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junge Frau im Bett, Smartphone, iphone, erschöpft, müde

Sie tun es ungefragt und ohne Vorwarnung: Männer, die Penisbilder verschicken. Bild: shutterstock

Dickpic erhalten? Auf dieser Plattform kannst du in 60 Sekunden Anzeige erstatten

Penisbilder ungefragt zu versenden, ist eine Straftat. Doch die wenigsten Empfängerinnen solcher «Dickpics» gehen damit zur Polizei. Eine Initiative will das ändern, indem online und in nur 60 Sekunden eine Anzeige generiert werden kann.



Viele Frauen erhalten sie, doch die wenigsten finden sie toll: Ungefragt zugeschickte Penisbilder. Über die Beweggründe der Absender kann nur gemutmasst werden, klar hingegen ist, dass solche Fotos für die empfangende Person – in den meisten Fällen sind es Frauen – unangenehm sind. Peinlich. Verletzend. Je nach Vergangenheit der Adressatin können solche Bilder gar retraumatisierend sein.

«Dickpic» wird das Selfie mit den Genitalien genannt. Kaum eine junge Frau, die nicht weiss, was dieses Wort bedeutet oder selber schon mal die unangenehme Erfahrung machen musste, dass auf ihrem Handyscreen plötzlich ein entblösstes Glied aufblitzte. Wie viele Personen in der Schweiz solche Fotos zugeschickt bekommen, weiss man nicht. Laut einer Studie des Marktforschungsinstitut YouGov in Grossbritannien haben über 40 Prozent der befragten Frauen zwischen 18 und 36 angegeben, schon mal ungefragt und ohne Vorwarnung Penisbilder zugesandt bekommen zu haben.

Bekannt ist, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, besonders häufig Opfer von solch belästigenden Fotos werden. Darauf aufmerksam machten die zwei deutschen ProSieben-Moderatoren Joko und Klaas im Mai 2020 mit ihrer Sondersendung «Männerwelten». Unter anderem führte darin die Autorin Sophie Passmann durch eine Ausstellung von Dickpics, welche die Schauspielerin Palina Rojinski von unbekannten Männern zugeschickt bekommen hatte. Auch Schweizer Politikerinnen berichteten schon davon, dass ihnen ungewollt Penisfotos zugeschickt wurden.

Wer Dickpics verschickt, macht sich strafbar

Was viele Empfängerinnen nicht wissen: Das ungefragte Versenden von Penisbildern fällt unter den Pornografie-Tatbestand von Artikel 197 Absatz 2 des Schweizer Strafgesetzbuchs und ist somit verboten. Wer dagegen verstösst, wird mit einer Busse bestraft. Ist die Person, die das Penisbild unaufgefordert erhält, unter 16 Jahre alt, kann der Täter gar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft werden. Doch dazu kommt es nur selten. Denn zur Anzeige gebracht werden solche Übergriffe in den wenigsten Fällen.

Der Verein #Netzcourage, der sich gegen Hassrede im Internet einsetzt, möchte dies ändern – und lanciert nun das Projekt NetzPigCock. Auf einer Internetseite können Betroffene mit Hilfe eines einfach gestalteten Tools eine Strafanzeige aufsetzen und diese bei einer Staatsanwaltschaft einreichen. Die Macherinnen der Seite versprechen, sexuelle Belästigung könne so innerhalb von 60 Sekunden zur Anzeige gebracht werden.

Bild

So sieht der Anzeige-Generator von Netzpigcock aus. screenshot: netzpigcock

Die Netzaktivistin Jolanda Spiess-Hegglin ist die Initiantin von NetzPigCock. Netzcourage werde immer wieder von Frauen angefragt, wie sie auf Dickpics reagieren sollten. «Ich rate ihnen jeweils, dass sie bei Möglichkeit die Absender anzeigen sollten.» Dies sei aber nicht immer machbar. Für Frauen, die in der Vergangenheit Gewalt erlebt haben, könne dies tiefe Wunden wieder aufreissen. Ist der Absender eines Dickpics anonym, sei eine Anzeige ebenfalls schwierig. Eine weitere Hürde sei der Gang auf den Polizeiposten. «Viele fühlen sich dabei nicht wohl, gar gedemütigt. Einige machten die Erfahrung, von den Polizisten nicht ernst genommen zu werden.»

