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Lenin und seine Kampfgenossen 1919 auf dem Roten Platz in Moskau.
Lenin und seine Kampfgenossen 1919 auf dem Roten Platz in Moskau.
bild: Wikimedia

Regierungsrat und Gulag-Opfer: Was aus Lenins Schweizer Genossen wurde

Während seines Exils in der Schweiz hatte der russische Revolutionsführer Lenin engen Kontakt mit zwei bedeutenden Sozialdemokraten. Robert Grimm und Fritz Platten absolvierten einen sehr unterschiedlichen Lebensweg.
30.04.2017, 13:54

Am Ostermontag des Jahres 1917 versammelt sich ein illustres Grüppchen im Café «Zähringerhof» in Zürich. Im Mittelpunkt steht ein klein gewachsener Mann, der bald eine grosse Rolle in der Weltgeschichte spielen sollte: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Seit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der russische Revolutionär im Schweizer Exil gelebt, erst in Bern, dann in Zürich.

In der Schweiz erarbeitete Lenin die Grundlagen für die Revolution in seiner Heimat, weitgehend unbehelligt von den Behörden. Die politische Polizei realisierte nicht, mit wem sie es zu tun hatte. Im Westen war Lenin selbst vielen Linken kein Begriff. Einige kannten ihn sehr wohl, darunter zwei führende Schweizer Sozialdemokraten: Robert Grimm und Fritz Platten. Ihr Verhältnis zum Exilanten war unterschiedlich, und so entwickelte sich auch ihr Lebensweg.

Das Haus an der Spiegelgasse in Zürich, in dem Lenin von Februar 1916 bis April 1917 gelebt hat.
Das Haus an der Spiegelgasse in Zürich, in dem Lenin von Februar 1916 bis April 1917 gelebt hat.
Bild: KEYSTONE

Wladimir Iljitsch Uljanow, aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen als Sohn eines Lehrers, verbrachte wegen seiner revolutionären Umtriebe Jahre im Ausland. Zweimal hat er bereits kurz in der Schweiz gelebt, genauer in Genf. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 befindet er sich zur Kur in Österreich. Als Bürger eines feindlichen Landes wird er verhaftet.

Menschlich und politisch verschieden

Der Wiener Sozialdemokrat Victor Adler bewirkt, dass Lenin mit Ehefrau Nadeschda Krupskaja und Schwiegermutter in die neutrale Schweiz ausreisen. Passieren kann der Russe, dessen Pass die Österreicher eingezogen haben, die Grenze erst auf Ersuchen von Robert Grimm. Der 1881 im zürcherischen Wald geborene Arbeitersohn ist ein Schwergewicht in der SP. Er sitzt im Nationalrat, im Berner Kantons- und Stadtparlament und ist Chefredaktor der «Berner Tagwacht».

Am Abend des 5. September 1914 trifft Lenin mit seinen Angehörigen in Bern ein. Ein paar Tage später besucht er Grimm auf der Redaktion der «Tagwacht». Schnell stellt sich heraus, dass die beiden weder menschlich noch politisch auf der gleichen Wellenlänge liegen. Lenin macht sich stark für die gewaltsame Revolution und nimmt dafür auch einen Bürgerkrieg in Kauf.

Kleinbürgerliches Bern

Grimm propagiert den politischen Wandel. Er habe sogleich gewusst, «dass wir zwei verschiedene Sprachen redeten», schrieb Grimm später gemäss der Berner Zeitung. Die Abneigung ist gegenseitig. Lenin bezeichnet Grimm als fähig, energisch und nicht dumm, er meint aber auch: «Er versinkt in den engen Verhältnissen der Partei seines spiessbürgerlichen Landes».

Robert Grimm bei einer Rede vor dem Bundeshaus in den 1920er Jahren.
Robert Grimm bei einer Rede vor dem Bundeshaus in den 1920er Jahren.
Bild: KEYSTONE

Die Beamtenstadt Bern behagt den Lenins ohnehin nicht sonderlich. Sie empfinden sie als kleinbürgerlich und verschlafen. Der Revolutionär verbringt viel Zeit in den Bibliotheken und mit Landsleuten. Viele Russen und vor allem Russinnen studieren in der liberalen Schweiz. Für Abwechslung sorgt die Ankunft seiner Geliebten Inessa Armand. Mit ihr und der Krupskaja lebt er in einer Ménage-à-Trois, nicht nur zur Freude seiner Ehefrau.

Die Zimmerwalder Konferenz

Zu einer erneuten Konfrontation mit Robert Grimm kommt es an der legendären Konferenz von Zimmerwald im September 1915. Zu dem als Treffen von Ornithologen getarnten Stelldichein erscheinen Sozialisten aus ganz Europa, darunter Lenins Mitstreiter Leo Trotzki. Sie grenzen sich ab von jenen Linken, die sich vom nationalistischen Kriegsfuror anstecken liessen.

