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epa09118079 People fill forms upon their arrival to be vaccinated against Covid-19 at a vaccination centre set up at the Stade de France (France's Stadium), in Saint-Denis, outside Paris, France, 06 April 2021. New restrictions have been implemented in France, including a brief closure of schools, to keep Covid-19 cases down before the effects of the vaccine drive kick in.  EPA/THOMAS SAMSON / POOL  MAXPPP OUT

Im Stade de France nördlich von Paris wurde ein grosses Impfzentrum eingerichtet. Bild: keystone

Analyse

Jetzt impfen sogar die Deutschen und Franzosen schneller als wir

In der EU nehmen die Impfungen gegen das Coronavirus Fahrt auf. Und bald kommt ein weiterer Impfstoff hinzu. In der Schweiz aber scheint man es weiterhin nicht eilig zu haben.



Für ihre Impfstrategie wurde die Europäische Union heftig geprügelt. Manches war überzogen. So mussten die Produktionsanlagen für die Corona-Vakzine erst aufgebaut werden. Dennoch sah die EU im Vergleich etwa mit Ex-Mitglied Grossbritannien schlecht aus. Nun aber vermelden die «Kernländer» Deutschland und Frankreich gute Nachrichten.

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So wurden in Deutschland allein am Mittwoch rund 656’000 Impfdosen verabreicht. Das waren 290’000 mehr als am Vortag. Verantwortlich dafür ist der Einstieg der Hausärzte, die der bislang schleppenden deutschen Impfkampagne offensichtlich Schub verleihen. Knapp 14 Prozent der deutschen Bevölkerung hat mindestens eine Impfdosis erhalten.

Patient Nicole Brusselaers, right, is vaccinated against the coronavirus with the Pfizer vaccine by family doctor Karl Schorn, left, in Berlin, Germany, Thursday, April 8, 2021. (Paul Zinken/dpa via AP)

Seit dieser Woche impfen in ganz Deutschland die Hausärzte. Prompt gingen die Zahlen durch die Decke. Bild: keystone

Fast noch eindrücklicher ist die Entwicklung in Frankreich. Dort musste Präsident Emmanuel Macron am 31. März den dritten landesweiten Lockdown anordnen, nachdem die Strategie, sich mit hohen Infektionszahlen durchzuwursteln, krachend gescheitert war. Zuvor hatte Macron eine Beschleunigung des bislang lahmen Impftempos befohlen.

«Wir müssen jeden Tag impfen»

Pro Woche sollen eine Million Spritzen verabreicht werden, forderte Macron: «Es gibt keine Feiertage, keine Wochenenden. Wir müssen jeden Tag impfen, auch abends.» Dazu wurden im ganzen Land riesige Impfzentren aufgebaut, unter anderem im Stade de France. Geimpft wird in Militärspitälern, auch die Tier- und Zahnärzte werden eingespannt.

Nun zeigen sich erste Erfolge. Am Donnerstag konnte Ministerpräsident Jean Castex verkünden, dass mehr als zehn Millionen Menschen mindestens eine Dosis erhalten haben. Das entspricht rund 15 Prozent der Bevölkerung. Damit sei Frankreich dem bisherigen Zeitplan um rund eine Woche voraus, sagte Castex beim Besuch eines Impfzentrums.

Die Erfolgsmeldungen aus Deutschland und Frankreich mögen eine Momentaufnahme sein, denn alles steht und fällt mit der Lieferung der Impfstoffe. Doch auch hier sieht es für Europa immer besser aus. In Frankreich wurde am Mittwoch ein Werk in Betrieb genommen, in dem das Vakzin von Pfizer/Biontech produziert wird. Und weitere Lieferungen sind in der Pipeline.

The Johnson & Johnson COVID-19 vaccine sits on a table at a pop up vaccinations site the Albanian Islamic Cultural Center, Thursday, April 8, 2021, in the Staten Island borough of New York. (AP Photo/Mary Altaffer)

Der teilweise in Bern entwickelte Janssen-Impfstoff wird ab 19. April in der EU eingesetzt. Die Schweiz geht leer aus. Bild: keystone

Ab 19. April soll der Impfstoff des US-Herstellers Johnson & Johnson in Europa zum Einsatz kommen. Die EU hat 200 Millionen Dosen bestellt, mit einer Option auf die gleiche Menge. Er kann in einem normalen Kühlschrank gelagert werden, und vor allem genügt eine Dosis für die Immunisierung. Dies dürfte die Impfkampagne in Europa zusätzlich ankurbeln.

