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Platzspitzbaby

Sarah Spale als heroinsüchtige Sandrine in «Platzspitzbaby». Bild: Ascot Elite

Interview

«Ich musste immer noch heftiger, noch brutaler, gröber, wüster sein, als es meine Art ist»

Pierre Monnard und Sarah Spale – what a match! Der Regisseur und die Schauspielerin sorgen derzeit mit der SRF-Krimiserie «Wilder» und dem Kinohit «Platzspitzbaby» für mächtig Wirbel in der Schweizer Filmbranche. watson traf die beiden zum Interview.



Sarah Spale und Pierre Monnard, um Sie beide kommt man derzeit nicht herum. Letzte Woche lief «Platzspitzbaby» in den Kinos an und das Schweizer Fernsehen strahlt gerade die zweite Staffel von «Wilder» aus. Das muss sich verrückt anfühlen!
Sarah Spale: Ich bin froh, dass wir momentan «Wilder 3» drehen und ich in eine andere Welt abtauchen kann. So muss ich mich gar nicht so darum kümmern, was links und rechts alles passiert.

In «Wilder» kennen wir Sie als eigenwillige Ermittlerin mit sympathischem Berner-Bergler Dialekt. In «Platzspitzbaby» spielen Sie in der Sprache ihres Heimatkantons Basel, obwohl der Film im Zürcher Oberland spielt. Frau Spale, hatten Sie keine Lust, Zürichdeutsch zu lernen?
Spale: Ich hatte zwei Monate Vorbereitungszeit und ich wollte mich nicht primär auf die Sprache konzentrieren, sondern auf meine Figur.

Pierre Monnard: Ich habe das mit Sarah diskutiert und wir fanden, dass es für die Geschichte nicht wichtig ist, ob sie Basel- oder Zürichdeutsch spricht.

Heisst das, die Figur der drogensüchtigen Sandrine ist komplexer zu spielen als jene der Ermittlerin Rosa?
Monnard: Nein, Rosa ist nicht weniger komplex, aber Sandrine ist sehr viel härter. Es braucht viel Mut für eine Schauspielerin, eine solche Rolle zu spielen. Sie muss einerseits die brutale Realität einer drogensüchtigen Mutter zeigen und andererseits sollen die Zuschauer eine emotionale Verbindung zu ihr aufbauen, sie verstehen können und sogar sympathisch finden.

Wilder 
Staffel 2
Pressebild Darsteller

Marcus Signer (Manfred Kägi) und Sarah Spale (Rosa Wilder) 

Copyright: SRF/Pascal Mora

Dreamteam Manfred Kägi (Marcus Signer) und Rosa Wilder (Sarah Spale). bild: SRF/pascal mora

Stimmt das? Brauchten Sie Mut, diese Rolle anzunehmen?
Spale: Ja, vor allem auch weil es mir sehr wichtig war, sie authentisch zu spielen. Und dass man Sandrine, gerade weil sie eben authentisch rüberkommt, auch gern haben kann.

Herr Monnard, in Ihrem Film erzählen Sie nicht die Geschichte vom Platzspitz, sondern das, was nach der Räumung passierte. Warum haben Sie diesen Fokus gelegt?
Monnard: Der Film ist ja inspiriert von Michelle Halbheers Biografie «Platzspitzbaby». Was mir und dem Drehbuchautor André Küttel an dem Buch so gefallen hat, ist, dass es eine Geschichte erzählt, die noch wenig bekannt ist und dass sie aus der Perspektive eines Kindes erzählt wird.

«Ich ging Tag für Tag von einer heftigen oder emotionalen Szene in die nächste. Das war sehr anstrengend.»

Sarah Spale

Hat Michelle Halbheer beim Ausarbeiten des Drehbuchs mitgeholfen?
Monnard: Wir haben viel mit ihr gesprochen. Sie hat uns die Orte ihrer Kindheit gezeigt und Geschichten erzählt, die nicht in ihrem Buch vorkommen. Sie war unsere Inspirationsquelle. Aber am Drehbuch hat sie nicht mitgeschrieben.

War es nicht schwierig, die persönliche Geschichte von Halbheer für den Film teilweise zu fiktionalisieren?
Monnard: Genau darum haben wir von Anfang an gesagt, dass der Film keine Adaption des Buchs ist, sondern eine Inspiration. Es kamen Erlebnisse von anderen Müttern und ihren Kindern dazu und eigenes Recherchematerial. Daraus spannen wir eine Geschichte, mit einem eigenen Innenleben.

Frau Spale, wie haben Sie sich auf die Rolle der Sandrine vorbereitet?
Spale: Ich habe viel recherchiert, Gespräche mit ehemaligen Drogensüchtigen geführt, hab' einige Tage bei einer Anlaufstelle für Süchtige gearbeitet und mit einem erfahrenen Arzt ein langes Gespräch geführt. Ein Coach hat mir dann geholfen, mich physisch auf die Rolle vorzubereiten.

