuer Virusmutation und Touristenströme nimmt Schnider gelassen. «Wir Verkäuferinnen haben gar keine Zeit, darüber nachzudenken», sagt sie. Sie weiss aber, dass einige ältere Einwohner sich Sorgen machen.

Die pensionierte Wirtin und der Shuttle-Bus

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Ein Dorf weiter in Falera schiebt Rentnerin Berti, 78, ihr Postiwägeli zum dortigen Volg. Ihr Nachname müsse nicht unbedingt in der Zeitung stehen, sagt sie und lächelt unter ihrer Maske.

Berti war 40 Jahre Wirtin. Jetzt geniesst sie ihren Ruhestand und freut sich, dass sie Urgrossmutter geworden ist. Sie strahlt die Gelassenheit einer Frau aus, die schon viel gesehen hat. Kurz streut sie eine Anekdote aus den 1960er-Jahren ein, als sie als Aupair einer britischen Familie ohne Pass am Ärmelkanal von Zöllnern aufgehalten wurde. Sie musste die ganze Nacht dort ausharren.

Vor Corona oder der englischen Virusmutation fürchtet sie sich grundsätzlich nicht. Als sorglos kann man ihren Gemütszustand aber auch nicht beschreiben. Sie sagt:

«Wohl ist mir nicht, ich bleibe zu Hause oder gehe alleine spazieren. Und ich bin froh, dass ich mich nicht in den überfüllten Ski-Shuttlebus quetschen muss.»

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Dass die Lifte laufen, findet sie in Ordnung. Wo sollten sich denn all die Unterländer aufhalten, die das Dorf von 600 Seelen auf 3000 Einwohner anschwellen lassen? Und schliesslich müssten die Wirte und Sportartikelverkäufer auch von etwas leben.

Für die Jugend, die ein paar Meter entfernt Glühwein trinkt und einmal von einem Securitas ermahnt wird, hat sie grosses Verständnis. Über ihre eigene Generation sagt sie:

«Was sollen wir Alten jammern? Wir haben so viele, die sich um uns kümmern. Wenn ich etwas brauche, steht der Frauen- und der Samariterverein bereit.»

Die lokale Sektion des Samaritervereins hat sie einst selber mitgegründet. So gut umsorgt wie in diesen Tagen sei sie selten gewesen.

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