Zu spät verhandelt

Die Schweiz hat nichts davon, denn das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Verhandlungen mit J&J zu spät aufgenommen und will darauf verzichten, trotz vorhandener Zulassung durch Swissmedic. Dabei wurde das Vakzin quasi vor den Augen des BAG entwickelt, in Bümpliz bei Janssen Vaccines, der Impfstoffsparte des Mischkonzerns.

Zwar erhält auch die Schweiz immer mehr Nachschub von Moderna und Pfizer/Biontech, doch bei den Menschen, die mindestens eine Dosis erhalten haben, liegt sie hinter den meisten EU-Ländern. Überhaupt hat man das Gefühl, bei uns gehe es ziemlich gemächlich voran. So herrschte über Ostern bei uns Impfpause, anders als in Macrons Frankreich.

Halbierung von Dosen kein Thema

Gesundheitsminister Alain Berset musste im März das Impfziel um einen Monat nach hinten verschieben. «Bis spätestens Ende Juli erhalten alle, die dies wollen, mindestens eine Impfdosis», sagte Berset. Dafür aber müssen Pfizer/Biontech und Moderna rechtzeitig liefern. Von einer Beschleunigung des Impftempos will man in Bern nichts wissen.

Die Halbierung von Impfdosen oder die Verabreichung von vorerst nur einer Impfdosis seien kein Thema, sagte Patrick Mathys vom BAG am Mittwoch vor den Medien. Dabei wird diese Strategie in Grossbritannien mit einigem Erfolg praktiziert. Auch in den Kantonen geht es nur langsam vorwärts. Teilweise wird die breite Bevölkerung erst ab Juni geimpft.

Umstrittener Lonza-Deal

In dieses Bild passt auch der Streit um ein angebliches Angebot von Lonza an den Bund, in Visp eine eigene Produktionslinie für den Impfstoff von Moderna aufzubauen. Was genau ablief, bleibt diffus. Einen Beleg für eine offizielle Anfrage von Lonza gibt es nicht, und Verwaltungsratspräsident Albert Baehny äusserte sich zum Thema widersprüchlich.

Über die Verwendung des Impfstoffs entscheidet nicht Lonza, sondern Moderna. Die Schweiz kann ihn auch nicht einfach in Visp «abzapfen». Endabmischung und Abfüllung finden in einem Werk in Spanien statt, die Verteilung an die Empfänger erfolgt via Belgien. Aber es bleibt ein Gefühl, dass für die Schweiz mehr möglich gewesen wäre.

Berset wollte nicht reden

Die «NZZ am Sonntag» ortete bei Bundesrat Berset ein «gestörtes Verhältnis zur Pharmaindustrie». Berset und seine Entourage bekundeten Mühe, einen Draht zur privaten Wirtschaft zu finden und zu erhalten, kritisierte die Zeitung. «Es ist traurig, dass die Regierung nicht mit uns reden wollte», sagte ein nicht näher definierter Pharma-Manager.

«Es hätte sicher Momente gegeben, in denen ein runder Tisch Dinge beschleunigt hätte», so der Manager. Einmal mehr fragt man sich, warum die Schweiz als einer der weltweit führenden Pharma- und Forschungsstandorte es nicht geschafft hat, sich einen Vorteil bei den Corona-Impfungen zu erarbeiten. Sie hätte ja nicht gleich die USA kopieren müssen.

Vorbild USA

Diese steckten mit der Operation Warp Speed Milliarden in die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen. Mit beträchtlichem Erfolg: Ab 19. April sollen alle Erwachsenen einen Impftermin bekommen. In solchen Fällen sind die Amerikaner hemmungslos pragmatisch, während ein solches Vorgehen bei uns wohl als «unschweizerisch» bezeichnet würde.

Es ist möglich, dass die Schweiz in den nächsten Wochen den Impfturbo zünden kann. Dennoch bleibt ein Unbehagen über das «Beamtentum» und die damit verbundene Nullrisiko-Mentalität, mit der Bund und Kantone auf diese gewaltige Herausforderung reagieren. Weshalb die Schweiz nun sogar von der EU abgehängt werden könnte.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
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