Organisator Robert Grimm setzt sich mit seinen sozialdemokratischen Positionen gegen Lenins radikale Minderheit durch. Dennoch gilt «Zimmerwald» später als Meilenstein auf dem Weg zur bolschewistischen Revolution in Russland. Im April 1916 kommt es an einer Konferenz in Kiental noch einmal zu einer Begegnung zwischen Grimm und Lenin. Der lebt seit zwei Monaten in Zürich, nachdem seine Berner Aufenthaltsbewilligung abgelaufen war.

In der Arbeiterstadt fühlen sich die Lenins wohler als im gemütlichen Bern. Hier treffen sie auf eine weitere grosse Figur der Schweizer Linken: Fritz Platten. Er wurde 1886 in St.Gallen als Sohn eines eingebürgerten Deutschen geboren. Im Gegensatz zu Robert Grimm bewunderte der charismatische, blendend aussehende Platten den Revolutionär fast grenzenlos. Lenin beurteilt den Schweizer kritischer: «Er arbeitet zu wenig und sitzt zu viel beim Kartenspiel.»

Lenins Reise nach Russland

Im April 1917 ist Lenins Zeit gekommen. Im Gegensatz zu den Schweizern sind sich die Deutschen seiner Bedeutung bewusst. Nach bald drei Kriegsjahren brauchen sie dringend einen Waffenstillstand an der Ostfront. In Russland aber herrscht nach der Februarrevolution Chaos. Das Kaiserreich wittert die Chance, mit Lenin die Verhältnisse zu seinen Gunsten zu verändern.

Fritz Platten bewunderte Lenin bis in den Tod.
Fritz Platten bewunderte Lenin bis in den Tod.
Bild: Universitätsbibliothek Basel

Robert Grimm handelt mit der deutschen Gesandtschaft in Bern die Modalitäten aus. Fritz Platten begleitet Lenin und seine Mitreisenden nach Russland. Am 9. April, dem besagten Ostermontag, fährt der Zug um 15.20 Uhr im Hauptbahnhof Zürich ab. Entgegen der Legende ist Lenins Waggon nicht plombiert, er wird auf Betreiben des Russen zur exterritorialen Zone erklärt.

Lenin das Leben gerettet

Am 19. April 1917 erreicht die Gruppe Petrograd. Etwa ein halbes Jahr später findet die Oktoberrevolution statt. Nun realisiert man auch in der Schweiz die Bedeutung des einstigen Exilanten, der sukzessive die Macht in Russland übernimmt. Fritz Platten steht an seiner Seite. Im Januar 1918 rettet er Lenin bei einem Attentatsversuch das Leben und wird an der Hand verletzt.

Danach kehrt Platten in die Schweiz zurück und gehört mit Robert Grimm zu den Organisatoren des Landesstreiks im November 1918. Beide werden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Danach entfernen sich die beiden Linken voneinander. 1921 kommt es zum endgültigen Bruch, Fritz Platten wird zum Mitgründer der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS).

Bis zuletzt uneinsichtig

Die Sozialdemokratie bewegt sich in die Mitte der Gesellschaft und Robert Grimm mit ihr. Er verfasst das Parteiprogramm von 1935, in dem die SP der «Diktatur des Proletariats» abschwört und sich zur Landesverteidigung bekennt. Damit wird sie regierungsfähig. Grimm wird 1938 als erster Sozialdemokrat in den Berner Regierungsrat gewählt. Seine Karriere beendet er als Direktor der Bern-Lötscherg-Simplon-Bahn (BLS) und als anerkannte Stütze der Gesellschaft.

Erst nach der Oktoberrevolution realisiert man in der Schweiz die Bedeutung Lenins.
Erst nach der Oktoberrevolution realisiert man in der Schweiz die Bedeutung Lenins.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Sein einstiger Parteigenosse Platten kehrt der Schweiz 1923 desillusioniert den Rücken und wandert endgültig in die neu gegründete Sowjetunion aus. Nach Lenins Tod 1924 wird es für ihn zunehmend schwierig. Wie andere einstige Kampfgefährten des Revolutionsführers gerät er ins Visier von Lenins Nachfolger Stalin, der sich der parteiinternen Rivalen entledigt.

Platten versucht sich zu retten, indem er einstige Mitstreiter öffentlich denunziert. Vergeblich. 1937 wird seine dritte Frau Berta Zimmermann verhaftet und hingerichtet. Ein Jahr später ist der Schweizer selbst an der Reihe. Er wird in ein Arbeitslager deportiert und am 22. April 1942 erschossen – an Lenins Geburtstag. Bis zuletzt sieht er sich als Opfer eines Missverständnisses. Fritz Platten wollte nicht wahrhaben, dass er einem mörderischen System gefolgt war.

Zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution zeigt das Landesmuseum Zürich eine Sonderausstellung über das Verhältnis zwischen Russland und der Schweiz in einer Zeit des Umbruchs. Sie bietet einen Überblick über die politische und kulturelle Entwicklung Russlands.

So schön war Russland, als der letzte Zar abdankte

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quelle: library of congress
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