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Streifen und Farbflächen bringen Autofahrer dazu, besser auf den Verkehr zu achten (im Bild eine Strasse in Thailand). bild: shutterstock

Ohne Blitzer und Bussen: So werden Verkehrssünder gezähmt

Der Bund prüft psychologische Kniffe, um die Strassen sicherer zu machen. Die Methoden rütteln an alten Gewissheiten.

Sven Altermatt / schweiz am wochenende



Es ist, als würde ein Metzger plötzlich darüber nachdenken, dem Fleisch abzuschwören. Ausgerechnet die Hüter der Strasse hinterfragen Vorschriften und Verbote? Ausgerechnet sie, die jahrzehntelang Verschärfungen durchgesetzt haben, sehen Radarfallen und Ordnungsbussen nicht mehr als Nonplusultra, um Verkehrssünder zu zähmen?

Die Feststellungen sind bemerkenswert: Zuweilen seien «klassische Massnahmen» wie Kontrollen, Strafen und Aufklärungskampagnen die falschen Mittel, um jemanden dazu zu bewegen, die Verkehrsregeln zu befolgen. Nicht immer könnten diese «ihr volles Potenzial im Strassenverkehr und zur Reduktion von Unfällen ausschöpfen», heisst es weiter. Denn obwohl Autolenker oder Velofahrer «bereits über ein sehr gutes Wissen bezüglich der geltenden Regeln» verfügten, hielten sich längst nicht alle daran.

Brisant ist, wo hier alte Gewissheiten hinterfragt werden: In einem Forschungsprojekt, das vom Bundesamt für Strassen (Astra) finanziert wird. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Strassenverkehr weder allein mit Repression noch mit Prävention sicherer wird. Geprüft werden neue Methoden. Statt mit scharfen Regulierungen oder moralisierenden Appellen sollen Verkehrsteilnehmer auf einem «dritten Weg» in die richtige Richtung gelenkt werden.

Die Rede ist von sogenannten verhaltensökonomischen Ansätzen. «Nudging» heisst das Instrument der Stunde; der Begriff ist Englisch und bedeutet so viel wie «anstupsen». Psychologische Kniffe bringen Bürgerinnen und Bürger dazu, doch noch vernünftig zu handeln. Die Anstupser zielen auf Verhaltensmuster im Unterbewusstsein. Gutes Verhalten soll erleichtert, schlechtes Verhalten erschwert werden – ohne es gleich zu sanktionieren.

Trügerische Routine hinter dem Steuer

Dafür holt sich der Bund nun Expertise ins Haus, wie Informationen der «Schweiz am Wochenende» zeigen. Am Drücker sind die führenden Stellen und Gremien der Schweizer Verkehrspolitik: Initiiert wurde das Forschungsprojekt von der bundeseigenen Arbeitsgruppe «Mensch und Fahrzeug». Rund 200'000 Franken steckt das Astra in die Untersuchung, bezahlt wird sie mit Geldern aus der Mineralölsteuer.

Eine Verkehrsrevolution? Ein Paradigmenwechsel? Am Ende gehe es schlichtweg darum, die Verkehrssicherheit aufrechtzuerhalten und stetig zu verbessern, wie ein Astra-Sprecher auf die übergeordneten strategischen Ziele verweist.

Für die Studie zuständig ist ein Team um den Verkehrspsychologen Markus Hackenfort. Der Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist eine Koryphäe auf dem Gebiet. In seinen Forschungen konzentriert er sich auf das menschliche Verhalten im Strassenverkehr.

Anders als bei den gängigen Herangehensweisen wolle man, so formulieren es die Verantwortlichen, «das zuweilen nicht objektiv-rationale Verhalten von Menschen» stärker berücksichtigen. Viele Entscheidungen würden stark durch Umwelteinflüsse und systematische Verzerrungen beeinflusst. Einfacher ausgedrückt: Gerade weil die meisten sehr routiniert hinter dem Steuer oder auf dem Velo unterwegs sind, passieren ihnen Fehler – die dann zu Regelverstössen führen oder gar Unfälle verursachen. Deshalb könnte das Verkehrsumfeld so gestaltet werden, dass sie sich intuitiv sicherer verhalten.

Welche Massnahmen für die Schweiz konkret in Betracht gezogen werden, dazu äussert sich das Astra derzeit nicht. Man stehe erst am Anfang, heisst es. Was möglich ist, zeigt ein Blick ins Ausland – oder selbst in die eine oder andere Schweizer Gemeinde. Nützlich sind schon sehr einfache, ja vermeintlich banale Massnahmen. Ein bekanntes Beispiel: Die Displays mit Geschwindigkeitsanzeigen, bei denen ein lächelndes oder trauriges Smiley signalisiert, ob ein Autofahrer das Tempolimit einhält. Im Gegensatz zu Blitzern, die nur negatives Feedback geben, gibt es hier auch mal Lob.

Bunte Strassen erhöhen die Aufmerksamkeit

Ein weiterer Ansatz: Vor Kreuzungen werden Streifen angebracht, die quer über die Strasse verlaufen und deren Abstand sich kontinuierlich verringert. Bei Fahrern entsteht so der ­subjektive Eindruck, zu schnell unterwegs zu sein. Im Rahmen eines EU-Pilotprojekts platzierten Psychologen gar Lampen­reihen auf beiden Strassenseiten. Leuchten diese nacheinander auf, entsteht bei Lenkern der Eindruck, dass sie sich auf ein Fahrzeug zubewegen – was dazu animiert, langsamer zu fahren. Aktiviert werden die Lampen freilich erst bei kritischen Geschwindigkeiten.

In Chongqing schliesslich, einer hügeligen Stadt in China, wurde eine steile, kurvenreiche Strasse durchgehend farbig ­bemalt. Mal präsentiert sich der Belag gelb oder blau, mal rot oder grün. Die knallig-ausgefallene Gestaltung soll Lenkerinnen und Lenker dazu bringen, aus ihrem routinierten Trott in einen bewussten Fahrmodus zu wechseln. Die Fachleute sprechen von einem «Durchbrechen der Strassen-Monotonie».

Wie weit solche Psychokniffe hierzulande gehen werden, dürfte letztlich auch eine Frage des politischen Willens sein. Werden Alternativen zu einer harten Verbots- und Vorschriftspolitik akzeptiert? Beim Bund betont man jedenfalls schon mal vorsorglich: Die Forschungsresultate müssten nicht zwingend die Meinung der Behörden widerspiegeln.

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