Platzspitzbaby

Sandrine macht der Sozialarbeiterin Dampf. Szene aus dem Film «Platzspitzbaby». Bild: Ascot Elite

Wie?
Spale: Ich hab' in einer Turnhalle Medizinbälle herumgeworfen, laute Musik gehört und ich musste lernen, immer noch einen draufzusetzen. Der Film bringt eine Schwere mit sich, die sich auch im Körper manifestiert. Den Stress, den Sandrine die ganze Zeit hat, den mussten wir suchen, finden und dann halten können. Ich musste immer noch heftiger, noch brutaler, gröber, wüster sein, als es eigentlich meine Art ist.

Was hat die Rolle von Ihnen abverlangt?
Spale: Ich ging Tag für Tag von einer heftigen oder emotionalen Szene in die nächste. Das war sehr anstrengend. Es gibt eine Szene, in der Sandrine in einer Unterführung auf eine andere Junkie-Frau am Boden einprügelt. Das war eine Stuntfrau, die genau wusste, was sie tut. Sie sagte mir immer: «Du kannst mich noch fester schlagen, noch brutaler.» Das hat mich körperlich und emotional sehr geschlaucht. Noch am nächsten Morgen war ich nudelfertig. Weil ich für Sandrine eine Grenze überschritten habe, wie ich das privat nie tun könnte.

«Wir haben viel mit Drogensüchtigen gesprochen und sie gefragt, was sie tun würden, wenn sie in einer gewissen Situation wären. Sie haben uns geantwortet, dass sie für die Drogen alles tun würden.»

Pierre Monnard

Sie wurden jeden Morgen zur Junkie-Frau hergerichtet. Wie ist das, sich so zu sehen?
Spale: Interessanterweise gewöhnt man sich daran. Es gab Momente, wo ich vor dem Spiegel sass und gar nicht mehr sah, ob die Maskenbildnerin mich schon fertig geschminkt hat oder nicht. Zu ihr hatte ich ein grosses Vertrauensverhältnis, was wichtig war. Denn um mich in Sandrine zu verwandeln, musste ich meine Eitelkeit ablegen.

Der Film zeigt das zerstörerische Ausmass der Drogensucht eindringlich. Sandrine geht sehr weit, um an den nächsten Schuss zu kommen. Was war bei der Entwicklung der Figur wichtig?
Monnard: Im Film gibt es Episoden, die wir eins zu eins aus dem Buch von Michelle Halbheer übernommen haben. Was wir erzählen, ist tatsächlich so passiert. Wir zeigen eine Realität. Wir haben viel mit Drogensüchtigen gesprochen und sie gefragt, was sie tun würden, wenn sie in einer gewissen Situation wären. Sie haben uns geantwortet, dass sie für die Drogen alles tun würden.

Ein Junkie trifft Entscheidungen, die Nicht-Süchtige kaum nachvollziehen können. Frau Spale, wie fest konnten Sie sich überhaupt in Sandrine reinfühlen?
Spale: Mir wurde erst im Nachhinein richtig bewusst, wie fest ich in der Rolle von Sandrine drin war. Im Film sieht man, wie Sandrine den Hund von Mia verkauft, um sich Drogen kaufen zu können. Viele fanden das eine mega schlimme Szene, während ich gedacht habe: «Ist doch völlig klar, dass sie den Hund verkauft, sie braucht schliesslich Geld.» Sie handelt in dem Moment nicht nach einem kognitiven Ansatz, sondern aus einer Notwendigkeit heraus. Das habe ich absolut nachvollziehen können.

Platzspitzbaby

Filmmutter und Filmtochter: Sarah Spale mit der schauspielerischen Neuentdeckung Luna Mwezi. Bild: Ascot Elite

Sie sind selbst auch Mutter von zwei Kindern. Wie konnten Sie da nachvollziehen, was Sandrine ihrer Tochter antut?
Spale: Sandrine kämpft. Jeden Tag versucht sie ihr Bestes zu geben und hofft, dass sie gut genug ist. Aber sie scheitert in allem, was sie macht. Es werden ständig Anforderungen an sie gestellt, aber sie ist nie gut genug. Diese Perspektive hat mir geholfen, Verständnis für Sandrine aufzubringen. Sie will ja, sie versucht es ja. Aber dann kommt wieder das Gefühl, dass sie sowieso nicht gut genug ist. Da gibt es einen riesigen Selbsthass.

Im Film wird angedeutet, dass auch eine Freundin von Mia in die Drogensucht abrutscht. Ist das nicht zu viel? Der Stoff von Mutter und Tochter ist doch schon schwer genug.
Monnard: Aber das ist die Realität. Wenn jemand eine solche Kindheit erlebt, ist die Chance gross, dass man selber auch abstürzt. Die Grenze zwischen dem Kampf für ein besseres Leben und dem Aufgeben ist schmal. Es kann schnell kippen. Das wollte ich mit dieser Episode zeigen. Dass sich Mia retten kann, ist eigentlich ein Wunder.

«Platzspitzbaby» ist derzeit in den Schweizer Kinos zu sehen.

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