Beweise sammeln und anzeigen

Diese Barriere will Spiess mit NetzPigCock durchbrechen. Sie rät Empfängerinnen von Penisbildern, sofort Beweise zusammenzutragen, Screenshots vom Namen oder der Nummer des Senders zu machen, die Uhrzeit zu notieren. Die Staatsanwaltschaft muss daraufhin prüfen, ob der Strafbestand erfüllt ist und ob weitere Ermittlungen nötig sind, beispielsweise wenn ein anonymisierter Täter ausfindig gemacht werden muss.

Spiess betont, dass obwohl das Tool die Anzeigenerstattung vereinfache, auch gewisse Risiken zu beachten seien: «Wenn eine Anzeige eingereicht wird, die falsche Anschuldigungen enthält, stellt dies selbst eine Straftat mit schwerwiegenden rechtlichen Folgen dar.» Ein weiteres Risiko sei, dass der Täter im Laufe der Ermittlungen über die Identität der Urheberin der Anzeige informiert werde. Zudem könne es sein, dass ein Opfer im Rahmen eines späteren Prozesses als Zeugin aufgerufen werde. «All dies muss man sich bewusst sein, wenn man Anzeige erstattet», so Spiess.

Die Idee eines solchen «Anzeigen-Generators», wie ihn die Projektinitiatorinnen nennen, stammt ursprünglich aus Deutschland. Dort wurde im Februar vergangenen Jahres das Projekt Dickstinction entwickelt, das nach dem selben Verfahren funktioniert: Auf einer Webseite können Personen, die ein Penisbild erhielten, möglichst einfach eine Anzeige generieren. Die Plattform wird inzwischen rege genutzt. Eine der Mitbegründerinnen der Seite sagte Anfang dieses Monats zu «Die Zeit», nachdem eine Influencerin auf die Plattform aufmerksam machte, seien plötzlich so viele Penisbilder reingekommen, dass die Seite zusammengebrochen sei.

Staatsanwaltschaft begrüsst Initiative

Warum bisher nur wenig Personen nach Erhalt eines Dickpics dies zur Anzeige bringen, könne der Zürcher Staatsanwalt Rolf Jäger nicht schlüssig beantworten. Entsprechend fehle auch eine Statistik oder eine Ahnung, wie oft ungewollte Penisbilder verschickt würden. Die Dunkelziffer dürfte relativ hoch sein, sagt er. Der Initiative von Netzcourage kann er durchweg Positives abgewinnen. «Eine solche Unterstützung könnte hilfreich sein, um die Opfer über die Rechtslage und insbesondere ihre Rechte als Opfer aufzuklären sowie ihnen nützliche Hinweise zur Erstattung der Anzeige zu geben», sagt er. Die digitale Transformation könne hier in den nächsten Jahren einige Vereinfachungen bringen.

Spiess hofft, dass mit NetzPigCock etwas Licht in das Dunkel der online Übergriffe gebracht werden könne. Die Daten der Betroffenen und den Penisbilder-Sendern würden nirgends gespeichert, sagt die Netzaktivistin. Nur die Zahl der generierten Anzeigen würde im Hintergrund registriert. Ihr grösster Wunsch aber ist: Dass der Akt des Anzeigeerstattens den Betroffenen wieder Kraft gibt. «Psychohygiene spielt bei Hass im Netz eine zentrale Rolle. Wenn ich am Schluss auf einen Knopf drücken kann, das Formular abschicke, ‹das› erledige, fühlt sich das gut an», so Spiess.

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