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Swiss-Personal kämpft gegen Entlassungen – Gewerkschaft droht mit Klage

Am Dienstag dürften mehrere hundert Angestellte der Airline über ihre Kündigung informiert werden. Dies, obwohl das Personal über 700 Sparvorschläge eingereicht hat, um Entlassungen zu vermeiden, wie ein internes Schreiben zeigt. Zudem droht der Swiss ein Rechtsstreit.

Benjamin Weinmann / ch media



Der Schock war gross, der Ärger ebenso. Als Swiss-Chef Dieter Vranckx Anfang Mai den Abbau von 1700 Vollzeitstellen bis Ende Jahr bekanntgab, fielen die Reaktionen von den Personalverbänden harsch aus: «Unnötig», «unglaubwürdig» und «unsozial» – so das Verdikt der Angestellten.

ARCHIVBILD ZUM STELLENABBAU BEI SWISS --- Parked planes of the airline Swiss at the airport in Duebendorf, Switzerland on Monday, 23 March 2020. The bigger part of the Swiss airplanes are not in use due to the outbreak of the coronavirus. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Bild: keystone

Es folgte das Konsultationsverfahren mit den Gewerkschaften, das vor wenigen Tagen beendet wurde. Nun naht der Tag der Entscheidung, an dem die Frage beantwortet wird: Wen trifft es? Dieser Zeitung liegt ein internes Schreiben der Swiss vor, das kürzlich an das Personal adressiert wurde. Darin schreibt die Airline, dass Vranckx am Dienstag in einem «Webcast» über die Ergebnisse des Konsultationsverfahrens und die beabsichtige Restrukturierung informieren werde. «Am selben Tag würden auch – wenn immer möglich - alle Mitarbeitende von Swiss erfahren, welche Konsequenzen die beabsichtigte Restrukturierung für sie persönlich hat und ob sie von einer möglichen Entlassung betroffen sind.»

Swiss will Phase der Unsicherheit abschliessen

Im Schreiben heisst es zudem, dass die kurzfristige Nachfrage für die Monate Juli und August deutlich steige, was Vranckx zuversichtlich stimme. Doch mit einer Kapazität von etwa 50 Prozent im Sommer sei man noch immer weit weg von den eigenen Zielgrössen. Die Situation bleibe äusserst anspruchsvoll und erfordere weiterhin eine hohe Kostendisziplin.

ARCHIV - ZUM ERGEBNIS 2020 DER SWISS STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Dieter Vranckx, CEO der Fluggesellschaft SWISS, portaitiert am 1. Februar 2021 am Hauptsitz der Swiss in Kloten. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Swiss-Chef Dieter Vranckx wird kommende Woche Entlassungen gegenüber dem Personal kommunizieren. Bild: keystone

Ideen für eine hohe Kostendisziplin scheinen die Swiss-Angestellten viele zu haben. Vranckx bedankt sich gegenüber dem Personal für die nicht weniger als «rund 700 Vorschläge und Ideen zur Vermeidung oder Verminderung der Anzahl von allfälligen Entlassungen.» Die Gespräche mit den Sozialpartnern seien denn auch grösstenteils konstruktiv verlaufen. «Es ist nun wichtig diese Phase der Unsicherheit abschliessen zu können», wird Vranckx zitiert.

«Reine Alibi-Übung»

Nur: Das sehen nicht alle so. Bei der Gewerkschaft VPOD, die Angestellten in der Technik, Administration, im Marketing und in Call Centern vertritt, ist man über das Vorgehen der Swiss erbost. «Wir erachten das Konsultationsverfahren als reine Alibi-Übung», sagt VPOD-Gewerkschaftssekretär Stefan Brülisauer. Man habe von der Swiss viel zu wenig Zeit erhalten, um Vorschläge zu machen, und eine Fristverlängerung dafür sei abgelehnt worden.

«Wir müssen davon ausgehen, dass die Namensliste für rund 200 Entlassungen bereits erstellt wurde und es der Swiss gar nie um konstruktive Lösungen gegangen ist», sagt Brülisauer. Bei der Abbau-Bekanntgabe hiess es seitens der Airline, dass rund 200 Vollzeitstellen beim Bodenpersonal bedroht seien. «Sollte es zu Entlassungen kommen, werden wir als Verband eine Klage wegen missbräuchlicher Kündigung einreichen», sagt Brülisauer. Zudem werde man die betroffenen Mitglieder dazu anregen, ebenfalls gemeinsam zu klagen.

