Schweiz
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Rund 7000 Anhaengerinnen und Anhaenger der Sekte Zeugen Jehovas aus der ganzen Deutschschweiz versammelten sich am Freitag, 29. Juli 2005, im Fussballstadion Letzigrund zur ihrem Bezirkskongress mit dem diesjaehrigen Motto

Die Zeugen Jehovas bei ihrem jährlichen Kongress im Hallenstadion in Zürich.
Bild: KEYSTONE

Zeugen Jehovas zeigen Beraterin von Missbrauchsopfern wegen übler Nachrede an – und blitzen ab

In einem Interview berichtete Anna Gunkel von sexuellen Übergriffen und Missbrauch bei den Zeugen Jehovas. Das will die Sekte nicht auf sich sitzen lassen. Sie zeigen die Therapeutin wegen übler Nachrede an. 



Anna Gunkel trifft bei ihrer Arbeit als Fachberaterin Psycho-Traumatologie immer wieder auf Sekten-Aussteiger. In einem Interview mit watson sprach sie letzten Mai über die Gewalt innerhalb von Sekten, von der Aussteiger ihr berichten. «Praktisch jede meiner Patientinnen, die bei den Zeugen Jehovas aufwuchs, wurde missbraucht», sagte sie aus eigener Erfahrung. 

Den Zeugen Jehovas stiess dies offenbar sauer auf. Am 14. Juli reichte ihr Anwalt Olivier Huber Strafanzeige gegen Anna Gunkel ein. «Die Beschuldigte habe mehrere unwahre ehrverletzende Äusserungen getätigt», begründete der Anwalt die Anzeige im Namen der Vereinigung Jehovas Zeugen der Schweiz

Die Antwort der Staatsanwaltschaft flatterte am Mittwoch in Anna Gunkels Briefkasten: «Die Voraussetzungen für die Eröffnung einer Untersuchung sind nicht gegeben», verfügt der Staatsanwalt. 

Anwalt der Zeugen Jehovas will keinen Kommentar abgeben

Opfer einer Ehrverletzung können in erster Linie lebende natürliche Personen werden, aber keine Gemeinschaft, hält die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat fest. Gunkels Äusserungen beziehen sich aber nicht auf die Vereinigung «Jehovas Zeugen der Schweiz» an sich, sondern auf die Religionsgemeinschaft im Allgemeinen. Weiter heisst es:

«Die Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft haben mangels Rechtspersönlichkeit keine eigene Ehre.»

Auszug aus der Nichtanhandnahmeverfügung

Anna Gunkel reagiert erleichtert auf den Entscheid der Staatsanwaltschaft. Sie hatte zuvor nichts von der Anzeige gegen sie gewusst. «Ich habe aus meiner Arbeitserfahrung berichtet. Zu den Aussagen stehe ich», sagt sie gegenüber watson. 

Zeugen Jehovas-Anwalt Huber will sich zu dem Verfahren nicht äussern. Auch ob die Zeugen Jehovas in Erwägung ziehen, das Verfahren auf zivilrechtlichem Weg weiter zu ziehen, will er nicht kommentieren. Um eine Genugtuung einzufordern, müssten allerdings Beweise für den seelischen Schmerz, der jemandem aufgrund einer Persönlichkeitsverletzung entstanden ist, erbracht werden. 

Sektenexperte ist überrascht

Einer, der sich bestens mit der Klage-Lust von religiösen Gemeinschaften auskennt, ist Sektenexperte Hugo Stamm. Es gab Zeiten, in denen er aufgrund seiner Kritik gleichzeitig mit bis zu 13 Verfahren überzogen wurde, die Sekten gegen ihn anstrebten.

«Normalerweise agieren die Zeugen Jehovas rechtlich geschickt.»

Sektenexperte Hugo Stamm

Stamm zeigt sich überrascht über die Klage: «In jüngster Zeit haben die Zeugen Jehovas weniger aggressiv auf kritische Publikationen reagiert und seltener Anzeigen eingereicht», sagt er. Er ist auch überrascht, über den offensichtlichen Formfehler der aktuellen Strafanzeige: «Normalerweise agieren die Zeugen Jehovas rechtlich geschickt.» 

Sexueller Missbrauch sei für die Zeugen Jehovas aber ein sehr sensibles Thema. «Das darf es in ihren Augen schlicht nicht geben», sagt Stamm. «Die Zeugen Jehovas sehen sich als rechtgläubig und gottesfürchtig.» Deswegen würden solche Vorfälle verdrängt und unter den Tisch gekehrt.

Die Zeugen Jehovas anerkennen in der Regel nur Gott als Autorität, staatliche Richter oder Justizbehörden rufen sie deshalb ungern an, sagt Stamm. Lieber würden die Ältesten oder leitenden Körperschaften der Gemeinschaft versuchen, Verstösse intern zu regeln.

«Sie anerkennen einen sexuellen Übergriff quasi erst, wenn das Opfer einen Zeugen des Vorfalls beibringen kann, was praktisch unmöglich ist», sagt Stamm. «Gelingt das nicht, übergeben sie das Problem in Gottes Hände, der es regeln soll». Diese Praktik sei indirekt ein Schutz für die Täter. Und die Opfer lernten, dass es sinnlos sei, Missbräuche zu melden.​

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