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Virginia Markus polarisiert bild: zvg

Interview

Schweizer Tierschützerin: «Zoos? Inakzeptabel! Früher steckte man Schwarze auch in Käfige»

Diese Autorin und Tierschützerin findet: Die Milchwirtschaft gehört verboten, wir diskriminieren Tiere wie früher Homosexuelle und sowieso – die Gesellschaft begeht einen Massenmord. Das Interview mit der Antispeziesistin Virginia Markus, die mit ihren radikalen Aussagen für Aufsehen sorgt. 



Sie ist das neue Aushängeschild der Westschweizer Tierschutz-Szene. «Le Temps» widmete ihr ein Porträt, bei der RTS war sie Gast in drei Sendungen zur Prime Time und auch in einem «10 vor 10»-Beitrag taucht sie auf: Virginia Markus, 27, schrieb ein Buch über die Schweizer Milchindustrie und sorgte mit Filmaufnahmen in Schlachthöfen, wo Tiere misshandelt werden, für Schlagzeilen.

Wegen ihren Überwachungskameras und der Besetzung eines Schlachthofs haben sie und die anderen beteiligten Aktivisten nun eine Anklage am Hals. Aber das juristische Nachspiel sei ein kleines Übel im Gegensatz zu den Misshandlungen, die die Tiere erleiden müssen, sagt die Antispeziesistin.

«Eines Tages werden wir Tiere gleichwertig behandeln.»

Immer mehr Schweizer und Schweizerinnen verzichten aus ethischen Gründen auf tierische Produkte. Auch politisch werden regelmässig neue Forderungen hörbar. Die Tierrechts-Stiftung «Sentience Politics» lanciert im Frühling 2018 die Volksinitiative «Für weniger Tierleid in der Landwirtschaft». Ihr Ziel: die Massentierhaltung in der Schweiz abschaffen. 

Virginia Markus geht einen Schritt weiter. Sie verurteilt die Überlegenheit der Menschen gegenüber der Tierwelt, den Speziesismus, welcher zurzeit unsere Gesellschaft prägt. Damit stösst sie oft auf Unverständnis. Doch die Tochter eines Schweizers und einer Chinesin ist überzeugt: «Eines Tages werden wir Tiere gleichwertig behandeln.»

Frau Markus, während den Festtagen kam bei vielen ein Fondue chinoise oder Stopfleber auf den Tisch. Auch bei Ihnen?
Virginia Markus:
Nein, ich bevorzuge andere Speisen. Fondue Chinoise kann man aber auch ohne Tierfleisch zubereiten – dem bin ich nicht abgeneigt. Foie gras hingegen ist schrecklich. Darüber wird genau wie über Pelz seit mehr als 20 Jahren debattiert. Doch nichts hat sich geändert.

Das Parlament hat Ende November einen Vorstoss versenkt, der Foie gras verbieten wollte. Gegner sahen die «kulinarische Tradition» in der Romandie gefährdet. Können Sie das nicht nachvollziehen?
Wenn wir nach diesem Kriterium beurteilen würden, könnten wir auch die Beschneidung von kleinen Mädchen in Afrika gutheissen. Diese gilt ja auch als Tradition. In unserer fortschrittlichen Gesellschaft sind solche Argumente ein No-Go. Foie gras zu essen ist einfach nur egoistisch. Man quält ein Tier für ein paar Sekunden Gau­men­freu­de. Stellen Sie sich nur mal vor, wie die Gänse und Enten leiden, wenn sie gestopft werden.

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Die Tierschützerin im Gespräch mit watson. bild: watson 

Sie bezeichnen sich als Antispeziesistin. Was ist das?
Um darauf antworten zu können, muss ich ausholen: Als «Speziesismus» bezeichnet man die Vorstellung, dass Menschen aufgrund ihrer Art allen anderen Spezies überlegen seien und diese deshalb behandeln könnten, wie sie wollten. Das lehne ich ab. Ich fordere für die Tiere ein Recht auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche wie psychische Unversehrtheit. Das heisst konkret, man sollte keine Tiere töten und essen, sie nicht für Tierversuche missbrauchen, sie nicht ausbeuten und sie auch nicht in Zoos sperren. Kurz: Aufhören, sie wegen ihrer Art zu diskriminieren.

«Nur weil ein Hund nicht sprechen kann, sind wir ihm nicht überlegen. Wir behandeln geistig Behinderte auch nicht schlechter, nur weil sie vielleicht nicht sprechen oder einen tieferen IQ haben.»

Diskriminieren?
Ja. Die Idee des Antispeziesismus ist ja gerade, dass man aufhört, die Leiden der verschiedenen Lebewesen zu priorisieren. Nur weil ein Hund nicht sprechen kann, sind wir ihm doch nicht überlegen. Wir behandeln geistig Behinderte auch nicht schlechter, nur weil sie vielleicht nicht sprechen oder einen tieferen IQ haben – jedenfalls nicht hierzulande und in unserer heutigen Gesellschaft. Genau wie Homophobie, Sexismus und Rassismus sollte bei uns in der Schweiz auch die Diskriminierung von Tieren inakzeptabel sein.