«Die Zeit drängt nicht»

Doch hat die VPOD konstruktive Sparvorschläge gemacht? «Unsere Mitglieder haben bereits letztes Jahr Frühpensionierungsangebote angenommen oder ihr Pensum gekürzt.» Das sei für Angestellte mit einem Durchschnittslohn von 4500 Franken ein deutlich schwerer Schritt als für einen Piloten mit einem 12'000-Franken-Salär.

Zudem hat die Gewerkschaft vorgeschlagen, den Abbau-Entscheid zu verschieben. «Mit den guten Impfzahlen steigen die Buchungen nun wieder stark an, und der Markt könnte sich schneller als erwartet erholen.» Zudem habe der Bundesrat während des Konsultationsverfahren die Kurzarbeitsregelung bis im März 2022 verlängert. «Die Zeit drängt also nicht», sagt Brülisauer.

Piloten zeigen sich gelassener

Die Piloten hingegen scheinen gelassener zu sein: «Die Gespräche laufen noch, aber ich bin zuversichtlich, dass wir im Cockpit Entlassungen vermeiden können», sagt Clemens Kopetz, Präsident des Pilotenverbands Aeropers. Erst kürzlich hatte er im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, dass man mit Frühpensionierungen und Pensumsreduktionen glaube, Entlassungen verhindern zu können. Was den Piloten hilft, ist ihr Gesamtarbeitsvertrag. Diesen hat die Swiss zwar per Frühling 2022 gekündigt – doch der darin enthaltene Kündigungsschutz läuft dann noch ein Jahr weiter. «Dennoch sind wir bereit der Swiss entgegenzukommen, da wir wir uns der schwierigen Situation der Firma bewusst sind», sagt Kopetz.

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Clemens Kopetz, Präsident des Pilotenverbands Aeropers, glaubt, dass Entlassungen im Cockpit vermieden werden können. bild: sandra ardizzone / WIR

Anders sieht die Situation beim Kabinenpersonal aus. Dort gab die Swiss den Abbau von 400 Stellen bekannt – mehr als bei jeder anderen Berufsgruppe in der Firma. Für Sandrine Nikolic-Fuss, Präsidentin der Kabinengewerkschaft Kapers, ist klar, dass es zu Entlassungen kommen wird. «Wir bedauern zu tiefst, wenn Entlassungen ausgesprochen werden, denn wir hatten bereits vorher einschneidende Sparmassnahmen mit der Swiss abgemacht, und viel mehr können wir nicht geben.» Schliesslich sei der Flight-Attendant-Beruf ein Niedriglohn-Job.

«Am sozialverträglichsten wäre es, den Abbau hinauszuschieben, auch weil sich nun eine Öffnung für USA-Reisen anbahnt, und die Kooperation mit Helvetic Airways drastisch zu revidieren», sagt Nikolic-Fuss. Die Regionalfluggesellschaft von Investor Martin Ebner führt im Namen der Swiss nach wie vor Flüge durch, allerdings mit günstigeren Kosten.

Das sagt die Swiss zum Streit

Swiss-Sprecher Marco Lipp sagt zur Kritik der Gewerkschaft VPOD, man sei der Meinung, «dass die Konsultationsphase von Anfang an ausreichend lang angesetzt wurde, zumal ein fertig verhandelter Sozialplan vorlag und wir seit Beginn der Krise im Austausch mit den Gewerkschaften sind.» Die Forderung der VPOD zur Verlängerung der Frist habe man nicht abgelehnt. «Wir sind der Gewerkschaft entgegengekommen und haben die Konsultationsfrist um zwei Tage verlängert.» Damit seien volle drei Wochen zur Verfügung gestanden, um Vorschläge einzubringen.

Wie stark die ursprüngliche Zahl der geplanten Entlassungen durch die Sparvorschläge des Personals sinkt, könne man noch nicht sagen. Und auch zur Frage, weshalb die Swiss den Zeitpunkt für den Abbau nach wie vor als richtig erachte, obwohl sich der Markt zurzeit stark erholt und die Kurzarbeitsregelung verlängert wurde, äussert sich die Firma nicht. (aargauerzeitung.ch)

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