Ihre Position ist ziemlich extrem. Glauben Sie, dass sie jemals mehrheitsfähig wird?
Ja, davon bin ich überzeugt. Unsere Gesellschaft fordert seit Jahrzehnten stets mehr Gerechtigkeit für Minderheiten und Wehrlose ein. Es gibt keinen Grund, warum das nicht auch für Tiere gelten sollte. Bereits heute ist der korrekte Umgang mit Tieren für viele wichtig. Es gibt immer mehr Vegetarier, Veganer oder Leute, die aus ethischen Gründen wenig Fleisch essen oder kein Leder tragen. Eines Tages werden sich unsere Nachkommen entrüstet fragen, wie wir ohne triftigen Grund so viele Tiere töten konnten.

Ist das nicht die Nahrungskette?
Karnivore Tiere töten andere Tiere, um zu überleben, wie das früher bei uns Menschen auch der Fall war. Heute aber ist das Fleischessen für uns nicht überlebenswichtig – jedenfalls nicht hier in der Schweiz. Man kann sehr gut auf Fleisch und Fisch verzichten und gleichzeitig bei bester Gesundheit sein.

Aber die Tiere sind sich ihrer Sterblichkeit doch weniger bewusst …
Also erstens denke ich nicht, dass das zutrifft. Viele Tiere schreien und sträuben sich, wenn die Mitarbeiter sie ins Schlachthaus zerren. Zweitens komme ich nochmals auf ein vorher angetöntes Argument zu sprechen: Wir würden nie eine geistig behinderte Person diskriminieren, weil wir glauben, dass ihr Leiden weniger bewusst ist als unseres. In der Schweizer Gesetzgebung schützen wir die Wehrlosen. Und die Tiere können sich gegen uns nicht zur Wehr setzten.

«Vor 200 Jahren war das Etablissement auch schockiert, wenn Leute sagten, Schwarze seien auch Menschen.»

Ist der Antispeziesismus nicht Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft, die keine anderen Probleme hat?
Vor 200 Jahren war das Etablissement schockiert, wenn Leute sagten, Schwarze seien auch Menschen. Gesellschaftsaufwühlende Veränderungen wie wir sie fordern, werden am Anfang immer kritisiert. Das eigene Gewissen sowie der Lebenskomfort wird in Frage gestellt. Besonders schockiert sind natürlich Menschen, die von der speziesistischen Haltung leben.

Jonas Fricker, der seit 2015 für die Grünen im Nationalrat sass, hatte während der Debatte um die Fair-Food-Initiative einen Vergleich zwischen Schweinetransporten und der Deportation von Juden nach Auschwitz gezogen. Wie beurteilen Sie seine Aussagen?
Ich weiss nicht, ob ich dasselbe gesagt hätte, aber gewisse Parallelen zwischen den Leidensgeschichten kann man da sicher ziehen.

Wir betreiben mit unserer Tierindustrie also einen Massenmord?
Das ist ein Fakt und nicht eine Ansichtssache – es ist Massenmord. Wir töten unendlich viele Tiere ohne Notwendigkeit. Wissen Sie, ich stelle mich hinter jede Minderheit und möchte diese verteidigen. Ich kaufe mir seit Jahren auch fast keine Kleider mehr, weil ich keine schlechten Arbeitsbedingungen in China oder Bangladesh unterstützen möchte. In vielen Bereichen haben wir hierzulande glücklicherweise bereits viel erreicht. Wie zum Beispiel bezüglich der Gleichstellung zwischen Mann und Frau oder der Homophobie. Nun wird es Zeit, die Anliegen der Tiere anzupacken. Aber uns ist bewusst, dass es für eine grosse Veränderung noch ein paar Generationen brauchen wird.

Beitrag in der Westschweizer Tagesschau

Was halten Sie von Klon-Fleisch?
Solange kein Tier für Fleisch getötet werden muss, bin ich nicht dagegen. Jedoch finde ich es etwas krankhaft, unbedingt die Textur von tierischem Fleisch essen zu wollen.

Finden Sie auch Bauern krank, die ihre Tiere zum Schlachten schicken?
Nein, viele mögen ihre Tiere sehr. Ich habe bei den Recherchen zu meinem Buch viele Bauern kennen gelernt, die mir mit Tränen in den Augen erzählten, wie schwierig es für sie sei, die Tiere in den Schlachthof zu schicken. Aber trotzdem: Es ist eine Zuneigung, die an Bedingungen gebunden ist.

«Die Leute hinterfragen das System nicht.»

Wie meinen Sie das?
Der Bauer wird sein Tier gern haben, solange es rentiert. Er zieht klar eine Grenze: Irgendwann muss man die Gefühle abstellen und es hinter sich bringen. Nach dem Prinzip: Es sei halt einfach so. Dasselbe galt vor ein paar hundert Jahren, als viele überzeugt waren, man dürfe schwarze Sklaven halten. Die Leute hinterfragen das System nicht. Dabei hätten wir doch allen Lebewesen gegenüber eine moralische Verantwortung. In der Schweiz ist die Landwirtschaft doch eine bedeutsame Branche.

Ist Ihr Ziel nicht total utopisch?
Tatsache ist, das ganze System muss sich ändern, ja. Aber es funktioniert oft sowieso auch wirtschaftlich nicht. Die Milchbauern zum Beispiel stehen wirtschaftlich gesehen sehr schlecht da, die Suizidrate unter ihnen ist hoch. Da sollte man doch viel eher brainstormen, um andere rentable Geschäftsmodelle für diese Leute zu finden.

«Dem Konsumenten wird ein idyllisches Bild vorgegaukelt. Dass es sich bei dem Stück Fleisch um ein Individuum handelte, wird verdrängt.»

Wie erklären Sie sich, dass die meisten Schweizer Fleisch und Milchprodukte konsumieren?
Das hängt mit der Erziehung zusammen. Vielen wissen auch nicht wirklich, was sie auf dem Teller haben, woher die Lederjacke kommt. Dafür ist grösstenteils die Werbung verantwortlich. Dort wird den Konsumenten ein idyllisches Bild vorgegaukelt. Dass es sich bei dem Stück Fleisch um ein Individuum handelte, wird verdrängt – deshalb ist es so vielen auch nicht wirklich bewusst. Denn genüsslich und im vollen Wissen und Bewusstsein einen Kadaver zu essen, das fällt dann schon fast in den psychopathischen Bereich, denke ich. Wird man dann mit der nackten Realität konfrontiert, hat man deshalb zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht zu ignorieren, was dahinter steckt oder man hört auf, Fleisch zu essen.

Sie haben ein Kuh-Tattoo. Was bedeutet es?
Bis vor ein paar Jahren ernährte ich mich noch nicht rein vegan, sondern vegetarisch. Bis mir in einem Gespräch mit einem Bauern klar wurde, dass für unser Käse und Co. oft ein Kalb sterben muss. Denn damit die Kühe stetig Milch produzieren, müssen sie jedes Jahr kalben. Die Bauern töten die männlichen Kälber oft kurz nach der Geburt. Denn im Gegensatz zu den Weibchen setzten sie kaum Fleisch an – was  für die Bauern wirtschaftlich nicht interessant ist.

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Seit drei Jahren auf ihrer Haut: das Kalb-Tattoo von Virginia Markus. bild: watson

Die Diskussion mit dem Bauern fand auf seinem Hof statt. Das Kalb auf meinem Unterarm ist das Abbild des Tieres, das ich an diesem Tag traf.

Antispeziesisten wollen auch Zoos abschaffen. Sind diese nicht besonders für Kinder lehrreich?
Warum sollten sie? Muss man unbedingt alle Tiere gesehen haben? Wissen Sie, vor zweihundert Jahren sperrte man auch Schwarze in Käfige ein und stellte sie zur Schau. Beides ist total inakzeptabel.

Werden Sie wegen Ihrer pointierten Meinung angefeindet? Ja, oft. Besonders auf den sozialen Netzwerken. Oft heisst es, ich solle nicht versuchen, meine Meinung anderen aufzuzwingen – dabei hab ich noch nie jemandem in einem Restaurant gesagt, er soll jetzt gefälligst aufhören, dieses Kadaver zu essen. Das ist doch lächerlich. Ich will niemandem etwas aufzwingen, sondern lediglich den Diskurs zum Thema anstossen.

«Ihr esst Kadaver.»

Was für ein Image haben Sie denn von Fleischessern? Sind wir alle Monster?
Nein, aber Ihr esst Kadaver. Punkt. Man kann es Tartare oder Vitello tonnato nennen, um euer Gewissen zu erleichtern, aber es handelt sich um Körperpartien eines toten Tieres.

Sie haben vier Haustiere. Zwei Hunde, zwei Katzen. Wie ernähren Sie diese?
Meine Hunde sind vegan, bei Katzen ist die Umstellung schwierig. Sie essen Katzenfutter mit Poulet. Haustiere zu halten ist als Antispeziesist sowieso ein Paradox, dessen ich mir bewusst bin. In einer perfekten Welt würden alle Tiere frei leben. Doch das ist heute nicht möglich. Es gibt so viele Tiere auf der Strasse, die ihrem Schicksal überlassen sind. Mir war es wichtig, wenigstens einigen davon zu helfen.

Wie wurde der geliebte Hund eigentlich zum Haustier?

Video: srf

Tiere, die so unfotogen wie du sind

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